In der Krise erweist sich die Ökotransformation als wehrhaft

Druck erzeugt Gegendruck. Auf die sich verschärfende Energiekrise reagiert die grüne Lobby in Brüssel und Berlin, indem sie die Transformations-Schlagzahl weiter erhöht. In der Politik fehlt die Vorstellungskraft für ein echtes Energiekrisenszenario. Die Zivilgesellschaft ergibt sich beinahe paralysiert in ihr Schicksal.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Wiktor Dabkowski

Wer damit gerechnet hatte, dass die leeren Gasspeicher in Deutschland und die eskalierende Energiekrise im Iran die grüne Lobby im Land verstummen ließen, muss sich eines Besseren belehren lassen. Die politische Repräsentanz und ihr Medienapparat – der verlängerte Arm der grünen Günstlingswirtschaft – kämpfen mit allen Mitteln um das Überleben des grünen Transformationskomplexes, ganz gleich, mit welcher Urgewalt die Wellen der Realität nun gegen den dünnen grünen Damm anrollen.

Während Ökonomen und wirtschaftliche Interessenvertretungen weltweit einen neuen Energiepreisschock heraufziehen sehen – mit dem Potenzial, die globale Wirtschaft entgleisen zu lassen –, dringen aus der intellektuellen Meerenge von Berlin nicht so sehr Lösungsansätze zur Bewältigung des Problems des merkantilen Flaschenhalses von Hormus hervor.

Ganz im Gegenteil: Diesseits des ideologisch zerlegten Infantilismus kümmern sich die politischen Eliten vor allem um den Fortbestand ihres Machtkonstrukts – des Green Deal.

Viel steht auf dem Spiel: Hunderte von Milliarden Euro an Subventionen sind bereits für die kommenden Jahre verplant, um die schnell austrocknenden Kanäle der dauerinsolventen Kunstwirtschaft zu fluten. Politik profitiert – es ist eine der Machtsäulen, ein Vorhof der eigenen Ideologie und notfalls ein alternativer Karrierepfad für starke NGO-Lobbyvertreter.

Das Reaktionsschema auf die steigenden Energiepreise ist verräterisch: Die Bundesregierung deklariert das Heizungsgesetz medienwirksam um, verteidigt aber mit Erfolg die Anreiz- und Kostenstruktur dieses legislativen Enteignungsprogramms für Eigenheimbesitzer. Sie hält eisern an der grotesken Treibstoff-Besteuerung fest (man kann ja auf E-Autos umsteigen, rät der Umweltminister) während Brüssel den Pfad zur emissionsfreien Einhorn-Ökonomie rhetorisch marginal aufweicht.

Alles bleibt unterm Strich beim Alten. Wie es in Brüssel so schön heißt: Nur die grüne Transformation wird uns in Zukunft mit Erfolg vor Krisen wie der gegenwärtigen Iran-Affäre abschirmen.

Eine geradezu diabolische Verkehrung der Kausalitäten – und ein Anschlag auf die Vernunft des noch immer aufmerksamen Teils der Öffentlichkeit, der sich nicht mit Grausen von dieser Politik verabschiedet hat.

Rosneft Deutschland wird vom amerikanischen Embargo ausgenommen. Dies bleibt das einzig messbare Resultat, das auf den politischen Willen hinweist, einen vollkommenen Systemkollaps abwenden zu wollen.

Denn genau darauf läuft es hinaus, sollte sich die Krise im Iran länger hinziehen, als es derzeit an den Rohstoffmärkten – die bislang vergleichsweise verhalten reagiert haben – eingepreist ist. https://de.tradingeconomics.com/commodity/eu-natural-gas

Denn wie heißt es so schön: Auch zivilisierte Gesellschaften sind stets nur zwei ausgefallene Mahlzeiten vom Chaos entfernt. Und Energie – ein stetiger, sicherer und günstiger Strom dieses Lebenselixiers – ist nun einmal das Fundament dessen, was wir als Zivilisation bezeichnen.

