Inflation: Die Lohn-Preis-Spirale kommt in Gang

Mit ihren Tarifforderungen wollen IG Metall und andere Gewerkschaften den Kaufkraftverlust wenigstens mildern. Aber damit gerät die Geldentwertung erst richtig in Fahrt.

IMAGO / Manfred Segerer
Logo Deutscher Gewerkschaftsbund. Lohnzurückhaltung wird es bei den anstehenden Tarifverhandlungen nicht geben.

Mit ihrem Wahlergebnis von 93,23 Prozent kann die neue DGB-Chefin Yasmin Fahimi zu Recht behaupten, sie habe ein starkes Mandat. Auf der SPD-Politikerin, die an diesem Montag zur Vorsitzenden des Gewerkschafts-Dachverbandes gekürt wurde, lastet aber auch ein erheblicher Erwartungsdruck der Mitglieder, die sie fast einstimmig in die neue Position hoben. Die Gewerkschaften, so die Forderung der Arbeitnehmer, sollen in den Tarifrunden 2022 mindestens eine Milderung der Inflation von der derzeit 7,3 Prozent durchsetzen. Das heißt: Abschlüsse müssten deutlich über dieser Marke liegen. Auf ihrer Antrittsrede sagte Fahimi, Lohnzurückhaltung werde es nicht geben: „Das wäre das völlig falsche Signal“.

Die galoppierende Inflation vernichtet seit Monaten Kaufkraft von Millionen Beschäftigten. Schon im Jahr 2021 sanken in Deutschland die Reallöhne leicht – um 0,1 Prozent. Das lag zum einen an der Geldentwertung, die damals schon langsam Fahrt aufnahm – aber auch an den Corona-Lockdowns, die für viele Beschäftigten zur Kurzarbeit führten.

Ohne Tariferhöhung würden die Reallöhne 2022 sehr kräftig sinken – dieser Logik entkommt 2022 kein Verhandlungsführer.

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Den Anfang der neuen Tarifrunde machte die Chemie- und Bergbaugewerkschaft IG BCE: Sie vereinbarte schon im April eine Brückenlösung, die vorerst eine Einmalzahlung von 1400 Euro pro Beschäftigten vorsieht, gewissermaßen als Abschlag. Im Herbst soll dann eine zweite Verhandlungsrunde stattfinden. Die Forderung wird sich dann nach der Inflationsrate des dritten Quartals richten. Da die EZB bisher keine Schritte gegen die Geldentwertung unternehmen will, liegt sie sehr wahrscheinlich noch über als unter den gegenwärtigen 7,3 Prozent.

In der Metallindustrie stehen die Tarifverhandlungen im Mai an – am 30.Mai läuft der alte Tarifvertrag für die nordwest- und ostdeutsche Stahlindustrie aus. Die Metallgewerkschaft verlangt ein kräftiges Lohnplus von 8,2 Prozent, und das nicht in Raten, sondern sofort. Auch andere Branchengewerkschaften werden sich an dieser Zahl orientieren.

Nicht nur wegen der Inflation fallen die Lohnforderungen 2022 hoch aus. Durch den Versuch der westlichen Staaten, unter dem Stichwort Decoupling – also Abkoppelung – wieder Produktion aus Asien und Russland zurückzuholen, steigt der Wert der Arbeitskräfte auch langfristig. Dazu kommt: in vielen Industriebranchen gehen in den kommenden Jahren deutlich mehr Arbeitskräfte in den Ruhestand, als junge Beschäftigte nachrücken. Wer auf der Gewerkschaftsseite am Tisch sitzt, verfügt zurzeit über eine gute Verhandlungsposition.

