Werner Herzogs todgeweihter Pinguin wurde zum Sinnbild existentieller Einsamkeit – bis das Auswärtige Amt ihn für die EU vereinnahmte. Jetzt trägt er einen Rucksack mit Merz, Macron und Starmer, zwinkert fröhlich zur Davos-Rede und fliegt davon. For sure. Von Silvia Venturini
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Es gibt Momente, in denen die Absurdität der politischen Kommunikation eine Qualität erreicht, die selbst den hartgesottensten Zyniker sprachlos zurücklässt. Das Auswärtige Amt hat einen solchen Moment geschaffen. Man nahm einen der ikonischsten Augenblicke dokumentarischer Filmkunst – Werner Herzogs Pinguin aus „Encounters at the End of the World“ – und verwandelte ihn in einen EU-Werbespot. Das Ergebnis ist so verstörend, dass man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll.
Zur Erinnerung: Im Original von 2007 beobachtet Herzog einen Pinguin, der sich von seiner Kolonie löst und allein Richtung Berge watschelt – in den sicheren Tod. „But why?“, fragt Herzog mit seiner unverwechselbaren Grabesstimme. Es ist eine Frage ohne Antwort, ein Moment purer existentieller Verstörung. Der Pinguin folgt einem Ruf, den niemand versteht, am wenigsten er selbst. Er wird sterben, und er weiß es vermutlich nicht einmal. Es ist Camus in Federn.
Das Internet, jener kollektive Verstand unserer Zeit, erkannte die Tiefe dieser Szene. Der „Depressed Penguin“ wurde zum Meme, zur Chiffre für Momente, in denen man weitermacht, obwohl alles sinnlos erscheint. Plus Ultra in seiner reinsten Form: Weiter, immer weiter, auch wenn dahinter nur der Abgrund wartet.
Und dann kam das Auswärtige Amt.
Wenn Pinguine fliegen lernen
In ihrer Version trägt der Pinguin einen blauen Rucksack. Aus diesem ragen die Köpfe von Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer (oder doch Johann Wadephul? Wer weiß…). Wie ausgeschnittene Panini-Bildchen, die ein übereifriger Praktikant dort hingeklebt hat. Der Pinguin watschelt nicht mehr in den Tod – nein, er besteigt einen Gipfel, bekommt einen Heiligenschein aus EU-Sternen, zwinkert in die Kamera (ja, er zwinkert), und fliegt dann im Superman-Stil davon.
Man muss das einen Moment sacken lassen: Der Pinguin fliegt.
— severin tatarczyk (@stagerbn) January 30, 2026
Herzogs Pinguin, der die Absurdität der Existenz verkörperte, wurde in einen fliegenden Werbebotschafter für europäische Werte verwandelt. Das ist, als würde man Kafkas Käfer einen bunten Anzug anziehen und ihn für eine Versicherung werben lassen. „Gregor Samsa – jetzt auch als App!“
Ist das ihr ernst? For sure!
Die Tonspur macht die Sache nicht besser. Über die Bilder gelegt ist Emmanuel Macrons Rede vom Weltwirtschaftsforum in Davos: „We do prefer respect to bullies. We do prefer science to politicism, and we do prefer rule of law to brutality.“ Das klingt gut, zweifellos. Es klingt nach Werten, nach Haltung, nach dem Europa, das wir gerne wären.
Aber dann kommt die Montage.
Schnelle Schnitte, treibender Beat, und Macrons „for sure“ als rhythmisches Sample – immer wieder, wie ein Mantra, das man sich selbst vorsagt, um die Zweifel zu übertönen. For sure. For sure. For sure. Dazu Bilder: Macron mit Sonnenbrille (der coole Europäer), eine Ein-Euro-Münze (Wirtschaft!), Johann Wadephul schüttelt Ursula von der Leyen die Hand (Diplomatie!), Hightech-Roboter (Innovation!), Mark Rutte lacht (NATO!). Texteinblendungen hämmern die Botschaft ein: „Loyalty“, „Competitiveness“, „Defense of freedom“, „Security“, „Rule of law“.
Und dann, als Krönung: „EUROPE“ in großen Lettern, gefolgt von einem letzten „for sure“ und dem EU-Logo.
For sure.
Döp-dödö-döp
Doch damit nicht genug. Im Hintergrund des Videos läuft eine Orgelversion von Gigi D’Agostinos „L’amour toujours“ – jenes Lied, das zum ursprünglichen Pinguin-Meme gehörte. Auf den ersten Blick eine nachvollziehbare Wahl: Man will das Meme authentisch reproduzieren, also nimmt man auch die Musik.
