Loben und loben lassen: eine Liebe in Berlin Mitte

Die Dauerbeziehung zwischen einer ganz besonderen Hauptstadtzeitung und der Bundesregierung hält allen Belastungen stand. TE wünscht dem nicht mehr ganz so jungen Glück alles Gute der Welt.

Getty Images | Screenprint: instagram/franziskagiffey - Collage: TE

Normalerweise erscheinen bei „Tichys Einblick“ keine Regenbogengeschichten. Das soll sich mit diesem Text ändern, denn mild eingefärbte Berichte sind dazu angetan, die Stimmung in der Dezemberdunkelflaute etwas aufzuhellen. Deshalb erzählen wir heute von der nicht mehr ganz frischen Liebe zwischen der Chefredaktion des „Tagesspiegel“ und der Bundesregierung und ihrem Kanzler.

Zurzeit feiert – nun ja, das Wort wirkt ein bisschen frivol, aber es handelt sich ja auch um eine herzerwärmende Geschichte –, die rot-grün-gelbe Koalition feiert also ihr einjähriges Bestehen. Verschiedene Medien veröffentlichten Bilanzen dieser zwölf Monate. So auch der „Tagesspiegel“. Unter der Überschrift „Ein Jahr nach dem Koalitionsvertrag: die Bilanz der Ampel stimmt“ erschien ein Text, in dem Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff kein schlechtes Haar an dem Bündnis und speziell an seinem Chef ließ.

 

Screenprint: tagesspiegel.de

„Wie sagt Olaf Scholz, wenn er sich dazu äußern soll? ‚Die Kommunikation der Regierung erfolgt durch Taten.‘ Und in der Tat, von außen bis innen: Zwölf Monate nach dem Koalitionsvertrag wird die Ukraine ohne Unterlass unterstützt, sind zugleich Ampelkoalitionäre unablässig als Emissäre international unterwegs. So viel Geschlossenheit des Westens war lange nicht. Im Inneren“, so Casdorff, „sind die Gasspeicher zu 100 Prozent gefüllt, 20 Kohlekraftwerke produzieren Strom, drei Atomkraftwerke laufen über den Winter bis April 2023, das erste deutsche Flüssiggasterminal ist eingerichtet, dazu sichern etliche Gesetze den Aus- und Aufbau der erneuerbaren Energien und der Infrastruktur, auch im Straßenbau.“

Um ganz ehrlich zu sein: Früher galt es nicht als Erfolgsmeldung, wenn Kohle- und Kernkraftwerke Strom produzierten, und schon gar nicht als Verdienst der Bundesregierung. Aber schließlich schreiben wir 2022, und der Kanzler der von außen bis innen tatkräftigen Regierung, die alle Atomkraftwerke im April 2023 abschalten wird, heißt Olaf Scholz. Ihm widmet sich der „Tagesspiegel“-Herausgeber in besonderer Weise:

„Scholz will Lösungen – er bekommt sie. Streit über die Gasumlage und die Rettung Gasversorgers Uniper? Abgeräumt. Streit um die Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken? Abgeräumt. Streit um die Staatsfinanzen? Abgeräumt. Nicht immer geräuschlos, aber unterm Strich effektiv. Zu Harmonie kann nur das Erreichte führen. Auch der Ausblick auf 2023 lässt sich sehen. Der Ampel kann es gelingen, die Schuldenbremse wieder einzuhalten und dem Weltthema Klima endlich in bisher nicht gekannter Weise Rechnung zu tragen. Sogar für Aktionsprogramme wie das zum ‚Natürlichen Klimaschutz‘ werden bis 2026 rund vier Milliarden Euro bereitgestellt.“

Der Regierungschef löst, räumt ab, stellt Geld bereit, auch der Ausblick kann sich sehen lassen. Während das Desaster um die mit falschen Begründungen angestrebte Impfpflicht, die für Milliarden aufgekauften nutzlosen Impfdosen, der Verfall der Infrastruktur, die mitverschuldete Energiepreisexplosion, der selbst nach Ansicht des Bundesrechnungshofs rechtswidrige zu zusammengetrickste Schuldenhaushalt und vieles andere Nörgelmaterial das „Tagesspiegel“-Jahreszeugnis nicht verunziert.

