Die Wohlgesinnten. Notizen zu Alexander Wendts Buch »Verachtung nach unten«

In der woken Herrschaft schlagen Gefühl, Moral und Gruppenzugehörigkeit jedes noch so sorgfältige Argument, jede Zahl und Statistik, ein bestimmtes Wahrnehmungssystem ist nicht mehr von einem anderen durchdringbar. Mit den Erwachten verbindet (und verbündet) sich eine global orientierte Wirtschaftskaste. Von Uwe Tellkamp

Als wir eines Morgens aus ruhigen bundesrepublikanischen Träumen erwachten, fanden wir uns in Wokistan wieder. Regenbogenflaggen wehten von Gebäuden. Ein geschlechtsfluider Autor/Autorin rasierte sich öffentlich die Haare ab und dachte, damit iranische Frauen mutig zu unterstützen. Ein anderer empfahl das Plündern als Mittel zur Beseitigung der bestehenden Ordnung. Haß-und-Hetze-Meldestellen wurden eingerichtet, Universitäten, eigentlich Orte des freien Diskurses, der tabulosen Forschung, schränkten den Diskurs ein, was sie als Vielfalt verstanden, entließen Professoren, deren Meinungen oder Forschungsergebnisse empfindsamen Studenten nicht paßten, machten Kotau vor Jakobinern, die von akademischer Freiheit nichts begriffen. Im Fernsehen wurden afrikanische Wunderfernseher zur Stromerzeugung angepriesen. Als Journalisten getarnte Teufelsaustreiber wallfahrteten in ein Gebiet namens Dunkeldeutschland, um dort aus Erdgrüften und Reichsflugscheiben kletternde Falschdenker mit Bannflüchen wegzuhexen.

Andererseits arbeitet die Cosa Ostra. Polytechnisch gebildet, diktaturerfahren, begriffsscharf. Leser. Übriggeblieben aus den ostdeutschen Geistesschleifanstalten, haben Mai, Mayen, Hinz, Schuler und Wendt von dort nicht die Ideologie (in den späten Jahren der DDR oft nur noch Symbol), wohl aber die streng vermittelten, gründlichen Kenntnisse, das Leistungsethos mitgenommen. Alexander Wendts Buch »Verachtung nach unten« legt davon ein bemerkenswertes Zeugnis ab.

Erste Tugend des Reporters: Neugier ohne Vorurteile. Es gibt nicht mehr viele Reporter. Zweite Tugend: Reporter reisen. Sie wollen ihre Erkenntnisse aus erster Hand. Das vorliegende Buch reist von der Peripherie Europas, der bei Lissabon gelegenen Dampfbucht, einem Ankunftsgebiet der Migranten, ins Zentrum nach Berlin-Mitte, wo sich Staats- und Sinnproduzenten treffen.

Wir alle kennen sie, die Nervensägen aus dem Stuhlkreis der Linken und Grünen, die sich als Erleuchtete verstehen, die wissen, was für Weltall, Erde, Mensch das Richtige ist. Der Weg zu den Sinnproduzenten führt Wendt an den Rand von Leipzig zu einem der anderen, die von den Erleuchteten bespöttelt und verachtet werden: der alte, weiße, ortsgebundene Facharbeiter, Handwerker oder Traktorist, der nur zwei Geschlechter, aber einen lächerlichen DFB kennt, Steuern zahlt, falsch denkt und wählt und, um das Klischee rund zu machen, natürlich Ossi ist.

Wie wir die Bürgergesellschaft verteidigen
Alles, was die westliche Gesellschaft wertvoll macht, steht auf dem Spiel
Er heißt zum Beispiel Wolfram Ackner, ist Schweißer, war in der Wendezeit Metal-Punk, hat drei Töchter, schreibt, unter anderem für die Achse des Guten, hat unzählige Baustellen von Norwegen bis Südafrika gesehen, in Dreißigstundenschichten Havarien wegmalocht; er weiß, was Arbeitsanfahrten von mehreren Stunden bedeuten, und grüne Energiegesetze für ein nicht abbezahltes, zur Alterssicherung gedachtes Haus.

Der Vertreter jener Helden, die 1933 verhindert hätten, heißt Tadzio Müller, Protest-Entertainer, Aktivist, Vordenker der Letzten Generation, Mitgründer der Bewegung »Ende Gelände«, Eigentumswohnung in Berlin, vom »Blutgeld« des Vaters bezahlt, der in der Chicagoer Großkanzlei (13000 Angestellte) Baker McKenzie arbeitet. Tadzio Müller nennt Menschen, die Stabilität und Überschaubarkeit der eigenen Lebensverhältnisse wollen, Normalextremisten. In den Nachrichten kommen sie kaum vor – wenn, dann in der Regel abfällig: Die würden Trump wählen, im Osten die AfD, gehen zu Pegida statt ins BE zu einem Stück gegen rechts und für die Regierung. Nicht einmal den Qualitätsverschwörern von Correctiv trauen sie. Denen die Qualitätsmedien von taz bis FAZ und eine Million Qualitätsdemonstranten auf Fingerschnipp zu Füßen liegen. Und wie die reden, diese Querdenker, Schwurbler, Rechtsextremen. Das sind keine Demokraten, die sind von gestern, begreifen nicht, was die Zukunft will.

