Bei Maischberger alle einer Meinung – welcher?

Nach Sandra Maischberger 1/2016 und vor Maybrit Illner und Anne Will ganz klar 1:0 für Frank Plasberg, wenn man so eine Talkshow daran messen will, wie realistisch sie diese sich immer mehr zuspitzende, diese so tiefe Gräben quer durch die Mitte der Gesellschaft ziehende Kontroverse abzubilden in der Lage ist, die gerade in Deutschland stattfindet.

So, Frank Plasberg hatte am Montag bereits vorgelegt, jetzt kam Maischberger aus dem Jahreswechsel. „Hart aber Fair“ hat die Hürde allerdings hochgelegt. Plasberg konnte überzeugen. Nun bot sich der direkte Vergleich an. Denn klar: Köln bleibt Thema. Anne Will ist auf Jauchs Premiumsendeplatz vorgerückt und wird am kommenden Sonntag nachlegen, dafür bekam Maischberger Wills bisherigen Mittwoch. Maybritt Illner eröffnet noch heute Abend. Ihr Thema wird sein: „Deutschland 2016 – leben mit Gewalt und Terror?“ Auch hier wird Köln und Istanbul im Fokus stehen.

Opposition in TV-Politshows statt Parlament

Seit die Große Koalition die Diskurse in den Parlamenten auf Eis gelegt hat – sorry, aber Sahra gegen alle ist einfach zu wenig – findet Meinungsbildung in Deutschland in diesen Big-4-Polit-Talkschows statt. Nie waren diese viel gescholtenen Fernsehereignisse so einflussreich. Meinungsumfragen wären gut beraten, vor und nach den Sendungen ihre „repräsentativen“ Telefonpartner zu befragen. Der Effekt dieser Shows wäre ganz sicher direkt ablesbar.

Und es sind nicht nur die Sendungen selbst, Bürgern, welche nicht geschaut haben, holen sich ihren update am morgen via Nachberichterstattung über die großen Nachrichtenportale und Blogs. Denn kaum ein politisches Medium, das etwas auf sich hält, will darauf verzichten. Journalisten wie der Ex-TAZler Arno Frank für SPON ackern die Nacht durch, um schon früh morgens ihre TV-Kritik zu posten. Unterstützt werden sie dabei während der laufenden Sendung aus den Live-Diskussionen auf Twitter und Facebook.

Sandra Maischberger hatte exakt die gleiche Sendezeit wie Plasberg zur Verfügung. Aber das Battle ist nicht ganz gerecht, die 49-Jährige startet satte eineinhalb Stunden später um 22:45 Uhr, das ist an einem Wochentag in Deutschland nicht ganz unerheblich. Maischberger hat mit einer knappen Million Zuschauer einen Marktanteil von 11 Prozent, Plasberg schauten zwar knapp 3,5 Millionen Zuschauer, aber die Quote war vergleichbar mit der Maischbergers mit 11,4 Prozent. Letztere hatte am Tage der Ausstrahlung übrigens den Deutschen Fernsehpreis gewonnen. Wenn das kein Ansporn für die Moderatorin sein könnte …  Thema der Maischberger-Sendung: „Flüchtlinge verdächtigt, Bürger verunsichert: Angstrepublik Deutschland“.

Kommen wir schnell zu Maischbergers Gästen. Das versprach zunächst einmal ein ordentliches Gefecht Gutmensch und Bösmensch, zwischen dem König der Sozialen Medien – kein Tweet ohne Volker Beck, dem innenpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion von B´90/Grüne und Andreas Scheuer, ausgebildeter Realschullehrer und Generalsekretär der CSU. Und wenn wir schon bei Social-Media-Potenz-Vergleichen sind und weil am Donnerstag nun auch noch Rocky 7 in die Kinos kommt, auf in den Ring: Scheuer hat 11,6 Tausend Twitter-Follower, Beck 64,1 Tausend. Aber großes Erstaunen, auf Facebook liegt Scheuer vorne mit 17 Tsd. zu nur 10 Tsd. für Beck.

Ebenfalls bei Maischberger dabei waren: Chantal Louis, „Emma“-Redakteurin, Christian Pfeiffer, Kriminologe, Studentin Michelle, die in Köln Opfer wurde, und der Talk-Show-erfahrene Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland. Zugeschaltet aus London wurde noch Terrorismusforscher Dieter Neumann. Ohne ihn geht nichts mehr.

