Hart aber Fair: Hier gehts zur Mini-Einheitsrente

Wie schnell es doch gehen kann. Noch vor wenigen Wochen spielte Geld keine Rolle, gar keine. Deutschland kann die ganze Welt retten, und das bisschen Renten sollten Flüchtlinge für uns retten. Und plötzlich reden wir über Altersarmut und schieben die Löcher von Links nach Rechts.

Gerade hat mir eine Rentnerin aus der früheren DDR geschrieben. Sie schildert ihr Flüchtlingselend, Ähren sammeln auf abgeernteten Getreidefeldern, Kartoffeln stoppeln, wo ja kaum mehr einer weiß, was das bedeutet.

Nein, wir glauben mal dem Fernsehen

Sie erhält mit Witwenrente ihres Mannes 700 € („sonst müsste ich zelten und nicht wohnen“) nach Elend und 45 Jahren Arbeit und schreibt:

„Im Fernsehen habe ich gehört: Ein Flüchtling kostet 900 € im Monat mit Unterkunft und Verpflegung; und da wir keine Lügenpresse haben, muss ich das glauben.“

Politik ist, wie man mit unterschiedlichen Menschen und Ansprüchen umgeht, und wer was warum erhält. Der Einbruch der Wirklichkeit ist doch mehr so ein Tsunami, der ziemlich viel mitreisst; auch die übrige Selbsttäuschung. Und sich wandelt in
bitteren Spott, der viel über zumindest gefühlte Wirklichkeit aussagt – ausgerechnet von „Margot Honecker“, einem der böseren Accounts hier:

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Rente ist eben eine komplizierte Sache. Irgendwie ist im Alter jeder Rentner. Und weil im Jahr 2014 die durchschnittliche monatliche Rentenzahlung für Männer und Frauen bei mickrigen 797 Euro liegt, für Frauen in Westdeutschland im Schnitt bei nur 576 Euro, sind eben sehr schnell alle Rentner arm; besonders im oberflächlichen WDR-Rentenreport, den Frank Plasberg zum Ausgangspunkt nimmt.

Plötzlich sind wir alle arm

So plötzlich sind wir dann alle arm, und der Verbraucher-Journalist Hermann-Josef Tenhagen hat den deutlichsten Befund zur speziell deutschen Problemlage: Wer im Arbeitsleben schlecht verdient habe, der sei auch „als Rentner am Arsch“. Das Gegenteil wäre die Nachricht; arm im Arbeitsleben, reich in Rente. Wie das gehen soll, hat er uns lange bei Finanztest und neuerdings als Finanztipp geraten; es hat wohl bloß keiner seinen Tenhagen gelesen.

Auch nicht Ulrich Schneider (57), Chef des Wohlfahrtsverbandes „Der Paritätische“. Er findet: „Statt jede Woche einen Lottoschein auszufüllen, sollten einige lieber was für ihre Alterssicherung tun.“ Ansonsten rät er zur Kündigung von Riester-Verträgen. Schneider ist der optimale Interessenvertreter der großen Wohlfahrtsverbände, sowohl der beiden Großkirchlichen wie der Arbeiterwohlfahrt: Wenn der Mensch eben nur vom Staat abhängig ist, wie Schneider es rät, dann haben diese Verbände bald viel zu tun. Schneider sorgt für das Wachstum der eigenen Klientel durch Selbstentmündigung die darin bestehen soll, eben gerade nicht vorzusorgen und dann es von Schneider besorgt zu kriegen – was ihm allerdings mehr hilft als den Betroffenen.

So geht in der Debatte unter: Rentner ist nicht gleich Rentner. Der Beamten-Rentner ist fein raus, Pension klingt ja auch vornehmer, dafür sorgen schon die vielen Beamten-Bundestagsabgeordneten, deren Altersbezüge noch besser sind: So erhält Jens Spahn nach 14 Abgeordneten-Jahren immerhin schon 3.000 €, was für einen von ihm vertretenen Arbeitnehmer unmöglich ist. Denn wer 45 (!) Jahre lang den Höchstbeitrag zur Rentenversicherung einbezahlt und fast das Doppelte des Durchschnittseinkommens verdient hat, kriegt doch nur eine rechnerische Höchstrente von 2.742 Euro im Monat. Über Beamten-Rentner wird aber nicht geredet bei de Renten-Reform, hat Andrea Nahles, unsere famose Rentenministerin versprochen: „Zu kompliziert“. Klar. Sie weiß, wo die Bataillone stärkt sind.

