Konjunkturschwalbe in China: Der Automarkt kommt in die Gänge

Die Automärkte liegen fast weltweit in Agonie. Doch wo die Krise ihren Anfang nahm, sind jetzt die ersten Anzeichen der Erholung deutlich erkennbar: in China.

Die internationalen Automobilkonjunktur scheint im Sommer 2020 den Statistiken nach noch im tiefsten Rezessionswinter: Europäischen Märkte fast um die Hälfte geschrumpft am härtesten betroffen – USA zweistellig im Minus – Brasilien, Japan und Russland ebenfalls mit starken Einbußen.

Doch halt: Weltmarktführer China ist zwar ebenfalls im Durchschnitt hoch im Minus, in den letzten Monaten aber bereits wieder mit Wachstum! Konjunkturwende vollzogen?

Internationale Automobilmärkte

Die Corona-Pandemie Krise und die Folgewirkungen des Lockdown führten im ersten Halbjahr 2020 zu einer historisch beispiellosen Rezession in sämtlichen globalen Pkw-Märkten. Trotz aller Parallelität in der Entwicklung waren die Einbrüche je nach Ernsthaftigkeit und Strenge der Lockdown-Maßnahmen der Regierungen unterschiedlich intensiv. Als Faustregel stellte sich heraus: Je später und je rigoroser der Lockdown jeweils betrieben wurde, desto heftiger war der Absatzeinbruch; je früher und mutiger Lockerungen in der Folgezeit möglich waren, desto rascher setzte die Markterholung ein:

Zeit zum Lesen
"Tichys Einblick" - so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen
In den drei großen Marktregionen China, USA und Europa (EU27 & EFTA & UK) wurden im ersten Halbjahr 2020 in Summe lediglich 7,5 Mio. Pkw verkauft. Das entspricht einem Einbruch von 28 Prozent – ein bis dato nie gekannter Rückgang.

Den europäischen Markt traf die Corona-Krise am härtesten: Hier wurden im ersten Halbjahr 2020 nur noch 5,1 Mio. Pkw neu zugelassen, 39 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die fünf größten europäischen Absatzmärkte lagen allesamt zweistellig im Minus, an der Spitze Spanien mit -51 Prozent, UK mit -49, Italien mit -46 Prozent und Frankreich mit -39 Prozent. Auch im Juni lag der europäische Pkw-Markt immer noch mit 1,1 Mio. Neufahrzeugen um -24 Prozent unter Juni 2019.
Mit minus 35 Prozent fiel der Rückgang in Deutschland noch am geringsten aus.

In den USA ging das Volumen des Light-Vehicle-Marktes (Pkw und Light Trucks) in der ersten Jahreshälfte um fast ein Viertel (-23 Prozent) auf 6,4 Mio. Neufahrzeuge zurück. Das Pkw-Segment gab um mehr als 36 Prozent nach. Im Juni wurden 1,1 Mio. Light Vehicles verkauft (-27 Prozent). In Russland ist der Absatz ebenfalls massiv um 23 Prozent eingebrochen, in Brasilien zuletzt sogar um 43 Prozent.In Japan, nur schwach Corona betroffen, schrumpfte die Nachfrage lediglich um ein Fünftel.

Hoffnung kommt aus China auf: Dort zeigen sich erste „Konjunkturschwalben“. Noch im Februar 2020 nach dem großen Lockdown, fielen die Neuwagen-Verkäufe in dem 30 Millionen Markt tageweise unter 1000 Einheiten, lag der Absatz um 81,3 Prozent unter dem Vorjahresmonat.

Doch mit einsetzender Lockerung und Wiederaufnahme der landesweiten Autoproduktion begann der chinesische Automobilmarkt sich rasch zu erholen, zeigte der aufgestaute Nachholbedarf trotz ungünstigem Umfeld Wirkung. Bereits im Mai überstiegen die Neuzulassungen wieder das Vorjahresniveau, im Juni lagen die Neuzulassungen bereits wieder bei 1,7 Mio. Einheiten (+1 Prozent)

Im ersten Halbjahr 2020 wurden in China mit 7,7 Millionen zwar 2,2 Millionen (-23 Prozent) weniger Autos verkauft als im Vorjahreszeitraum, doch die Konjunkturwende wurde im April/Mai eindeutig vollzogen: Die Konjunkturschwalbe ist gestartet! Die Erholung ist so stark, dass nach Prognose des VDA aus den -22 Prozent Marktrückgang im ersten Halbjahr im Gesamtjahr 2020 nur noch -10 Prozent werden.