Dem würden wahrscheinlich selbst Jürgen Trittin, Friedrich Merz und Walter Ulbricht zustimmen. Ursula von der Leyen und Friedrich Merz zaubern der Öffentlichkeit Souveränität und Reformbereitschaft im Umgang mit den nun explodierenden Energiepreisen vor. Eine der größten medienpolitischen Camouflagen, die Deutschland seit der Dauerpropaganda des stürzenden DDR-Regimes auf eigenem Boden erlebt hat.

Man muss es noch einmal betonen: Es ist das fatale Trio aus Brüssel, Berlin und Paris gewesen, das, im Zusammenspiel mit der Londoner Vertretung, vor allem Deutschland in diese Lage manövriert hat: Sorgenkind Deutschland, das im barbarischen Rausch der übersatten Degrowth-Sekte auch noch seine eigene Atomenergie zerstörte.

So sitzt man nun zwischen den Stühlen, im maximalen Konflikt mit Russland, das nun zynischerweise selbst den Gashahn zudrehen wird. Gleichzeitig ist man von Lieferungen aus Katar abgeschottet, das mit Force Majeure zunächst für einige Wochen aus dem Gasmarkt ausstieg und sich ohnehin aufgrund der Brüsseler Klimaanmaßungen und Regulierungsmanien verärgert zeigt.

Es ist nach wie vor die Brüsseler Attitüde, in die Hand derer zu beißen, die einen nähren. Politischer Infantilismus und ideologische Verkantung haben Europa gerade von dem Politiker abhängig gemacht, den man in den Hauptstädten der EU am meisten verabscheut: Donald Trump.

Über 96 Prozent der LNG-Lieferungen für Deutschland stammten im vergangenen Jahr aus den USA, die ihrerseits Lieferschwierigkeiten hatten – verursacht durch den klirrend kalten Winter. Sie wissen schon: die globale Erwärmung, die nun zu kühlen Wintern beiträgt.

Oh, diese Ironie der Klimagötter, die sich hier wie ein Donnerschlag über der Europäischen Union entlädt. Ein politisches Kunststück, das unter normalen gesellschaftlichen Bedingungen – spätestens jetzt – zum Umdenken zwingen müsste. Rationale Politik würde sich nun Zeit erkaufen. Lieferungen sicherstellen, ganz gleich woher, zu welchem Preis auch immer.

Eine Lehre aus der Geschichte, aber für moderne Europäer offenkundig arkanes Wissen: Energieschwache Kombattanten mit heterogenem Gesellschaftskörper sollten sich vom Schlachtfeld fernhalten. Gleichzeitig sollten jene Bremsen gelöst werden, die man im Klimarausch und als Ablass zum Aufbau der grünen Günstlingswirtschaft bis zum Anschlag angezogen hatte.

Fracking muss her. Europa müsste sämtliche Gasreserven erschließen, die den Kontinent über Jahrzehnte mit grundlastfähiger Energie versorgen könnten. Nur so ließe sich ein Zeitfenster öffnen. Skalierte Gasnutzung würde den Spielraum eröffnen, um groß einzusteigen in die modernste Form der Nuklearenergie und sich geostrategisch neu zu positionieren. Das nimmt Jahre in Anspruch, eine schnelle Befreiung aus der energiepolitischen Katastrophe ist nicht denkbar. Weder ökonomisch, noch physikalisch.

Denn über allem schwebt jene eine Zahl, das Damoklesschwert der europäischen Energiepolitik: 60 Prozent des Energiebedarfs müssen von außerhalb importiert werden.

Wechseln wir zur Veranschaulichung dieses gesellschaftlichen Phänomens auf eine deskriptive Ebene und blicken aus größerer Distanz auf das Geschehen. Unter dem Programmpunkt des Green Deal finden wir inzwischen ein hochkomplexes Geflecht eines sich politisch immer weiter auffächernden Ökologismus: eine hochgradig intransparente, zugleich jedoch äußerst effektive Umverteilungsmaschine. Getragen wird sie von einem über Jahrzehnte herangezüchteten grünen Moralismus, der in der Bevölkerung weithin akzeptiert ist – oder zumindest bislang kaum hinterfragt wurde.

