Börse: Amerika überrascht mit starken Wirtschaftsdaten

US-Wirtschaft mit zahlreichen neuen Arbeitsplätzen trotz weltweiter Konjunktursorgen: Trumps Triumph ist des Aktionärs Freude, die auch aus Deutschland unterstützt wird.

Bryan R. Smith/AFP/Getty Images

Die Woche begann an der Wall Street mit Verlusten. Dass Trump nach den Zwistigkeiten mit China gleich mehrere neue Fronten in seinem multilateralen Zollkrieg aufmachen würde — Frankreich, Brasilien, Argentinien —, war schon ein wenig überraschend. Doch es bleibt dabei: Der US-Präsident marschiert unweigerlich auf das Wahljahr 2020 zu, seine Manöver werden sich zunehmend als Scheingefechte entpuppen. Die Börsenwoche wechselte bis Redaktionsschluss die Farbe nicht mehr, der breite US-Index S & P 500 landete im Minus, der DAX ebenfalls. Dabei ist der Dezember in New York und Frankfurt statistisch gesehen ein guter Monat, der DAX legte im Rückblick durchschnittlich um knapp ein Prozent zu.

Wer sich noch an das vergangene Jahr erinnert, weiß allerdings, dass Durchschnitte nichts über den Einzelfall sagen. 2018 verlor der S & P in der ersten Dezemberwoche 4,6  Prozent, der DAX stürzte mit minus 4,2  Prozent ab. Die Wall Street büßte im Monat Dezember insgesamt zehn, der DAX sechs Prozent ein. Insofern sollte man sich nicht grämen, wenn die Rally in diesem Jahr im Advent einmal kurz Pause macht.

Am Freitag war jedenfalls schon wieder alles eitel Sonnenschein. Nach einem starken Arbeitsmarktbericht ging die Woche versöhnlich zu Ende. Der Dow Jones Industrial schloss 1,22 Prozent höher bei 28.015 Punkten. Er kehrte damit über die 28.000-Punkte-Marke zurück. Zum jüngst erreichten Rekord fehlen nun nur noch knapp 160 Punkte. In der Wochenbilanz konnte er sein Minus, das dem Kursrutsch zu Wochenbeginn geschuldet ist, auf nur noch 0,1 Prozent eingrenzen.

Der Grund für den Anstieg: Die US-Wirtschaft hat im November deutlich mehr Arbeitsplätze geschaffen als erwartet. Bernd Krampen von der NordLB zeigte sich durchaus überrascht. „Die weltweiten Konjunktursorgen prallen offenbar an den Büros der Personalabteilungen völlig ab“, so der Experte. Für den marktbreiten S&P 500 ging es um 0,9 Prozent auf 3.146 Punkte aufwärts. Der technologielastige NASDAQ 100 rückte um gut ein Prozent auf 8.397 Zähler vor.

Mit Blick auf den Handelsstreit kam zumindest keine neue Stolperfalle, die dem Anstieg hätte im Wege stehen können. Als nächster Stichtag gilt hier der 15. Dezember wegen einer dann von den USA vorgesehenen Zollerhöhung auf chinesische Waren. US-Präsident Donald Trump hatte am Vortag einen guten Verlauf der Gespräche mit China betont.

Im Dow mauserten sich die Aktien von Goldman Sachs mit 3,4 Prozent zum zweitgrößten Gewinner. Die Marktteilnehmer schöpfen Hoffnung, dass die Investmentbank in der mutmaßlichen Korruptions- und Geldwäscheaffäre beim malaysischen Staatsfonds 1MDB mit weniger Rechtskosten davonkommen könnte als erwartet. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete am Freitag, dass die USA erwögen, die Ermittlungen für eine Zahlung von weniger als zwei Milliarden Dollar beizulegen. Spitzenreiter waren die Aktien von 3M, die sich um 4,3 Prozent von ihren Kursverlusten vom Vortag erholten. Als Kurstreiber galt hier ein Bericht, wonach über einen Verkauf der Pharma-Servicesparte nachgedacht werde. Außerdem hieß es – anders als am Vortag spekuliert – dass in den USA über eine Deklaration der Industriechemikalie PFAS als Schadstoff noch nicht final entschieden sei.

