Philipp Amthor und Gregor Gysi unterhalten sich über Lifestyle-Teilzeit, alleinerziehende Mütter und leben scheinbar in einer Parallelwelt – irgendwo, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.
Screenprint: ARD / Maischberger
Und wieder einmal geht eine Empörungswelle durch die Medien – wegen der falschen Wortwahl. Immerhin hat es diesmal nicht der Kanzler Merz gesagt, sondern seine Kollegin Gitta Connemann: „Lifestyle-Teilzeit“. Ein echter Aufhänger für Sandra Maischberger. In der Abnickrunde mit ihren Kollegen wird die Beleidigung von allen Seiten durchleuchtet. Unterm Strich kommt der Kanzler nicht gut weg. „Wählerbeschimpfung“ „Faulheit“ klingt da vor allem durch, so Matthias Deiß vom ARD-Hauptstadtstudio. Hauptstadt-Korrespondentin Alisha Mendgen vom Focus hält sich nicht lange mit Begrifflichkeiten auf und nennt die Fakten: „Wir haben eine viel zu hohe Teilzeitquote: 40 Prozent und das Ziel muss ja sein, dass man diese Teilzeitjobs möglichst in Vollzeitjobs umwandelt.“ Aber wozu arbeiten, wenn einem davon nichts bleibt?
Auf diesen Punkt bringt es der energiegeladene Journalist Claus Strunz von Euronews: „Wir sind alle Fans von sozialer Marktwirtschaft, hoffe ich, weil es ein Supersystem ist, das 30, 40 Jahre lang großen Erfolg hat und jetzt konzentrieren wir uns neuerdings nur noch aufs Soziale. […] Ich glaube ja, die Politik hat ja Möglichkeiten, und das ist eben nicht zu beschimpfen, sondern die richtigen Anreize zu setzen und zu sagen, vielleicht muss man, was steuerliche Anrechnungen angeht, zum Beispiel was machen.“ In dem ganzen Eklat riecht Strunz Angstschweiß – genaugenommen „Angst vor den nächsten Wahlen“.
Der dortige Wechsel des Ministerpräsidenten Reiner Haseloff zu Sven Schulze war eine „Verzweiflungstat“, so Strunz. Das alles ist ein Manöver, um die AfD im Zaum zu halten, erklärt Strunz weiter frei heraus. Weiter zählt er auf, warum er das Wort Brandmauer nicht leiden kann. Weil es jene hinter der Mauer beleidigt und „das sind 40 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt und 30 Prozent in ganz Deutschland. Also wer das Wort Brandmauer verwendet, der zeigt Arroganz, Angst und Arroganz.“ Das ist aber dann auch genug des Denkens aus dem Rahmen. Mendgen besteht auf die Brandmauer – es bezieht sich doch auf die Partei und nicht die Bevölkerung. Der Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Linken muss aber ziemlich wahrscheinlich gekippt werden. Auch wenn sich die beiden Vertreter bei Maischberger erst noch aneinander gewöhnen müssen.
Der parlamentarische Staatssekretär Philipp Amthor (CDU) und der langjährige Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi (Die Linke) haben zwischen sich nicht nur 25 Jahre, sondern auch die ein oder anderen Vorurteile. Aber erst einmal wird die baldige Annäherung von Maischberger vorbereitet. Sie bringt Amthor so weit, Gysi als respektvollen Gesprächspartner zu loben – Gysi bewundert nur den Mut, dass Amthor am Strand ebenso mit Anzug und Krawatte sitzt. Damit dürfte sich schon das Niveau der Unterhaltung ankündigen.
