Gewitter an den Märkten – Abwärtsspirale oder baldige Erholung?

„Panik“ und „Ausverkauf“ sind beliebte Bilder für die dramatischen Kurseinbrüche. Aber jedem Verkäufer steht ein Käufer gegenüber - es gibt also auch kaltblütige Anleger, die auf eine baldige Erholung setzen.

JOHANNES EISELE/AFP via Getty Images

Die Wucht, mit der die Börsenkurse in der vergangenen Woche in aller Welt abstürzten, hat man lange nicht mehr gesehen. Übersehen wird in der aktuellen Berichterstattung, dass in solchen Situationen nicht – wie durch eine geheimnisvolle Macht gelenkt – „die Märkte abstürzen“; und es auch nicht so ist, dass die „Mehrheit der Marktteilnehmer“ verkauft hat. Zur Erinnerung: Jede Transaktion an der Börse braucht einen Käufer und einen Verkäufer. Wenn sich also jemand in der vergangenen Woche aus Angst entschloss, zu niedrigen Kursen zu verkaufen, stand ihm offenbar ein anderer gegenüber, der diesen Kurs als günstige Einstiegsgelegenheit bewertete. Es ist also nicht so, dass alle Investoren in Panik verfielen. Ob die coolen Käufer richtig lagen, muss sich zwar noch zeigen; auf jeden Fall haben sie sich jedoch für die Zukunft – unter der Annahme, dass nach einer kurzen Rezession weiter Dividenden gezahlt werden – günstige Renditeniveaus gesichert. Auch wenn die Börsen mit den nun zu erwartenden Gewinnwarnungen weiter stark schwanken dürften, irgendwann steht wieder ein Aufschwung an. Er könnte ebenso radikal ausfallen wie der Absturz — auch wenn das angesichts dieser historisch verlustreichen Börsenwoche gerade schwer vorstellbar ist.

Immerhin ist ein weiterer Kursverfall am US-Aktienmarkt am Freitag durch die Ankündigung von Regierungshilfe zunächst erst einmal gestoppt worden. Der Dow Jones Industrial rückte um beachtliche 9,4 Prozent auf 23.186 Punkte vor. Damit konnte der Leitindex einen Großteil der hohen Verluste vom Vortag wieder aufholen. Auf Wochensicht ist für den Dow gleichwohl ein herber Verlust von mehr als zehn Prozent aufgelaufen. US-Präsident Donald Trump hatte zuvor den landesweiten Notstand ausgerufen und ein umfangreiches Hilfspaket angekündigt. Der marktbreite S&P 500 erholte sich um 9,3 Prozent auf 2.711 Punkte. Für den technologielastigen NASDAQ 100 ging es um 10,1 Prozent auf 7.995 Zähler kräftig aufwärts.

Mit umfangreichen Maßnahmenpaketen versuchen Notenbanken, Aufsicht und Regierungen auch in Europa die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise in den Griff zu bekommen. „Wir tun alles, um unsere Wirtschaft und die Unternehmen zu stützen“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier gegenüber €uro am Sonntag. „Dabei kommen wir von einer guten Ausgangssituation, die Staatskassen sind gefüllt“. Laut Altmaier leiden vor allem Firmen aus dem Bereich Veranstaltungen, Messen und Reisen. „Hier gibt es auch keine Nachholeffekte.“ Am Freitag beschloss der Bundestag unter anderem Erleichterungen für Kurzarbeit. Die Bundesregierung hat außerdem den von der Coronavirus-Pandemie betroffenen Unternehmen unbegrenzte Hilfen zugesagt – Kreditgarantien etwa durch die staatliche Förderbank KfW, aber auch steuerliche Hilfen. Ergänzt werden könne dies durch ein Konjunkturprogramm, außerdem seien staatliche Beteiligungen an Unternehmen möglich.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte bereits am Donnerstag Liquiditätshilfen und weitere Anleihekäufe von 120 Milliarden Euro beschlossen, die Leitzinsen aber unverändert belassen – den Schlüsselzins bei 0,0 Prozent und den Einlagensatz bei minus 0,5 Prozent. Der Markt, der durch das überraschende US-Einreiseverbot für Europäer ohnehin schon stark unter Druck gewesen war, reagierte mit einem Kurseinbruch. Am Ende verlor der DAX 12,2 Prozent auf 9.161 Punkte, es war der zweitgrößte Tagesverlust in der Geschichte des Leitindex.