Nur: Selbst Lohnerhöhungen von über acht Prozent reichen noch nicht einmal, um mit dem, was dann netto bleibt, die Inflation auszugleichen. Andererseits kommt mit den Tarifrunden genau ein Prozess in Gang, der die Inflation fast von selbst vorantreibt, ganz unabhängig von den Energie- und Lebensmittelpreisen: Die Lohn-Preis-Spirale. Denn den Unternehmen wiederum bleibt nichts anderes übrig, als die höheren Gehälter am Markt wieder hereinzubekommen. Für exportstarke Großunternehmen gibt es dafür durchaus Spielraum: ihnen hilft es, dass der Euro im Mai auf seinen tiefsten Stand seit fünf Jahren rutschte. Bei Erzeugnissen und Dienstleistungen von Betrieben, die vor allem vom Heimatmarkt leben, werden die Beschäftigten mit etwas Zeitverzug merken, dass sie ihr Lohnplus – selbst, wenn es üppig ausfällt – an der Ladenkasse wieder abgeben müssen. Argumentativ bauen Gewerkschafter deshalb schon vor. „Unsere Mitglieder spüren die Inflation, wenn sie morgens zum Tanken an die Tankstelle fahren“, meint Knut Giesler, Verhandlungsführer für die nordwestdeutsche Stahlindustrie. „Aber eine Inflationsrate, die wegen des Kriegs explodiert, können wir nicht allein mit einer Tariferhöhung bewältigen.“

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) warnt bereits vor der Aussicht, dass hohe Tarifabschlüsse die Geldentwertung weiter vorantreiben. „Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale ist real“, meinte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. „Die Inflationsentwicklung würde dann zusätzlich verstärkt.“

Er verspricht, mit dem so genannten Entlastungspaket der Bundesregierung Druck aus den kommenden Tarifverhandlungen nehmen zu können.

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Die neue DGB-Chefin Fahimi sieht offenbar auch, dass Lohnsteigerungen allein die Inflation nicht ausgleichen. Sie brachte in ihrer Rede etliche Stichpunkte des linken SPD-Flügels zur Umverteilung unter. Nach ihrer Vorstellung soll auch der Staat die Geldentwertung ausgleichen. Zum einen mit mehr Schulden: „Die sogenannte Schuldenbremse“, so Fahimi auf dem DGB-Kongress, „ist längst aus der Zeit gefallen. Sie ist nichts anderes als eine ideologische Bremse gegen einen aktiven Staat und gegen eine soziale Politik.“ Verteilung auf Pump reicht ihr allerdings noch nicht. Sie verlangte außerdem die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, außerdem einen „Lastenausgleich“ per Sonderabgabe für Wohlhabende. Beides würde das ohnehin schon geringe Wirtschaftswachstum in Deutschland weiter drosseln.

Fahimi, die von 2014 bis 2016 als SPD-Generalsekretärin amtierte und danach als Staatssekretärin ins Bundesarbeitsministerium wechselte, sitzt auch im SPD-Vorstand. In Kombination mit dem DGB-Vorsitz verfügt sie also durchaus über die Möglichkeit, ihre Umverteilungsvorstellungen in der Partei von Kanzler Olaf Scholz durchzusetzen.

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Kommentare ( 32 )

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Jens Frisch
8 Tage her

Natürlich könnte die Politik, die durch die Inflation ein enorm gestiegenes Steueraufkommen zu verzeichnen hat, die Mehrwertsteuer senken, so daß die Kraufkraftverluste für die Arbeitnehmer nicht so drastisch ausfallen, aber dann hätten unsere Politiker ja keine Kohle mehr, um sie sinnlos zu verschwenden, z.B. 10 Milliarden Euro, um in Indien den CO2 Ausstoß zu bekämpfen – dass sich die Inder dafür preiswert mit russischem Öl- und Gas eindecken kann sich jeder ausmalen, der nicht mit dem Klammerbeutel gepudert wurde.

Duke_van_Hudde
9 Tage her

Nun hier muss man auch mal dieSchuldigen bestimmen die zu der Lage geführt haben und hier steht an erster Stelle die EZB und ihre Politik seit 2008. Die EZB hat die Infaltionssaat gesäht und es war halt nur nicht klar wann sie aufgehen würde. Den dazu sind weitere Vorgänge nötig und jetzt halt Corona und der Krieg. Jetzt kommt es halt zum Problem wer welchen Anteil am Schaden den diese Politik erzeugt hat nun übernehmen muss. Mindestens 40-60 % der Bevölkerung können sich Relalohnverluste von 7-10 % die es diese Jahr ohne Lohnerhöhungen geben würde nicht leisten ohne massiv ihren… Mehr

RauerMan
9 Tage her

Natürlich kommt die Lohn-Preis-Spirale jetzt so richtig in Schwung.
Die sich daraus entwickelnden Konsequenzen sind allen Beteiligten bewußt.Lohnerhöhungen sind nur der verzweifelte Versuch die Inflation für Arbeitnehmer ein wenig zu bremsen. – Zeitgewinn – Vielleicht kommt doch noch eiine momentan nicht vorhersehbare andere Rettung.