Frech findet Gysi den Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ und zitiert die bekannte alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Maischberger hakt nach, ob Amthor das Versprechen von SPD halten kann: keine Leistungskürzungen. Gysi fokussiert sich derweilen wieder in philosophischen Reden über seine Weisheit, was Amthor verzweifelt und kopfschüttelnd Maischberger mit Blicken anflehen lässt. Als Gysi in seiner sozialistischen Parallelwelt wieder auf die alleinerziehende Mutter mit drei Kindern kommt, packt Amthor seine eigene Rhetorik aus. „Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter groß geworden und deswegen ist mir das ein wirklich wichtiges Thema. Ich weiß, wie das war, wenn am Ende des Monats es schwierig war, den Zuschuss für die Klassenfahrt zu bezahlen. […] Die Rechnung immer weniger Produktivität, aber mehr soziale Leistung, das geht im Schlaraffenland, aber nicht in der Bundesrepublik Deutschland.“ Aber auch Amthor wird sich ein Schlaraffenland wünschen, wenn er die Rechnung von gebrochenen Wahlversprechen sieht.
Dem schließen sich die Kommentatoren an – bis auf Strunz. Er wirft die These in die Runde, dass Trump Europa besser und handlungsfähig macht, und den geplanten Friedensrat schätzt er zudem in seinem Handeln erfolgreich ein. Maischberger grätscht heftig dazwischen mit der Begründung, Zeit für einen wichtigen Gast nicht zu verschwenden. Dass ausgerechnet dieser besondere Gast Strunz’ Aussage bestätigt, ist der krönende Abschluss einer ÖRR-Sendung.
Die belarussische Oppositionelle Maria Kalesnikava wurde nach fünf Jahren aus dem Gefängnis befreit – durch Trump. Maischberger fragt, ob Kalesnikava Trump dankbar sei und erhält ein ehrliches und herzliches „Ja“. Maischberger schweigt. Kalesnikava redet weiter. Sie sieht Hoffnung für Belarus durch die diplomatische Initiative – welche ebenso Trump schon initiiert hat. Aspekte von Trump, die so gar nicht in eine ÖRR-Sendung passen.



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…Mendgen besteht auf die Brandmauer – es bezieht sich doch auf die Partei und nicht die Bevölkerung… UPS! Da hat sie wohl unfreiwillig für alle Altparteien gesprochen. Na. Frau Mendgen, sind Parteimitglieder denn nicht ein Teil der Bevölkerung und haben die sich in Ihrer Blase etwa wirklich schon so weit vom Volk gelöst, so daß eine demokratisch gewählte Partei nicht mehr „dazu“ gehören kann? Nur mal eine kleine Rechnung: 40% und 30% sind zusammen 70%. Geteilt durch zwei, ergibt sich ein Durchschnitt von 35%. Das ist ein (Wähler-)Potential, von dem die von Ihnen so geschätzte CDU neuerdings doch nur noch… Mehr
Erinnert mich an die Kapelle auf der Titanic. Das Haus brennt und man streitet sich im schon verqualmten Wohnzimmer über das Muster der Tischdecke. Aber vielleicht machts das einfacher, angesichts der Tatsache, dass man weiß, dass eine Flucht nicht möglich und die Feuerwehr nicht zu erwarten ist.
Abspalten, ignorieren, sich hingeben.
Strunz ist hinsichtlich der Brandmauer fehlsichtig – denn die Mauern bauen sind doch die Bunten, von der union Richtung links – und sich dahinter gegen Blau wie gegen die Demokratie verschanzen?
„Wie gefährlich werden die Wahlen?“
Das ist die wichtigste Frage in „unserer Demokratie“.
Ich kenne einige kinderlose Lifestyle-Teilzeitlerinnen, die noch was vom Leben haben wollen. Und irgendwie sind es immer Frauen. Ich kenne aber auch einige mit Kindern, die müssen in Teilzeit arbeiten, weil das Konzept der Kitas einfach nicht funktioniert. Das fängt schon mit de Öffnungszeiten an, und hört mit regelmäßigen Besprechungen und Schulungen der dann ausfallenden Mitarbeiter nicht auf. Von einer kleinen Erkältung der Kinder ganz zu schweigen.
Den Herren Amthor (CDU-PDS) und Gysi (SED-PDS) möchte ich gern das Wörtchen „Wir“ zurückgeben.