Wenige Tage nachdem die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose angehoben hat, stürzt die Automobilwirtschaft immer tiefer in die Krise. In Regierungskreisen scheint man die Automobilindustrie abgeschrieben zu haben. Ähnliches gilt für Gewerkschaften und Unternehmerverbände.
IMAGO / dts Nachrichtenagentur
Die Realität trifft die Bundesregierung wie ein Hammerschlag: Nach Angaben des Ifo-Instituts stürzte der Geschäftsklimaindex für die Automobilindustrie im September von zuletzt minus 22 auf nun minus 35 Punkte ab. Es geht ins Bodenlose – der Absturz des Kernsektors der deutschen Industrie scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein, ganz gleich, wie man in Berlin versucht, diesen Umstand mit Tagespolitik zu übermalen.
Die Automobilindustrie stecke weiterhin in der Krise, kommentierte Ifo-Branchenexpertin Anita Wölfl die Katastrophenzahlen. Ein Absturz um 13 Punkte binnen eines Monats führte zum tiefsten Stand in der Ifo-Betrachtung im laufenden Jahr. Hier von einer Krise zu sprechen, ist der Euphemismus des Jahres. Es handelt sich um einen Ausverkauf, eine Deindustrialisierung und die Zerstörung ganzer Wertschöpfungsketten am Standort Deutschland, was seit 2018 bereits 150.000 Menschen den Job gekostet hat, denen in den kommenden Monaten Zehntausende in die Arbeitslosigkeit folgen werden.
Die Zahlen des Ifo-Instituts geben Anlass zu höchster Sorge, und sie werden von den Wirtschaftsprüfern bei Roland Berger bestätigt: Berger rechnete in einer Analyse vor, dass in den kommenden fünf Jahren bis zu 200.000 weitere Jobs beim Automobilbau wegfallen könnten. Ändert sich politisch nichts, würde die Beschäftigung damit von 692.000 Ende 2025 auf nur noch rund 490.000 in den kommenden Jahren sinken. Davon sollten wir angesichts der Apathie und des Desinteresses in der Politik ausgehen.
Währenddessen brauen die Gewerkschaften ihr eigenes Süppchen, führen ideologische Grabenkämpfe einer längst vergangenen Zeit. Ihre Funktionärsprosa überlagert die eigentlichen Probleme der Wirtschaft und der Beschäftigten, für deren Interessen sie eigentlich eintreten sollten. Von Seiten der Arbeitgeber dürfen wir nichts mehr erwarten. Anstatt tatsächliche Reformen zu fordern und die Politik unter massiven Zugzwang zu setzen, wurde ihnen mit Milliardensubventionen der Schneid abgekauft. Sie versprechen sich von der Klimawirtschaft und der wiederentdeckten Rüstungseuphorie wahrscheinlich gute Geschäfte – schuldenfinanziert und auf Steuerzahlerkosten.
Vor allen Dingen die aktuelle Geschäftslage bewerteten die Unternehmen des Sektors wesentlich schlechter als noch im August und sogar noch schlechter als im Juni, dem bislang schlechtesten Wert des Jahres. Was geschieht hier? Erfüllt sich am Ende das Börsensprichwort, dass ein Wert, der 90 Prozent abgestürzt ist, noch einmal um weitere 90 Prozent und dann immer wieder weiter abstürzen kann?
Ganz gleich, wie die Konsolidierungs- und Kostensenkungsprogramme der deutschen Automobilkonzerne auch ausfallen: Es will sich einfach kein positiver Trend mehr im Sektor einstellen. Es ist verständlich, denn am Standort Deutschland mit seinem energiepolitischen Alleingang, den Klimarestriktionen und dem von linken Interessengruppen und NGOs hart vorgetragenen Kampf gegen die individuelle Mobilität ist kein Wachstum mehr zu erwarten.
Es wirkt geradezu urkomisch: Da verkündet vor wenigen Tagen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche noch eine Verdoppelung ihrer Wachstumsprognose in diesem Jahr auf 1,3 Prozent, bloß um unmittelbar nach der Verkündung der Prognose von einem Hagelschauer schlechter Nachrichten eingeholt zu werden. Um 3,3 Prozent schrumpft in diesem Jahr bislang die Industrieproduktion, konsumorientierte Sektoren wie die Gastronomie verlieren weiter an Boden.
Volkswagen ist das Paradebeispiel dafür, wie sich die politisch verursachte Krise am toxischsten Wirtschaftsstandort Europas tatsächlich vollzieht. Panikartig werden die Filetstücke aus dem Immobilienportfolio oder dem Schiffsmotorenhersteller Everllence für Milliarden veräußert, um kurzfristige Liquidität zu sichern. Langfristig müssen Zehntausende Jobs bei den Wolfsburgern gestrichen werden. Vermutlich werden vier Werke am Standort Deutschland vollständig geschlossen – sie müssen dem wachsenden Kostendruck weichen, um die Managementfehler der Vergangenheit zu beheben.
Krönung der bisherigen Konsolidierungsstrategie des VW-Konzerns war die Kündigung der zehn Haustarifverträge. Mehrarbeit droht, Nullrunden sind wahrscheinlich, um wenigstens eine Basisfertigung am Katastrophenstandort Deutschland erhalten zu können.
Volkswagen führt der Republik exemplarisch vor Augen, wie sich die Krise inzwischen in den Bilanzen niederschlägt: Nach Angaben des Konzerns soll die operative Umsatzrendite 2026 nur noch bei etwa einem Prozent liegen, nach 2,8 Prozent im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: Weltweit liegen die operativen Margen derzeit bei etwa 4,5 Prozent – Konzerne wie Kia und Toyota melden sogar über sieben beziehungsweise 6,5 Prozent Margen. VW und mit ihm die gesamte Branche nähert sich unaufhaltsam dem Nullpunkt.
Es ist fatal: Über 60.000 Unternehmen sind allein in der Wertschöpfungskette des Volkswagen-Konzerns aktiv, davon weit über 10.000 am Standort Deutschland, die nun den massiven Gegenwind des VW-Konzerns am eigenen Leibe spüren. Vor allen Dingen das China-Geschäft ist massiv unter Druck geraten. Im ersten Halbjahr 2026 verlor Volkswagen im Reich der Mitte etwa 30 Prozent seines Absatzes. Hinzu kommen die hohen Energie- und Fertigungskosten am Heimatstandort, die zum Generator einer generellen Kapitalflucht geworden sind.
Letztlich bestätigen die Ifo-Zahlen, was alle längst ahnen: Einen Automobilboom wird es in Deutschland nicht mehr geben. Die Zukunft der Fertigung neuer Antriebstechnologien, neuer Designs und der notwendigen IT-Technik findet in China statt, in den USA, möglicherweise auch in Osteuropa und Indien. Deutschland ist das heiße Eisen, das niemand mehr anfassen will, solange kein vollständiger Bruch mit dem bestehenden politisch-ideologischen Rahmenwerk vollzogen wird.






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