Vorschusslorbeer im Handelsstreit, Neue Steuervorschläge der OECD

In welche Sektoren Deutschland schnellstens viel investieren sollte, darüber gibt der Wettbewerbsbericht des Weltwirtschaftsforums (WEF) Aufschluss. Denn in dessen Rangliste ist Deutschland vom dritten Platz auf Platz 7 zurückgefallen.

Bryan R. Smith/AFP/Getty Images

Die Bilanzsaison läuft an in den USA. Eine Party wird das aber kaum werden, auch hier hinterlässt der Handelskonflikt seine Spuren – auch wenn es am Freitag wieder einmal Entspannungssignale gab. „Wir erwarten, dass die Zolleffekte erstmals deutlich in den Gewinnen pro Aktie der S & P-500-Unternehmen sichtbar werden“, sagt Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege bei der DWS. Um 4,1 Prozent sollen die Gewinne im S & P 500 laut Datendienst FactSet im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum schrumpfen, es wäre das dritte Viertel mit negativen Vorzeichen in Folge. Vor einem Jahr griff indes die Trump’sche Steuerreform in den USA, die Gewinne schnellten um über 20 Prozent hoch. An der Wall Street geht es also immer noch um Jammern auf hohem Niveau. In der Hoffnung auf ein amerikanisch-chinesisches Handelsabkommen verteilten die Anleger an der Wall Street zum Wochenausklang jedenfalls erst einmal reichlich Vorschuss-Lorbeeren. Der Dow Jones Industrial überwand zwar kurzzeitig die Marke von 27.000 Punkten und kam damit wieder in Blickweite seines im Juli erreichten Rekords von 27.398 Punkten. Zum Handelsschluss behauptete er aber nur einen Kursgewinn von 1,21 Prozent auf 26.817 Punkten.

Damit erreichte er aber immerhin ein Wochenplus von 0,9 Prozent. Die deutlichen Verluste zu Monatsbeginn hat er damit fast aufgeholt. Auch die anderen Indizes retteten einen Grossteil ihrer Kursgewinne ins Ziel: Der marktbreite S&P 500 gewann am Freitag 1,1 Prozent auf 2.970 Zähler und der technologielastige Nasdaq 100 rückte um 1,3 Prozent auf 7.844 Punkte vor.

US-Präsident Donald Trump hatte zuvor ein Teilabkommen mit China in dem seit mehr als einem Jahr andauernden Handelskonflikt verkündet. Die „Phase eins“ eines umfassenderen Abkommens beinhalte unter anderem die Themen geistiges Eigentum, Finanzdienstleistungen und Agrarprodukte, sagte Trump am Freitag. Zudem teilte Finanzminister Steven Mnuchin als einer der US-Verhandlungsführer mit, dass bestehende Zölle auf chinesische Produkte in der kommenden Woche entgegen der ursprünglichen Planung nicht angehoben würden.

Vor allem die Aktienkurse konjunktursensibler Unternehmen profitierten. So gewannen die Titel des Chemiekonzerns Dow und des Baumaschinenherstellers Caterpillar an der Dow-Spitze fast fünf beziehungsweise über viereinhalb Prozent. Bei der Apple-Aktie konnten sich die Anleger über ein Rekordhoch freuen: Mit 237,64 US-Dollar übertraf sie ihre bisherige, über ein Jahr alte Bestmarke knapp. Zudem ist der iPhone-Hersteller seit kurzem wieder mehr als eine Billion Dollar an der Börse wert – und hat sogar den einzigen Konkurrenten in dieser Gewichtsklasse, den Software-Riesen Microsoft , wieder überholt. Mit einem Kursplus von über zweieinhalb Prozent zählte Apple zu den Favoriten der Anleger im Dow. Dagegen hinkten Werte aus defensiven Branchen dem starken Markt hinterher: Die Aktien des Konsumgüterproduzenten Procter & Gamble, des Softdrinkherstellers Coca Cola und des Fastfoodriesen McDonald’s zählten zu den wenigen Verlierern im Dow.

