Plastik-Knappheit: “Gemengelage, die uns regelrecht um die Ohren fliegen wird”

Wegen Rohstoffmangel werden Plastikfolien knapp, berichtet ein leitender Mitarbeiter eines Herstellers. Das könnte massive Folgen für Lieferketten haben, warnen Brancheninsider.

picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt

Am vorvergangenen Sonntag veröffentlichte TE den Bericht eines Insiders aus der Kunststoffindustrie. Der Vertriebschef eines mittelständischen Anlagebauers warnte, dass Plastik-Rohstoffe so knapp wie noch nie seien und die Kunststoff-Produktion in vier bis acht Wochen ganz zum Erliegen kommen könnte.

Nun meldet sich ein weiterer Brancheninsider bei TE. Der Mann ist leitender Vertriebsmitarbeiter bei einem der größten Polyethylen-Folienhersteller in Deutschland. “Wir werden Mitte April ein Drittel unserer Anlagen herunterfahren müssen, weil unser Rohstofflager leer sein wird”, berichtet er. Man könne nur noch die Hälfte des Rohstoffbedarfs an sogenanntem PE-Granulat einkaufen. Schon jetzt reduziere man die Liefermengen: Wolle ein Kunde etwa 10 Tonnen Folie bestellen, biete man ihm 5 Tonnen an. In den kommenden Wochen werde man manche Kunden gar nicht mehr beliefern können, sagt der Mann.

Der eingangs genannte Vertriebschef eines Anlagebauers sagt auf Anfrage, die Aussagen deckten sich mit seinen Beobachtungen: “Wenn tatsächlich mehrere Folien-Anlagen eines großen Herstellers abgeschaltet werden, kann man davon ausgehen, dass ohne ausreichenden, sehr kurzfristigen Nachschub andere Hersteller im Wochenrhythmus ebenfalls abstellen. Polyolefine sind noch nie soweit ich zurückdenken kann “short” gelaufen, das ist eine Gemengelage, die uns regelrecht um die Ohren fliegen wird.” Weiter führt er aus, dass man ohne Folien Waren nicht mehr für den Transport per LKW, Schiff oder Flugzeug verpacken könne. Im schlimmsten Fall käme der Welthandel komplett zum Erliegen, meint er.

Laut dem Mitarbeiter des Folienherstellers sind PE-Folien sehr knapp. “Wir erhalten Aufträge ohne Ende. Ständig kommen Anfragen von Neukunden herein. Manche sagen sogar, sie seien bereit, jeden Preis zu zahlen”, erzählt er. Die Preise seien regelrecht explodiert – um 70 Prozent seit Dezember. Gleichzeitig rechnet der Mann mit Insolvenzen, da wirtschaftlich schwächere Folienhersteller schon jetzt nicht in der Lage seien, Rohstoffe zu den hohen Preisen einzukaufen. Ob bereits viele Folienhersteller die Produktion eingeschränkt haben, konnte der Mann nicht sagen.

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Der Arbeitgeber des Mannes beliefert vor allem die Baustoffbranche, etwa Ziegelwerke. Die verpackten die Ziegeln im letzten Produktionsschritt mit einer PE-Folie. Sei die nicht verfügbar, müsse das gesamte Ziegelwerk die Produktion einstellen. “Ohne Folie ist keine Lagerung möglich, da sonst ein Ziegel nass werden kann und die Steine somit unbrauchbar sind”, erklärt er. Gleiches gelte für Holzwerke, Getränkehersteller oder die Zementindustrie, die man ebenfalls beliefere.

Etwa packe die Getränkeindustrie Sixpack-Flaschen auf eine Palette und umhülle diese mit PE-Folie. Das diene zur Ladungssicherung, sagt der Mann und erklärt: “Ohne Verpackungsfolie können keine Paletten ausgeliefert werden und es können auch die einzelnen Flaschen zu keinem Sixpack zusammengeschweißt werden.”
Warum Plastikrohstoffe fehlen, sei schwer zu übersehen. “Die Rohstoffhändler sagen uns, dass 75 bis 80 Prozent nach China gehe, weil die dortigen Unternehmen höhere Preise bezahlen”, sagt der Mann. Außerdem liefen bei vielen Herstellern von PE-Granulat gerade TÜV-Verfahren, bei denen die Produktionsanlagen mehrere Wochen still stünden. Warum gerade jetzt gehäuft die Anlagen überprüft würden, konnte der Vertriebsmitarbeiter weder erklären noch nachvollziehen. In Europa gebe es zwischen 10 und 15 PE-Granulathersteller.