Auf diese Weise konnte sich ein Extraktionsmechanismus etablieren, der systematisch Wohlstand aus dem produktiven Maschinenraum der Gesellschaft fortsteuert. Dieser Wohlstand wird zielgenau in die Kanäle des grünen Parasitärsystems umgeleitet, das im Schatten politischer Programme und moralischer Legitimation proliferieren kann, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen.

So ist im Laufe der Zeit ein Staat im Staate entstanden, dessen Strukturen tief in die wirtschaftlichen und institutionellen Gefüge hineingewachsen sind. Inzwischen scheint dieses Gebilde in eine neue Phase überzugehen – in die Phase exponentieller Schwächung seines Wirtskörpers. Steigende Energiepreise, die sich auf lange Sicht in höhere Inflationsraten übersetzen werden, sind der Ausdruck der Schwächung des Wirtes.

Zu den sichtbarsten Akteuren des grünen Extraktionswesens zählt die Deutsche Umwelthilfe. Bekannt geworden durch ihre Schläge gegen den Volkswagen-Konzern, blüht diese Gruppierung im Kampf gegen die deutsche Industrie seit Jahren regelrecht auf.

TE-Autor Holger Douglas lieferte ein ideales Charakterbild dieses skurrilen und zugleich brandgefährlichen ideologischen Monsters, das sich eine Schneise der industriellen Zerstörung durch das deutsche Gerichtswesen bahnt.

Ihr jüngster Erfolg im Kampf gegen die Versorgung der Deutschen mit Energie: ein Eilantrag, der den Förderstopp der seit 1987 aktiven Bohrinsel Mittelplate in der Nordsee erwirkte. https://www.n-tv.de/wirtschaft/Betreiber-muessen-Oelfoerderung-auf-Bohrinsel-Mittelplate-stoppen-id30409547.html

Wie gesagt: Es sind stets kleine Schläge gegen die bestehende Energieinfrastruktur. Doch entscheidend ist die Summe der Angriffe und ihr dauerhafter Erfolg. Seit Jahrzehnten wirkt sie so verheerend auf das deutsche Energiemarktdesign ein, dass wir nun vor den Trümmern des Fundaments deutscher Wertschöpfung stehen – fragil und abhängig von Drittlieferanten.

Gleichzeitig bringt sich eine Zivilgesellschaft vor dem heraufziehenden Sturm in Deckung. Sie zeigt sich immer weniger resilient gegenüber ideologischer Politik.

So werden wir wohl am Sonntag Zeugen eines einmaligen politischen Vorgangs sein. Ausgerechnet jene Kräfte – Grüne und CDU –, die diese Katastrophe einerseits ideologisch, andererseits als politischer Arm überhaupt erst heraufbeschworen haben, werden in der Herzkammer des grünen Kultes, in Baden-Württemberg, den Sieg davontragen.

Fraglich ist nur noch, wer sich künftig die Krone des grünen Herrschers ohne Industrie aufsetzen darf.

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Kommentare ( 6 )

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Herr Schmidt
5 Stunden her

2 Bemerkungen:

„Es ist das fatale Trio aus Brüssel, Berlin und Paris gewesen, das … vor allem Deutschland in diese Lage manövriert hat“ Nein das ist zu 100% Berlin, insbesondere die Merkel-CDU gewesen. Warum wird immer versucht die für diese katastrophalen Entscheidungen verantwortlichen Politiker in Schutz zu nehmen?

Zeitfenster öffnen um in die Nukleartechnik wieder einzusteigen? Was hat der Autor dieses Artikels denn bitte geraucht?