Die neue Zuversicht im US-chinesischen Handelskonflikt und ein Kurssprung bei SAP lösten am Freitag ein Kursfeuerwerk im Dax aus. Der deutsche Leitindex zog um 2,9 Prozent auf 12.512 Punkte an. Mit seiner Rückkehr über die Marke von 12.500 Punkten sprang er auf den höchsten Stand seit Ende Juli. Auf Wochensicht bedeutet dies ein Plus von 4,2 Prozent.

Der MDax hinkte am Freitag dem Dax angesichts eines Kurseinbruchs bei den Hugo-Boss-Aktien hinterher. Der Index der mittelgrossen deutschen Werte stieg um 1,2 Prozent auf 25.628 Punkte.

Börsenexperte Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners sieht „Optimismus an allen Fronten“, zumal es auch Fortschritte bei den Brexit-Gesprächen gebe. Grossbritannien und die Europäische Union berieten am Freitag, ob vor dem Austrittstermin am 31. Oktober doch noch ein Abkommen möglich ist. Laut Anlagestratege Chris-Oliver Schickentanz von der Commerzbank wäre eine Einigung „für die europäische Wirtschaft eine gute Nachricht“. Er warnte aber zugleich vor Euphorie.

Allgemein waren konjunkturabhängige Branchen gefragt, unter anderem der Technologiesektor, der durch SAP mit angetrieben wurde. Aus der Branche gehörten die Papiere des Chipkonzerns Infineon mit mehr als 4 Prozent zu den grossen Dax-Gewinnern. Deutlich nach oben ging es auch für Bank- und Autoaktien, wie die Deutsche Bank und Volkswagen mit Anstiegen von jeweils rund fünf Prozent zeigten.

Anders war die Lage beim Modekonzern Hugo Boss, der seine Aktionäre nach einem schwachen dritten Jahresviertel mit einer herben Gewinnwarnung verschreckt hatte. Die Aktien brachen als klares Schlusslicht im MDax um mehr als 13 Prozent ein.

Zu seinem überraschenden Rücktritt hatte SAP-Chef Bill McDermott starke Zahlen vorgelegt. Sonst sieht es bei den DAX-Schwergewichten aber eher mau aus. „Zu wenig Technologie, dafür viel Autofirmen und sonstiges Produzierendes Gewerbe, während die Banken weiter unter negativen Zinsen leiden“, so Kreuzkamp. Dennoch schiebt der DAX nach oben, die Niedrigzinsen treiben, auch charttechnisch ist der Leitindex in guter Verfassung. ​

Viel wurde geschrieben über das schwere Erbe, das Christine Lagarde als Nachfolgerin von EZB-Chef Mario Draghi übernimmt. Nicht viel besser sieht es für Lagardes Nachfolgerin Kristalina Georgiewa aus, die als Chefin des Weltwährungsfonds (IWF) auf die Französin folgt; befindet sich doch die Weltwirtschaft in unruhigen Zeiten. Die Welt befinde sich in einer Phase der „gleichzeitigen Abschwächung“, erklärte Georgiewa. 2019 erwarte der IWF „langsameres Wachstum in fast 90 Prozent der Welt“, das schwächste Wachstum seit Beginn des Jahrzehnts. In ihrer ersten Rede als IWF-Chefin richtete die Bulgarin daher gleich eine direkte Forderung an Länder wie Deutschland, die Niederlande und Südkorea. Diese sollten die Wirtschaft mit höheren Ausgaben ankurbeln oder diesen Schritt vorbereiten.

In welche Sektoren Deutschland schnellstens viel investieren sollte, darüber gibt der Wettbewerbsbericht des Weltwirtschaftsforums (WEF) Aufschluss. Denn in dessen Rangliste ist Deutschland vom dritten Platz auf Platz 7 zurückgefallen. Schlecht sieht es hierzulande insbesondere bei der Informationstechnologie aus: Bei Internetverbindungen über Glasfaserkabel landet Deutschland auf Platz 72, bei mobilen Breitbandanschlüssen auf Platz 58. Überholt wird Deutschland im Gesamtranking von Hongkong, den Niederlanden, der Schweiz und Japan. Im Rennen um Platz 1 hat Singapur dieses Mal die USA geschlagen. China steht unverändert auf Platz 28 der 141 untersuchten Staaten. Tröstliches hält die Untersuchung für Deutschland aber auch bereit: So bleibt die Bundesrepublik in der Kategorie Innovationsfähigkeit auf einem Spitzenplatz. Dabei geht es etwa um die Zahl angemeldeter Patente oder wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Für die makroökonomische Stabilität, die Inflationsrate und Schuldenlage beurteilt, gibt es ebenfalls Topnoten. In der Frage, wie gut sich Länder auf digitale Geschäftsmodelle einstellen, landen von den G20-Ländern nur zwei unter den Top 10: die USA auf Platz 1, Deutschland immerhin auf Platz 9.