Klaus D
9 Tage her

Die Lohn-Preis-Spirale kommt in Gang – gestartet haben sie aber die arbeitgeber/das kapital zusammen mit der politik. Kohl war noch zögerlich aber Schröder hat dann mit der agenda2010 voll zugeschlagen und Merkel hat sie mit immer neuen steuern und abgaben so richtig angeheißt. Dazu kommt noch das die löhne in deutschland extrem niedrig sind.

R6
9 Tage her

Keine Sorge, die Gewerkschaften passen schon auf, dass ihre Zahlschafe nicht zu viel bekommen. Das ist schon seit Jahren so. Auf den roten Plakaten steht dann ganz groß ungefähr sowas: „Wir haben heldenhaft bis zur letzten Sekunde für Euch gekämpft! Wie haben für EUCH eine Einmalzahlung von x € und 7,9%* rausgeholt!“ Die Auflösung von dem * ist dann sehr klein in der Fußzeile gerne mal „Laufzeit 26 Monate“. Das Zahlschaf liest den * aber nicht und/oder kapiert nicht was es bedeutet. Das ist aber auch egal, weil das Zahlschaf sich über die Einmalzahlung und 7,9% freut. Wichtig ist ja… Mehr

Aletheia
9 Tage her

Gerade mal knapp 6 Millionen Mitglieder hat der DGB noch zu bieten. Das sind bedeutend weniger als 10 Prozent der Einwohner Deutschlands und etwas mehr als 6 Prozent der bundesweit Beschäftigten. Das Ganze scheint mehr auf eine sektenartige Bewegung hinzudeuten, deren Einfluß vor allem in der Mitgliedschaft großer Anteile „Öffentlich Beschäftigter“ -organisisiert in Verdi, GEW , Polizeigewerkschaft – besteht, die als einzige noch großes Erpressungs-Potential gegenüber dem deutschen Staat als Arbeitgeber besitzen und die sich bei Lohn- und Tarif-Verhandlungen mit den Staatsvertretern im Prinzip selbst gegenüber sitzen und die Gesellschaft nun optimal nach ihren Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit etc. ausnehmen… Mehr

Michael Palusch
9 Tage her
Antworten an  Aletheia

„…weniger als 10 Prozent der Einwohner Deutschlands und etwas mehr als 6 Prozent der bundesweit Beschäftigten.“
Das wären ja mehr Beschäftigte als Einwohner?!

puke_on_IM-ERIKA
9 Tage her

Solange die Steuerprogression in Deutschland nicht angepackt wird, sind 8 Prozent plus nur ein Plus für den gierigen Staat bei den Steuern- beim Bürger kommen von 8% Pius Brutto, wenn die überhaupt kommen, lediglich 4% an .

Biskaborn
9 Tage her

Wer bitte sitzt in diesem Land noch in verantwortlicher Position, sei es Regierung, Gewerkschaften, Kirchen und agiert ausschließlich mit Sachverstand und Kompetenz? Selbst in der auf links gedrehten Wissenschaft und in der Wirtschaft habe ich zunehmend diesbezüglich Bedenken. Überall triumphiert Ideologie über gesundem Menschenverstand und rationalem Denken zum Wohl des Landes. Wohin bitte soll das führen, was denken sich diese Leute dabei? ?

Innere Unruhe
9 Tage her
Antworten an  Biskaborn

Wir hatten ja vor Kurzem eine Übersicht über die im BT vertretenen Ausbildungen.
Es wäre jetzt gut zu erfahren, wie sich die Arbeitserfahrung außerhalb des Politbetriebs verteilt.
Wer hat wo wie lange gearbeitet?

gmccar
9 Tage her
Antworten an  Biskaborn

Das ist die langfristige, über Jahrzehnte aufgebaute Indoktrination nichtdeutscher Denkfabriken ,ähnlich Genderismus und Wokismus zum Schaden Deutschlands.