Laut Ifo-Präsident Clemens Fuest gehen die EZB-Beschlüsse indes in die richtige Richtung. Sie sollten vor allem Liquiditätsproblemen bei Banken und kleinen und mittleren Unternehmen entgegenwirken. Dazu trügen sowohl die zusätzlichen Anleihekäufe mit Fokus auf Unternehmensanleihen, aber auch die Erleichterungen bei der Banken-Refinanzierung bei. Weitere Zinssenkungen hätten dagegen angesichts der bereits bestehenden Negativzinsen wenig bewirkt. Stefan Schneider von der Deutschen Bank sagte, die EZB habe „derzeit realistischerweise auch nicht mehr leisten können“. EZB-Präsidentin Christine Lagarde wiederum verwies darauf, dass sie nun insbesondere die Fiskalpolitik in der Pflicht sieht. Wegen der Pandemie hatten andere große Zentralbanken wie die Fed oder die Bank of England ihre Zinsen bereits gesenkt. Auch Lagarde schloss weitere Zinssenkungen nicht aus. Die EZB senkte gleichzeitig ihre Wachstumsprognosen. Das Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone soll 2020 nur noch um 0,8 Prozent zulegen (im Dezember noch 1,1 Prozent).

Besonders stark unter Druck gerieten nach der EZB-Sitzung die Bankwerte. Der europäische Bankenindex Euro Stoxx Banks brach um 16 Prozent ein. Die Deutsche Bank verlor über 18 Prozent auf 4,87 Euro und unterschritt erstmals die Fünf-Euro-Marke. Die Commerzbank-Aktie brach um ein Fünftel auf 3,12 Euro ein. Beide Häuser sind sehr stark im Firmenkundengeschäft engagiert. Die Banken wiederum betonten, dass sie von dieser Seite derzeit wenig Störfeuer erwarteten. Deutsche-Bank-Financhef James von Moltke bekräftigte im „Handelsblatt“ die Jahresziele der Bank. Er sehe keinen Grund, sie zu revidieren, „wenn sich die Wirtschaft nach einem scharfen Einbruch wieder erholt“. Vorstandschef Christian Sewing betonte in einem Mitarbeiterbrief die Stabilität der Bank. „Wir haben eine starke Kapital- und Liquiditätsbasis und eine hohe Qualität im Kreditbuch.“ Die Bank sei „besser als vor einem Jahr für eine schwierige Phase an den Märkten aufgestellt“.

Unterdessen ist das Ökonomen-Barometer von Euro am Sonntag im März auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise vor einem Dutzend Jahren gesunken. Der Barometerwert brach um 17,9 Prozent auf 38,5 (Vormonat: 46,9) Punkte ein. Die Prognose stürzte sogar um 14,2 Punkte oder ein Drittel auf 28,7 (Vormonat: 42,9) Punkte ab. Sowohl absolut als auch relativ ist das einer der größten Rückgänge. Nur im August 2014 gab es mit 15,1 Punkten einen größeren monatlichen Rückgang der Durchschnittsprognose. Zwei Drittel der Befragten rechnen mit wirtschaftlichen Folgen mindestens bis ins zweite Halbjahr 2020. Genauso viele halten Stutzungsmaßnahmen der Regierung für erforderlich, 42 Prozent sind für ein Konjunkturprogramm, 30 Prozent für eine Lockerung der Schuldenbremse. Für EZB-Zinssenkungen sind dagegen nur 15 Prozent.

Die SARS-CoV-2-Epidemie versenkt den italienischen Fußball jetzt auch an der Börse. Nachdem die italienische Regierung das ganze Land unter Quarantäne gestellt hat, sind die Aktien der drei an der Mailänder Börse notierten Fußballklubs auf Talfahrt. So meldeten die Papiere von Juventus Turin, Lazio Rom und AS Rom schwere Kursverluste. Nach der Ankündigung, dass Juventus-Abwehrspieler Daniele Ruganipositiv auf das Coronavirus getestet wurde, brach die Juve-Aktie um acht Prozent ein. Infolge massiver Kursverluste und eines starken Rückgangs bei der Kapitalisierung wurde der prestigereiche Klub von Weltfußballer Cristiano Ronaldo vom Hauptindex FTSE MIB in die zweite Liga der Mailänder Aktien, den Mid Cap, herabgestuft. Der Wert der Aktie, die im Herbst 2018 mit dem Wechsel Cristiano Ro-naldos einen Höhenflug auf über 1,40 Euro erreicht hatte, stürzte nun auf ein Rekordtief von 0,60 Euro. Nicht besser geht es den ebenfalls an der Mailänder Börse notierten Aktien der römischen Hauptstadtklubs Lazio Rom und AS Rom. Lazio meldete drastische Kursverluste und ist nur noch einen Euro wert. Das Papier des Heimrivalen AS Rom rangiert nur noch um die 0,40 Euro. Bis vor Ausbruch der Coronavirus-Krise verhandelte AS Roms Eigentümer James Pallotta mit dem texanischen Magnaten Dan Friedkin über den Verkauf des Klubs. Die Gespräche sind nun verschoben.