Selbst SPD-Chef Lars Klingbeil gab der Ampel in einem BILD-Interview für ihr erstes Jahr gerade eine Drei plus, die Note also, die früher in der Schule als Eins des kleines Mannes galt. Laut einer Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey zur Ampel-Bilanz nach einem Jahr, abgehalten vom 30. November bis 2. Dezember, halten 56,7 Prozent der Befragten die Leistung der Koalition für schlecht bis sehr schlecht. Und gerade 23,8 Prozent für eher gut, ganze 8,6 Prozent für sehr erfolgreich.

Wirkliche Liebe bedeutet, solche Urteile mit einer Eins Plus und Fleißsternchen auszugleichen. Für den Herausgeber einer Hauptstadtzeitung bedeutet es keine Schande, einer Minderheit anzugehören.

Wirklich wichtig für eine gelingende Liebe – egal ob in Berlin oder anderswo – ist das Prinzip der Gegenseitigkeit. Und das trifft auf unser Paar der Woche vollumfänglich zu. Fast gleichzeitig mit dem Superzeugnis teilte eine führende SPD-Politikerin dem „Tagesspiegel“ via Facebook und Instagram mit, was sie von ihm hält. Nämlich sehr, sehr viel. Berlins wahlkämpfende Regierungschefin Franziska Giffey sendete über beide soziale Netzwerke einen Text, den Werber ein Testimonial nennen, also ein üblicherweise bezahltes Bekenntnis zu einem Produkt. In ihren Postings erklärte Influencerin Giffey jedenfalls, wie rundum klasse und dufte sie die Zeitung findet, und grüßte Verleger Dieter von Holzbrinck und Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff ganz herzlich.

Screenprint: facebook.com/Franziska Giffey

Screenprint: instagram.com/franziskagiffey

Gerade in den schon erwähnten grauen Novembertagen tut es gut, eng zusammenzurücken und die nasskalte Welt, in der die SPD im Bund wieder unter 20 Prozent steht, einmal draußen vor der Tür zu lassen. Berlin gilt als hart, hässlich und verbissen.

Zu Unrecht. Das Prinzip ‚loben und loben lassen‘ hat hier seine Heimat.

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Kommentare ( 37 )

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Ein Mensch
2 Monate her

Ich weiß ja nicht ob das so gut ist für den Tagesspiegel, wenn so eine Koryphäe der Politik wie die Frau ohne Dr. für diese Zeitung wirbt.

Andreas aus E.
2 Monate her

Jetzt im Tabloid-Format mit noch mehr Inhalt – klasse! Wenn sogar eine Kapazität wie Frau DR. Giffey das Blatt empfiehlt, werde ich beim nächsten Besuch am Zeitungsstand gewiß nicht drumherum kommen.

Meine Güte, etwas mediale Landschaftspflege gestehe ich Politikern ja zu, aber muß es derartig peinlich sein?

Lizzard04
2 Monate her

Beim Lesen dachte ich, die Wolfgang Herles Kolumne „Die Lust zum Untergang“ geht einfach mit ein paar Journalistenjubeln auf die große uns alle verarmende Transformation weiter. Aber dann stellte sich heraus, es war gar keine Satire!

H. Priess
2 Monate her

Man muß schon Fair sein, die selbstgeschaffenen Probleme haben sie fast alle gelöst oder aus dem Weg geräumt. Es gibt keine weiteren Probleme und wer da irgendwelche an den Haaren herbeizieht ist ein Nazi! Von einigen Immergestrigen abgesehen herrscht Ruhe im Land und wer da Erstarrung unterstellt ist ein Nazi. Die Freiheit war noch nie so groß wie heute oder hatte man früher für Nötigung, Behinderung des Straßenverkehrs oder Behinderung des Luftverkehr einfach nur eine kleine Bearbeitungsgebühr vom Richter auferlegt zu zahlen? Damals wurde hart durchgegriffen mit ungerechten Strafen statt Freispruch! Wie Ungerecht! Der Tagesspiegel, eines der führenden Presseerzeugnisse, hat… Mehr