Michael Palusch
9 Tage her

Klasse!
Eine DGB-Vorsitzende, die Vorsitzende der Dachorganisation der Arbeitnehmer, die selbst noch nie gearbeitet hat. 11 Jahre Studium, immerhin mit Abschluß, danach ein buntes Sammelsurium an Funktionärs- und Politposten. Gewerkschaft-Partei-Gewerkschaft, und das Ganze wieder von vorn.
Fahimis Lebensgefährte ist der IG BCE-Vorsitzende Vassiliadis. Der erfolgreichen Arbeit dieser „Interessenvertretung der Arbeitnehmer“ haben selbige übrigens zu verdanken, dass nur sie in den Genuß der EEG-Umlage gekommen sind.
Kein Zweifel, in diesem Familienunternehmen und mit Unterstützung der Funktionärsdinosaurier aus den anderen Gewerkschaften, ist der Malocher in besten Händen.

Last edited 9 Tage her by Michael Palusch
Gaartz
9 Tage her
Antworten an  Michael Palusch

Schön und gut, aber was ist denn konkret Ihre Kritik? Wenn die „Malocher“ also nicht in guten Händen sind, finden Sie wohl die Forderungen und erreichten Abschlüsse viel zu niedrig? Und vor allem, was ist die Alternative? Sollte man sich einfach mal schnell neue, bessere Gewerkschaften backen? Oder vielleicht alles dem freien Markt überlassen, denn die Arbeitgeber werden schon freiwillig besser zahlen?

Michael Palusch
8 Tage her
Antworten an  Gaartz

Nun, bei Gewerkschaftern ist es wohl so, dass diese wenigstens eine Ahnung haben sollten wovon sie reden. „Sollte man sich einfach mal schnell neue, bessere Gewerkschaften backen?“ Nicht backen, bessere, und vor allem näher an den Mitgliedern ausgerichtete Arbeit machen. Schauen Sie sich doch mal die Entwicklung der Mitgliederzahlen an, ein einziges Trauerspiel. Kein Wunder, geht es den Gewerkschaften mehr und mehr um Gender, Antirassismus, Queerfeminismus und dem Kampf gegen „Rechts“. Meinen Sie, dass dann das Postengeschacher, um nichts anderes handelt es sich bei Fahimi, das Vertrauen in die Gewerkschaften erhöhen wird ich nicht, und das sagt Ihnen ein langjähriges… Mehr

Last edited 8 Tage her by Michael Palusch
unbelievable
9 Tage her
Antworten an  Michael Palusch

Fahimi – Anfangs dachte ich noch an den 1. April, ist aber schon ein Monat weiter.
Anders ausgedrückt: Deutschland schafft sich ab – und es geht immer schneller.

W aus der Diaspora
9 Tage her

Es handelt sich nicht um eine Lohn-Preis.Spirale.

Sondern um eine PREIS-Lohn-Spirale.

Denn, zuerst sind die Preise gestiegen, die Löhne steigen erst im Nachhinein, somit ist diese Spirale mit den Preisen angefangen und somit steht auch der Preis am Angang des Begriffes!

puke_on_IM-ERIKA
9 Tage her
Antworten an  W aus der Diaspora

Und die Preise wurden von der ReGIERung durch die unselige CO2 Abgabeneinführung in Gang gesetzt!

Innere Unruhe
9 Tage her
Antworten an  W aus der Diaspora

Richtig, erst steigen die Preise, dann der Lohn.
Doch was ist der Lohn der Personen, deren Namen wir nichteinmal kennen?
Wofür erhalten sie ihren „Lohn“?
Diese Inflation heißt leider auch, dass Menschen, die keinen Lohn erhalten auch mehr Geld bekommen werden….
Dieser Aspekt muss explizit genannt werden. Die Belastung, welche Migranten darstellen, steigt.
Wenn ich als es mir noch gut ging ein Abo abgeschlossen habe, kündige ich es, wenn es nicht mehr so prächtig läuft.
Wir sollten auch hier von den Migranten Solidarität erwarten – nämlich Umzug in ein Land mit niedrigeren Lebenshaltugskosten.