Schlechte Nachrichten gibt es für Amazon, Facebook und Co. Seit Jahren wächst der Unmut, dass die Webgiganten Steueroasen nutzen, um die Belastungen auf ihre Milliardengewinne zu minimieren. Vergangene Woche hat die OECD nun Reformvorschläge vorgelegt. Demnach würden vor allem große Länder mit vielen Konsumenten wie die USA, Deutschland oder Frankreich bei einer Reform einige Prozentpunkte mehr von den Unternehmenssteuern erhalten, wenn es „signifikante“ Kundenaktivitäten dort gebe. Ein Tabubruch: Bisher können nur diejenigen Länder besteuern, in denen ein Unternehmen den Konzernsitz hat. Das neue Regelwerk soll bei großen und international agierenden Firmen mit einem Umsatz von mindestens 750 Millionen Euro angewendet werden. „Die aktuellen Regeln, die auf die 1920er-Jahre zurückgehen, reichen nicht mehr für eine faire Zuteilung von Steuerrechten“, so die OECD. Die Reformvorschläge sollen beim G20-Gipfel Ende Januar 2020 verhandelt werden.


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Kommentare ( 4 )

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Uschi wirds schon richten:“Das Verhältnis von Ursula von der Leyen und der deutschen Wirtschaft könnte schwierig werden in den kommenden Jahren. Viele Unternehmer und Manager sind von der EU enttäuscht, und die designierte Präsidentin der EU-Kommission muss verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. “ https://www.welt.de/wirtschaft/article201840386/EU-Kommission-Deutsche-Wirtschaft-unzufrieden-mit-Europa.html
einfach noch mehr McKinseys beauftragen dann klaptt das schon, zumindest auf Power Point Folien.

“ Schlecht sieht es hierzulande insbesondere bei der Informationstechnologie aus: Bei Internetverbindungen über Glasfaserkabel landet Deutschland auf Platz 72, bei mobilen Breitbandanschlüssen auf Platz 58. “ da würde mich schon einmal interessieren, ob all die anderen Länder auch so einen gierigen Staat haben, der Lizenzen so teuer versteigert wie bei uns. Bei Telko Unternehmen fällt das Geld nicht so vom Himmel, wie viele Politiker im Umgang mit Steuergledern glauben. Auch könnn Telko Unternehmen nicht einfach so mal ein Steuer erhöhen oder gar einführen, auch nicht mit dem Fähne Klimarettung. Wer also Unternehmen plündert, muss sich nicht wundern wenn das „Neuland“… Mehr

SAP’s Höhenflug ist nur einem grundlegenden Mißverständnis zu verdanken.
Aus fachlicher Sicht kann ich nur sagen, die haben nichts vorzubringen, als die vertikale Durchdringung eines Unternehmens auf der Softwareseite. Ob ich das mag? Wer fragt mich? Über ein paar Sidesteps weiß ich durchaus Bescheid.
Aber kauft fleißig SAP- Aktien, ist quasi schon bundesgestützes Unternehmen. Die gehen nicht Pleite.

Völlig unabhängig davon in welche Wirtschaftssektoren Deutschland in nächster Zeit investieren sollte, würde ich doch zuallererst mal vorschlagen, dass Deutschland zu zunächst in den Sektor innere Sicherheit investieren sollte, weil das doch wohl viele (auch externe) Betriebe und Konzerne aufgrund der prekären Sicherheitslage von Investitionen abhält.

Dazu kommt noch, dass immer mehr Fachexperten Deutschland wegen der unsicheren politischen Zustände und der stetig ansteigenden Steuerbelastung in Richtung Ausland verlassen. Nicht zu vergessen der unerträgliche Klima Hype, über den die ganze Welt mittlerweile nur noch den Kopf schüttelt.