Warum die Parallelgesellschaft mehr ist als ein Multikulti-Streichelzoo

Der Deutsche Michel mag sich Kopftücher und keusche Kleidung noch im öffentlichen Raum vorstellen können, die Mechanismen von Blutrache, Erbfehden und Stammeskriegen (zuletzt schossen Bayern und Preussen 1866 aufeinander) will er partout nicht lernen.

© Sean Gallup/Getty Images

Wenn zwischen dem Lärm auf dem scheinbar boomenden Rummelplatz (beschränkte) Marktwirtschaft ab und zu aus östlicher Richtung Kanonendonner zu hören ist, dann blickt Otto Normalverbraucher verschreckt auf sein Leben, und das, was er, komme, was wolle, schützen will. Wie gewaltig diese Verlustängste sind, wie sehr hier das vegetative Nervensystem bei den Deutschen anschlägt, das konnten wir in der Diskussion der letzten Monate erleben. Frau Dr. Merkel hat mit dem Satz „Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem, was uns lieb und teuer ist.“ gerade noch einmal versucht, ihren persönlichen Balsam auf dieser Blessur zu verteilen. (Gäbe es keinen Grund, daran zu zweifeln, hätte sie den Satz nicht gesprochen oder?)

In Deutschland herrschen seit über 70 Jahren Friede und Wohlstand, die meisten Menschen sind gesund, arbeiten und reisen bis ins hohe Alter, treiben Sport und nehmen rege am (mehr oder weniger) streitbaren politischen Diskurs teil. Da muss man sich in Mitten all des Gezeters doch fragen: was haben diese Deutschen zu verlieren, dass sie sich so ereifern ?

In vielen Ländern, die weniger entwickelt sind als Deutschland, gibt es seit Jahrhunderten schlechte Infrastruktur, eine mangelhafte Verwaltung und miserable staatliche Leistungen. Das können kluge Reformen, engagierte Politiker und vernünftige Wähler in ein paar Jahrzehnten wettmachen. Bestes Beispiel sind die Tigerstaaten, die heute grossteils eigene Wirtschaftswunder geschaffen und relativ stabile Regierungen gebildet haben. Nichts kann Deutschland hier vom Spitzenrang verdrängen, vor hundertfünfzig Jahren war es selbst noch ein Agrarland mit Dreck unter den Fingernägeln und auf den Strassen.

Ist es vielleicht die Angst vor ansteckenden Krankheiten ?

Einige Gegenden der Erde werden, wie vor Jahrzehnten ganz Europa, von grassierenden Epidemien heimgesucht, Malaria, Aids, Typhus und Grippe fordern täglich tausende Opfer. Der internationalen Forschungsgemeinschaft gelingt es aber in stetiger und zäher Arbeit, Impfstoffe zu finden und Krankheiten zurückzudrängen. Die Zahl der sauber „durchgeimpften“ Deutschen ist europaweit eine der Höchsten, die medizinische Versorgung sucht ihresgleichen. Mangelerkrankungen und der Hunger sind schon lange kein wirkliches Thema mehr, die moderne Agrarindustrie kann derzeit alle versorgen.

Billiges Öl macht den Transport von maschinell verarbeiteten und bestens konservierten Lebensmitteln in alle Winkel der Erde netto zu Lidl-Preisen möglich, die Regale sind zum Bersten gefüllt, folglich wird Deutschland auch nicht durch Seuchen oder Hungersnöte bedroht. Hierzulande werden so viele Nahrungsmittel produziert, dass wir zu einem vielfachen Export des eigenen Bedarfs imstande sind. Lohn und Brot, Kleidung, Wohnung und Konsum sind uns wichtig, aber deren Stellenwert ist eine – in Grenzen – verhandelbare Größe. Durch den Sozialstaat ist heute ganz Europa abgesichert, wer nicht ausreichend hat, um für sich selbst zu sorgen, wird durch breite soziale Netze aufgefangen. Grund zum Angsthaben, wie viele Politiker immer beteuern, haben wir also nicht ?

Um eine Antwort zu finden, könnte man aus der Dritten Strophe des Lieds der Deutschen zitieren: das Wichtigste, das Allerwichtigste, sind uns neben der Einigkeit das Recht und die Freiheit. Jeder Bänkelsänger weiss, den Deutschen liegt viel an einträchtigem, harmonischen Miteinander, oft auch umschrieben mit den schönen Worten Gesellig – und Gemütlichkeit. Diese zwei leutseligen Schwestern der Einigkeit bilden mit ihr die Grundlage des Glückes der Deutschen, die – mit Unterbrechungen – seit Jahrhunderten in einer grundsätzlich von Vertrauen und Solidarität geprägten Gesellschaft aufwachsen. Rechtsfreie Räume schaffen Unfreiheit, und da liegt der Hase im Pfeffer: Wir Deutsche haben eine Heidenangst davor, unser friedliches, freies Leben zu verlieren.