Verachtung nach unten: Wendt erforscht ihre Mechanik wie ein Zoologe Inselfinken. Gründlich, wie er ist, sucht er den Kern der Erscheinungen. In der woken Herrschaft geben Leute wie Müller den Ton an, Gefühl, Moral und Gruppenzugehörigkeit schlagen jedes noch so sorgfältige Argument, jede Zahl und Statistik, ein bestimmtes Wahrnehmungssystem ist nicht mehr von einem anderen durchdringbar. Mit den Erwachten verbindet (und verbündet) sich eine global orientierte Wirtschaftskaste.

Die westliche Gesellschaft an sich gerät in Wendts Blick. Was ist Identität? Was ist ein Bürger? Wendt untersucht das in einem glänzenden Kapitel, dem siebenten. Hochinteressant seine Ausführungen zu dieser für den Westen charakteristischen Sozialfigur. Ist Gewaltenteilung selbstverständlich? Worin unterscheiden sich, grundsätzlich, Bibel und Koran, die Kultur des Westens von der des Islam? Sind sie vereinbar? Was passiert hier, in Deutschland, und allgemein im Westen? Das Märchenreich am Rhein, die alte Bundesrepublik, die Freiheit, Läßlichkeit und (erkauften) Frieden mit beispiellosem Wohlstand verband, versinkt hinter dem Horizont der Zeit. Formal ist alles noch da: Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung, aber das Gefühl, daß es sich dabei um Kulissen handelt, hinter denen spätestens seit der Migrationskrise von 2015 anderes wirkt, ist verbreitet.

Das Buch hat acht Teile, sie kreisen wie wachsende Ringe um das Rätsel, was diese neue Gesellschaft ist und woher sie kommt. Deutlich wird, daß eine Gesellschaft nur dann stabil ist (und bleibt), wenn es ein Recht gibt, das zwischen Moral und Gesetz, zwischen Richter, Anklage und Verteidigung unterscheidet. Es stellt sich auch die Frage nach der Zukunft des Westens unter einer Ideologie, die eine Zivilgesellschaft mit NGO-Spitzeln, Treibjagden auf Abweichler zum Fortschritt, Verbotsprediger zu Wohltätern, ausufernde Bürokratie für Freiheit, den Schritt hinter die Aufklärung als progressiv erklärt.

Hannah Arendt schrieb, die größte Gefahr in der Moderne gehe vom Verlust der Wirklichkeit aus. Dauerhaft läßt sie sich nicht verdrängen. Das stimmt dann doch verhalten optimistisch.

Alexander Wendt, Verachtung nach unten. Wie eine Moralelite die Bürgergesellschaft bedroht – und wie wir sie verteidigen können. Olzog-Edition im Lau-Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 372 Seiten, 26,00 €.


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Kommentare ( 13 )

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andreashofer
1 Monat her

Leider scheinen die Deutschen im Verdrängen der Realität ein sehr großes Durchhaltevermögen zu haben. Ganz im Gegenteil, auftauchende Widersprüche spornen sie geradezu an: „Jetzt erst recht“. Auch wenn die Demos gegen Rechts knapp 90 Jahre zu spät kommen, naja. Klar holt einen persönlich oder auch als sog. „Volk“ die Realität früher oder später ein, nur werden jetzt Tatsachen geschaffen (Realitäten), die irreversibel zu sein scheinen: Umbau der geselkschaftlichen und kulturellen Kernstruktur und Deindustrialisierung – letzter übrigens zum großen Vorteil der Big Player. Aber bleiben wir optimistisch.
Gruß A. Hofer, Wessi

WandererX
1 Monat her

Keine Demokratie ohne Differenz: richtig. Aber seit J.J. Rousseau sind wir angeblich ALLE einfache Bürger, auch der Präsident, der Kanzler, der Milliardär, der Bundesrichter. Wird nicht bereits damit die nötige geistige Differenz eingeebnet? Denn jeder soll seit 1871 oder 1918 nach der gleichen Philosphie leben, der wertegeleiteten bürgerlichen.Wer siegte? Natürlich der giftige Denunziant und kleinkarierte Moral- Spießer und auch der kalte Opportunist! Wer sonst? es siegt das, was vor 1789 der Adel als den Gemeinen bezeichnet hat: denjenige, der sich ständig – weil gewohnt – krumm macht, auch, dann er sich darüber gar nicht durchbringen muss, weil er es eben… Mehr

chez Fonfon
1 Monat her

Ich bin in Frankreich zur Schule gegangen und das Konzept der Aufklärung im Sinne Voltaires hat mich seitdem geprägt. Rousseau hingegen wäre ein guter Grüner geworden: ein wichtigtuerisches Buch über Erziehung geschrieben, aber die eigenen Kinder kaltschnäuzig abgeschoben, weil sie lästig waren. Die Menschheitsgeschichte verläuft nicht geradlinig, sondern in Mäandern und oftmals versackt man wieder in dunkelster Blödheit. Dagegen können Kant und Voltaire nichts ausrichten, denn kein Schwein liest sie noch. Wir sind in der Tat in eine billige, gefühlig-verlogene und quasi religiöse Epoche zurückgesunken, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint, weil sich die Fronten total verhärtet haben.… Mehr

Hoffnungslos
1 Monat her
Antworten an  chez Fonfon

Bravo!