Last edited 5 Stunden her by Herr Schmidt
GP
5 Stunden her

Der WDR „Nah-Ost Experte“ erklärte eben dass es an der Zeit sei dass sich die EU Staaten zusammen mit den Golf-Anrainerstaaten gegen die USA und Israel positionierten um einen Waffenstillstand und Verhandlungen zu erzwingen. Da fragt man sich ob bei den ÖRR nur noch Voll-🤪 beschäftigt werden. Glaubt denn jemand dass sich Saudi-Arabien oder Kuwait mit der EU gegen die USA verbünden würden?? Die EU Politiker und ihre Hofschranzen in den ÖRR Redaktionen sind so neben der Spur am laufen dass es schon wieder lustig ist ihnen dabei zuzusehen. Was geht nur in deren Köpfe vor….  

Raul Gutmann
5 Stunden her

Druck erzeugt Gegendruck. Auf die sich verschärfende Energiekrise reagiert die grüne Lobby in Brüssel und Berlin, indem sie die Transformations-Schlagzahl weiter erhöht. 

Wer erinnert sich an das Wendejahr 1989, als das DDR-Politbüro glaubte, mit Repression ihr System stabilisieren zu können?
Es heißt, wenn Ideologie auf die Wirklichkeit treffe, verliere sie. Das ist nicht zutreffend, denn das ideologische System kollabiert erst, wenn es seine Ressourcen aufgebraucht hat.
»Der Sozialismus geht dann unter, wenn ihm das Geld anderer Leute ausgeht« – frei nach Margaret Thatcher

Haedenkamp
5 Stunden her

Eine weltgeschichtlich einmalige Konstellation: eines der wirtschaftlich und technisch stärksten Länder der Welt führt – in Selbsthass getunkt – einen hybriden Krieg gegen die eigenen Bürger und eine über Jahrzehnte aufgebaute Infrastruktur. Hundertausende Arbeitsplätze bereits vernichtet, zahlreiche Firmen ins Ausland abgewandert, die Inflation galoppiert und – all das geschieht völlig lautlos.

Sagen was ist
5 Stunden her

Ah, wie schön: Der Wohlfahrtsaustausch zwischen Produktionsfleiß und moralischer Überlegenheit läuft also weiterhin reibungslos! Während der Maschinenraum der Gesellschaft unermüdlich rackert, wird oben das grüne Chamäleon mit jedem Bericht, Gerichtsbeschluss und Eilantrag ein bisschen glänzender. Es ist beinahe poetisch – ein Wirtschaftsdrama, in dem der Aktive kein Mensch, sondern SteuerFinanzierteOrganisationen mit Paragrafen als Superkräften sind. Und der Showdown? Natürlich in Baden-Württemberg, wo das „Team Weltrettung“ und das „Team Weiter so“ in einer seltenen Eintracht den letzten Tropfen Öl aus dem Zeitgeist pressen. Man könnte fast meinen, die Energiewende sei gar kein politisches Projekt, sondern eine besonders ehrgeizige Kunstperformance eines Wohlfahrtsausschusses… Mehr

Last edited 5 Stunden her by Sagen was ist
Teiresias
5 Stunden her

Es ist ein Krieg der Zahlungssysteme.
Wenn der Petrodollar fällt, lässt sich bezahlbare Energie nicht mehr in Dollar über SWIFT beziehen, weil die USA Europa nicht ausreichend beliefern kann – wie wir gerade erleben.
Dadurch wäre Europa gezwungen, sich dem m-bridge- Zahlungsraum (BRICS) anzuschliessen.
Um Europa nachhaltig als US-Vasallen zu erhalten, muss Europa dekarbonisiert werden, also aufhören, Öl und Gas zu benötigen.
Das läuft auf Armut hinaus im Sinne des Erhalts des US-Imperiums.
Dazu lassen sie dem Pöbel gerade so viel Luft, daß er die Garotte nicht abschüttelt.

Last edited 5 Stunden her by Teiresias