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Frustfreier Nahverkehr

Was Deutschland von China lernen kann. Oder sollte. Oder sogar muss?

THEMA:

Gerade jetzt, zu einem Zeitpunkt an dem die GDL scheinbar an der vollständigen Stilllegung Deutschlands arbeitet, fiel mir hier in China parallel mal wieder auf, wie fantastisch der öffentliche Nahverkehr ist. Ich befand mich in Shanghai am Inlandsflughafen in Honqiao und musste durch eine Flugänderung in kürzester Zeit zum internationalen Flughafen in Pudong am komplett anderen Ende der Stadt. In Deutschland hätte das eine kleinere Odysse bedeutet, während der sicher fünf verschiedene Verkehrsmittel zum Einsatz kämen – in China haben mich die über 50km zwischen den beiden Flughäfen 45 Minuten und ein mal Umsteigen gekostet. Und ingesamt etwas mehr als acht Euro.




Gerade im direkten Vergleich hinkt Deutschlands öffentlicher Nah- und Fernverkehr doch immens dem Standard Chinas hinterher. Mir ist hier zwar schon öfter der Satz „Works like a German train schedule“ zu Ohren gekommen, aber diese Menschen sind augenscheinlich noch nie in Kontakt mit der Deutschen Bahn gekommen. Es gibt im europäischen Raum wohl kaum eine frustrierendere Erfahrung, als in Deutschland öffentliche Verkehrsmittel benutzen zu müssen:

  • Bahnhöfe sind meist eiskalt und in erster Linie dazu geeignet, Kriminalstatistiken sehr anschaulich und individuell erfahrbar zu machen
  • Einen Fahrscheinautomaten zu bedienen, erfordert ein Diplom in Informatik und Geduld buddhistischen Ausmasses
  • Die kleinste Unvorhersehbarkeit sorgt für landesweites Chaos. Wie beispielsweise Schnee im Winter. Überhaupt Jahreszeiten …
  • Kaum etwas ist ein besseres Beispiel für einen Euphemismus als die “Service Points” der Deutschen Bahn.

Ganz im Gegensatz dazu das angeblich so chaotische China. Das Land mit 1,3 Milliarden Menschen macht eindrucksvoll vor, wie Nah- und Fernverkehr wirklich geht.

Frequenz

Natürlich muss China eine ganz andere Masse an Menschen bewegen, als das doch eher kleine Deutschland – dennoch ist allein die Frequenz, mit der die Hauptknotenpunkte bedient werden, atemberaubend. Als kleines Beispiel hier der Fahrplan der Strecke Guangzhou-Shenzhen (Titelbild).

Die Strecke zwischen den beiden Zentren Kantons allein wird etwa alle 10-15 Minuten bedient. Von der unglaublich komfortablen Taktung der Metro in den Grossstädten will ich gar nicht anfangen.

Logistik

Wahrscheinlich entwickelt ein Land, das zwei mal im Jahr die grösste Völkerwanderung des Planeten organisieren muss, automatisch eine immense Koordinationsfähigkeit. Bei vielen der hier völlig selbstverständlichen Massnahmen ist mir aber schleierhaft, warum sie in Deutschland nicht schon vor Jahrzehnten eingeführt wurden:

  • Bahnsteige werden ausschliesslich zum Ein- und Aussteigen genutzt. Gewartet wird im klimatisierten/geheizten Bahnhof und die Zugbesteigung erfolgt en bloc. Ich beobachte fast täglich, wie mehr als 1.000 Fahrgäste innerhalb weniger Minuten beinahe zwischenfallsfrei in den Zug verfrachtet werden.
  • Metro-Tickets werden entweder in Form einer Plastikkarte oder eines Chips ausgegeben, der nach Beendigung der Fahrt beim Verlassen des Bahnhofes wieder der Rotation zugefügt wird.
  • Tickets für Fernzüge haben grundsätzlich eine feste Sitzplatzreservierung. Erst hier in China wurde mir wirklich bewusst, wie absurd es ist, dass es in Deutschland als einer der grössten Industrienationen der Erde völlig normal ist, in einem überbuchten ICE auf dem Gang zu sitzen.

Simple Angebote

Ich persönlich bin in Deutschland regelmässig damit überfordert, ein gültiges Ticket in einer mir unbekannten Stadt zu lösen. Allein der Rhein-Main Verkehrsverbund hat mehr als zwanzig verschiedene Tarife im Fahrkartensortiment, unter anderem mit nahezu drolligen Beschreibungen wie dieser:

“Wenn Sie zu fünft unterwegs sind, zahlt jede/r nur 6,60 Euro. Und zwar montags bis freitags ab 9 Uhr für alle Nahverkehrslinien in ganz Hessen. Am Wochenende und an hessischen Feiertagen können Sie sogar schon die erste Bahn nehmen.”

Für einen ortsfremden Ausländer ist es in Frankfurt leichter, das deutsche Steuersystem zu erklären, als eine gültige Fahrkarte zu lösen. China macht es seinen Fahrgästen deutlich leichter:

  • Fahrkartenautomaten sind intuitiv zu bedienen und meist zweisprachig.
  • Tarife sind einfach nachzuvollziehen, ein Beispiel dafür sind Kinder- und Jugendtarife der chinesischen Bahn – sie werden nicht nach Alter, sondern nach Grösse gewährt. Jeder Fahrkartenschalter und Zugeingang ist mit einfachen Grössenmarkierungen versehen – was offen gestanden auch deutlich mehr Sinn zu ergeben scheint als die deutsche Unart, dass Eltern Kinderausweise mitführen müssen.

Train1

China bewegt jeden Tag hunderte Millionen Menschen einfach, effizient und schnell. Natürlich unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen als in Deutschland.

Baumassnahmen müssen von keiner Kommune genehmigt oder diskutiert werden; das Streckennetz ist Teil eines gigantischen Konjunkturprogramms und wurde vielerorts auf der grünen Wiese konzipiert – mal ganz abgesehen davon, dass Chinas Gewerkschaften natürlich sehr stark mit der Kommunistischen Partei verbunden und in keinster Weise autonom wie in Deutschland sind. Dennoch ist es nahezu unfassbar, um wie vieles besser dieses Land mit der 16-fachen Bevölkerung und der 27-fachen Fläche seine Bewohner von A nach B bringt.

Ich bin gerade heute sehr froh, auf keinem deutschen Bahnsteig stehen zu müssen.




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