Es gibt derzeit tatsächlich Krisen, die nichts mit dem Coronavirus zu tun haben. Dazu zählt der Zahlungsausfall des Libanon. Das Land am Mittelmeer sitzt auf einem Schuldenberg von rund 90  Milliarden US-Dollar, beinahe die Hälfte der Staatsausgaben gehen inzwischen für den Schuldendienst drauf. Nun hat die Regierung in Beirut die Reißleine gezogen und eine Anleihe im Wert von 1,2 Milliarden US-Dollar nicht mehr bedient. Grund für den Default des Libanon mit seinen sechs Millionen Einwohnern waren die zuletzt geringen Fremdwährungsreserven des Landes, das zu 40 Prozent im Ausland verschuldet ist. Jetzt sollen die Kreditbedingungen mit den Gläubigern neu verhandelt werden. Ziel ist es, die Schuldenquote von derzeit 170 auf 80 Prozent der Wirtschaftsleistung zu reduzieren. Die Hoffnung auf vollständige Rückzahlungen sind daher gering. So sind die Kurse der Libanon-Bonds im Schnitt auf 25 Prozent ihres Nominalwerts abgestürzt.

Vergangene Woche legte die EU ihren Abschlussbericht zur EU-Taxonomie für nachhaltiges Wirtschaften vor. Diese dient als Orientierungshilfe für Firmen und Finanzierer zur Planung von Maßnahmen, um die CO2-Emissionen bis 2050 europaweit auf Netto-Null zu reduzieren. Definiert sind Nachhaltigkeitskriterien für 70 Wirtschaftsaktivitäten in Sektoren, die 93  Prozent der europäischen Emissionen erzeugen. „Die Taxonomie stellt neue Spielregeln für die Branche auf“, so Helena Viñes Fiestas von BNP Paribas AM. Dies dürfte dem Markt für Klimaschutzanleihen, kurz Green Bonds, zugutekommen. Hier stieg das Neuemissionsvolumen 2019 im Vergleich zum Vorjahr um über 50  Prozent auf rund 260 Milliarden US-Dollar. Rund die Hälfte stammt aus Europa.​


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4 Kommentare auf "Gewitter an den Märkten – Abwärtsspirale oder baldige Erholung?"

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Altmeier: „Wir tun alles, um unsere Wirtschaft und die Unternehmen zu stützen“. Korrektur: „Wir tun alles, um unsere Wirtschaft und die Unternehmen zu stürzen“

Der Tourismus und die Reisen tragen in den EU-Ländern 10-20% zum BIP bei – jetzt ist alles eingebrochen. In manchen Ländern sind nur noch Lebensmittelmärkte und Apotheken geöffnet. Dies schafft einen gewaltigen realen Einbruch, der noch jahrelang unsere Wirtschaft belasten wird.

Die britische Strategie ist viel besser – nur die wirklich notwendigen Einschnitte und möglichst rasch durch die Krankheit kommen.

Exponentielle Entwicklungen können Menschen nicht gut imaginieren. Wir sind in der Lage, sie zu errechnen (jedenfalls die entsprechend geschulten Leute), aber wir „fühlen“ sie nicht. Dabei ist das „Sentiment“ ein entscheidender Faktor an der Börse, es geht nicht um Tatsachen, sondern um deren Einordnung und vorausschauende Bewertung unter dem Gesichtspunkt, was die Anderen wohl glauben. Wenn man die Tatsachen schon nicht richtig vermutet, kann man die Bewertung durch Andere nicht zutreffend einschätzen. Ob die Algorithmen solche Fälle umfassen, weiß auch keiner.

Deshalb nehme ich an, daß eine Vielzahl von Marktteilnehmern das Ausmaß der Krise am Freitag noch grob unterschätzt hat.

Ein ganz netter Artikel, der elegant die volkswirtschaftlichen Ungleichgewichte durch übereifrige Notenbanken („Zombifizierung von Unternehmen“) umschifft.