Sonst gehörten im Leitindex die Ölwerte zu den stärksten Gewinnern: ExxonMobil und Chevron stiegen um bis zu 1,6 Prozent, ConocoPhillips im S&P 500 sogar um 3,6 Prozent. Konform mit dem Ölpreis gab es hier Rückenwind durch die Nachricht, dass sich die Opec und andere Öl produzierenden Länder auf eine weitere Förderbeschränkung um 500.000 Barrel pro Tag geeinigt hätten.

An der Nasdaq sorgte vor allem die Parfümeriekette Ulta Beauty mit einem Kurssprung um elf Prozent für Aufsehen. Börsianer sprachen hier nach einem erfolgreichen dritten Quartal von einer Erholungsrally. Erleichterung brachten auch angehobene Gewinnziele für das Gesamtjahr. Für den JPMorgan-Experten Christopher Horvers hat das Unternehmen damit auf dem Weg zu einer Neubewertung „Hürden übersprungen“.

Branchenweit gefragt waren an der Nasdaq die Chipwerte, wie Kursgewinne von bis zu 2,8 Prozent bei Firmen wie Micron oder NVIDIA zeigten. Die Halbleiterbranche gilt als besonders stark von der Konjunktur abhängig, weshalb die Jobdaten hier außerordentlich gut ankamen.

Schlechte Nachrichten gab es derweil von Uber. Investoren ließen sich von einem Bericht über eine Vielzahl von sexuellen Übergriffen in den Fahrzeugen des Fahrdienst-Vermittlers verschrecken. Uber betonte zwar, dass 99,9 Prozent aller Fahrten ohne Probleme verliefen. Die Anleger reagierten aber dennoch beunruhigt, wie ein Rückgang des Kurses um 2,8 Prozent zeigt.

Die erfreulichen Daten vom US-Arbeitsmarkt hatten zuvor schon der deutschen Börse frische Aufwärtsimpulse gegeben. Der Dax übersprang wieder die wichtige Marke von 13.100 Punkten und legte zum Handelsschluss um 0,9 Prozent auf 13.167 Punkte zu, womit der Wochenverlust auf ein halbes Prozent eingeschränkt wurde. Der MDAX gewann 0,7 Prozent auf 27.344 Zähler. Im bisherigen Wochenverlauf hatten immer neue, widersprüchliche Meldungen zum US-chinesischen Zollstreit den Dax auf Achterbahnfahrt geschickt. Zeitweise war er sogar unter die 13.000-Punkte-Marke gesackt.

Unter den Einzelwerten im Dax richtete sich das Interesse besonders auf FMC und die Lufthansa. Die Aktie des Dialysespezialisten gab um 1,6 Prozent nach und war damit Schlusslicht im Leitindex. Die US-Bank Morgan Stanley sieht Risiken für die von FMC ausgegebenen Ziele für das kommende Jahr und stufte das Papier auf „Underweight“ ab. Die Papiere der Lufthansa gehörten indes zu den Dax-Favoriten mit plus 1,5 Prozent. Die Investmentbank Mainfirst rechnet 2020 für die Fluggesellschaft mit besser laufenden Geschäften als 2019. Im insgesamt starken Tech-Sektor gewannen Infineon mehr als vier Prozent dazu und rückten damit an die Dax-Spitze.

Im MDax war das Papier von Carl Zeiss Meditec nach endgültigen Zahlen zum abgelaufenen Geschäftsjahr 2018/19 Schlusslicht mit minus 6,4 Prozent. Nach sehr gut gelaufenen Geschäften des Medizintechnikkonzerns wurde am Markt nun auf Gewinnmitnahmen verwiesen. Erst Ende November hatte die Aktie bei 112,70 Euro ein Rekordhoch erreicht.

Kurz nach Börsenschluss teilte der österreichische Halbleiterhersteller ams mit, dass die Mindestannahmeschwelle von 55 Prozent für OSRAM überschritten worden ist. Osram gab seinerseits bekannt, der Konzern habe die Führungsspitze von AMS „zu Zukunftsgesprächen“ eingeladen. Die MDax-Aktie zog nachbörslich auf Tradegate um 10 Prozent an und lag damit über dem Angebotspreis von 41 Euro.

Der Börsengang des staatlichen saudischen Ölriesen Saudi Aramco wird die größte Neuemission aller Zeiten. Die drei Milliarden Aktien werden zum Preis von 32 Riyal (umgerechnet 7,70 Euro) und damit am oberen Ende der Spanne (30 bis 32 Riyal) ausgegeben, teilte der Konzern mit. Damit ist der Börsengang in Riad umgerechnet mindestens 23,1 Milliarden Euro schwer. Der bisherige Rekordhalter, der chinesische Internetkonzern Alibaba, hatte vor fünf Jahren 22,5 Milliarden Euro erlöst.

