Anne Will: Türkisch für Anfänger (und Fortgeschrittene)

Wie wird der Mann denn nun korrekt ausgesprochen? „Erdoan“, wie alle in der Runde sagten, oder „Erdogan“, wie ihn sein Parteifreund nannte. Ist die AKP ok? Bandelt die HDP mit der PKK? Was sagt die CDU dazu?

Screenshot: ARD, Anne Will

Dem deutschen Wähler sei dringlich angeraten, in Zukunft noch sorgfältiger zu überlegen, wem er seine kostbare Stimme gibt. Bisher hat er das offensichtlich nicht getan. Denn das von ihm gewählte Parlament beschäftigt sich allen Ernstes seit einem Jahr mit einer Resolution zur Verurteilung des Völkermords an den Armeniern durch das Osmanische Reich. Vor 100 Jahren. Am Donnerstag soll die Resolution verabschiedet werden.

Was macht dieser Bundestag da eigentlich?

Warum befassen wir uns überhaupt mit diesem doch merkwürdigen Parlamentsgewerke? Opfer in den Arm nehmen ist seit dem Durchmarsch der 68er die beliebteste Tätigkeit des neo-moralischen Deutschland. Und das tut doch auch keinem weh. Außer, in unserem speziellen Fall, Recep Tayyip Erdogan, Staatspräsident der Türkei.

Ach, die Türkei! Nie war sie – aus deutscher Sicht – so interessant wie heute. Die Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg war militärisch eher eine Marginalie wie auch ihre Kriegserklärung an Deutschland im Zweiten Weltkrieg, die knapp zwölf Wochen vor dem Ende erfolgte, wenig an der Gesamtsituation veränderte.

Erst seit Restdeutschland auf US-Druck Millionen Gastarbeiter vom Nun-NATO-Mitglied Türkei aufnehmen musste, veränderte sich das Bild. Die Gastarbeiter sind geblieben, inzwischen leben offiziell drei Millionen Türken oder Türkischstämmige bei uns. So genau weiß das übrigens niemand, denn Volkszählung können wir leider nicht.

Bis vor kurzem gab es jedenfalls eine intensive Reisetätigkeit zwischen den Ländern durch Touristen, Heimkehrer und Verwandtenbesucher. Die Geschäftsbeziehungen wurden intensiviert, zudem haben wir eine Menge innertürkische Probleme integriert. Da sind zum einen ethnische Konflikte etwa zwischen Türken und Kurden, religiöse zwischen Islamisten und gemäßigten Muslimen, zwischen türkischen Nationalisten und Linken – wobei sich zwischen allen die Fronten bizarr vermischen.

Nachdem wir unsere Grenzkontrollen den Griechen überlassen haben, was sich als keine so gute Idee herausstellte, sollen uns nun die Türken vor der Überflutung mit Migranten schützen, womit sie noch wertvoller für uns werden. Und wir müssten ganz besonders nett zu ihnen sein und sehr geschickt in den Verhandlungen.

Merkels Alternativlosigkeit und Erdogans Islam

Was aber nicht geht. Wegen Erdogan. Den man vielleicht kurz erklären muss: Erdogan ist so eine Art Oberboss wie bei uns Angela Merkel, mit willfährigem Parlament und Jubelpresse. Und wo die Merkeljünger, wenn Gefahr – etwa durch die AfD – droht, sofort Super-Koalitionen („Jamaika“) bilden oder Hilfstruppen Gegenmeinungen mit Facebook-Sperrungen eindämmen oder Kioske anzünden, die die falschen Zeitungen verkaufen, verbietet Erdogan Kritik ganz einfach. Und sperrt Oppositionelle weg. Was bei Merkel die Alternativlosigkeit ist bei Erdogan der Islam.

In der Türkei ist Erdogan deutlich beliebter als Merkel bei uns, aber Erdogan ist deutlich unbeliebter in Deutschland als Merkel. Wir wollen seinen Werdegang kurz streifen. Aus kleinen Verhältnissen hat es der Polit-Selfmade-Man bis in einen 1.000 Zimmer großen Präsidentenpalast geschafft, nun will er aus der einstigen Militärdemokratie eine Präsidialdemokratie bauen.

Das muss verhindert werden, daher das Thema bei Anne Will: „Erdoğans Durchmarsch –Wer stoppt den Boss vom Bosporus?“

Nun, Martin Schulz jedenfalls nicht. Trotz vieler mahnender Worte, die er nach Ankara schickte. Die Runde bei Anne Will war insofern interessant, als dass kaum einer ohne Migrationshintergrund beteiligt war, etwa Norbert Röttgen. Bei dem aalglatten Rechtsanwalt steht zwar CDU auf der Visitenkarte, er könnte aber auch irgendwo Mitglied sein, er würde nirgendwo gebraucht. (Der zweiten Deutschen ohne Migrationshintergrund (DoMi), einer Redakteurin vom Spiegel, werden wir das Schlusswort überlassen.)

So erklärten eine Linke, ein Vertreter der türkischen Regierungspartei AKP und ein Wissenschaftler, der allerdings recht unwissenschaftlich argumentierte, im Wesentlichen Folgendes: Das türkische Parlament hat die Immunität der Abgeordneten der Oppositionspartei HDP aufgehoben, weil die angeblich mit der verbotenen Organisation PKK zusammen arbeiten.

Die Linke, Sevim Dağdelen, immerhin Mitglied des Bundestages, sagte, die HDP sei gar nicht mit der PKK verbandelt. Mustafa Yeneroğlu von der AKP sagte: Doch! Und sah Dagdelen selbst als Sympathisantin der PKK.

Der Türkei-Experte Burak Çopur fand den PKK-Terror ebenfalls nicht gut, Erdogan aber auch nicht. Unbeantwortet blieb die Frage, was nun mit den ihrer Immunität Beraubten passiere. Kämen die, statt ins Parlament ins Gefängnis, hätte Erdogan die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit für seine Präsidialdemokratie.

Deutsche Interessen – was ist das?

Der Deutsche hat jedenfalls schon mal die Konsequenzen aus den unerfreulichen Zuständen gezogen: Die Ferienhotels in der Gegend von Antalya stehen leer. Die deutsche Außenpolitik wird wohl auch nichts Hilfreiches zustande bringen. Seit dem der unsägliche Straßenschläger Fischer Außenminister wurde, wird deutsche Außenpolitik „von Auschwitz her“ definiert, nicht von deutschen Interessen. Dafür von amerikanischen, was noch schwerer nachzuvollziehen ist. Deshalb wohl gurkt Steinmeier von Teheran nach Saudi Arabien, von Mali nach Niger. Und hält sich folglich von Problemen fern, die vor der Haustüre liegen, appelliert stattdessen, wie EU-Schulz, an das Gute im Mann.

Womit wir wiederum beim deutschen Parlament und seiner Armenien-Resolution sind. Die wollte auch Christiane Hoffmann vom Spiegel nicht ganz verstehen. Nicht nur, dass das diplomatisch gesehen recht ungeschickt sei, wenn man doch von Erdogan etwas wolle, sei es auch prinzipiell merkwürdig.

Da könnte das Parlament ja auch eine Resolution zur Pariser Bartholomäus-Nacht verabschieden. Oder, wollen wir gerne ergänzen, zum Völkermord Pol Pots, zur Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner, zu den Massenmorden in Vietnam, zum Atombombenabwurf von Hiroshima.

Übrigens, die Türkei hatte sich bereit erklärt, 20.000 Flüchtlinge aus Griechenland zurückzunehmen. Geschickt wurden nicht einmal vierhundert. Gute Nacht!

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