DAX mit Wochengewinn von elf Prozent, Nasdaq auf Alltime-High

Der DAX ist nicht zu stoppen. In dieser Woche hat der Index ziemlich lässig die Marke von 12.000 Punkten durchbrochen. Seit der letzten großen Panikattacke Mitte März hat er um gut 50 Prozent zugelegt. Mit der Aktie des Chipherstellers Infineon, dem Top-Performer der DAX-Rally, haben Anleger sogar doppelt so hohe Gewinne erzielen können.

© Getty Images

Skeptiker verdrehen angesichts der starken und schnellen Aufwärtsbewegung die Augen: Ist die Rally wirklich rational angesichts der großen ökonomischen Schäden der Corona-Krise? Sind Börsianer mal wieder übergeschnappt? Wer nur auf die vergangenen knapp drei Monate blickt, übersieht, dass der DAX seit Jahresbeginn noch immer im Minus liegt. Ist es möglich, dass die wirkliche Übertreibung der Absturz gewesen ist? In einer Welt, in der Notenbanken und Staaten die Wirtschaft in beispiellosem Maß stimulieren, könnte der DAX tatsächlich wertvoller sein als zu Jahresbeginn.

Der Dax stieg am Freitag jedenfalls den vierten Tag in Folge kräftig um diesmal 3,4 Prozent auf 12.848 Punkte. Damit summiert sich der Wochengewinn auf fast elf Prozent – das war die beste Börsenwoche seit Anfang April. Der deutsche Leitindex hat somit den historisch beispiellosen Corona-Crash fast schon wieder aufgeholt. Der MDAX rückte um 1,6 Prozent auf 27.200 Zähler vor. Der Index der mittelgroßen Börsentitel ist damit wie der Dax auf das Niveau von Ende Februar zurückgekehrt, als die vom Coronavirus ausgelöste Börsenkrise so richtig Fahrt aufnahm.

Auch am US-Aktienmarkt scheinen die Corona-Sorgen derzeit wie weggeblasen. Am Freitag ging es für die Indizes nach einer extrem positiven Überraschung am US-Arbeitsmarkt weiter bergauf. „Schon die bisherige Aufholjagd nach dem Corona-Crash sprengt die Vorstellungskraft. Börse und ökonomische Realität scheinen aktuell so weit auseinander zu driften wie schon lange nicht mehr“, kommentierten die Charttechnik-Experten von Index Radar.

Der technologielastige NASDAQ 100 kletterte im Verlauf erneut auf ein Rekordhoch und schloss mit plus zwei Prozent auf 9.824 Punkten. Für den marktbreiten S&P 500 ging es um 2,6 Prozent auf 3.194 Zähler hoch. Noch stärker präsentierte sich der Leitindex Dow Jones Industrial, der um 3,15 Prozent auf 27.111 Punkte anzog. Auf Wochensicht ist dies für den Dow mit einem Zuwachs von fast sieben Prozent die beste Bilanz seit knapp zwei Monaten. Trotz Corona-Krise und entgegen den Markterwartungen war die Arbeitslosigkeit in der größten Volkswirtschaft der Welt im Mai gesunken. Zudem bauten die Unternehmen wieder Beschäftigung auf, nachdem sie im Vormonat massiv Stellen gestrichen hatten.

Die Aktien der US-Luftfahrtgrößen Boeing und American Airlines legten auch zum Wochenausklang deutlich zu mit jeweils mehr als elf Prozent. Sie profitierten weiter von der allmählichen Rückkehr der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens in die Normalität. Investoren schichteten nun wieder um von den bisherigen Krisengewinnern und sogenannten „Stay-at-Home-Aktien“ in solche Werte, die sich in Zeiten einer Normalisierung wieder besser entwickeln dürften, sagte Analyst David Madden von CMC Markets UK.

Angesichts der gigantischen Hilfspakete von Notenbanken und Staaten wächst die Angst, dass diese Geldschwemme zu einer steigenden Teuerung führt. Zumindest kurzfristig deutet aber nichts darauf hin. So lag die Inflationsrate in der Eurozone im Mai nach einer vorläufigen Schätzung bei 0,1 Prozent und damit sehr weit weg vom selbst gesteckten Ziel der EZB von zwei Prozent. Vor allem die gesunkenen Energiepreise machen den Notenbankern derzeit einen Strich durch die Rechnung. Und langfristig? Hier spielt eine übergeordnete Entwicklung eine entscheidende Rolle, meint Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Gruppe. Seiner Meinung nach wird auf Sicht der kommenden Quartale und möglicherweise Jahre wie schon in den vergangenen Wirtschafts- und Finanzkrisen in Europa der Lohnauftrieb sehr schwach ausfallen. „Häufig liegt sogar die Reallohnentwicklung nach schweren Rezessionen zunächst einmal im negativen Bereich.“ Die EZB wird also wohl trotz ihrer schweren geldpolitischen Geschütze keine Inflation bekommen. „So sehr die EZB-Chefin Christine Lagarde auch bemüht ist, die Teuerungsrate auf höhere Niveaus zu bringen: Vorerst wird ihr das nicht gelingen“, so Gitzel.