Einschließlich Platzierungsreserve könnten es bei Saudi Aramco 26,5 Milliarden Euro werden. Mit einem Börsenwert von 1,53 Billionen Euro löst Saudi Aramco zudem den US-Konzern Apple als wertvollstes börsennotiertes Unternehmen der Welt ab.
Der Börsengang sei 4,7-mal überzeichnet gewesen, hieß es. Ab wann die Aktie an der saudischen Börse gehandelt wird, teilte der Konzern zunächst nicht mit. Dies könnte aber bereits in dieser Woche der Fall sein. 2020 könnte dann ein internationales Angebot folgen. Saudi-Arabien hofft, durch die Einnahmen unabhängiger vom Geschäft mit Öl und Gas zu werden.

Die ohnehin an Superlativen nicht arme ETF-Branche konnte vergangene Woche einen neuen, beeindruckenden Rekord vermelden. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte waren mehr als sechs Billionen US-Dollar weltweit in den passiven und börsennotierten Indexfonds investiert. Das ist eine Verdoppelung der Anlagesumme innerhalb von nur vier Jahren. „Das Überspringen der Sechs-Billionen-Grenze ist ein historischer Moment, aber wir sind immer noch auf einer frühen Stufe der Entwicklung der Industrie, da die ETF-Verbreitung in Europa und Asien weit hinter der in den USA hinterherhinkt“, erklärt Deborah Fuhr, Mitgründerin der Beratungsfirma ETFGI. In den USA ist schon die Hälfte des gesamten in Fonds investierten Kapitals in ETFs gebunden. Branchenprimus Blackrock mit seiner Tochter iShares rechnet daher damit, dass das Gesamtvolumen der Branche bis 2023 durchaus auf zwölf Billionen US-Dollar anwachsen könnte. Zwar ist iShares mit zwei Billionen US-Dollar Anlagegeldern der Platzhirsch im ETF-Sektor, das am schnellsten wachsende Unternehmen der Branche ist allerdings seit sieben Jahren der US-Anbieter Vanguard, der zudem als ETF-Pionier gilt.

Institutionelle Investoren erwarten eine weitere Finanzkrise innerhalb der nächsten fünf Jahre. Dies ist eins der Ergebnisse einer Studie von NatixisInvestment Managers. Dazu wurden weltweit 500 Großanleger mit einem verwalteten Vermögen von insgesamt 15 Billionen US-Dollar befragt. In Deutschland nahmen 33 institutionelle Investoren an der Befragung teil, so Natixis. Auf der makroökonomischen Seite sehen Pensionskassen, Versicherungen, Unternehmen und Stiftungen vorallem die steigende Verschuldung der öffentlichen Haushalte und niedrige Wachstumsraten als Problem.

Wie ist der Wandel der Weltwirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit zu finanzieren? Laut Allianz werden weltweit in den nächsten zehn Jahren Belastungen von fast 2,5 Billionen US-Dollar auf die Unternehmen zukommen. Ein Instrument für die Konzerne hat sich in den vergangenen Jahren bewährt: Mit sogenannten Green Bonds können Firmen für eine Vielzahl unterschiedlichster Initiativen Kapital für eine nachhaltigere Umwelt einsammeln, insbesondere zum Beispiel für den Ausbau erneuerbarer Energien, aber auch den Erhalt der Artenvielfalt. Gleichzeitig stellen immer mehr Unternehmen auf nachhaltigere Geschäftsmodelle um und möchten ihre neue Strategie mit grünen Anleihen finanzieren. Das betrifft etwa Automobilhersteller, die auf die Produktion von Elektrofahrzeugen umsteigen. Seit die europäische Investitionsbank 2007 den ersten grünen Bond auflegte, hat sich dieser Markt rapide entwickelt. Waren 2008 weltweit nicht einmal eine Milliarde Euro in Green Bonds investiert, dürfte der globale Markt für grüne Anleihen bis Ende 2020 nach Ansicht von NN Investment Partners rund 800 Milliarden Euro erreicht haben. Sowohl Deutschland als auch Italien und Schweden haben bestätigt, dass sie 2020 ein Programm für grüne Anleihen ins Leben rufen werden. Der Sprung über die Billionengrenze dürfte also in Kürze bevorstehen.


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