Friedenspreisträger Boualem Sansal und sein neues Buch „2084 -Das Ende der Welt“

Ingrid Ansari ist sicher, dass ein Mensch, ein Intellektueller, der in einem islamisch geprägten Land als Muslim aufgewachsen ist, sein Leben lang dort gelebt und die Kultur mit der Muttermilch aufgesogen hat, weitaus mehr über das, was dort passiert, weiß als die meisten Stimmen in Europa.

Boualem Sansal, 1949 in einem kleinen Dorf in Algerien geboren, ist Schriftsteller und Islamkritiker. Er hat weder Islamwissenschaften noch Sozialwissenschaften studiert und ist nicht in Talkshows zugegen. Als Ingenieur und promovierter Ökonom bekleidete er einmal einen hohen Posten im algerischen Industrieministerium. Als jedoch 1999 sein erster Roman „Der  Schwur der Barbaren“ in Frankreich veröffentlicht wurde, wurde er (innerhalb von fünf Minuten, sagt er) ohne Begründung von seiner Tätigkeit im Ministerium entbunden. Er lebt weiterhin in Algerien, wo seine Bücher der Zensur unterliegen. Gerade ist sein neustes Buch mit dem Titel „2084 Das Ende der Welt“ (angelehnt an George Orwells oft zitiertes „1984“) herausgekommen. Der Inhalt sei hier nur kurz skizziert:

Inhalt des Buches „2084“

Es beginnt mit einer dichten und atemberaubenden Schilderung des Protagonisten, des etwa dreißigjährigen Ati, der vor seiner Entlassung aus einem unendlich tristen, verwahrlosten Sanatorium für Tuberkulosekranke steht, das sich in einer bedrohlich wirkenden, einsamen Berglandschaft befindet. Der letzte lange und globale Heilige Krieg hatte 2084 mit der Gründung von Abistan geendet: ein Riesenreich mit 60 Provinzen (vom Sanatorium bis zur Hauptstadt braucht Ati später fast ein Jahr). Dessen Bewohner stehen seitdem unter der totalen Kontrolle Yölahs, dessen Anwesenheit in Form  eines schattenhaften magischen Auges riesig auf alle Mauern projiziert wird.  Mit einem Apparat von vierzig Würdenträgern – der „Gerechten Bruderschaft“ –  setzt sein Entsandter Abi seine Macht unerbittlich durch. Ein totalitäres, manipulatives System, kontrolliert durch die Gesetze des Heiligen Buchs Gkabul,  das die Seelen und Körper der Menschen regiert.  Alles ist festgelegt, rituell erstarrt. „Die Geschichte ist von Abis Hand umgeschrieben und versiegelt worden.“  (S. 19). Die Gegenwart ist ewig die gleiche; der Kalender hat keine Bedeutung mehr. Es gibt keine Entwicklung, keine Wissenschaft, keine Künste. Der Tagesablauf ist bis ins Detail vorgeschrieben; neunmal am Tag wird gebetet. Die Frauen erscheinen in dieser Welt nur als verhüllte, einbandagierte Schatten. Der ewige Druck gebiert Denunziation, Verstellung, Heuchelei und heimliche Laster, und der Tod ist allgegenwärtig. Ungläubige enden im Stadion und werden unter Beifall der Öffentlichkeit auf grausamste Art hingerichtet und anschließend durch die Straßen geschleift. Es ist eine religiöse Weltdiktatur, ein geschlossener Kosmos, in der die Hauptfigur Ati lebt.  Man munkelt, dass die vielen Heiligen Kriege und das ständige weitere Morden unvorstellbare Mengen von Leichen hinterlassen haben, dass die Einwohner dort buchstäblich über untergepflügte Berge von Leichen gehen.

