Der Correctiv-Skandal: Desinformation und Mauschelei

Desinformation als legitim zu betrachten, sobald sie der eigenen Haltung entspricht, und andererseits das, was bestimmten Akteuren missfällt, als Desinformation zu kennzeichnen, ist ein überaus besorgniserregender Trend.

IMAGO / Sven Simon
Haben Sie sich schon eine Popcornmaschine angeschafft? Es könnte sich lohnen, denn die Enthüllungen um das „Rechercheportal“ Correctiv versprechen noch zahlreiche Stunden ereignisreichen Kinos. Vielleicht war es keine gute Idee, durch manipulative Berichterstattung eine nationale Massenpsychose auszulösen, und damit unweigerlich Aufmerksamkeit auf die eigenen Methoden und das journalistische Selbstverständnis zu lenken?

Sarkasmus beiseite: Wie die Berliner Zeitung nun berichtet, und durch eine Anfrage des AfD-Politikers Leif-Erik Holm bestätigt, traf sich der Geschäftsführer von Correctiv mehrfach sowohl mit Vertretern der gegenwärtigen als auch der ehemaligen Bundesregierung. Zum nichtöffentlichen „Gedankenaustausch“, unter anderem, um über „Desinformation“ zu sprechen. Ein Verhalten, welches das ohnehin angekratzte Vertrauen in die Medien als „Vierte Gewalt“ nachhaltig beschädigt. Die Bevölkerung erwartet von Journalisten zu Recht Unbestechlichkeit und Unabhängigkeit, bzw. dort, wo Letztere nur teilweise gegeben sein kann, zumindest Transparenz.

Nur acht Tage vor dem Treffen in Potsdam soll sich Correctiv-Geschäftsführerin Jeanette Gusko mit Bundeskanzler Olaf Scholz getroffen haben. Sie habe laut Bundesregierung „spontan“ am 17. November 2023 stattgefunden. Am 7. November 2023 fand eine Diskussionsrunde im Bundeskanzleramt statt, bei der Gusko ebenfalls teilnahm. In den letzten vier Jahren haben sich Regierungsvertreter und Correctiv demnach elfmal getroffen. Das berichtet NIUS.

Der Verdacht der Hofberichterstattung schmälert nicht nur die Glaubwürdigkeit von Correctiv und der deutschen Medien insgesamt, der Gesprächsschwerpunkt „Desinformation“ weist auf eine tiefgreifendere Problematik hin: Wie gehen wir mit einer Informationsgesellschaft um, in der jeder mit einem Social-Media-Konto „Medienschaffender“ ist?

Tatsächlich ist es eine drängende Frage, wie die Qualität von Informationen gesichert werden kann. Der Kontrollreflex, den regierende Politiker hier entwickeln mögen, ist verständlich. Ihm nachzugeben, ist indes kurzsichtig und kontraproduktiv. Denn aus dem Ansinnen, Information zu filtern, wird postwendend jenes, den Informationsfluss auf intransparente Weise zu steuern. Selbst wenn derartige Mauscheleien nicht immer ans Licht kommen: Werden sie bekannt, ist der Schaden immens, wenden sich immer mehr Bürger von etablierten Medien ab und suchen Alternativen.

Zudem leidet unsere Gesellschaft unter zunehmender Polarisierung. Unterschiedliche Ansichten bewegen sich oft nicht mehr auf der Basis derselben Realität, sondern auf dem Boden unterschiedlicher Wirklichkeiten, die zum Teil auf einander entgegengesetzten „Faktenlagen“ beruhen. Ein Umstand, der sich im neudeutschen Wort „Bubble“ ausdrückt, der aber viel gravierender ist, als der Begriff vermuten lässt – eine Seifenblase kann man zum Zerplatzen bringen; wir haben es jedoch mittlerweile mit Betonwänden zu tun, die die Wahrnehmungswelten der Bürger voneinander trennen. Dem kann nur eine möglichst breite Darlegung der Fakten entgegenwirken – was freilich einer pointierten Einordnung im Nachgang keineswegs widerspricht.