Damit ist die Hoffnung gerechtfertigt, dass nach dem Vorbild Chinas zunächst der deutsche, dann nach und nach auch die übrigen europäischen Märkte in den Aufschwungmodus einmünden. All dem liegt die Annahme zugrunde, dass es gelingt, die Corona-Pandemie in Europa, aber auch in anderen Teilen der Welt weiter einzudämmen.

Für das Gesamtjahr 2020 rechnet der VDA mit einem Rückgang des Pkw-Weltmarkts um 17 Prozent auf 65,9 Mio. Einheiten (2019: 79,5 Mio.). Besonders stark wird der Rückgang in Europa mit 24 Prozent sein.

Automobilindustrie Deutschland

In der deutschen Automobilindustrie gibt es nur ganz schwache konjunkturelle Lichtblicke: Die Industrie, allen voran die Zulieferer, stecken noch tief in Rezession und Kurzarbeit. Am Markt zeigen sich seit der Wiedereröffnung der Handelsbetrieb deutliche Erholungsanzeichen, allerdings noch nicht in der amtlichen Statistik.

Die Pkw-Neuzulassungen lagen im ersten Halbjahr mit 1,21 Millionen um 35 Prozent unter dem Vorjahr (Juni 2020: -32 Prozent). Das ist der niedrigste Wert für ein erstes Halbjahr in Deutschland seit der Wiedervereinigung vor 30 Jahren. Export und Produktion gingen im ersten Halbjahr jeweils um 40 Prozent zurück. Damit ist die Pkw-Produktion in Deutschland mit knapp 1,5 Mio. Fahrzeuge auf das niedrigste Niveau seit 45 Jahren gesunken (- 40 Prozent). Export lag nur noch in den ersten sechs Monaten bei 1,1 Millionen Einheiten. Vor zwei Jahren war es noch doppelt so viel!

Ausblick

Für das zweite Halbjahr deutet sich auf dem deutschen Markt auch nach Meinung des VDA eine leichte Erholung an. Ein Zeichen dafür ist der Auftragseingang bei deutschen Herstellern, bei dem das Minus gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres im Juni deutlich geringer war als noch im Mai. Memo: Wie üblich lassen solche Zuwachsraten gegenüber dem Vorjahr keine Rückschlüsse auf konjunkturelle Wendepunkte zu. Doch auch ein fortgesetzter Aufwärtstrend – wie unterstellt – , wird den Einbruch aus der ersten Jahreshälfte nicht annähernd ausgleichen können.

Für Deutschland geht der VDA von rund 2,8 Mio. Pkw-Neuzulassungen im Gesamtjahr aus (-23 Prozent). Für die Pkw-Inlandsproduktion erwartet der VDA rd. 3,5 Mio. Einheiten (-25 Prozent), wobei auch hier von einer langsamen Erholung im zweiten Halbjahr ausgegangen wird. Der Pkw-Export wird nach VDA-Prognosen im Jahr 2020 um 27 Prozent unter den Stand von 2019 zurückfallen.

Anzeige
Unterstützung
oder

Kommentare ( 15 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

15 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Schwabenwilli
2 Monate her

Es wird schon ein „Zwischenhoch“ kommen. „Die Stimmung ist besser als die Lage“ titelt TE. Zurecht. Und jetzt verstehen wir auch Merkels schrubel Aussage „sie wissen doch das ich 2021 SOZUSAGEN nicht mehr als Kanzler Kandidatin zur Verfügung stehe“. Die Meisterin aller List macht das was sie immer macht, sie wartet ab um im günstigsten Augenblick zuzuschlagen. Wenn sich also die gigantische Geldausschüttung durch die EU bis zur Wahl auf den Konsum und damit Produktion positiv auswirkt, wird sie selbstverständlich nochmals zur Verfügung stehen. Das ist ihr Kalkül. Man kennt das aus der Geschichte, je länger ein Herscher ein Land… Mehr

H. Reich
2 Monate her

Prognose von A. Merkel zur “ Automobilen Welt“ auf dem WWF in Davos 2020 „…in 30 Jahren wird man sich fragen, wozu wir überhaupt ein Auto gebraucht haben…“ Wenn die Entwicklung, vorallem in D. so weitergeht, „schaffen wir das“  noch früher, nach dem sozialistischen Motto “ überholen ohne einzuholen“.

CIVIS
2 Monate her

Wie heißt doch dieses Kinderspiel: >ICH SEHE WAS WAS DU NICHT SIEHST<

Also Herr Dr. Becker:
ICH sehe für lange Zeit nichts, …zumindest keinen Aufschwung in der deutschen Autoindustrie !
Und auch wenn der Wunsch der "Vater des Gedankens" ist, …so geht er doch nicht immer in Erfüllung !

Was ICH dafür aber sehe sind nach Wegfall von Corona-Hilfen und Kurzarbeitergeld enorm steigende Insolvenzverfahren und steigende Arbeitslosenzahlen !

