Börse: Wetterbericht für den gewohnt stürmischen Oktober

Oktober-Blues wegen Handelsstreit; Konjunkturindikatoren zeigen nach unten. Aktuelle Zahlen und Fakten von BASF, Commerzbank, ExxonMobile, Lufthansa, Micron, Osram, Wells Fargo.

BRYAN R. SMITH/AFP/Getty Images

Für die US-Investmentbank Goldman Sachs ist die Sache klar: Der Oktober wird wild. Ganz neu ist die These nicht, schließlich gilt der Börsenmonat, der ab Dienstag ins Haus steht, als Crash-Monat schlechthin. Der „Schwarze Donnerstag“ am 24. Oktober 1929 löste die erste Weltwirtschaftskrise aus. Am „Schwarzen Montag“, dem 19. Oktober 1987, rauschte der Dow Jones um über 20 Prozent in die Tiefe. Im Oktober 2008 gingen nach der Lehman-Pleite erst die Kurse, dann die Weltwirtschaft in die Knie. Einen Crash sieht Goldman 2019 zwar nicht, doch John Marshall, leitender Derivateexperte des Hauses, weist auf die historisch um 25 Prozent erhöhte Volatilität des Markts in diesem Monat hin. 2019 dürfte für die Statistik kein Ausreißer werden, wenn man sich das Umfeld anschaut: Der Handelskonflikt zwischen den USA und China lässt Börsianer je nach Signal rasch von der Bullen- auf die Bärenseite wechseln und umgekehrt. Die Konjunktur hat sich einen Herbstschnupfen eingefangen, jedenfalls jene in Europa und China. Und die Brexit-Saga könnte gegen Monatsende auf ein dramatisches Finale zulaufen. An der Wall Street wackelte es im Wochenverlauf schon mal.

Und auch am Freitag war es ​die Furcht vor einer Verschärfung des Handelskonflikts mit China, der die US-Aktienmärkte teils deutlich ins Minus gedrückt. Unter Druck gerieten insbesondere die stark konjunkturabhängigen Technologiewerte, die zudem unter einem enttäuschenden Ausblick des Chipherstellers Micron Technology litten.
Der US-Leitindex Dow Jones Industrial fiel nach einem freundlichen Start um 0,3 Prozent auf 26.820 Punkte. Auf Wochensicht bedeutet dies ein Minus von 0,4 Prozent. Der marktbreite S&P 500 büßte am Freitag 0,5 Prozent auf 2.962 Punkte ein. Für den technologielastigen NASDAQ 100 ging es sogar um 1,2 Prozent auf 7.682 Zähler nach unten.

Die US-Regierung denkt einem Medienbericht zufolge über die Begrenzung amerikanischer Kapitalströme in Richtung China nach. Entsprechende Diskussionen würden derzeit in der Trump-Administration geführt, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Bezug auf informierte Kreise. Eine Möglichkeit sei demnach, Aktien chinesischer Unternehmen nicht mehr an amerikanischen Börsen handeln zu lassen. Zudem könnte das Engagement amerikanischer Pensionsfonds in chinesischen Märkten begrenzt werden.

Vor den Medienberichten zufolge für den 10. und 11. Oktober angesetzten Verhandlungen zwischen den USA und China auf ranghoher Ebene gebe es keine Ruhepause, schrieb Marktanalyst Edward Moya vom Handelshaus Oanda. Das Weiße Haus versuche nun, seine Verhandlungsposition mit einer frischen Drohung zu verbessern, die chinesische Unternehmen sehr hart treffen würde. Sollten die Aktien chinesischer Firmen tatsächlich vom Börsenhandel in den USA ausgeschlossen werden, wäre das aus Sicht von Moya katastrophal für die US-Wirtschaft. Falls zudem amerikanische Pensionsfonds nur noch einen beschränkten Zugang zu den chinesischen Märkten haben sollten, wären die Auswirkungen auf den Technologiesektor letztlich ebenfalls verheerend.

Micron Technology hatte bereits vor Handelsbeginn davor gewarnt, dass sich der Abschwung in der Chipbranche durch die Spannungen in den globalen Handelsbeziehungen noch weiterziehen könnte. Die Aktien knickten als Schlusslicht im Nasdaq 100 um rund elf Prozent ein.

Angesichts der kolportierten Überlegungen des Weißen Hauses trennten sich die Anleger zudem von Aktien chinesischer Unternehmen. So sackten die Anteilscheine des E-Commerce-Konzerns JDcom um fast sechs Prozent ab. Für die Papiere des Internetunternehmens Netease ging es um 4,6 Prozent nach unten und die Aktien des Suchmaschinenbetreibers Baidu verloren 3,7 Prozent.

Im Dow standen die Aktien von ExxonMobil 0,7 Prozent im Plus. Der Ölkonzern hatte den Verkauf seiner norwegischen Aktivitäten in die Wege geleitet.

Eine Personalie ließ den Kurs von Wells Fargo um fast vier Prozent steigen. Die Bank bekommt einen neuen Chef: Der bisherige Vorstandsvorsitzende der Bank of New York Mellon, Charles Scharf, übernimmt die Führung zum 21. Oktober. Wells Fargo hatte seit dem Rücktritt von Vorstandschef Tim Sloan im März nach nur zweieinhalb Jahren einen Nachfolger gesucht. Sloans Amtszeit war von einer Affäre um fingierte Konten geprägt, die zu zahlreichen Entlassungen sowie Klagen und Strafen geführt hatte. Mit Scharf will das Finanzinstitut nun eine neue Ära einleiten.

