Maischberger: Schwarzgrün im Forrest-Gump-Sprech

Winfried Kretschmann setzt für die Zertifizierung als modernem CDUler den atemberaubenden Maßstab, zum Format Kurt Georg Kiesinger als "König Silberzunge" zurückzukehren, dem Kanzler der ersten Großen Koalition.

Screenshot ARD

Willkommen zu Maischbergers Kretschmann Special mit Jakob Augstein als jugendlichem (hüstl) Sidekick. Na, das kann was werden. Der mit grün-schwarzer Mehrheit zum Ministerpräsident von Baden-Württemberg wiedergewählte Grüne ist beliebt. Bei einer repräsentativen Umfrage im März 2015 gaben 72 Prozent seiner Landeskinder an, mit der Arbeit des Ministerpräsidenten zufrieden zu sein. Aber warum eigentlich? Weil er im katholischen Kirchenchor singt und im Schützenverein auf Scheiben schießt?

Kann man da schon von Volksnähe reden in Personalunion mit so einem Großvatereffekt? Wie hat sich so einer durch 35 Jahre grüne Selbstzerfleischung auf den Ministerpräsidentensessel gerobbt? Legende ist jedenfalls heute schon sein Interview mit Monitor wo der gute Alte mal seine Maske fallen ließ und den richtig bösen Onkel nach Gutsherrenart zum Besten gab. Das kann er also auch.

Zertifikat Matussek

Aber wollen wir nicht ungerecht sein, also telefoniere ich Matthias Matussek vom mittäglichen Streuselkuchen weg, denn der hatte seinen Glaubensbruder mal begleitet und wohl Tuchfühlung aufgenommen. Mehr als ihm lieb war? Was denn mit Kretschmann sei, frage ich den wenig zimperlichen Matussek in der Hoffnung auf ein schmackiges Bashing. Aber der sagt erst einmal nichts. „Biste noch dran?“ Ist er, er war wohl nur reflexartig in diesen hypnotischen Kretschmann-Slow übergegangen, reißt sich dann aber zusammen und schießt in erstaunlicher Geschwindigkeit ein druckfähiges Psychogramm raus:

„Winfried Kretschmann halte ich für einen nachdenklichen, ideologisch nicht verblendeten Pragmatiker, der mir menschlich sympathisch war, als ich ihn während der Flüchtlingskrise durchs Ländle begleitete. Er ist schließlich Katholik, wenn er auch gerade hier leider auf der  progressiven Welle surft. Aber sei es ihm gegönnt. Er ist ja schließlich keine 60 mehr.“

Nein, Kretschmann ist fast 70, nur unwesentlich jünger als Donald Trump und Hillary Clinton. Also darf man zunächst mal annehmen, für Baden-Württeberg wird’s reichen. Mal sehen, wie Jakob Augstein mit dem alten Herrn umzugehen gedenkt. Er soll ja wohl den flinken Linken geben, wo Kretsche auf den Geläuterten macht. Also Ideologe gegen Pragmat, auch wenn’s aus der selben ranzigen Volksküche kommt, bei Maischberger soll’s heute nach Zweierlei schmecken. Na Mahlzeit.

Schnell noch der Ordnung halber an Augsteins dunkelste Stunde erinnert: Bei Sandra Maischberger hatte sich der Gute ja bis auf die Knochen blamiert, als er Frauke Petry von der AfD öffentlich maßregeln wollte und so elend scheiterte. Wird er es mit Kretsche nun besser machen? Wird er sich überhaupt konzentrieren können auf den Alten, wo er doch gleichzeitig die bestmögliche mediale Platzierung seines neues Buches „Links oder rechts?“ vorzunehmen hat.

Alle liberal-konservativ oder was?

Das Buch ein Palaver auf der Suche nach „Antworten auf die Fragen der Deutschen“ zwischen ihm selbst und Kumpel Nikolaus Blome: Aufgezeichnet, wie man auf Seite 13 gleich entschuldigend vermerkt, „mehrere Wochen lang jeweils in den frühen Morgenstunden im Charlottenburger Restaurant Manzini“. Augstein gibt den Linken, Blome den Liberal-Konservativen, erzählt der Klappentext. Kretschmann wird bei Wikipedia auch als liberal-konservativ vorgestellt. Müssen wir bei Tichy’s Einblick nun als liberal-konservatives Meinungsmagazin beleidigt sein? Nö, verkneifen wir uns schmunzelnd.

Aber zum Buch an gleicher Stelle ein anderes Mal mehr, wir müssen uns in den kommenden Morgenstunden erst noch durch 250 Seiten kämpfen, vorbei an so aufregenden Augstein’schen Erkenntnissen wie dieser hier: „Wir erzählen den Leuten also Dinge, sie hören zu – aber sie glauben uns nicht mehr.“ Na, da sagste was!

