Viel Wirbel um KI, Warten auf die Notenbank-Entscheidungen

In dieser Woche stehen mit den Leitzinsentscheidungen in den USA und der Eurozone zwei Top-Ereignisse auf der Agenda. Diese haben das Potenzial, die Börsen kräftig in die eine oder andere Richtung zu schicken. Derweil läuft der Wettlauf um die besten KI-Anwendungen auf Hochtouren.

IMAGO / ZUMA Wire

Das ist für viele alte Börsenhasen überraschend. Die Zinsen steigen, doch die Technologiewerte setzen ihren Höhenflug fort. Dabei galt bisher die Fausregel: Steigende Zinsen und Wachstumsaktien passen nicht zusammen. Doch in diesem Jahr ist der Sektor kaum aufzuhalten und lässt andere Branchen hinter sich. Der technologielastige US-Index Nasdaq hat seit Januar 41 Prozent zugelegt. Der Höhenflug bei Tech-Aktien wird von wenigen Werten getragen, die der bekannte amerikanische TV-Börsenkommentator Jim Cramer die „glorreichen sieben“ nennt. Er meint damit Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Nvidia, Tesla und Meta.

Meta, der Mutterkonzern von Facebook, zum Beispiel hat seit Januar mehr als 150 Prozent gewonnen – nachdem er im Jahr 2022 kräftige Einbußen zu verzeichnen hatte. Der von Mark Zuckerberg geführte Tech-Konzern hatte die Gunst der Investoren verspielt, indem er Milliarden in das sogenannte „Metaversum“ investiert hatte. Diese virtuelle Welt war noch vor kurzem der letzte Schrei in der Tech-Szene. Zuckerberg sah sich als deren Pionier und taufte Facebook kurzerhand in Meta um. Doch dann entdeckten die Investoren die künstliche Intelligenz (KI) für sich. Das Metaversum war out, kommentierte die „Neue Zürcher Zeitung“.

Zuckerberg richtete sein Unternehmen inzwischen neu aus und versucht, Meta im Bereich der KI als führenden Player zu positionieren. Mit Threads hat er zudem eine Alternative zum Kurznachrichtendienst Twitter lanciert. Dieser hat seit der Übernahme durch Tesla-Gründer Elon Musk viele Werbekunden verloren und verzeichnet immer weniger Nutzer. Threads füllt gerade rechtzeitig die Lücke. In den ersten fünf Tagen nach Lancierung schaffte es die neue, von Instagram abgeleitete App, 100 Millionen Nutzer zu gewinnen. Ob es Zuckerberg im Gegensatz zu Musk gelingen wird, mit der Verbreitung von Kurznachrichten Geld zu verdienen, wird sich allerdings noch zeigen müssen. Sein KI-Modell stellt Meta den Nutzern unentgeltlich zur Verfügung.

Microsoft kündigte dagegen an, Kunden mit 30 Dollar pro Monat zu belasten, wenn sie durch KI unterstützte Anwendungen nutzen wollen: So sollen dank KI E-Mails aus Outlook zusammengefasst werden oder Word-Dokumente automatisch in Powerpoint-Präsentationen gewandelt werden können. Zuckerberg hat zudem angedeutet, dass Meta die Entwicklung mehrerer KI-Chatbots auf den Meta-Plattformen Instagram, Whatsapp und Facebook anbieten will. Der Wettlauf um die besten KI-Anwendungen läuft also auf Hochtouren.

Doch Zuckerberg will nicht nur in diesen Trendbereichen wachsen. Er versucht auch, das Maximum aus der Nutzerbasis von Meta herausholen. Schließlich nutzen 40 Prozent der Weltbevölkerung täglich Facebook, Instagram, Messenger oder Whatsapp. Marktbeobachter gehen davon aus, dass Meta als Nächstes die „Reels“ genannten Kurzfilmchen aus Instagram herauslösen und als eigenständige App positionieren wird. Auf diese Weise würde mehr Werbung verkauft – die Haupteinnahmequelle von Meta. Das könnte funktionieren: Instagram-Nutzer und Nutzerinnen verbringen fast ein Drittel ihrer Zeit mit den süchtig machenden Kurzvideos.

Nach neun Börsentagen mit Gewinnen in Folge ist dem Dow Jones Industrial am Freitag die Puste ausgegangen. Immerhin rettete der US-Leitindex noch ein Plus von 0,01 Prozent auf 35.228 Punkte über die Ziellinie. Für die Börsenwoche stand ein Gewinn von gut zwei Prozent zu Buche. Am Vortag hatte der Index den höchsten Stand seit April vergangenen Jahres erreicht. Vor der Sitzung der US-Notenbank Fed in der kommenden Woche ist die Messlatte am US-Aktienmarkt also deutlich höher gelegt. „Erkennen die Investoren, dass der Hochpunkt der Leitzinsen erreicht ist, wenden sie sich wieder stärker der Aktienanlage zu“, schrieb Chefinvestor Thorsten Weinelt von der Commerzbank. Mit einer zuletzt deutlich niedrigeren Inflation sinke für die Fed die Notwendigkeit, mit mehreren weiteren Zinserhöhungen dagegenzuhalten.