Labertoni
1 Monat her

Derlei eloquente Sätze müssen erstmal genüßlich verdaut werden, bevor das Buch gekauft und gelesen wird – danke vorerst für diese, der eigenen Meinung wiedespiegelnden, Rezension.

GefanzerterAloholiker
1 Monat her

Das stimmt dann doch verhalten optimistisch.“
Wir erleben allerdings bereits Gewalt.
So flieht der Olaf in einen Krieg. Ein absolutes Novum für jemanden, dessen Mündigkeit mit dieser Aktion dann doch hinterfragt werden sollte.
Olaf hat nicht nur keine Ahnung vom Regierung, sondern auch keinen Erfolg damit. Und statt haarscharf zu folgern, dass er nirgends Erfolg hat, flieht der in die außenpolitische Ablenkung.
Das da wirklich 400 000 – 500 000 Ukrainer tot sind und 1 mio Invaliden, das vergisst er. Solche unmündigen Entertainer sind lebensgefährlich.

Last edited 1 Monat her by GefanzerterAloholiker
EinBuerger
1 Monat her

Was mir die aktuellen „Demos gegen Rechts“ zeigen: Es funktioniert. Die Masse läuft dem freiwillig und aktiv nach.
Und es ist eine Bewegung des gesamten Westens.

Igel
1 Monat her

Die launige Rezension macht Lust auf das Buch. Wendts Artikel haben eh immer Hand und Fuß.
Hoffentlich finden unsere Brüder und Schwestern aus dem Westen jemanden, der ihnen den Sarkasmus und die Pointen der Rezension erklärt. Mehr von solcherart Texten, lieber Herr Tellkamp – auch wenn sie nicht für die Ewigkeit sind! Literatur braucht gute Werbung, denn die meisten früheren Buchhandlungen sind eher zu Druckerzeugnis-Ausgabestellen verkommen. Autoren wie Wendt findet man dort nur noch selten.

Herr Schmidt
1 Monat her

Arbeitet der Vater von Tadzio Müller tatsächlich für eine Chicagoer Großkanzlei? Da zeigt sich dann für mich ein sich wiederholendes Muster, wenn man z.B. an den Reemtsma-Clan denkt. Da sind Leute finanziell ausgesorgt aufgewachsen, wissen dass Sie beruflich niemals besser als Ihre Eltern sein können und suchen sich ein Betätigungsfeld um für sich einen Lebenssinn zu finden. Früher haben Leute dann versucht die Armut zu bekämpfen und Fürsorge für Kranke zu leisten. Z.B. Mutter Theresa oder die heilige Elisabeth. Aber das ist wohl heutzutage nicht mehr angesagt, ausserdem kommt man dann ja in Berührung mit den ganzen armen, dreckigen und… Mehr

Ottokar
1 Monat her

Ein hochsensibles Empfinden für die Wiederauferstehung einer in allen Bereichen konsequent totalitären Ideologie gibt es offensichtlich fast nur noch im Osten – der eben gänzlich anders sozialisierte Westbürger hingegen wundert sich allenfalls über die Tausende von fähnchenschwenkenden Regierungstreuen, ärgert sich gelegentlich über seinen Strompreis, glaubt aber fest an das Gute im Menschen, auch bei denen, die das Land lenken und wählt unverdrossen seine Altpartei. Das hat ganz erheblich mit dem weit verbreiteten Bildungsnotstand, einer blamablen Geschichtsvergessenheit und oftmals bewusster Unwissenheit zu tun. Auf diese Weise ist der Absturz unvermeidlich, wenn es nicht endlich ein wirkliches „Erwachen“ gibt…

babylon
1 Monat her

Das Gefühl in der Kulisse eines Theaterstücks zu leben, das längst gespielt und der Vorhang gefallen ist, beschleicht mich schon seit einigen Jahren. Alles ist noch da, die Bühne, die Requisiten, die Schauspieler, die sich fortwährend verbeugen, das Publikum zur Hälfte schon gegangen zur anderen Hälfte noch auf seinen Sitzen und harrend was noch kommen könnte, ein Theaterbrand, eine Panik oder überhaupt NICHTS? Keine Ahnung. Alles ziemlich undurchsichtig. „Prognosen sind schwer zu stellen, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“. Ansonsten liegt man vielleicht nicht ganz verkehrt, wenn man die baldige Ankunft eines „weißen Schwans“ vermutet, also etwas vollständig Unvorhergesehenes.