Ach so: Thema der Sendung: „Winfried Kretschmann – der Grüne, den die Schwarzen lieben?“ Wäre natürlich fesch gewesen, auch einen von der CDU einzuladen, der hätte wahrscheinlich Auskunft darüber geben können, ob die Ringe schon auf Bundesebene geschmiedet sind und wie heiß das Eisen wirklich ist. Stattdessen erfüllt Maren Kroymann die Frauenquote. Sie ist „feministische Kabarettistin und Schauspielerin“ und meint als Vorzeigeschwäbin, etwas berichten zu können über das politische Erfolgsrezept des grünen Ministerpräsidenten. Also ein Kretschmann-Wahlplakat kabarettistisch nacherzählt? Na das kann ja heiter werden.

Sandra Maischberger, bitte schön, Sie sind dran.

„Beliebt und widersprüchlich“ beschreibt Maischberger Kretschmann. Der darf zunächst alleine. Augstein und Kroymann müssen warten. Für Kretschmann ist die Welt eben kompliziert. Widersprüche seien doch menschlich. Schnellfragerunde: Kretschmann entscheidet sich für Schnitzel gegen Tofu, für Wandern, Mercedes statt Tesla, VFB Stuttgart, Baumarkt statt IKEA, Bierkrug statt kiffen, weil einmal gekifft, keine Wirkung, Für Wagner und für Orchideen. Auf Seehofer oder Ramelow gibt er keine Antwort. Er weiß nicht, wem er näher steht. Selbst ob TTIP oder nicht, weiß er nicht zu beantworten. Das müsse erst verhandelt werden. Sind wir den in einer lustigen Geburtstagssendung mit Sandra M. anstelle von J. B. Kerner als Geburtstagskasperl?

Erfinder der Zweitastenklospülung?

Schon der erste Einspieler. Nein, keine bösen Worte aus 30 Jahren, sondern die Vorstellung Kretschmanns als „einer der einflussreichsten Politiker Deutschlands“ und die Erkenntnis, das Kretschmann quasi der Erfinder der Zweitastenklospülung für kleine und große Geschäfte ist. Er mildert ab, er sei ja nur der Verkünder der Visionen anderer Klospülungs-Erfinder gewesen.

„Nicht jede Idee dient nun dazu, dass die Politik sie auch vorschreibt.“ Solche Sätze darf man nicht verinnerlichen, es könnte die Gefahr einer inneren Infantilisierung bestehen. Sind 72 % der Baden-Württemberger schon dermaßen von diesem Forrest-Gump-Sprech eingelullert, dass sie sich so für Kretschmann begeistern können?

Und dann haut Maischberger aus dem Nichts den Monitor-Beitrag in das Nachtkränzchen. Kretschmann will mit einem „pragmatischen Humanismus“ punkten. „Die meisten Dinge im Leben sind nicht extrem“, erklärt Forrest Kretschmann. Und es klingt irgendwie richtig. Ebenso richtig wie: „Es gibt 80 Millionen Menschen in Deutschland, die unterscheiden sich alle.“ Richtig wenn man mit einer Schachtel Pralinen und einer alten Oma auf den Bus wartet, nicht, wenn man Ministerpräsident von Deutschland, pardon, von Baden-Württemberg ist.

Augstein muss noch warten, die Kretschmann-Story wird gnadenlos durcherzählt. Maischberger lächelt freundlich und auffordernd, so wie die Altenpflegerin lächelt, wenn der 90-jährige Pianist noch mal mit zittrigen Fingern ein paar Takte Klavier spielt. Rührend. Fast so rührend, wie ein alter trauriger Elefant. Wird hier gerade in der Person von Kretschmann die grüne Partei ins Altenheim abgeschoben? Es scheint so. Augstein rette uns! Bitte, sei doch gemein. Wenigstens ein bisschen. „Ich bin in der Politik um Probleme zu lösen.“ Ja, Winfried. Jaha!

Welch Koalition ist besser, fragt Maischberger. „Es läuft besser, als ich dachte“ sagt der MP. „Die Schwarzen ticken ganz anders, da muss man sich schon sehr umstellen.“ Puhh …

CDU mit Insektenschutz und Krötenwanderung

Aber dann ist er endlich vorbei, der schillernde Bewerbungsbogen für die CDU-Zentrale und Augstein am Platz. „Kretschmann ist kein Grüner“, sagt Augstein mit mutig offenem Hemd ohne Krawatte. „Ich habe unter Grün noch mehr verstanden. Eine progressive politische Kraft, sie wollen CDU mit Insektenschutz. CDU plus Krötenwanderung.“ Bei Kretschmann klinge Grün immer so visionslos. Wie von einem Sachbearbeiter.  „Es gibt zwei linke Parteien“, sagt Kretschmann, „die Linke und die SPD. (…) Sie sind polemisch, hier geht es nicht um irgendeinen grünen Tüddelkram.“

Augstein spricht von der sozialen Frage. „Das Problem ihrer Partei ist, es gibt zwei Parteien (…) Würden sie im Bund mit der CDU gehen, wenn die auf Länderebene mit der AfD koaliert?“ Augsteins Lieblingsfeind also auf der Platte. Und Kretschmann? Na klar, geht davon aus, dass die CDU das nicht macht. Da sitzen zwei, die ein Scheingefecht abgemacht zu haben scheinen in der Garderobe. Hätten sie mal ein Stündchen länger geprobt. Augsteins Buch ist um 23:38 noch nicht in die Kamera gehalten worden. Erstaunlich, Matthias Matussek hätte das schon dreimal erledigt. Selbst mit über 60.