Es ist vielsagend, dass die Protagonisten, die sich selbst als „Faktenfinder“, „Faktenchecker“ und eben als „Correctiv“ betrachten, geradezu das Gegenteil befördern: Erwünschte Ansichten, die Gegenstand von Kontroverse sind, werden als „Fakten“ dargestellt, und damit der Diskussion enthoben. Missliebige hingegen werden als „Fakenews“ definiert. Der Deutungsrahmen wird festgeschrieben – nicht durch Argumente, sondern durch den moralischen Appell, wie etwa die manipulierten NS-Parallelen der Potsdamer Correctiv-Veröffentlichung zeigen.

Angesichts der mittlerweile sieben eidesstattlichen Erklärungen, die dem Kern der vermeintlichen „Recherche“ – den angeblich geplanten massenhaften Ausweisungen – widersprechen, lässt sich die Frage stellen, inwieweit Fakten auch schlicht „erfunden“ werden. Desinformation als legitim zu betrachten, sobald sie der eigenen Haltung entspricht, und andererseits das, was bestimmten Akteuren missfällt, als Desinformation zu kennzeichnen, ist ein ganz besonders besorgniserregender Trend: Wir steuern auf eine postfaktische, rein weltanschaulich bestimmte Medienlandschaft zu, wenn wir derartige Entgleisungen tolerieren. Eine selbstkritische Kurskorrektur ist dringend vonnöten.

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Kommentare ( 46 )

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Walter Eiden
7 Tage her

Kleine Korrektur: Wir steuern nicht drauf zu, wir sind mittendrin. Vielleicht hat es sich zugespitzt, vielleicht wird es aufgrund der abnehmenden“Qualität“ und zunehmender Quantität einfach immer nur offensichtlicher, aber „postfaktischer Kampagnenjournalismus“ ist nichts Neues.
Ich kann mich an keinen politikmedialen unterstützten/geforderten Krieg der letzten Jahrzehnte erinnern bei dem früher oder später nicht auch „andere Fakten“ an`s Tageslicht kamen. Selbiges gilt für unzählige Attentate und Anschläge.

Waldorf
7 Tage her

Ich fürchte, der Trend ist wenig bis gar nicht aufzuhalten – wie wir in den USA bereits seit Jahren sehen können. Waren Sender oder Zeitungen wie Fox oder Bild lange eher konservativ oder gar „populistisch“, sind sie jüngst den „rotgrünen“, progressiven Zeitgeist sehr viel näher gerückt, zahllose andere „Outlets“ (Sender wie Print) sind schon seit Jahren „all in“ im woken, sehr rotgrün-lastigen, angeblich progressiven „Zeitgeist“ mit seiner Standard-Agenda, Haltung etc. Das mag zum Teil daran liegen, dass viele die beruflich zu Medien kommen schulisch und insbesondere universitär „linkslastig“ sozialisiert wurden oder an üppigen Spenden von schwerreichen Gönnern aus den USA,… Mehr

flo
7 Tage her

Ein m. E. sehr treffender Text. „Vielleicht war es keine gute Idee, durch manipulative Berichterstattung eine nationale Massenpsychose auszulösen, und damit unweigerlich Aufmerksamkeit auf die eigenen Methoden und das journalistische Selbstverständnis zu lenken?“ Doch, war es. Die in den Demos zum Ausdruck kommende Massen-Solidarisierung von Hunderttausenden Menschen konnte ja nur zustande kommen, weil die Realitätswahrnehmung eines kleineren Teils der Bevölkerung inzwischen von Emotionen und purer Moral geprägt, d.h. dominiert ist, anstelle von Logik und Vernunft. Nur deshalb werden rechts und rechtspopulistisch und Neue Rechte und rechtsextrem und AfD unterschiedslos über einen Kamm geschert und kann man im Kampf gegen Rechts… Mehr