In den eiskalten schwarzen Nächten liegt Ati oft eingehüllt in einen weiten, durch Schmutz wasserundurchlässig gewordenen Wollmantel, dem Burni, im dunklen Tunnel seines Bewusstseins vegetierend wach und grübelt. Nur allmählich dringt eine Ahnung, ein fahler Lichtschein aus einer anderen Welt in seine Finsternis, was ihn mit großer Angst, aber auch mit Glück erfüllt. Einmal drängt sich ihm nachts ungewollt das Wort „Freiheit“ an die Lippen – geflüstert oder nur gedacht – er weiß es nicht. Ein für ihn unerhörter, Furcht einflößender Vorgang. Die Qualen der Bewusstwerdung sind entsetzlich. Aber einmal ins Bewusstsein getreten, wird diese Erfahrung ihn nie wieder verlassen und ihn weiter forschen lassen nach dieser untergegangenen Welt. Mit seinem in der Heimatstadt neu gewonnenen Freund Koa macht er sich daran, zu erkunden, in welcher Welt er eigentlich lebt.

Boualem Sansals Anliegen

Boualem Sansal ist ein anerkannter Schriftsteller. Neben anderen Preisen wurde er 2011 mit dem „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ ausgezeichnet und hofft, durch seine Bücher, Interviews, Lesungen und Artikel der schleichenden Ausbreitung der religiösen Ideologie Einhalt zu gebieten, fordert unermüdlich dazu auf, die aufgeklärten Kräfte in der arabischen Welt zu stärken. Die Islamisten interpretierten, so sagt er in einem Interview, die Toleranz von Angela Merkel  als ein Eingeständnis von Schwäche, als eine Einladung, sich im Westen einzurichten. Und an anderer Stelle (3SAT „Kulturzeit“): „In Europa sind heute alle Bedingungen erfüllt, dass sich wieder eine Art Faschismus durchsetzt. Diesmal wird er grün sein.“

Es verwundert, dass er in den Mainstream-Medien, wo er unverblümt seine Meinung sagt, immer wieder starke Beachtung findet, dass dort Interviews und Rezensionen seines Buches erscheinen. Was soll man davon halten, wo er doch selber in dem 3Sat-Interview (s.o.) aus Paris sagt: „Ich komme aus einem Land, in dem man wegen Nichts einen Menschen tötet. Und trotzdem fühle ich mich dort manchmal freier als hier, in Europa, in Frankreich. Warum? Man kann hier nicht mehr offen reden. Sobald jemand Kritik übt, wird er als Rassist oder als islamfeindlich bezeichnet. Die freie Meinungsäußerung ist ausgemerzt worden. Und noch mehr: In Frankreich hat sich eine Art Gedankenpolizei gebildet. Ich kenne die: Journalisten, Intellektuelle, die jedes Wort überwachen. Sagt man etwas Falsches, wird man denunziert. Wenn die Menschen sich nicht mal mehr frei äußern können, wie wollen sie, dass sich die Demokratie aufrichtet?“

Die Mainstream-Medien leben anscheinend schwankend in einer schizophrenen Welt, die stark an Orwells Glaubensbekenntnis erinnert: „Krieg ist Frieden“ – „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“, denen Sansal eigene Leitsätze hinzufügt: „Tod ist Leben“ – „Lüge ist Wahrheit“ und „Die Logik ist das Absurde“.

Sansal macht die dekadente Konsum- und Spaßgesellschaft, in der alles standardisiert ist, mitverantwortlich, dass junge Menschen keinen Halt, keine Orientierung mehr finden. Der Islamismus dagegen scheint vielen einen neuen Weg zu öffnen: mystisch, revolutionär, transzendental.  Es ist der Traum von einer anderen Welt, von der Eroberung der Welt. Wie die Globalisierung zwingt sie jedoch die Eigenheiten jedes Landes unter ein einheitliches religiöses Diktat, während im Westen die allgemeinen Werte des Lebens durch die Gesetze des Marktes, durch Konsum, Spaß, durch die Befriedigung  rein materieller Bedürfnisse ersetzt werden. Sansals Hoffnung ist eine Erneuerung in Form einer Renaissance, wie sie Europa im 15. und 16. Jahrhundert stattgefunden hat.