Auch die US-Notenbank tut alles in ihrer Macht stehende, um die Finanzmärkte zu stabilisieren. Daher hatte die Fed im März entschieden, zum ersten Mal in ihrer 107-jährigen Geschichte Unternehmensanleihen aufzukaufen. Das 700-Milliarden-US-Dollar schwere Programm sieht vor, vor allem illiquide Investment-Grade- und High-Yield-ETFs zu kaufen. Zwischen dem 12. und 19. Mai hat die Fed nun die ersten 1,6 Milliarden US-Dollar in ETFs investiert. Dabei hat die Fed in acht iShares-, drei SPDR-, zwei Vanguard- und jeweils einen VanEck- und -Xtrackers-Anleihe-ETF investiert. Nun wartet der Markt auf den Start des Kaufs einzelner Unternehmensanleihen durch die US-Notenbank.

Die Marktkapitalisierung der 100 wertvollsten Aktiengesellschaften der Welt lag Ende März 2020 bei rund 21,5 Billionen Dollar. Das ist trotz des Corona-Rücksetzers ein Plus von rund 400 Milliarden US-Dollar gegenüber dem Vorjahr und eines der Kernergebnisse des diesjährigen „Global Top 100“-Rankings der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. Ohne den neu an der Börse notierten Spitzenreiter Saudi Aramco wäre die Bilanz allerdings negativ ausgefallen. Die aktuelle Analyse vergleicht die Unternehmenswerte vom 31. März 2020 mit den Werten vom 31. März 2019. Dabei fällt Europa besonders auf, da sich hier der Corona-Lockdown negativ auswirkte: Die summierte Marktkapitalisierung der im Ranking vertretenen europäischen Werte fiel binnen zwölf Monate um 956 Milliarden Dollar, ein Minus von 25 Prozent. Bereits im sechsten Ranking-Jahr in Folge stammt mehr als die Hälfte der weltweit wertvollsten Aktiengesellschaften aus den USA — diesmal waren es 57 Konzerne. Dennoch war Ende März 2020 weder ein amerikanischer noch ein Tech-, Finanz- oder Gesundheitskonzern global das wertvollste Unternehmen, sondern mit Saudi Aramco die größte Erdölfördergesellschaft der Welt. Der Wert des Giganten lag zum Stichtag bei 1,6 Billionen Dollar.


Weitere Meldungen und Kommentare zu Wirtschaft und Börse lesen Sie auf unserer Partner-Site

www.boerse-online.de

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 5 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

5 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Landdrost
4 Jahre her

Für mich als Investor völlig irrational. Natürlich gibt es Bereiche, die von Corona nicht direkt betroffen sind, wenn man aber berücksichtigt, dass es vorher schon Unwägbarkeiten ohne Ende gab (Zerstörung der deutschen Autoindustrie, Handelsstreit China-USA, Brexit etc.), wird es eine massive Pleitewelle bzw. Verstaatlichungswelle geben. Ich arbeite im Bankbereich und wenn man sieht, wie da die Risikovorsorge nur aufgrund von Bonitätsverschlechterungen hochgeht, wird einem anders. Es wird eine Marktbereinigung geben mit entsprechenden Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt und beim Konsum. Meines Erachtens wird es zeitverzögert auch noch einen neuen Tiefpunkt bei den Börsen geben, wenn offensichtlich ist, dass es für viele… Mehr

country boy
4 Jahre her

Sind die Börsianer wahnsinnig geworden? Erst vor kurzem hat hier bei TE der Steuerprofessor Stefan Homburg doch klar gemacht, dass unsere Wirtschaft schlechter dasteht als 1945.

Albert Pflueger
4 Jahre her

Wer die Inflation nur nach einem Warenkorb aus Konsumprodukten berechnet, bleibt natürlich blind für den Ort ihres Wirkens, nämlich die Vermögenspreise. Die aktuelle Aktienhausse ist nichts weiter als ein ganz offensichtlicher Ausdruck dieser Entwicklung, oder glaubt irgendjemand, daß es die blendenden Geschäftsaussichten sind, die die Kurse treiben? Irgendwo muß das Inflationsgeld ja hin, das die Notenbanken in die Welt bringen.

Rick Sanchez
4 Jahre her

Da fällt mir folgende Überschrift ein: „Corona-Billionen: Was, wenn die Irren nicht irren?“ https://www.achgut.com/artikel/corona_billionen_was_wenn_die_irren_nicht_irren Es sieht irgendwie ganz danach aus. Ich sehe die Leute nur wie irre Einkaufen, viele sind zwar bis zum bersten genervt weil die Schlangen so lang sind, aber sonst? Die Maskenpflicht scheint auch kaum mehr zu stören, ist jetzt halt ein Modeartikel, mit witzigen Motiven und so…. Nix ist kaputt, ganz im Gegenteil, hier in Lübeck wird wie noch nie gebaut, Strassen Saniert, hat man nicht gesehen. Die meisten Arbeiten wieder, nach einem durchaus willkommenen Langurlaub, viele hatten 4-6 Wochen Frei für 80% ihres Lohns, hätte… Mehr

Schiffskoch
4 Jahre her

Hier entsteht gerade eine Blase, aber wer will kann da ja gerne mitmachen.
Die großen US – Unternehmen unterstützen gerade mit gigantischen Summen die kriminelle „Black live Matters“ – Bewegung, sie bedanken sich jetzt dafür, dass man ihre Ladenlokale geplündert hat. Die „zweite Welle“ wird kommen, nicht bei Corona, aber bei den Pleiten…