Der technologielastige Nasdaq 100 gab um 0,3 Prozent auf 15.426 Zähler nach. Am Donnerstag war der Index nach enttäuschenden Quartalsberichten von Netflix und Tesla um mehr als zwei Prozent abgerutscht. Nach mehr als 40 Prozent Plus des Index in diesem Börsenjahr sind solche kurzfristigen Verkaufswellen aber nicht außergewöhnlich. Der marktbreite S&P 500 schloss am Freitag mit minimal im Plus bei 4.536 Punkten.

Die Saison der Quartalsbilanzen setzte sich am Freitag mit den Zahlen von American Express fort. Als größter Verlierer im Dow büßten die Aktien 3,9 Prozent ein. Die Erträge des Kreditkartenriesen stiegen nicht so stark, wie von Analysten erwartet worden war. Auch bei den Papieren von SLB waren die Reaktionen auf die Quartalszahlen negativ: Die Titel des Ölfelddienstleisters, ehemals als Schlumberger bekannt, verloren 2,2 Prozent. Hier blieb der Umsatz hinter den Erwartungen zurück. Von Montag an soll die Dominanz der wenigen Giganten unter den 100 Nasdaq-Indextiteln verringert werden. Neben Tesla zählen Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Nvidia und Meta zu den „glorreichen Sieben“, die mittlerweile mehr als die Hälfte des Indexgewichts ausmachen. Am Freitag könnte es daher nochmals letzte Anpassungen in den Portfolios von Indexfonds oder sogenannten ETFs, die den Index nachbilden, gegeben haben. Die Aktien von Meta und Nvidia zeigten Schwäche.

Der Euro bewegte sich im späten US-Devisenhandel kaum und notierte zuletzt bei 1,1126 Dollar. Die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen belief sich auf 3,84 Prozent.

Zuvor hatte der DAX im späten Handel seine moderaten Tagesverluste nahezu ausbügeln können. Enttäuschende Quartalszahlen von SAP belasteten zwar den deutschen Leitindex, doch am Nachmittag kam von den freundlichen US-Börsen Unterstützung. Insgesamt aber dominierte Vorsicht das Handeln der Anleger, denn in der kommenden Woche stehen mit den Leitzinsentscheidungen in den USA und der Eurozone zwei Top-Ereignisse auf der Agenda. Diese haben das Potenzial, die Börsen kräftig in die eine oder andere Richtung zu schicken. Mit einem Abschlag von 0,2 Prozent auf 16.177,22 Punkte ging der DAX letztlich aus dem Handel. Im Wochenverlauf bedeutet das ein Plus von 0,5 Prozent. Der MDAX mit den 50 mittelgroßen börsennotierten Unternehmen schloss am Freitag mit plus 0,1 Prozent auf 28.253 Zähler kaum verändert.

Ein schleppendes Wachstum im zukunftsträchtigen Cloud-Geschäft und gesenkte Jahresziele von SAP kamen bei den Anlegern nicht gut an. Die Aktien von Europas größtem Softwarehersteller sackten als DAX-Schlusslicht zeitweise auf das tiefste Niveau seit Mitte Mai und beendeten den Tag etwas höher mit minus 4,2 Prozent. Dem Pharma- und Laborausrüster Sartorius gelang es hingegen, seine anfänglichen Verluste in Gewinne zu verwandeln. Mit einem Aufschlag von 7,7 Prozent nahm er am Ende die Spitze im DAX ein. Nach zunächst einem etwas schwächer als erwartet ausgefallenen Quartalsbericht setzte sich unter den Anlegern die Zuversicht durch, dass die Talsohle bei der Auftragslage durchschritten sei. Der Optimismus spiegelte sich auch in den Aktien des Pharma- und Spezialchemieunternehmens Merck KGaA , die mitgezogen von Sartorius um 2,4 Prozent stiegen.

Die Anteilscheine von Salzgitter sackten im SDAX zeitweise auf das tiefste Niveau seit Jahresanfang. Bereits am Donnerstagnachmittag hatten sie schwach auf Eckdaten für das erste Halbjahr reagiert. Analyst Dominic O’Kane von JPMorgan stellte die Anleger auf deutliche Korrekturrisiken ein, was die durchschnittlichen Analystenschätzungen für 2023 betreffe. Er bekräftigte außerdem angesichts der Ergebnisbelastung durch sinkende Stahlpreise sein negatives Anlageurteil. Die Aktie gab um 2,1 Prozent nach.

Vitesco erreichten im Handelsverlauf ein Rekordhoch bei etwas über 80 Euro, fielen schließlich jedoch um 2,6 Prozent. Die Übernahme von Software AG führt dazu, dass die Papiere des Automobilzulieferers am Dienstag in den MDAX aufsteigen. Das Darmstädter Software-Unternehmen wird aus MDAX und TecDAX entfernt.

Am Anleihemarkt stieg die Umlaufrendite von 2,50 Prozent am Vortag auf 2,54 Prozent.