Gerade wurde ein Mann von einem Hamburger Gericht freigesprochen, der einen Mafia-Geldeintreiber getötet und die Leiche unter dem Boden seines Restaurants versteckt hatte. Diese Form der Selbstjustiz ist der dramatischste Hilfeschrei, den es in einer freien, eigentlich durch das geschriebene Recht geordneten Gesellschaft geben kann. Er signalisiert die Abkehr von dem, was die Bundesrepublik seit deren Gründung ausgemacht hat, nämlich die Garantie einer unabhängigen, selbstbewussten und unparteiischen Justiz und Ordnungsmacht.

In den Siebzigern und Achtzigern, die sich, wie man liest, Viele zurückwünschen, wurde diese Selbstverständlichkeit durch allabendliche Andachten der gesamten Nation vor den Strassenfegerserien Kommissar, Derrick und Der Alte zelebriert. Die Sendungen waren so beliebt, weil sie der ständig wiederholte Schwur des Establishments waren, dass Recht und Freiheit behütete Güter sind. Heute stünden diese drei Kriminaler in vielen Gegenden auf verlorenem Posten, unverstanden, verlacht und verhöhnt.

Warnsignal Selbstjustiz

Es gibt keine schlimmeren Fluch, als am Morgen mit Angst im Bauch aufzuwachen und abends mit derselben Angst wieder zu Bett gehen zu müssen. Das haben einige Völker im nahen Osten jüngst lernen müssen, die den Nationalstaat mit all seinen Gewissheiten und seiner Gleichmacherei gegen das Kleinklein der Sektierer und den Strassenkrieg Jeder gegen Jeden eintauschen mussten. Der Schütze von Hamburg hat dieses freie Spiel der Kräfte, das Faustrecht der Großmäuler und Mafiosis, eine Weile mitgemacht (d.h. mehrere tausend Euro ohne Anzeige berappt) und sich dann seines Quälgeistes entledigt.

Des Glückes Unterpfand, die Freiheit, muss Sicherheit haben, um gedeihen zu können. Wer als kleiner Unternehmer wie in den meisten Teilen der Welt fürchten muss, einmal im Monat Besuch von „Beschützern“ zu bekommen, ist hoffnungslos in einer höllischen Knechtschaft gefangen. Wer spontane Spaziergänge quer durch seine Heimatstadt unterlässt, weil er damit rechnen muss, dass ihm der zufällig entgegenkommende Passant, anstatt ihm einen „guten Tag“ zu wünschen, Böses antun oder androhen könnte, der hat seine Freiheit verloren und kann nicht mehr in Frieden leben und arbeiten.

Mehr noch: jegliche Initiative, unternehmerischer Antrieb und gesellschaftliche Teilhabe über die eigene vertraute Sippe hinaus sind damit beendet. Gespaltene Schulklassen, nach Sprache, Religion oder Herkunftsregion aufgeteilte Wohngegenden und Vereine folgen. Das ist die grosse Bedrohung, die viele Deutsche nicht mehr schlafen lässt, denn sie spüren instinktiv, dass kein Integrationspakt, kein Eingliederungsprogramm oder Sprachkurs diese voranschreitende Spaltung verhindern oder heilen wird.

Nur Musterschüler schaffen es ohne das Korsett eines leitkulturellen Imperativs, mit der Muttermilch aufgesogene Prägungen abzulegen. Die Al Wazirs und Özdemirs haben ihre beispielhafte Sozialisation nur Dank eines sanften, aber unwiderstehlichen Drucks der selbstzufriedenen Mehrheit im „alten“ Deutschland auf die Minderheit erreicht. Diese Zeiten sind heute vorbei, und keine Arbeitsgemeinschaft von Einser-Sozialpädagogen kommt mit dem Therapieren und Umerziehen noch hinterher.

Wer nicht gelernt hat, sich ohne Vorbehalte dem hiesigen System von Freunden und Helfern anzuvertrauen, der wird nach Alternativen suchen und sie am Ende in Selbst – und Paralleljustiz finden. Die ist in Form der Familien- und Clangerichte, der Ältestenräte und der Organisierten Kriminalität in ihren verschiedenen Spielarten auch in Deutschland längst angekommen. Da regiert dann das Recht des Stärkeren, der Machismo eigener, gerne auch religiös legitimierter Anführer, die feudal nach Gusto oder althergebrachtem eigenem Kodex entscheiden und umverteilen. Das hat es in Deutschland seit dem Mittelalter nicht gegeben, und die Deutschen stehen solchen Systemen sprach- und mittellos gegenüber. „Sons mach‘ isch disch Grankenhaus“ ist die Ankündigung, dass nun ein anderer Wind herrscht, nämlich der, der über den Kölner Domplatz wehte. Cora Stephan hat das sehr treffend beschrieben.

Der Deutsche Michel mag sich Kopftücher und keusche Kleidung noch im öffentlichen Raum vorstellen können, die Mechanismen von Blutrache, Erbfehden und Stammeskriegen (zuletzt haben 1866 Bayern und Preussen aufeinander geschossen) will er partout nicht lernen. Und der Gedanke an die Anwendung körperlicher Gewalt löst bei ihm (gut antrainiert) eher Brech- und Fluchtreflexe aus. Dass ihm jetzt die Schlafhaube hochgeht, ist verständlich.

Emil Kohleofen ist freier Publizist.

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