Erstaunlich feste Finanzmärkte nach einem schwierigen ersten Quartal 2022

Der Krieg in der Ukraine und Ängste vor einem Erdöl- und Erdgas-Lieferstopp treiben die Preise in die Höhe. Aber die Finanzmärkte zeigen sich gegen die Folgen des Krieges nach einem ersten Schreckens-Taucher erstaunlich widerstandsfähig.

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Die jüngsten Inflationsdaten für Deutschland hatten schon Ungutes erahnen lassen. Am Freitag dann bestätigte die Statistikbehörde Eurostat das schlechte Gefühl. Die Inflation ist in den Euro-Ländern im März auf 7,5 Prozent gestiegen. Vergleichbar hohe Werte gab es zuletzt Anfang der 1990er. Insbesondere die Energiepreise verteuerten sich um fast 50 Prozent. Es ist ein Effekt, den mittlerweile jeder Autofahrer an der Tankstelle schmerzhaft erlebt. Der Krieg in der Ukraine und Ängste vor einem Erdöl- und Erdgas-Lieferstopp treiben die Preise in die Höhe (siehe auch die Diskussion zu diesem Thema in der jüngsten Sendung von Tichys Ausblick).

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Auch die Preise für Nahrungsmittel, Dienstleistungen und Industriegüter wachsen deutlich schneller als um die zwei Prozent, die die Europäische Zentralbank (EZB) als ihren Zielwert definiert hat. Damit dürfte sich nun der Druck auf die EZB noch einmal erhöhen, ihre lockere Geldpolitik schneller als bislang angekündigt zu beenden und die Zinsen zu erhöhen. „Das Schlüsselwort, das wir im Moment haben, ist Unsicherheit“, sagte die EZB-Präsidentin Christine Lagarde vor wenigen Tagen. Bis vor wenigen Monaten sei man sich ziemlich sicher gewesen, wie stark der Aufschwung sein würde. Doch der Krieg sei ein exogener Schock für alle Volkswirtschaften, auf den man nun reagieren müsse, sagte Lagarde.

Manchmal schadet es nicht, sich angesichts dieser Umstände daran zu erinnern, was der Markt in der Vergangenheit für Signale aussendete. Im vergangenen Herbst zum Beispiel kündigte die US-Notenbank eine schrittweise Reduzierung der Anleihekäufe an. Die Börsen stiegen trotzdem weiter, und der marktbreite S+P 500 Index beendete das Jahr 2021 auf einem Allzeithoch.

Auch gegen die Folgen des Ukraine-Krieges zeigen sich die Märkte nach einem ersten Schreckens-Taucher erstaunlich widerstandsfähig. Am Freitag zeigten sich die US-Börsen allerdings weitgehend richtungslos. Sie schwankten zwischen moderaten Gewinnen und Verlusten und gingen dann mit positiven Vorzeichen aus dem Handel. Robuste Daten vom Arbeitsmarkt für den Monat März stützen. Zum Start in den April legte der Dow Jones um 0,4 Prozent auf 34.818 Punkte zu. Der S+P 500 rückte um 0,3 Prozent auf 4.546 Punkte vor. Der NASDAQ 100 stieg um 0,2 Prozent auf 14.861 Punkte.

Der Blick auf den US-Arbeitsmarkt wies auch für März auf einen Erholungskurs hin: Die Arbeitslosigkeit ging weiter zurück und nähert sich rapide dem Niveau, das sie vor der Corona-Pandemie hatte. Die Beschäftigung stieg weiter an, wenn auch etwas schwächer als von Analysten erwartet. Die Experten von Helaba sprachen von einer „robusten Verfassung“.

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Unternehmensseitig lagen im Dow gegen Handelsschluss die Aktien der Telekomgesellschaft Verizon mit plus 2,3 Prozent an der Spitze. Schlusslicht waren die Papiere des Chipherstellers Intel mit minus 2,9 Prozent. Apples schwächelten mit minus 0,2 Prozent nach ihrer jüngsten Elftagesrally. Diese hatte die Aktie des iPhone-Herstellers wieder nahe an ihr Rekordhoch von Anfang Januar gebracht. Womöglich belastete, dass JPMorgan-Experte Samik Chatterjee das Unternehmen von der „Analyst Focus List“ gestrichen hatte. Dafür nahm er die Papiere der Kommunikationsnetzwerk-Ausrüster Ciena und Arista auf. Ciena legten um 0,7 Prozent zu und Arista um 0,4 Prozent.

Außerhalb der großen Indizes schossen unter den Einzelwerten die Papiere von Game Stop zum Handelsstart um 14 Prozent nach oben, beendeten den Tag dann aber ein Prozent schwächer. Die Handelskette für Computerspiele plant einen Aktiensplit, um die aktuell 165 Dollar teure Aktie wieder besser handelbar und damit für Kleinanleger interessanter zu machen. Die Aktie ist allerdings stark schwankungsanfällig, wie neben dem Blick auf den Freitag auch der bisherige Jahresverlauf zeigt. Nachdem sich das Papier bis Mitte März fast halbiert hatte, kletterte es allein im Verlauf dieser Handelswoche wieder um ein Drittel nach oben.

Der Dax hatte zuvor nach zwei verlustreichen Börsentagen wieder etwas zugelegt. Der deutsche Leitindex schloss 0,2 Prozent im Plus bei 14.446 Punkten. Nach kräftigen Aufschlägen zum Wochenanfang und anschließenden Verlusten ergibt sich so für den Dax ein Wochenplus von ein Prozent. Der MDAX der mittelgroßen Börsentitel stieg am Freitag um 0,6 Prozent auf 31.193 Zähler.

