Zwei Tatorte, zwei Bühnen, dieselbe Haltung. Der ARD-Krimi flüchtet sich in Theaterkulissen und Nostalgie, während draußen Infrastruktur, Sicherheit und Realität zerfallen. Oper, Tofu und VW-Bulli statt Gegenwart. Der Sonntagskrimi als sedierte Parallelwelt.
© WDR/Thomas Kost
Die ARD präsentiert ihre alten weißen Ermittler aus München und Köln in passender Umgebung, nämlich in Agatha-Christie-Manier auf den Brettern, die die Welt bedeuten, in klassischen Krimi-Strickmustern. Während draußen die Realität und der Frost beißen, Stromversorgung, Verkehr und Finanzen unter Gefrierbrand leiden, verströmen die Sonntagskrimis lauwarme Wellen aus einer längst verblichenen Vergangenheit.
Hier gibt es Mega-Bauskandal-Ruinen, Neubau der Kölner Oper – hier in der WDR Doku erklärt – die doch eigentlich schon ganz toll aussehen, Machosprüche (Mordopfer Willi Köpke, gespielt von Aljoscha Stadelmann nennt Opernsternchen Valerie Schmitt, gespielt von Hannah Schiller, „Aschenputtelchen“) und schwule türkische Regisseure (Theater München, Akim Birol, gespielt von Thiemo Strutzenberger), die sich zotige Polizistensprüche gefallen lassen müssen.
Ivo Batic, gepielt von Miroslav Nemec, zu ihm: „Ist der nicht, wie sagt man, ihr Freund?“. Es gibt klassisches Handwerk (Schuhmacher und Schneiderinnen), Einladungen zum Feierabendbier (von Technikerin Eva Krüger, gespielt von Katja Bürkle), die Bremer Stadtmusikanten und schöne alte Fahrzeuge (Tatort Köln: 76er Opel Diplomat und VW T3 „Bulli“ California-Wohnmobil) als besondere Schmankerl.
Alles nur Theater ?
Kriminalassistenten dürfen noch von ihren Chefs zum Durchsuchen des Müllcontainers verdonnert werden (Kalli Hammermann, gespielt von Ferdinand Hofer) oder machen ihnen Hacken knallend Meldung (Norbert Jütte, gespielt von Roland Riebeling). Hier wird aus Leibeskräften Deutsches Liedgut gesungen, Klassiker auf Deutsch vorgetragen (In München Tschechows „die Möwe“) mal solo, mal im Chor. Weniger Vielfalt war im ÖRR selten zu sehen und zu hören, man meint, eine Wiederauflage der Krimikultur der 80er und 90er zu erleben – ist das Zufall oder die lange befürchtete Kapitulation vor einer drohenden konservativen Wende?
Schnürboden und ausgetauschte Platzpatronen
Und genauso ähnlich die beiden Kulissen (Münchner Theater und Kölner Oper) sich sind, so ist es auch die Handlung. Leichen baumeln über der Bühne, die Kommissare müssen durch dunkle, lange Korridore hasten, wo sie von maskierten Dunkelmännerinnen abgehängt werden und lange Reihen von Spinden durchsuchen müssen. Irgendwie „hat hier jeder was mit jedem“ (Leitmayr über das Schauspielerleben), die Requisiten sind mitunter tödlich (In München der Wein, in Köln die Pistole) und der Druck, vor vielen Zuschauern auftreten zu müssen (in München nur 800, in Kölle 2000, Ätsch) ist so groß, dass man ihn in beiden Häusern mit Tabletten und Alkohol abbauen muss. In Köln ist das so dramatisch, dass Drogenspürhunde dort in der Umkleide „völlig durchdrehen“.
Das Kriminalistische ist schnell zusammengefasst: Am Residenztheater München hat sich die junge Schauspielerin Lily Bach (Ronda Jerebek) erhängt, kurz danach stirbt Nora Nielsen (Giulia Goldammer) auf der Bühne an einer Überdosis Schmerzmittel. Den vergifteten Schluck aus der Flasche hätte dem Plan von Ria Jäger (Liliane Amuat) nach eigentlich Carl Mayerkoff (Lukas T. Sperber) nehmen sollen, um ihn für sein Mobbing zu bestrafen und „auf die Bühne kotzen zu lassen“. Aber die verzweifelte Nora hatte ihm die Flasche entrissen und starb an der Überdosis Tilidin.
An der Oper Köln waren die menschlichen Abgründe mindestens so tief wie die Finanzlöcher bei ihrem Neubau. Hier wachte die leibliche Mutter (Eva Krüger, die technische Alleskönnerin an der Oper) von Countertenor David Deycks (Marcel Jacqueline Gisdol) heimlich über die Karriere ihres Sohnes, der unter dem Spott seiner herrischen und exzentrischen Adoptivmutter Anita (Judith Engel) und darunter litt, dass er einfach keine Frau finden konnte, die seinen Ansprüchen genügt.
Als ihn Kollegin Valerie verlässt, stellt er die Bühnenattrappe einer Pistole, mit der er im Stück von ihr erschossen wird, scharf. Sie erfüllt seinen makaberen Selbstmordplan und tötet ihn mit einem Schuss. Den Leichnam beseitigt sie in Panik mit Hilfe zweier Mitwirkender (Schuhmacher Willi und Rüstmeisterin Elli Zander, gespielt von Ines Lutz) in einem Baucontainer. Von dort schafft Eva Krüger ihren toten Sohn heimlich in ihre Garage, wo sie ihn in einem Sarkophag bestattet. Anschließend tötet sie die beiden Komplizen Willi und Elli, bei der eigentlichen Schützin Valerie scheitert sie, weil die Kommissare eingreifen.
Besondere Erwähnung verdient, dass die in Köln jahrzehntelang als Treffpunkt dienende Wurstbraterei am Rhein nun, laut Norbert Jütte, „im Museum“ stehe, und in München gibts in der Kantine „nur noch Tofu-Würstchen“. In den Kölner Krankenhäusern wurden laut Freddy Schenk „in den letzten drei Monaten keine Schussverletzungen“ gemeldet. Diese erfreuliche Statistik erlaubt es der Kölner Kripo offenbar, dass sie für die Suche nach Blutspuren auf dem Bühnenboden unter Leitung von Dr. Roth (Joe Bausch) gleich 5 KTU-Beamte und um die kleine Valerie zu schützen und zu beschatten gleich nochmal 4 Beamte abstellen kann.

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