Pressestimmen nach der Neujahrsansprache: Beifall ist Mangelware

Ziemlich mau, was da so alles in der Presse heute zu lesen war nach der ersten Neujahrsansprache von Kanzler Friedrich Merz. Es überwiegen Fremdschämen und betretenes Schweigen, ein paar Buhrufe und einige knallende Ohrfeigen.

Screenprint via YouTube / ZDF

Viele Medien ersparen dem Redner die wohl verdiente Schelte für eine nicht ganz so brilliante Ansprache, den Tadel, weil er um den heißen Brei geschlichen ist. Sie fassen einfach kurz zusammen, was er so von sich gab, setzen ein zwei prägnante Sätze in die Titelzeile und lassen es dabei bewenden. Ist ja Feiertag.

Oder lassen, wie der Focus und Fabienne Ritzki, einfach mal die Leser die Tritte gegen das Scheinbein von Friedrich Merz ausführen: „Mit seiner Neujahrsrede setzt Kanzler Merz auf Aufbruch und Reformen. In unserer Community überwiegen jedoch Skepsis, Vertrauensverlust und Zweifel an der politischen Umsetzungskraft.“

Die „habe vor allem kritische Reaktionen ausgelöst. In den Kommentaren überwiegen Zweifel an Glaubwürdigkeit und politischer Umsetzungskraft…. die politische Kommunikation überzeugt viele nicht mehr. Entscheidend ist weniger die formale Korrektheit als der Eindruck fehlender Verlässlichkeit und Führungskraft.“

Die Welt überlässt die kritischen Anmerkungen einem Video mit Politikwissenschaftler Prof. Oliver W. Lembke, der von der Politik mehr Mut fordert. Die Ansprache des Kanzlers habe sich im Übrigen an die falschen Adressaten gerichtet, diese Sprache der Beschwichtigung könne es doch nicht wirklich sein … zwar benutze man selbst Angstrhetorik, habe aber hat selbst Angst vor der Reaktion der Wähler. (Die habe, so der Beitrag, Schröder mit seinen Hartz4-Reformen nicht gehabt, und sei auch prompt abgestraft worden).

In einem Video mit Albrecht von Lucke verpackt die Tagesschau ihre Kritik in den wohl gewählten Worten des Politikforschers: die sei „der Versuch einer Mutmache-Rede, und eher appellativ …“ gewesen, er habe einen „anderen Zungenschlag mit größerer Ernsthaftigkeit erwartet“.

Robert Roßmann wundert sich für die „Süddeutsche Zeitung“ über den Aufruf zur Geduld ausgerechnet des Kanzlers, denn der habe es, „als er noch Oppositionschef war, eiliger gehabt“.

Für den Tagesspiegel meint Daniel Friedrich Sturm: „Der Kanzler muss sich fragen lassen, inwieweit er selbst zur Misere beigetragen hat. Noch immer neigt er zu übergroßen, zuweilen haltlosen Versprechen, stets vorgetragen mit Verve in der Stimme. Beim jüngsten EU-Gipfel hat ausgerechnet Emmanuel Macron Merz vorgeführt, indem er des Kanzlers Pläne durchkreuzte, russisches Staatsvermögen in die Ukraine zu lenken und das EU-Abkommen mit den Mercosur-Ländern unterschriftsreif zu machen. Danach war nicht mehr viel übrig von Merz’ eigenem Anspruch, dass Deutschland Europa anführt. Diese Erwartung hat Merz selbst erst geweckt und dann bitter enttäuscht.“

Bei der Berliner Zeitung wundert sich Boban Dukic über Merz’ Mahnung „vor Schwarzmalerei“. und warnt seinerseits „vor Schönmalerei“.

Der Kommentar in der „taz“ von Anja Krüger versteht die Ankündigung „grundlegender Reformen“ durch den Kanzler ganz glatt als „eine Drohung“.

Raimund Neuß von der Kölnischen Rundschau verfasst noch einen der positiveren Kommentare und meint: „Er hat Herausforderungen und Gefahren benannt und den Deutschen dennoch Mut gemacht. Er hat sie zum Vertrauen in ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten eingeladen und dazu, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.“ Neuß sieht „Merz durchaus bemüht, offen für die Kooperation mit Partnern auch auf anderen Kontinenten. Gemeinsam können wir die Dinge in die Hand nehmen. Wir können zwar nicht die Welt in Ordnung bringen, aber einen Raum der Stabilität schaffen.“

Mehr Zweifel scheinen im Kommentar beim RND von Christiane Jacke durch: „Es ist keine Zusage, kein Versprechen, kein fester Vorsatz. Nein, Bundeskanzler Friedrich Merz gibt den Bürgern eine „Aussicht“ mit auf den Weg für das neue Jahr. 2026 könne „ein Moment des Aufbruchs“ werden, sagt der CDU-Chef bei seiner ersten Neujahrsansprache als Kanzler. Ein Jahr in neuer Stärke. Wohlgemerkt: Es kann. In bewegten Zeiten wie diesen ist Gewissheit rar.“

Beim Münchner Merkur lobt Lisa Mahnke lediglich in einer Vorschau ganz knapp: „Merz liefert in Neujahrsansprache Mutmacher-Rede … die Hoffnung geben soll.“

Da ist die „Schwaebische“ und Ludger Moellers ganz unverblümt, und „sagt das, was Kanzler Merz verpasst hat, zu sagen“ in einer eigenen Neujahrsansprache an den Kanzler: „Merz sollte den Mut haben, dazu zu ermutigen – nicht mit technokratischen Formeln, sondern mit einer klaren Erzählung, warum Veränderung nötig ist und wohin sie führen soll. Das Leitmotiv fürs kommende Jahr: Ehrlichkeit vor Bequemlichkeit, Zukunft vor Besitzstand, Reform vor Stillstand.“

Beim “Freitag“ spöttelt Pepe Egger über „allerhand Bemerkenswertes“ an der Rede, zum Beispiel, wie „leicht bedröppelt und von oben herab Friedrich Merz seine Silvesteransprache aufgezählt … und Ostdeutschland ignoriert habe“.

Zusammenfassend und ohne Übertreibung lässt sich nach dieser Durchsicht feststellen, dass die stichhaltigsten und griffigsten Reaktionen (bisher) auf die Neujahrsansprache von Kanzler Friedrich Merz auf Tichys Einblick den Federn von Klaus-Rüdiger Mai

und Thomas Kolbe

entstammen. Alle anderen journalistisch tätigen, kritischen Zuschauer litten wohl an einer „Beißhemmung“.

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