Viel besser dran sind theoretisch noch die, die in berufsständische Versorgungswerke einzahlen wie Ärzte, Apotheker und andere Freiberufler; hier wird allerdings alles, was irgendwie möglich ist getan, um mittels Null- und Negativ-Zinsen die Altersarmut doch noch möglichst großflächig zu verwirklichen. Auch davon ist nur in Nebensätzen die Rede: Dass nicht die Rentenversicherung das Problem ist, sondern die Zerstörung dieser Vorsorgesysteme zusammen mit Lebensversicherung und anderen Sparformen durch die Euro-Umverteilung von Deutschland gen Süden.

Und kleine Rente bedeutet nicht automatisch arm, sagt Finanz-Staatssekretär Jens Spahn; schließlich haben viele Beamte auch noch kleine Renten. Andere Rentner sind verheiratet, haben Immobilien, weiß Gott was. Darüber gibt es übrigens einen Bericht einer Regierungskommission aus dem Jahre des Herrn 1976. Seither hat sich die Vielfalt erhöht. Und jetzt?

Das Durchschnitts-Verdiener-Modell

Jetzt da ist dann noch Natalie Claßen; das Durchschnittsverdiener-Modell. Sie ist Krankenschwester, Mutter eines Sohnes, Mitte 30, verdient netto monatlich 1900 Euro. Wenn sie bis 67 arbeitet, bekommt sie 1.100 Euro Rente. Private Vorsorge leiste sie nur durch ein Sparkonto für ihren Sohn. In ihrem beruflichen Alltag trifft sie auf Patienten, die sich nichts mehr leisten können, keinen Kaffee, kein Kino, kein Theater. Mit Freunden plant sie die Gründung eines Vereins gegen Altersarmut.
(Immer wieder wird beklagt, dass Rentner kein Geld mehr fürs Theater hätten. An dieser immer wiederkehrenden Formulierung merkt man schon, dass die, die über Rentenarmut reden, zu den privilegierten Schichten der großstädtischen Theaterbesucher zählen). Für Frau Claßen, die nicht schlecht verdient, reicht es nicht. Nicht mehr. Riestern meint sie nicht zu können, und das war wohl auch gut so.

Und hier kommt der eigentlich starke Auftritt von Jens Spahn, immerhin Staatssekretär im Bundesfinanzministerium: „1.900 Euro netto ist 3.000 Brutto.“
Genau, das ist der Punkt. der Umverteilungsstaat kassiert bereits beim Normalverdiener so viel ab, dass wirklich kaum etwas für eigene Vorsorge überbleibt.
Soll jetzt die Umverteilung ausgeweitet werden?

So kehrt Armut im Wohlstandsstaat wieder zurück in den Alltag. Noch vor wenigen Wochen sollten Syrer uns garantieren, dass wir alle mit 63 in Rente gehen und bis 95 fett leben, und nun geht es um Pfandflaschen in Mülltonnen vor Asylbewerberheimen, die Rentner durchwühlen.

Wer den Euro rettet, rettet auch die Rente
Renten im Wahlkampf: Achterbahn und Schiffsschaukel
In der neuen deutschen Debatte wird eben lieber laut gekeift als nachgedacht. Ralf Stegner wird zu Talkshows immer als Kombination von Kreislauf- und Erheiterungsmittel eingeladen. Was er sagt, versteht man schon kaum. Das ist auch gut so. Denn seinem Eifern kann man trotz mehrfachen Nachhörens nur entnehmen, was sein langfristiges Ziel ist: Es könne nicht sein, dass einige während des Berufslebens so viel mehr verdienen als andere; das solle zunächst bei der Rente und langfristig überall geändert werden. Vermutlich ist das genau Stegners Rezept: So lange umverteilen, bis alle arm sind, aber gleich. Denn bei 3.000 Brutto ist 1.900 Netto für Stegner immer noch zuviel.

Natürlich geht keiner der Frage nach, wie es sein kann, dass jedes Jahr die Rente reformiert und dennoch weniger wird. Warum reden über Rente immer solche, die das ursprüngliche System gerade kaputt reformiert haben? Vielleicht gerade deshalb? Das ursprünglich einfach zu verstehende System von Beiträgen, die dann zur Rente werden, ist ein politisierter Beitragsfleischwolf geworden, durch den alle gedreht werden. Das Ergebnis ist dann so. Denn darauf läuft es hinaus: Am Ende eine Art Einheitsrente.

Da jubeln viele. Das klingt so gleich, so gerecht.

Aber am Ende werden es dann wohl nur so 600 bis 900 € sein; also allenfalls eine Mini-Einheitsrente.

Dann hat Ralf Stegner, Vize-Vorsitzender der SPD das, was er will.

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