In der neuen Börsenwoche werden die Zinsentscheidungen der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank (EZB) wohl die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Darüber hinaus stehen noch einige wichtige Konjunkturdaten an, die ebenfalls das Potenzial haben, die Aktienkurse zu bewegen. Zudem startet die Berichtssaison für das zweite Quartal durch: In den USA legen zahlreiche bedeutende Konzerne ihre Zahlenwerke vor, und auch hierzulande werden reihenweise Geschäftsberichte veröffentlicht.

Eine der zentralen Fragen am Markt ist, ob sich die Fed ab September im Kampf gegen die Inflation zu einer weniger restriktiven Geldpolitik hinreißen lässt. Allgemein wird an den Märkten aber erst einmal damit gerechnet, dass sowohl die Fed am Mittwoch als auch die EZB am Donnerstag ihre Leitzinsen noch einmal anheben werden. Ein Zinsschritt von jeweils 0,25 Prozentpunkten gilt als sicher, wodurch die EZB ihre Leitzinsen um insgesamt 4,25 Prozentpunkte angehoben hätte und die Fed sogar um 5,25 Prozentpunkte.

Die EZB hätte so laut Bernd Weidensteiner und Marco Wagner von der Commerzbank „ein in ihrer Geschichte beispielloses Tempo angeschlagen, die Fed das höchste seit langer Zeit“. Es spräche einiges dafür, dass damit der Zinsgipfel erklommen sei, konstatieren die beiden Volkswirte. In den USA seien vor allem Fortschritte bei der Inflationsbekämpfung spürbar, während in Europa Konjunktursorgen immer mehr in den Vordergrund rückten. Einfacher dürfte es wohl für die Anleger dennoch kaum werden, denn laut Claudia Windt von der Landesbank Hessen-Thüringen wird es nicht zu einer Ankündigung kommen, dass der Zinsgipfel erreicht sei. „Vielmehr dürften beide signalisieren, dass nun noch enger nach Datenabhängigkeit entschieden werden muss“, schreibt die Expertin.

Robert Greil, Chefstratege der Privatbank Merck Finck, erwartet ebenfalls keine klaren Aussagen. „Die EZB und die Fed werden sich für ihre nächsten Sitzungen im September alle Optionen offen lassen – um dann insbesondere auf Seiten der EZB wohl eine weitere Erhöhung zu beschließen“, glaubt er. Im Herbst rechnet schließlich auch Greil damit, dass angesichts der fortschreitenden Inflationsabschwächung der Leitzinsgipfel im Herbst erreicht sein wird. Danach dürfte ihm zufolge die zunehmende Konjunkturabkühlung schon rasch zu regen Diskussionen über den Zeitpunkt der ersten Zinssenkungen führen.

Abgesehen von den Notenbank-Entscheidungen der Fed und EZB kommt am Freitag auch noch jene der Bank of Japan hinzu. Außerdem gibt es noch eine Reihe an wichtigen Wirtschaftsdaten zu begutachten. So dürften die am Montag anstehenden vorläufigen Einkaufsmanager-Indizes für Deutschland und für den Euroraum im Juli wohl zeigen, dass die Euro-Wirtschaft im zweiten Halbjahr leicht schrumpfen wird. Die Inflationszahlen für Deutschland, Frankreich und Spanien, die am Freitag anstehen, sollten laut Commerzbank-Ökonom Christoph Weil einen fortgesetzten Rückgang der Teuerungsrate im Juli signalisieren. Für Deutschland steht zuvor auch noch der Ifo-Index am Dienstag auf der Agenda. Er wiederum dürfte zeigen, dass sich das Geschäftsklima das dritte Mal in Folge eingetrübt hat.

Unternehmensseitig nimmt die Berichtssaison Fahrt auf. Hierzulande werden wichtige Dax-Konzerne wie Airbus und MTU, die Deutsche Bank sowie die Autobauer VW, Porsche AG und Mercedes-Benz ihre Quartalsbilanzen vorlegen. Am Dienstag treten darüber hinaus noch Änderungen in den Indizes unterhalb des Leitindex DAX in Kraft. Nach dem Aufrücken in den MDAX macht Vitesco im SDAX den Weg frei für den Fußballverein Borussia Dortmund . Im TecDax wird die Software AG durch den Windkraft-Spezialisten PNE ersetzt.

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Kommentare ( 1 )

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Nibelung
11 Monate her

KI sieht man schon heute auf allen Ebenen wohin es führen kann, denn wer darüber das menschliche Gehirn über wenige zum erlahmen bringt, wird auch dafür sorgen daß es irgendwann mal mißbraucht wird und somit wird es auf Dauer betrachtet zu einer äußerst einseitigen Angelegenheit. Der Spieltrieb der menschlichen Spezies wird gnadenlos ausgenützt um darunter das eigene Ding zu drehen, indem die Abhängigkeit und somit die Autarkie des Einzelnen imme kleiner wird und die Individualität erlischt, was ja den Menschen ausmacht und ihn vom Ameisenhaufen unterscheidet. Wer also allen Neuerungen zustimmt, ohne es zu hinterfragen welchen Nutzen und welche Nachteile… Mehr