flo
2 Monate her

Herr Casdorff scheint ohnehin ein Fan der Ampel zu sein, siehe auch den (Meinungs-)Beitrag: „Endlich eine Zeitenwende: Faesers Einwanderungspläne haben das Zeug zu einem großen Wurf. Innenministerin Faeser will eine leichtere Einbürgerung möglich machen. Es ist höchste Zeit dafür. Sollte sich die Union dagegen stellen, wird sie die Quittung bekommen.“ „Der Plan lautet, die Staatsbürgerschaft nach einem halben Jahrzehnt oder bei besonderen Integrationsleistungen schon nach drei zu verleihen. Das ist vor allem ein Anreiz zur Integration. Mehrstaatigkeit ist dann übrigens keine Abwertung der jeweils anderen; man könnte sie sogar umgekehrt als Aufwertung verstehen.“ Wie, was? Verstehe ich nicht.

Biskaborn
2 Monate her

Die Giffey und dieser Tagesspiegel sind sich auch für nichts zu schade, jetzt sind sie endgültig ganz, ganz unten angekommen. Die wirkliche Frage aber ist, wer liest so etwas und wer glaubt dieser Schrift und einer solchen Person? Die Wahlen werden es zeigen! Ich befürchte Schlimmstes!

honky tonk
2 Monate her

Diese mediale Einseitigkeit,Kritkarmut und Lobhudelei ist inzwischen doch selbst eher unpolitischen Zeitschriften wie Wissenschaftsmagazinen angekommen.

Takeda
2 Monate her

Ich frag mich ja schon länger was die Schreiberlinge und Schreihälse vom ÖRR bzw den Qualitätsmedien für Drogen nehmen. Die Antwort lag schon länger in der Luft, es ist die Verbrüderungsdroge „Amigo“. Mal schauen, ob das eines Tages auch als Korruption geführt wird. Anstatt CSU und die Wirtschaft, haben wir es nun mit Rot-Grün + Teilen von Dunkelrot und den Staatsfunk und den sogenannten Medien zu tun. Doch hinten, kommt immer das gleiche raus. Ach btw, wenn man die Bundesregierung schulisch und intellektuell bewerten will, sollte man vom Notensystem Abstand nehmen. Tatsächlich wollen Idioten ja das Notensystem abschaffen und naja,… Mehr

Werner Geiselhart
2 Monate her

Tolle Erfolgsbilanz:
Für deutsche Rentner werden Wärmestuben bereitgestellt, Check!
Der Mittelstand wird zertrümmert, Check!
Die Großindustrie wird ins Ausland gejagt, Check!
Naturverschandelung in großem Stil durch „Erneuerbare“, Check!
Überforderung der Sozialsysteme durch unbegrenzte Einwanderung, Check!
Stigmatisierung von Kritikern der Corona-Maßnahmen, Check!
Spaltung der Gesellschaft, Check!
Drangsalierung des Individualverkehrs, Check!
Umwidmung von Staatsschulden in Sondervermögen, Check!
Abschaffung der Demokratie wegen einer angeblichen Klimakrise, beschlossen vom Bundesverfassungsgericht, Check!
usw. usf.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Ampel.

Gerhart
2 Monate her
Antworten an  Werner Geiselhart

Vielleicht ist das ja gut für die SPD, denn diese profitiert schließlich von Leuten, die Angst haben müssen und sich über ein wenig gespielte Lehrersolidarität freuen….

AlexR
2 Monate her

Giffey spricht von „Neid“ der anderen Bundesländern bzgl. den vorzüglichen Entlastungen der Berliner.

Klar! Neid! Weiß diese ignorante Frau eigentlich, dass andere Bundesländer diese Berlinpolitik durch den sog. Länderfinanzausgleich bezahlen?

Flavius Rex
2 Monate her
Antworten an  AlexR

Die Berliner wählen diejenigen, die ihnen das meiste Geld organisieren und zustecken. Wo da Geld herkommt, wie es zusammengeklaut wurde ist denen doch egal.

Brotfresser
2 Monate her
Antworten an  Flavius Rex

Da haben Sie das Prinzip Sozialismus/Kommunismus in zwei Sätzen schlüssig erklärt! Mille Grazie!