Hier kommt der Autor auf einen Punkt, eine Sorge, auf das Erschreckende, was kaum thematisiert wird: Für die Künste, Musik, Malerei, Bildhauerei gibt es in der islamischen Welt keinen Platz, denn Gott-Allah-Abi darf nicht Gestalt annehmen. Der Fähigkeit der Künste, eine höhere Realität zu schaffen, den Regungen der menschlichen Seele Ausdruck zu verleihen, darf kein Raum gegeben werden. Die Kunst und Architektur, die Philosophie, Psychologie, die Wissenschaften allgemein, die es dem Menschen ermöglichen, seine Flügel auszubreiten, seine grenzenlose Fantasie spielen und sie in mannigfaltigen Erscheinungen Gestalt annehmen zu lassen, sind hoch gefährdet. Der Prophet wusste, dass die Kunst der menschlichen Fantasie entspringt, der Sehnsucht und Suche nach besseren Welten, nach Weiterentwicklung. Doch ein solch freies Schweifen darf nicht erlaubt werden; das Erhabene und Heilende darf nur im vom Propheten festgelegten Jenseits, im Paradies gesucht werden. Der Mensch soll seine Flügel nicht ausbreiten dürfen. Sie werden radikal beschnitten. Dadurch steht die Zeit still, es gibt keine Entwicklung, wie es der Historiker Dan Diner seinem Buch „Die versiegelte Zeit“ beschreibt.

Es macht mich immer wieder zutiefst betroffen, dass dies in den Köpfen vieler Menschen gar keine Rolle mehr zu spielen scheint, dass man Statuen verhüllt, Aktbilder aus Ausstellungen entfernt und gar nicht zu bemerken scheint, dass man sich damit selber – und ganz freiwillig – Ausdruck gewordener Jahrtausende alter Schöpferkraft des europäischen Kontinents beraubt, die man eigentlich voller Stolz präsentieren müsste. Besteht die Gefahr, dass wir uns immer mehr ohne Not unserer eigenen großen kulturellen Errungenschaften auf dem Wege in eine derartige Unterwerfung berauben? Sind wir wirklich nur noch eine dekadente, geschichtsvergessene Konsumgesellschaft, wie Sansal sie in einem Interview beschreibt, eine Gesellschaft, in der alles standardisiert ist, die jungen Menschen keine authentischen Erfahrungen mehr anbietet, die über „Brot und Spiele“ hinausgehen?  Gibt es kein anderes Angebot mehr als den Islamismus, der gerade ganz jungen Männern voller Energie, Entdeckungs- und Abenteuerlust den Traum von einer erfüllteren Welt vorgaukelt? Was ist los mit einem Menschen wie dem deutschen Ex-Salafisten Dominik Schmitz – hier aufgewachsen und sozialisiert -, der erzählt, dass er an die Inhalte des Koran – Hölle und Paradies mit den 72 Jungfrauen u.ä. – lange Zeit wortwörtlich glaubte? In diesem Zusammenhang tauchen übrigens auch mal die Frauen auf, die ansonsten dort wie nicht existent sind.

Eine Renaissance, sagt Sansal, das wäre die Aufgabe: die Werte der Aufklärung wieder neu beleben, die Künste, die Kultur. Er schlägt vor, ein föderales Europa zu schaffen, das nicht alles nur uniformieren will und in dem die Eigenheiten eines jeden Landes respektiert werden. Nur wenige Intellektuelle und Institutionen setzten sich mit dieser Aufgabe auseinander und arbeiteten daran. Die Politik arbeite im Gegenteil den Extremisten zu, bei denen diese Arbeit in ihrem Sinne bereits im Gange sei. – Der Westen schläft weiter und zehrt von seinem vergangenen und verblichenen geistigen Reichtum und Ruhm. Wie lange noch?

PS:  Ich bin immer noch ganz fest der Meinung, dass ein Mensch, ein Intellektueller, der in einem islamisch geprägten Land als Muslim aufgewachsen ist, sein Leben lang dort gelebt und die Kultur mit der Muttermilch aufgesogen hat, weitaus mehr über das, was dort passiert, weiß als z.B. blauäugige Kirchenmänner.

Ingrid Ansari war Dozentin am Goethe-Institut.

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Kommentare ( 13 )

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