Nur hat dieses Lied in Deutschland mittlerweile eine eigene Geschichte. Im Sommer 2024 wurde es berüchtigt, als Jugendliche auf Sylt die Melodie mit „Ausländer raus! Deutschland den Deutschen!“ unterlegten. Was als isolierter Vorfall begann, wurde medial skandalisiert, politisch verurteilt – und entwickelte prompt ein virales Eigenleben. Unter dem Chiffre „Döp-dödö-döp“ wurde das Lied zur rechten Erkennungsmelodie, tausendfach remixed und memetisiert. Die Ironie wollte es, dass gerade der Versuch der Ächtung dem Lied erst seine subkulturelle Sprengkraft verlieh.
Dass das Auswärtige Amt nun ausgerechnet diese Melodie für seinen EU-Werbespot wählt, lässt nur zwei Schlüsse zu: Entweder man wusste nichts davon – was auf eine bemerkenswerte Ahnungslosigkeit gegenüber der eigenen Bevölkerung hindeutet. Oder man versuchte bewusst, das Lied „zurückzuerobern“ – was ungefähr so erfolgversprechend ist, wie einen Bumerang einzufangen, indem man ihm hinterherläuft. In beiden Fällen offenbart sich hier ein metapolitischer Blindflug, der symptomatisch für die gesamte Regierungskommunikation steht: Man operiert in einer Welt, deren Codes man nicht versteht, mit Werkzeugen, deren Wirkung man nicht kontrolliert.
The Left still can’t meme
Was hier passiert, ist mehr als nur peinliche Öffentlichkeitsarbeit. Es ist die vollständige Umkehrung einer Bedeutung. Herzogs Pinguin war ein Symbol für das Unerklärliche im Leben, für jenen Impuls, der uns weitertreibt, auch wenn die Vernunft dagegen spricht. Er war tragisch und schön zugleich, weil er nichts wollte – er folgte nur einem inneren Kompass, der ihn in die Einöde führte.
Der EU-Pinguin hingegen will alles. Er will uns überzeugen, begeistern, mitreißen. Er zwinkert und fliegt und trägt Politiker auf dem Rücken wie Trophäen. Er ist das Gegenteil von Authentizität – er ist Propaganda im Gewand der Ironie. Und das Schlimmste daran: Die Macher glauben vermutlich wirklich, sie hätten etwas Cleveres geschaffen. Ein Meme! Die Jugend wird es lieben!
Aber Memes funktionieren nicht so. Ein Meme entsteht organisch, es wird von Millionen Menschen adaptiert und neu interpretiert, bis es eine Bedeutung trägt, die niemand geplant hat. Man kann ein Meme nicht von oben verordnen. Man kann es nur zerstören.
Der Kanzler glänzt durch Abwesenheit
Besonders bemerkenswert ist, was das Video nicht zeigt. Friedrich Merz, immerhin der Kanzler, ist zwar als Kopf auf dem Rucksack präsent – aber in der „Action-Montage“ taucht er nicht auf. Dort agiert Johann Wadephul, der Außenminister. Merz wird getragen, aber er handelt nicht. Er ist Gepäck.
Das mag Zufall sein, eine Frage des verfügbaren Bildmaterials. Aber es fügt sich in ein Muster: Merz als Kanzler, der von den Ereignissen getragen wird, statt sie zu gestalten. Der auf dem Rucksack sitzt, während andere fliegen. For sure.
Werner Herzog wurde einmal gefragt, was er über die Meme-Kultur denke, die seine Arbeiten vereinnahmt hat. Er antwortete sinngemäß, dass er nichts dagegen habe, solange die Menschen dadurch vielleicht eines Tages auch seine Filme sehen würden. Herzog versteht, dass Kunst ein Eigenleben entwickelt, dass Bedeutungen wandern und sich verändern.
Aber selbst er hätte sich vermutlich nicht träumen lassen, dass sein todgeweihter Pinguin eines Tages einen blauen Rucksack mit Politikerköpfen tragen und für die EU fliegen würde.
Es gibt Transformationen, die zu weit gehen. Dies ist eine davon.
Der Pinguin aus Herzogs Film watschelte in den Tod, weil er nicht anders konnte. Der Pinguin des Auswärtigen Amts fliegt in eine strahlende Zukunft, weil man es ihm befohlen hat. Der eine war tragisch und frei. Der andere ist fröhlich und ein Werkzeug.
For sure, indeed.



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