Beck nähert sich Scheuer

Maischberger nimmt sich zunächst des Themas Istanbul an: Neumann startet aus London gleich mit der Ansage, dass mit dem Flüchtlingen auch IS-Kämpfer kommen würden und die Terrorgefahr nie so hoch war in Deutschland wie im Moment. Ist der Einsatz der Bundeswehr in Syrien ein Risiko? Volker Beck meint, wenn man in ein Land geht, „sollte man seriöserweise auch ein Kriegsziel haben.“ Als er das sagt und (mehrfach) betont, er möchte kein Besserwisser sein, sucht er (immer wieder) den Blickkontakt zu Scheuer, der die Anbiederung grinsend registriert und Beck weitgehend, fast milde, zustimmt, lediglich meint, dass die Tornadoeinsätze für Deutschlands Stellung in der Allianz wichtig sind. Neumann relativiert beide Haltungen, indem er erklärt, das der IS nicht nur Frankreich, sondern auch Deutschland zur Kreuzfahrernation erklärt hätte: also ebenfalls zum Feind des Islam.

Dann ist in diesem aufgeräumten neuen Mittwochs-Studio – die alte Wohnzimmeratmosphäre mit hölzernem Buch-Ablage-Couchtischchen in der Mitte ist weg – nach den ersten 25 Minuten Zeit für das Drama in Köln. Christian Pfeffer startet mit der Erklärung, das alles war nicht voraussehbar. Aiman Mazyek bitten darum vom „so genannten“ Islamischen Staat zu sprechen, es wäre eine Beleidigung für den Islam, das wegzulassen. Alle sind einverstanden.

Gegen Menschen mit mutmaßlich islamischem Glauben sind mittlerweile weit über 600 Strafanzeigen bei der Kölner Polizei eingegangen, erzählt Maischberger und spricht nun mit dem Opfer Monique. Die erzählt noch einmal den Abend, die Zuspitzung, die Bedrohung, und das man irgendwann „nur noch Ausländer gesehen hat.“ Normalerweise würde man ja nie eine solche Menge von Menschen mit Migrationshintergrund sehen. Es wären sogar deutsche befreundete Jungen mit ihnen auf dem Platz gewesen, aber die wurden schon im Vorfeld abgedrängt und die Frauen isoliert. Aus leichten Berührungen wurde ein festes Zupacken von Händen, erzählt Monique.

Frau Louis von der Emma erklärt, man stehe in der Redaktion noch unter Schock. Die Frauenfeindlichkeit der muslimen Männer sei aber schon länger bekannt. „Finger in Scheiden stecken ist Vergewaltigung.“ Sie spricht bezogen auf Köln von einer „Zusammenrottung einer größeren Menge Männer“. Weiter erklärt sie, dass die deutsche Willkommenskultur ein Schlag ins Gesicht für den IS gewesen sein muss, aber die Ereignisse in Köln nun klar gegen diese Willkommenskultur gearbeitet hätten.

Monique hat Anzeige bei der Polizei gestellt. Zunächst wegen ihres Handys, aber die sexuellen Übergriffe seien nicht aufgenommen worden. Sie weiß auch, dass vier von sechs ihrer Begleiterinnen überhaupt keine Anzeige erstattet haben. Die Zahl müsste also eigentlich noch deutlich höher sein, als aktuell sowieso schon bei der Kölner Polizei eingegangen.

Der Kriminologe grenzt die Tätermotivation noch einmal ein. Diese Menschen kämen aus Ländern, wo das Frauenbild so geprägt sei, das Frauen nur in Begleitung von Männern in die Öffentlichkeit gehen dürften. Allein gehende Frauen würde man wie Freiwild behandeln.

Scheuer fragt, was überhaupt Algerier und Marokkaner in Deutschland machen würden. „Sie dürften gar nicht da sein.“ Frau Louis macht das düstere Tor aber wieder auf und erklärt, dass es diese Probleme in Deutschland aber doch schon seit Jahren in den Parallelgesellschaften dieser Klientel gäbe. Für Pfeiffer war Köln eine Demonstration von Macht von Verlierern der Integration.

Volker Beck erzählt von drei Syrern, die er auf einer Versammlung gegen Frauengewalt getroffen hätte, die mit demonstriert haben. Beck ist Kölner. Die falsche Lageeinschätzung der Polizei kritisiert er scharf: Das hätte besser laufen können und wäre gerade erst im Innenausschuss diskutiert worden. Daraus müsste man endlich etwas lernen.