Nun kommt auch noch Mitleid dazu. Die Wrestler achten aufeinander. Augstein streitet wie mit dem guten Onkel aus Amerika. Man will sich nicht weh tun. „In Wahrheit sind sie doch längst eine Partei für die Wohlhabenden. Es gibt viele Leute, die haben sich die Grünen mal anders vorgestellt.“, provoziert Augstein ein klitzekleines bisschen. „Ich bin doch nicht der Ministerpräsident einer absoluten Mehrheit“, meint Kretschmann.

Aber dann wird der Spiegelerbe plötzlich keck und hält sich wohl nicht an die Absprachen aus der Garderobe. Ein doller Ausfall, der so geht:

„Ach, ich glaube, sie spielen eine Rolle. Sie tun so, als wären sie so der nette, langsam Redende, der so Verständnis hat für alle, so ganz pragmatisch, in Wahrheit haben sie, ich meine das nicht böse, sie sind ein schwäbisches Schlitzohr, ich glaube sie ziehen die Leute ein bisschen über den Tisch mit dieser Nummer. Und zwischendurch stechen Sie dann zu.“

„Man muss nicht immer allen unterstellen, dass es eine Wahrheit hinter der Wahrheit gibt“, verteidigt sich der nette Gump-Darsteller. Es ist herrlich.

Vorbildlich visionslos deutsch

Was haben sie gegen Rot-Rot-Grün?, versucht es Maischberger. „Ich kann mir schwer vorstellen, wie man ein starkes Industrieland wie die Bundesrepublik mit der Linkspartei führen soll, ich kann mir aber noch schwerer vorstellen, wie man mit ihr eine Außenpolitik machen soll.“ Ja, doch, es wird immer klarer, da sitzt einer, der alle Hoffnung hat fahren lassen, alle Vision zum Teufel gejagt und sich selbst zum Elendsverwalter ernannt hat. Der Bürokrat auf dem Sessel des Landesvaters. Keine schöne Idee, aber eine, die anscheinend den Menschen im Lande am wenigsten weh tut. Sind die Deutschen ein visionsfeiges oder visionsfernes Volk geworden?

Nein, Augstein kann hier nicht verlieren. Er ist belesen genug, klar, es fehlt leider an der besten Sortierung, sollte aber reichen für den Kretschmann Blattschuss. Wird Augstein nun die Waffe der relativen Jugend einsetzen? Natürlich nicht. Der MP darf noch Merkel loben, während Augstein zur autoaggressiven Pediküre übergangen ist.

„Schröder und Fischer haben die Grünen neoliberal gedreht“, sagt Augstein, „Das Ende der Grünen.“ Wir danken für den politischen Einwurf von Links, sagt Maischberger kurz und knapp zu Augstein. Und weg ist er, verabschiedet zurück in die Garderobe. Was will sie da Revolutionäres gehört haben? Das war nun schon alles?

Vom Saulus zum Paulus kommt immer gut

Nö, Maischberger bohrt noch ein bisschen in Kretschmanns KBW-Sekten-Vergangenheit, aber nicht, um ihm auf den Zahn zu fühlen, mehr um ihm Gelegenheit zu geben, diesen dunklen Fleck endlich mal ganz wegzuwischen.

Vielleicht sollten wir nun nach Augsteins Abgang den mutigen Schritt wagen und nun diese wirklich hässliche Werbeveranstaltung für Schwarz-Grün, für Kretschmann endlich ausschalten. Wo man sonst Augsteins Weggang herbeigesehnt hatte, um weiterschauen zu können, wünscht man ihn nun zurück, um zu vollenden, was er liegengelassen hat. Verdrehte Welt. Schlimmer geht immer. So beispielsweise: Der Schützenverein hätte Kretschmann dabei geholfen, von den Kommunisten wegzukommen. Dann wird noch das katholische Internat besprochen, wo Kretschmann geschlagen und, da wird es etwas unverständlich, wohl auch „in milderer Form“ missbraucht wurde.

Beim KBW hat er aber was gelernt, nämlich sich einfach mit politischen Fragen zu beschäftigen. „Man lernt ja auch aus Negativem.“ Ja, Winfried Kretschmann, Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt. Und jetzt machen wir einen Punkt. Denn wenn nun noch das Schwäbische in Kretschmann verhandelt wird, dann besteht die Gefahr, dass wir hier zu bösartig werden. Sorry, Frau Kroymann, das ist nicht persönlich gemeint, sie können ja nichts dafür, aber irgendwo muss ja Schluss sein mit lustig. Oder haben wir die ganze Sendung falsch verstanden?

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