Mit einer Entspannung rechnet der Vertriebsleiter frühestens ab Mitte Juli. Bis dahin könnten die TÜV-geprüften Anlagen in Europa wieder produzieren. Inwieweit sich die Folienknappheit auf andere Branchen auswirken könne, sei schwer einzuschätzen. Das hänge davon ab, wie hoch die Lagerbestände von etwa Lebensmittelherstellern seien.

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Kommentare ( 89 )

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Stefferl
2 Monate her

Kurz: Die ungebremste und unkontrollierte Globalisierung ist das eigentliche Dilemma. Wenn man das aber kritisiert, gilt man als weltfremd, Reichsbürger, Nazi, Querdenker oder was auch immer.

Gerhart
2 Monate her

Plastikflaschen sind doch aus PE. Kann man das nicht nehmen ?

kiki667
2 Monate her

Nicht nur Kunststoff-Folien werden verknappt. Es herrscht bereits generell eine Rohstoffknappheit. Zum Beispiel auch beim Holz und gewissen Zubehörteilen. Ich brauche dringend ein neues Bett und einen neuen Schrank und höre das von den Schreinern. Bald dann auch bei Papier? Mir schwant nicht Gutes.

alter weisser Mann
2 Monate her
Antworten an  kiki667

Das Holz geht aktuell zu guten Preisen nach USA.
Canada liefert auf Grund von COVID nur eingeschränkt, was bei guter Nachfrage zu verdoppelten Preisen führt.
https://www.holzkurier.com/schnittholz/2021/02/usa_brauchen_europaeischesholz.html

Robert Tiel
2 Monate her

Wie konnte die Welt früher nur ohne Plastikfolien existieren?
Sixpacks ohne Plastik und nochmal Plastik?Koffer ohne Plastik?
Obst ohne Plastik?
Daran könnten wir schon etwas arbeiten:
Der spanische Süden zB ist eine einzige Folienlandschaft.
Das Obst und Gemüse gedeiht unter Folientreibhäusern.

alter weisser Mann
2 Monate her
Antworten an  Robert Tiel

„Früher“ gab es im Winter dann eben nur Weißkohl, Äpfel und Möhren und „Exoten waren selten und teuer.
Da wollen auch die hüpfenden FFFler und die Plastikvermeider nicht wieder hin, oder?

Roland Mueller
2 Monate her

Wer mit dem gelben Sack die Mafia in Kalabrien beliefert, kann die Plastik-Knappheit erfolgreich bekämpfen, in dem er sich bei den im Mittelmeer schwimmenden Plastikvorräten bedient.

Thomas Nagel
2 Monate her

Hauptsache die Masken werden nicht knapp, alles andere ist den Kommunisten egal.

Hansi
2 Monate her

Na, da fühlt sich die Kommunistin Merkel mehr und mehr wie zu Hause in der DDR.
In dieser besten aller BRD’s ist offenkundig der Rückschritt der Fortschritt. Wie war das mit Krieg ist Frieden usw….?

GP
2 Monate her

Eine Gesellschaft die sich prioritär mit Klimaschutz, Energiewende und Genderwissenschaften beschäftigt hat als Industrienation abgewirtschaftet. Regiert von Leuten deren MINT Kompetenzen sehr nahe bei Null liegen, kann der weitere Weg nur nach unten gehen. Nach der energieintensiven Grundstoffindustrie wird auch das verarbeitende Gewerbe den Rückzug aus Öko-Deutschland antreten. Was dann noch bleibt von Deutschland, bzw. Europa, kann man sich ja denken. Es ist zum Heulen….

HGV
2 Monate her

Corona wird für eine Krise sorgen, die sich die Bunderegierung und ihre Spezialisten nicht ausgedacht haben können. Die Wirtschaft ist vollkommen verzahnt und spezialisiert. Das Fehlen einzelner Vorprodukte führt automatisch zu Stillstand ganzer Wirtschaftszweige. So hat Daimler im letzten Jahr sehr zügig nach dem Lockdown sein Getriebewerk wieder hochfahren dürfen, damit die Getriebe nach China geliefert werden konnten. Ähnlich ist es im Handwerk, die wochenlang auf Material warten, um ihre Aufträge auszuführen. Und es gab vorher bereits Mangel an Baustoffen und Menschen, die Bauarbeiten durchführen können. Diese kommen überwiegend aus dem osteuropäischen Ausland und sich für so wichtige Dinge wie… Mehr

Last edited 2 Monate her by HGV
Horst Hauptmann
2 Monate her

Verstehe ich nicht: wir dürfen doch keine Plastikstäbchen mehr nutzen, da müssten doch GEWALTIGE Mengen Granulat frei werden (Ironie aus).
Wenn ich den Folien-Wahnsinn auf unseren Feldern sehe, dann erweist sich die Plastik-Politik der EU als einziges Lügenmärchen, wie das meiste übrigens, was in Brüssel ausgeheckt wird.