Klaus Uhltzscht
7 Tage her

Die Anfrage des Abgeordneten Leif-Erik Holm lautete, ob ein Treffen mit Correctiv im Ministerium stattgefunden hat. Nicht, ob es spontan war. Das Ministerium antwortete korrekt mit den Datum des Treffens und zusätzlich ungefragt, das dies spontan stattgefunden hätte. Das Kommunikations-Genie im Ministerium, welches völlig unnötig dies dahergeplappert hat, kann man jetzt schön in die Zange nehmen: „Na, Freundchen, niemand hat bisher gemutmaßt, daß die Treffen mit Correktiv im Ministerium planmäßig stattfinden könnten. Warum ist es Ihnen ein Bedürfnis, diese vorauseilend als spontan zu bezeichnen? Stimmt da was nicht?“ Die Antwort steht übrigens in 1984 von George Orwell. Wenn das Ministerium… Mehr

Nibelung
7 Tage her

Die sind mir schon um die 2015 herum aufgefallen und immer wenn der investigative Journalismus an die große Glocke gehängt wird, kann man sich einigermaßen sicher sein, daß es Linksableger sind und nur dazu dienen sollen, die alten abgewetzten roten Revolverblätter zu entlasten und deshal hat man sich völlig unverdächtig 2013 daran gemacht eine neues zentrales Kampfblatt zu entwickeln. Verdächtig machten sie sich schon deshalb, weil sie aus dem Nichts heraus einen personellen Aufwand betrieben haben, der in keiner Relation zum umkämpften Markt steht und nach entsprechenden Recherchen war klar, wer dahinter steckt, nämlich traute Gemeinsamkeit zwischen Regierung und den… Mehr

Enrico Stiller
7 Tage her

Na immerhin hat sich Correctiv mit seiner Posse ja als das geoutet, was sie sind: nämlich keine Organisation zur Bekämpfung von Desinformation, sondern zur BETREIBUNG von Desinformation.

Lotus
7 Tage her

„Nur acht Tage vor dem Treffen in Potsdam soll sich Correctiv-Geschäftsführerin Jeanette Gusko mit Bundeskanzler Olaf Scholz getroffen haben.“

Es gab also tatsächlich ein Geheimtreffen. Allerdings ohne Kameras und Richtmikrofone. Peinlich für den Olaf und die ganze linksgrüne Blase, dass das jetzt publik wird. Der ÖRR wird aber sicher nichts davon berichten, darauf können sich Scholz, Faeser & Co. verlassen. Und der Olaf hat den Gesprächsinhalt bestimmt längst vergessen. War da was?

Jeden Tag erfährt man Unfassbares darüber, was in diesem einst funktionierenden Land abgeht. Aber wer die einzige Oppositionspartei wählt, ist natürlich Nazi.

Last edited 7 Tage her by Lotus
Rolfo
7 Tage her

Sie knicken alle ein und kriechen auf dem vorgegebenen Meinungskorridor entlang. – Gemeint sind Journalisten, die nicht mehr selber denken wollen, sondern stets nach dem Sagbaren schielen und die blanken Tatsachen verdrängen (denken zu müssen).

Biskaborn
7 Tage her

In diesem Land wird mittlerweile mehr gelogen , vertuscht und verdreht als es sich die SED und ihre Medien je erlaubt haben! Wann endlich merken das die Menschen dieses Landes?

Hummi
7 Tage her

Da ich mittlerweile sämtliche Deutschen große Medien meide und nur noch Ausländische Medien konsumiere, und natürlich TE , merkt man sehr schnell was für eine verlogene und unfähige Medienwelt in Deutschland haben, die nur noch Meinungsmache ist ! Es ist auch eine Wohltat , über den Ukrainekrieg, den Krieg in Israel , die globale Wirtschaft , Putin und das Interview mit Carlson usw … vernünftige und neutral verfasste und gut recherchierte Artikel zu lesen , das findet man in Deutschlands Leitmedien nicht mehr !