Für Monique stand der Diebstahl im Vordergrund, nicht das sexuelle Abgreifen. Aber die Erniedrigung hätte den jungen Männern (18 bis 25) ganz offensichtlich Spaß gemacht.

Der CSU-Generalsekretär versucht der bis hierher als Konsens-Diskussion verlaufenden Sendung doch noch etwas Dampf zu geben, indem er darauf hinweist, das eine Diskussion über die Motive der Täter ja wohl der falsche Weg wäre. Straftaten seien zu verfolgen und damit hätte es sich. Mehr Polizei, mehr Kontrolle. „Es geht hier nicht um bessere Betreuung für Asylbewerber.“

Aiman Mazyek mit der politisch korrekten Melodie

Nun ist endlich Aiman Mazyek dran, der erklärt, der Islam verbiete Alkohol. Die Mütter dieser Söhne würden sich schämen und die Taten der Söhne als Schändlichkeit begreifen. Wenn man die Herkunft der jungen Männer beschauen würde, wüsste man, dass diese Männer das in ihrer Heimat nicht hätten machen dürfen. Die Emma-Redakteurin interveniert und erinnert an die Vorkommnisse in Kairo auf dem Tahir. „Eines der größten Fehler nach der Silvesternacht war die Pauschalisierung“, kontert Mazyek. Man müsse sprechen über sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz in Deutschland.

Ein Einspieler befragt Migranten in Deutschland und bringt erschreckende Frauenbilder zu Tage. Mazyek relativiert, das wäre nicht der islamische Glaube. „Die größten „Menschenrechtverletzungen werden im Namen des Islam begangen“, erinnert ihn noch einmal die Emma-Redakteurin. „Was interessiert mich Saudi Arabien als deutscher Moslem?“ fragt er die Redakteurin. Die Mehrheit der Muslime würde sich abgrundtief schämen, was Muslime – zumindest auf dem Papier – dort getan hätten.

Nun ist endlich kurz vor Schluss doch noch ganz leicht erhöhte Temperatur in der Diskussion gekommen. Für Beck ist das in christlich geprägten Ländern überwunden. „Wir sind weiter, aber das Problem hatten wir alle.“ Er fragt sich, wie man an die jugendlichen Täter herankommen könnte, die so komische Frauenbilder hätten. Man müsste ihnen das austreiben, indem man mit den Leuten redet.

Mit Migrationshintergrund darf man mehr meinen?
Ist Akif Pirincci wieder da?
„Können wir erwarten, dass die Integration der viele Jungen Männer mit Hilfe der islamischen Gemeinden passieren wird?“. fragt Christian Pfeiffer Aiman Mazyek. Der erklärt, dass wäre doch selbstverständlich – es wäre doch geradezu beschämend, diese Frage zu stellen, aber da lächelt er schon wieder. Und auch hier kein Infight möglich, weil ihm gleich wieder alle nickend zustimmen. Da nützte es auch nichts mehr, wenn Scheuer noch ein letztes Mal Dampf gibt, und erklärt, man dürfe nicht wegschauen, wir bräuchten beim Zuzug eine Verschnaufpause. Niemand da, der ihm widersprechen möchte. Monique hört tapfer weiter zu, aber es wäre auch verständlich gewesen, wenn sie einfach eingeschlafen wäre.

Und zum Abschluss kommt dann noch der afrikanisch aussehende Serge Menga in perfektem Deutsch zu Wort und wendet sich per Videoeinspieler mit einer rüde mahnenden Rapper-mäßigen Botschaft an alle Asylanten. Beck hatte das natürlich auf Facebook schon gesehen und lächelt. Aber das vergällt ihm Scheuer, der grinsend sagt: „Serge und ich sind doch einer Meinung.“ Aber nicht nur Serge und Scheurer. Heute sind mal alle einer Meinung. Schadet ja auch nichts. Solange nichts unter den Teppich gekehrt wird wie tagelang nach Silvester.

Also ganz klar 1:0 für Plasberg, wenn man so eine Talkshow daran messen will, wie realistisch sie diese sich immer mehr zuspitzende, diese so tiefe Gräben quer durch die Mitte der Gesellschaft ziehende Kontroverse abzubilden in der Lage ist, die gerade in Deutschland stattfindet.

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