Bei den Einzelwerten am deutschen Markt sorgten Analystenkommentare für Bewegung. Allianz-Aktien gewannen 0,7 Prozent, nachdem sich die Citigroup positiv zu den Papieren des Versicherers geäußert hatte. Die Anteilsscheine der Deutschen Bank stiegen um 2,7 Prozent, hier hatten die Experten von JPMorgan fast 30 Prozent Aufwärtspotenzial für den Kurs ausgemacht. Commerzbank-Papiere kletterten an der Spitze des MDAX um 3,6 Prozent nach oben. Am Index-Ende fielen die Aktien von Jungheinrich um fast fünf Prozent. Die Bank of America hatte ihr negatives Votum für den Logistikspezialisten bekräftigt und das mit Lieferengpässen begründet.

Der marktbreite europäische Aktienindex STOXX 600 beendete sein schlechtestes Quartal seit 2020, als der Ausbruch des Coronavirus die Börsen auf Talfahrt schickte. Seit Jahresbeginn hat er knapp sieben Prozent verloren und sich damit bereits deutlich vom Jahrestiefstand bei minus 17 Prozent erholt.

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Kommentare ( 10 )

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fatherted
1 Monat her

Was man so liest….hat Evergrande weiterhin schwere Probleme….die durch Stundung der Gläubiger einfach „übergangen“ werden. Wie bei der Finanzkrise 2008 geht alles gut, bis ein kleiner Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt…das sind keine Fundamentaldaten oder ähnliches…das wird ein kleiner geplatzter Kredit oder ähnliches sein…..

Schlaubauer
1 Monat her

Man verdient vielleicht einfach nur prächtig an den Krisen, die ja jeden Tag dank der besten Politiker, die das beste Deutschland aller Zeiten je hatte, neue Krisen geschaffen werden. Beispiel Dünger. Obwohl er seit einem halben Jahr knapp ist, die Preise sich verdreifacht haben, drosseln die Werke in Europa die Produktion.

H. Meier
1 Monat her

Haha, das passt. 14% Kursgewinn für die Branche mit den Computerspielen, in der Kultur der adipösen Konsumenten in MickeyMouseLand.
Nebenbei, wer kauft eigentlich zu den niedrigen Preisen, aus den Langfristigen Lieferverträgen, die erheblichen Liefer-Kontingente nach Europa an Gas und Öl für Europa auf?
Werden diese dann zum zigfachen Preis, in der Besatzungszone den Nachfragern angeboten? Oder was geht da so vor sich?
Es muss doch eine einfache Ursache für die dramatischen Preiserhöhungen=Gewinnsprünge geben, die Inflation antreibt.

RMPetersen
1 Monat her

Das ist doch beruhigend: Die Preise explodieren, wichtige Rohstoffe werden knapp, irgendwelche US-Strategen sehen einen Atomkrieg in Europa kommen, aber die Börsenkurse steigen.
„Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen, wenn die Violinen spielen.“. Kalman Mayer Rothschild (1788 – 1855) 

Roland Mueller
1 Monat her

Die Finanzmärkte reagieren wie die Passagiere auf der Titanic. So lange, wie die Musik spielt, tanzen sie weiter.

Ticinese
1 Monat her

Bei steigender Inflation steigen viele aus Anleihen mit massiver negativer Realrendite aus und gehen in die Aktienmärkte.
Die EZB kann zwecks Staatsfinanzierung der Südstaaten im Gegensatz zum FED nicht reagieren. Der Krieg trifft Europa mehr als die Amis.
Der weitere Abwärtstrend des Euro könnte noch zunehmen – so dass viele Analysten Aktien von soliden US-Werten und als Sicherheit Gold empfehlen.

Roland Mueller
1 Monat her
Antworten an  Ticinese

Ohne russisches Öl, russisches Gas und russische Kohle zerbröseln die Aktienkurse ebenfalls. Übrigens bettelt der Sleepy Joe derzeit vergeblich um Öl in Ländern, die er bis vor kurzem als Schurkenstaaten verunglimpft hat und deren Regierungen er stürzen wollte. Mit der Freigabe der Reserven will er sich nur noch über den nächsten Wahltermin retten. Das ist nur ein bisschen Strohfeuer.

Ticinese
1 Monat her
Antworten an  Roland Mueller

Die USA sind der grösste Ölproduzent der Welt und exportieren es.
Dagegen sitzt Deutschland dank eurer korrupten Politiker in der Öl – und vor allem Gasfalle.
Und Kohle gibt es weltweit im Überfluss. Wenn es die deutsche Regierung verschmäht, muss das Volk halt leiden.

H. Meier
1 Monat her
Antworten an  Roland Mueller

Genug Energie zu haben ist wie das Glück zu haben, keine Idiot zu sein. Wir haben leider das Pech zu wenig intelligente Politiker zu haben, aber wir werden von noch dümmeren Maulhelden drangsaliert. Ich bleibe optimistisch, die Zeit ist auf unserer Seite, wir haben schon soviel tolle intelligente Genies in unserer Geschichte gehabt. Die unsere Gegner, beim besten Willen nie vorzuweisen haben. In acht Generationen, an US-Tradition, was reift denn da?

Kuno.2
1 Monat her

Die Märkte werden nicht mehr lange so hoch bleiben können.
Denn erstens fallen bei vielen Unternehmen die Dividenden aus und zweitens sorgt allein der Crash am Anleihemarkt dafür.