NighthawkBoris
2 Monate her
Antworten an  CIVIS

Ganz meiner Meinung! Aber man muss fairerweise hinzufügen, dass die jetztige Situation überwiegend durch unsere Versager-Regierung nebst deren Anhängsel-„Oppositions“-Altparteien herbeigeführt wurde. Der Dank des dummdeutschen Wahlschafes ist ihnen dennoch gewiss.

Hannibal Murkle
2 Monate her

Apropos Wirtschaft – der sog. „EU“ ist klar geworden, dass sie den Handelsstreit mit den USA nicht gewinnen kann und es wird aufgegeben:

https://www.welt.de/wirtschaft/article212160187/Airbus-Europa-gibt-im-Handelsstreit-mit-Trump-nach.html

Ich hoffe, jetzt kommt die Erkenntnis, dass Handelskriege um „Klimazölle“ und CO2-Strafsteuern ebenso nur verloren werden können – und es wird gar nicht erst angefangen.

horrex
2 Monate her
Antworten an  Hannibal Murkle

Sie hoffen auf „Einsicht“?
Seit wann gebiert gnadenlose Arroganz Einsicht?
Erst braucht es die Offensichtlichkeit einer Katastrophe damit der arrogante Weltbelehrer nachgibt/aufgibt.

Hannibal Murkle
2 Monate her

In China hat sich auch der Flugverkehr schnell erholt, zumindest im Inland – allerdings im Land mit der Größe eines Kontinents.

https://www.wiwo.de/my/unternehmen/dienstleister/flugverkehr-in-china-schon-fast-wieder-gruen/25905642.html?ticket=ST-9274645-OOs6p3kc5zKHjkvq7qsg-ap4

giesemann
2 Monate her

Man erkennt: Krise heißt Absatzkrise. Die Pferde saufen nicht mehr so viel wie von manchen gewünscht, was soll’s. Aber bald sind die Kärren verrostet, müssen neue her, schon flutscht der Laden wieder. Und der Fiskus kann wieder Umsatzsteuer ff kassieren. Es gibt nix Schlimmeres als wenn die Leute „sparen“. Umwelt hin oder her.

Ego Mio
2 Monate her

Wahrscheinlich hat in China die Partei einfach befohlen, dass jetzt Autos gekauft werden.

Ernsthaft: Ich bin gespannt, wie lange China es schafft, seine gewaltige Wirtschaftskrise vor der Welt zu verstecken.

StefanH
2 Monate her

„In Russland ist der Absatz ebenfalls massiv um 23 Prozent eingebrochen […].In Japan, nur schwach Corona betroffen, schrumpfte die Nachfrage lediglich um ein Fünftel.“

Naja, also den Unterschied zwischen „massiven“ 23 Prozent und „lediglich“ 20 Prozent halte ich jetzt ehrlich gesagt für nicht so massiv, sondern lediglich marginal …

humerd
2 Monate her

Mal abwarten, was die NGOs wollen: „Hongkong: Maas droht China wegen Sicherheitsgesetz mit Konsequenzen
Deutschland sei bereit, auf das Sicherheitsgesetz für Hongkong zu reagieren. Das sagte der Bundesaußenminister seinem chinesischen Amtskollegen in einer Videokonferenz. “ https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-07/hongkong-china-heiko-maas-sicherheitsgesetz-eu-sanktionen

Hannibal Murkle
2 Monate her
Antworten an  humerd

Wenn die NGOs für Aktionen gegen China framen, wäre alleine das bereits ein Grund zum Hoffen, dass es keine geben wird – auf linke NGOs hören bringt selten Gutes. Es ist nicht so, dass wir in der EU irgendwie viel freier als in China wären – öffentlich sagen kann man ebenfalls nicht viel. Gibt es bei uns viel mehr Medienvielfalt als in China, abweichende Meinungen?

Nibelung
2 Monate her

Die BIP-Zahlen in China gehen doch von der Entwicklung her seit Jahren zurück und haben 2020 einen Tiefststand von 1,2% Wachstum pro Jahr erreicht und wie sie dann 2021 auf ca. 9 % kommen wollen ist mir völlig schleierhaft, es sei denn man nimmt die Weisung des Zentralkommitees als Maßstab, dann wäre es verständlich, aber keinesfalls zuverlässig, denn die Teuerrungsrate ist mittlerweile exorbitant und läßt nicht erwarten, daß sie mit diesen Voraussetzungen weiterhin die Welt erobern. Daran glauben nur noch die deutschen Deppen, die Chinesen selbst wandern doch mit ihrer Produktion schon aus um ihrer eigenen Misere zu entgehen, was… Mehr