Die Furcht vor einer Rezession in Deutschland, aber auch in Europa hat sich zuletzt weiter verschärft. Der Ifo-Index hat sich zwar ein wenig erholt, und das Konsumklima in Deutschland hält sich dank niedriger Arbeitslosigkeit und gestiegener Löhne noch auf hohem Niveau, aber die Warnzeichen häufen sich. So ist der Einkaufsmanagerindex des Finanzdienstleisters IHS Markit, der die Geschäftstätigkeit der Industrie und des Dienstleistungssektors misst, im September um 2,1 Prozent gesunken — so stark wie seit der Finanzkrise im Jahr 2009 nicht mehr. Der deutsche Markt erreicht nur noch 41,4 Punkte. Ein Wert von 50 Punkten steht für Stillstand, alles darunter für eine schrumpfende Wirtschaft bis hin zur Krise. In der Eurozone sieht es nicht viel besser aus. „Da die beschleunigte Talfahrt der Industrie den Servicesektor zunehmend in Mitleidenschaft gezogen hat, kam das Wachstum der Eurozone im September nahezu zum Erliegen“, sagt Markit-Ökonom Phil Smith. Die Anleger haben schon reagiert. So vermeldet der Vanguard FTSE Europe ETF, der wichtigste börsennotierte Indexfonds für europäische Aktien, deutliche Mittelabflüsse. Im September sind über 400 Millionen Euro abgezogen worden, das größte Minus in diesem Jahr.

Gleichwohl schloss der DAX am Freitag mit einem Plus von 0,8 Prozent auf 12.381 Punkte. Der deutsche Leitindex profitierte auch zum Wochenausklang von den Erwartungen auf Fortschritte beim Handelsstreit zwischen den USA und China. Für weiteren Rückenwind sorgte ein schwacher Euro. Dieser notierte mit 1,0903 Dollar so niedrig wie seit fast zweieinhalb Jahren nicht mehr.

Im Dax führten die Aktien von Lufthansa und BASF die Gewinnerliste an. Der Chemieriese steht trotz eines anhaltend schwierigen Umfelds zu seinen Prognosen und will mittelfristig die Dividende steigern. Auch Konkurrent Covestro legte deutlich zu. Der enttäuschende Ausblick des US-Konkurrenten Micron setzte hingegen europäischen Chip-Herstellern zu. Die Aktien von Infineon lagen mit einem Minus von 1,2 Prozent am Dax-Ende.

Im Bieterkampf um Osram erhöhte AMS sein Gebot um den angeschlagenen Lichtkonzern. Unmittelbar vor Ablauf der Angebotsfrist am Dienstag stockte AMS seine Offerte am Freitag von 38,50 auf 41 Euro je Aktie auf: Für nunmehr 4,6 Milliarden Euro wollen sie den Münchner Konzern komplett übernehmen.

Nach der geplatzten Fusion mit der Deutschen Bank versucht sich die Commerzbank mit einem tiefgreifenden Umbau gegen die Niedrigzinsen und die harte Konkurrenz zu stemmen. Zugleich stimmt das Geldhaus seine Kunden auf Gebührenerhöhungen ein. Die Bank werde „Preisänderungen vornehmen“, sagte Vorstandschef Martin Zielke am Freitag in Frankfurt, versicherte jedoch: „Das ist nicht der Einstieg in den Abschied vom kostenlosen Girokonto.“ Für die Kunden der Online-Tochter Comdirect, die bald ganz in der Commerzbank aufgehen soll, werde sich an den Konditionen nichts ändern.

Doch was, wenn sich der konjunkturelle Abschwung nun tatsächlich einstellen sollte?Mit welchen Maßnahmen könnte die Europäische Zentralbank unter der zum 1. November von Mario Draghi übernehmenden neuen Präsidentin Christine Lagarde ihm entgegenwirken? Massive Leitzinssenkungen, das früher bewährte Mittel, um der kränkelnden Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen, stehen nicht zur Verfügung, da der Leitzins schon vor Beginn des Abschwungs bei Null Prozent liegt.

Eine Alternative wäre der massive Kauf von Anleihen und Aktien. Laut JP Morgan-Volkswirt David Mackie müsste die EZB aber 1,5 Billionen Euro investieren, um denselben Effekt im Markt wie bei einer Zinssenkung von 100 Basispunkten zu erzielen. Da in früheren Rezessionsphasen die Leitzinsen um knapp 400 Basispunkte im Schnitt gesenkt wurden, müssten die Frankfurter Notenbanker daher insgesamt sechs Billionen Euro investieren, um die Konjunktur zu stützen. Das sind zwar Zahlenspielereien, sie illustrieren aber, dass der Instrumentenkasten der EZB leer ist.

Viel wird in diesen Tagen zum Thema Nachhaltigkeit gesagt und geschrieben. Meist geht es dabei um die Umwelt, weniger um die Finanzen. Zu Unrecht: Eine Studie der Deutschen Bank zeigt eine in der Tat besorgniserregende Entwicklung. So ist der Schuldenstand von zwölf wichtigen Industriestaaten wie den USA, Deutschland und Japan seit der Finanzkrise auf 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Das ist der höchste Stand seit 150 Jahren mit Ausnahme des Zweiten Weltkriegs. Ein schneller Abbau der Verbindlichkeiten erscheint in den kommenden Jahren auch angesichts der sich eintrübenden Konjunkturaussichten eher unwahrscheinlich. Und: „Früher haben Regierungen in Friedenszeiten typischerweise Überschüsse erwirtschaftet“, erklärt Deutsche-Bank-Volkswirt Jim Reid, der Autor der Studie. „Doch moderne Demokratien und der Sozialstaatsgedanke machten nun in vielen Ländern Defizite zur Regel.“


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