Ein Werk, das die Schönheit des katholischen Glaubens besingt wie kaum ein anderes – geschrieben von einem Juden: Das „Lied von Bernadette“ ist Franz Werfels erfolgreichstes Buch und ein wortgewaltiges Bekenntnis zur Hoffnung.
Im Juni 1940 befindet sich Franz Werfel in Südfrankreich auf der Flucht vor den Deutschen. Der jüdische Schriftsteller und seine Frau Alma wollten über die Pyrenäen entkommen, stecken aber nun fest. Schließlich verschlägt es sie nach Lourdes, wo sie sich mehrere Wochen lang verstecken. Hier wird Werfel mit den Geschehnissen vertraut, die das Städtchen einst mit einem Schlag ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit rückten: die Marienerscheinungen von Lourdes, die den Ort in einen der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Welt verwandelten.
Werfel ist fasziniert. Und er legt ein Gelübde ab, dessen Inhalt er im Vorwort zu seinem Werk „Das Lied von Bernadette“ wiedergibt:
„Werde ich herausgeführt aus dieser verzweifelten Lage und darf die rettende Küste Amerikas erreichen – so gelobte ich –, dann will ich als erstes vor jeder andern Arbeit das Lied von Bernadette singen, so gut ich es kann.“
Die Flucht gelingt, und Werfel löst sein Versprechen ein: mit einem der ergreifendsten und eindrücklichsten Glaubenszeugnisse über den katholischen Glauben – geschrieben von einem Juden.
Werfel lag nicht daran, eine Heiligenlegende oder Märchengeschichte zu verfassen. Er betont die Historizität seiner Erzählung. Das, wovon er berichtet, spiele, so hält er fest, „im hellsten Licht der Geschichte“.
Denn was Lourdes, die Kirche und die Welt für immer verändern sollte, ereignete sich nicht in mythischer Vorzeit, sondern gerade einmal gut achtzig Jahre, bevor Werfel im sicheren Exil in den USA beginnt, sein bedeutendstes und erfolgreichstes Werk zu verfassen.
Am 11. Februar 1858 begegnet die vierzehnjährige Bernadette Soubirous beim Holzsammeln unweit der Stadt einer schönen, in weiß gekleideten Dame. Nur Bernadette kann sie sehen, aber in den folgenden Wochen werden viele Menschen Zeugen, wie sie immer wieder mit der Erscheinung zusammentrifft.
Wahnvorstellung? Manipulation? Betrug?
Weltliche Obrigkeit und Kirche sind skeptisch. Wie soll man verfahren? Soll man die Angelegenheit ignorieren, bis das Interesse von selbst verebbt, oder muss man dem Treiben Einhalt gebieten? Das fragen sich der Bürgermeister, der Staatsanwalt, der Präfekt, der Bischof.
Die Kirche bringt damit zum Ausdruck, dass sich Maria die Gnade nicht verdient, sondern sie geschenkt bekommen hat. Wie kann ein Mädchen, das kaum lesen und schreiben kann und das von Theologie nichts versteht, diesen Begriff erfinden, den es nicht im geringsten begreift?
Ein weiteres Indiz zwingt die Kirche zum Handeln. Wie von Bernadette vorausgesagt, findet sich bei der Grotte eine Quelle. Menschen baden in dem Wasser und werden geheilt, manchmal blitzartig. In einigen Fällen bestätigen Mediziner, dass die Heilungen nach menschlichem und ärztlichem Ermessen unerklärlich seien. Bernadette wird verhört, die Erscheinungen werden einer jahrelangen Untersuchung unterzogen und schließlich für echt befunden.
Das ist der historische Rahmen, den Werfel auf eine Art und Weise mit Leben füllt, die den Leser von der ersten Zeile an in den Bann zieht. Tatsächlich entfaltet sich „Das Lied von Bernadette“ wie ein Gesang, dem man unwillkürlich lauschen muss, und dessen Reiz man sich nicht entziehen kann.
Da ist zum einen die treffende, lebensnahe und lebensvolle Zeichnung der Stadtbevölkerung. In dieser Erzählung scheint es keine Nebenrollen zu geben. Niemand dient hier nur als Staffage, um die Kulisse zu bevölkern. So sehr gewinnt man jeden einzelnen der Charaktere lieb, dass man sich wünscht, Werfel hätte über jeden von ihnen einen Roman geschrieben: Die verzweifelte Nachbarin mit dem verkrüppelten Kleinkind, die vorwitzige Mitschülerin Bernadettes, der treue junge Müller Nicolau, die überspannte Witwe, die sofort schwärmerisch an Bernadettes Sehergabe glaubt; die Gendarmen, die wider Willen zu Bernadettes Ehrengarde werden, als das Mädchen unter strenger Überwachung wiederum zur Grotte eilt.
Jede Figur tritt als Mensch vollkommen scharf vor das Angesicht des Lesers. Eine eigentümliche Parallelität ist das zu dem, was die Marienerscheinung von Lourdes vermittelt: Vor Maria, von Christen auch „unsere liebe Frau“ genannt, bleibt niemand ungesehen und unbeachtet. Dieses Vertrauen bringen ihr die Gläubigen seit frühester Zeit dar, wie es schon die ältesten Mariengebete belegen. Gerade in Lourdes erfahren die von der Welt Vergessenen und Aufgegebenen Heilung: „Und viel öfters noch als die Krankheit wird die Verzweiflung geheilt“, lässt Werfel den verständigen Steuerverwalter Estrade bemerken.
Das gilt selbst für die unbarmherzige Nonne Vauzous, zunächst Bernadettes Lehrerin, später Novizenmeisterin im Kloster, in das Bernadette eintritt: hart und grausam gegenüber sich selbst und anderen, bemüht, durch Selbstverleugnung zu erwerben, was man nur als Geschenk annehmen kann, von Zweifeln gequält.
Und doch keine Schablone, sondern ein Mensch, dessen innerer Glaubenskampf in äußerster Ehrlichkeit dargestellt wird. Wohltuend anders als so manche oberflächliche, überhebliche Annäherung an den Glauben, die reflexhaft Klischees bedient, und sich dem Kern Wahrheitssuche nicht anzunähern vermag, weil die Vorannahme, dass eine solche Wahrheit ohnehin nicht zu finden sei, als unumstößlich gilt.
Nicht weniger kraftvoll ist die Zeichnung des Umfeldes, in dem Bernadette aufwächst: die bittere Armut der Familie Soubirous, die der Vater, der glücklose gescheiterte Müller François, als Tagelöhner zu ernähren versucht. Die Dunkelheit und der Moder in der dürftigen Behausung der Familie, die in einem Raum des ehemaligen Stadtgefängnisses Obdach gefunden hat – die Insassen hatte man wegen der untragbaren Zustände in dem Gemäuer verlegt. Die asthmakranke Bernadette muss hier ausharren.
Derweil treffen sich die Honoratioren und Intellektuellen der Stadt im Café Français, um sich politischen Diskussionen und philosophischen Streitgesprächen hinzugeben. Der geschäftstüchtige Bürgermeister Lacadé, der unbestechliche Arzt Dozous, der erfolglose Skeptiker Lafite. Während die Ärmsten der Armen ums Überleben kämpfen, herrscht hier Aufbruchstimmung: Kommt erst der Anschluss ans Eisenbahnnetz, so kommt der wirtschaftliche Aufschwung, das ist die einfache Rechnung der Moderne. Hier glaubt man an den Fortschritt.
Eine Epoche der Technik und der Wissenschaft ist angebrochen. Nach dem Wüten der Aufklärer und Revolutionäre ist dies der letzte Sargnagel für den Glauben. Diesem Ausweis der Rückständigkeit ist nun endlich der Garaus gemacht, könnte man meinen. Darf sich Gott da erdreisten, konkret ins Weltgeschehen einzugreifen, in einer Zeit, die ihn als Aberglauben entlarvt zu haben meint? Und lässt er die Priester und Bischöfe, gar den Papst in Rom belehren durch die Worte eines Kindes?
Werfel entfaltet es im sonderbaren Ringen zwischen Bernadettes schöner Dame und den Klugen und Mächtigen dieser Welt. Ein veritabler Krimi, dessen Verlauf der Leser gespannt und gebannt folgen muss. Ist Bernadette eine geschickte Betrügerin? Oder gibt es Hintermänner, die das ungebildete Mädchen ausnutzen? Entgeht Bernadette den Fallen, die man ihr stellt, um sie zu überführen?
Aus all diesen Fragen schält sich die eigentliche, tiefere Frage heraus: die Frage nach Wahrheit. Sie ist der Puls, der sich, mal heftiger, mal unmerklich vernehmbar, durch die Erzählung zieht, ohne jemals penetrant zu dominieren.
Das Lied von Bernadette ist nicht nur Werfels Geschenk an die Muttergottes von Lourdes, es ist ein Meisterwerk, in dem Glaube und Liebe zusammenfließen, ein Zeugnis unbezwingbarer Hoffnung. Geschrieben in einer Zeit der höchsten Bedrängnis spiegelt dieses Werk das Lichtermeer wider, das vor der Grotte von Lourdes wogt. Eine Erzählung, die in Erinnerung ruft, dass Heilung und Trost keine Schimären sind, dass weder Bitterkeit noch Zynismus gewinnen. Hier drängt sich ein scharfer Kontrast auf zu einem anderen großen Exilanten: Anders als Stefan Zweig, der die Finsternis nicht mehr ertrug, und sich ihr durch Selbstmord entziehen wollte, leistet Werfel konsequent Widerstand gegen den Sog der Verzweiflung.
„Das Lied von Bernadette“ ist damit schlicht zeitlos: Denn zerstörerische Kräfte walten heute nicht weniger als vor wiederum gut achtzig Jahren. Und heute nicht weniger als im 19. oder 20. Jahrhundert sind jene Kräfte mächtig, die die Materie vergötzen und den Menschen verachten, die den „geistigen Sinn der Welt“, den Werfel mit diesem Werk besingt, leugnen. Werfel widersetzt sich in vollendeter Weise:
„Ich habe es gewagt, das Lied von Bernadette zu singen, obwohl ich kein Katholik bin, sondern Jude. Den Mut zu diesem Unternehmen gab mir ein weit älteres und viel unbewussteres Gelübde. Schon in den Tagen, da ich meine ersten Verse schrieb, hatte ich mir zugeschworen, immer und überall durch meine Schriften zu verherrlichen das göttliche Geheimnis und die menschliche Heiligkeit – des Zeitalters ungeachtet, das sich mit Spott, Ingrimm und Gleichgültigkeit abkehrt von diesen letzten Werten unseres Lebens.“
Franz Werfel, Das Lied von Bernadette. Roman. edition credo, Fe-Medien Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, fadengeheftet, Lesebändchen, 604 Seiten, 19,80 €





Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Das Christentum ist in der Tat wichtig für die Menschen. Aber wir brauchen kein dogmatisches Christentum, sondern ein gnostisches Christentum im Sinne C. G. Jungs.
https://jlt343.wordpress.com