Die Hoffnung auf die Rückkehr der Erzähler

Werden deutsche Romane noch der Wirklichkeit gerecht? Finanzialisierung und Moralisierung nahmen der Literatur die Luft zum Atmen.

Eine Geschichte zu erzählen, erinnert an die Suche nach dem wirklichen Blau. In der gleichnamigen Erzählung von Anna Seghers gerät der Töpfer Benito in Bedrängnis, weil er sein Geschirr nicht mehr mit dem beliebten und charakteristischen Blau herzustellen vermag, von dem es heißt: „Solch Blau gibt es nicht noch einmal“, denn der Krieg und das damit verbundene Handelsembargo schnitten den Töpfer von seinen Bezugsquellen in Deutschland ab. Wurde das, was gemeinhin deutsche Literatur genannt wird, von den Bezugsquellen der Geschichten, nämlich der Wirklichkeit getrennt? Hat sich die Belletristik in ihrer Gesamtheit womöglich als Teil des politisch-medial-kulturellen Komplexes vom Erzähler verabschiedet und in den modus irrealis begeben?

Georg Wilhelm Friedrich Hegel bemerkte einmal, dass „das wahrhaft Wirkliche“ die „Notwendigkeit“ ist, „was wirklich ist, ist in sich notwendig“. Der Philosoph sah in der Einheit von Allgemeinheit und Besonderheit die Wirklichkeit definiert. „Ein schlechter Staat ist ein solcher, der bloß existiert“, in dem sich das „Interesse des Ganzen“ nicht mehr in den „besonderen Zwecken“ realisiert, doch ein „kranker Körper existiert auch, aber er hat keine wahrhafte Realität“. Notwendig ist, was die Not wendet, die aus der Unfähigkeit oder der Unwilligkeit der Eliten erwächst, einen Interessenausgleich vorzunehmen, das „Interesse des Ganzen“ in den „besonderen Zwecken“ zu realisieren.

»Literatur entsteht nur aus
weltanschaulicher Rücksichtslosigkeit«

Literatur lebt aus der Spannung zur Gesellschaft, unterlässt sie das, schaukelt sie in die Affirmation, unwirklich, weil nicht notwendig. Zuweilen brachten Zeiten gesellschaftlicher Dekadenz auch eine faszinierende Literatur hervor. Aber das setzt eine weitgehend unabhängige Literatur voraus.

Maron, Bernig, Tellkamp
Auf den Malerklippen
Wenn man auf die DDR-Diktatur zurückblickt, entdeckt man eine Gegenwartsliteratur, die als Gesamtheit funktionierte, weil die Gesellschaft literarische Kommunikation benötigte. Doch auch in der Bundesrepublik entwickelte sich eine facettenreiche Literatur. Mit dem Jahr 1990 endeten beide deutschen Literaturen, die eine, weil der Staat verschwand, dessen spezielle Bedingungen, nämlich die der Diktatur und der zensierten Öffentlichkeit, eine besondere literarische Kommunikation geschaffen hatte; und die andere, weil die 68er und ihre Zöglinge den langen Marsch durch die Institutionen nicht nur erfolgreich absolvierten, sondern, in den Redaktionen und Preiskommissionen an die Macht gekommen, im kulturellen Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, in den Feuilletons, zunehmend aber auch in den Verlagen Texte im Grunde nur noch ideologisch verstanden und werteten.

Anstelle einer offenen literarischen Kommunikation entstand dadurch ein spezieller Literaturbetrieb, der zum Feind der Literatur wurde, denn Literatur entsteht nur aus weltanschaulicher Rücksichtslosigkeit. Dem entspricht eine übersättigte Gesellschaft, die Literatur nicht mehr benötigt. Das Konzept der Nachwelt hörte mit dem Ende der Geschichte (Fukuyama) auf zu existieren. Jeder Text verschwindet bereits im Vorgang des Verkaufs der ersten Auflage. Wozu benötigt eine Gesellschaft, eine Kultur, die sich selbst abschafft, noch Literatur?

Erstickt in Finanzialisierung und Moralisierung

Finanzialisierung und Moralisierung nahmen der Literatur die Luft zum Atmen. Der Literaturbetrieb hat mit seinen totalitären und effizienten Mechanismen Autoren domestiziert und die Literatur damit verödet. Während Jean Raspails Roman „Das Heerlager der Heiligen“ 2007 noch von Lorenz Jäger in der FAZ hymnisch besprochen wurde, druckte der Tagesspiegel 2015 zur Heiligsprechung der Masseneinwanderung eine „Lesewarnung“, die nicht ein einziges ästhetisches Kriterium anführte. Freilich, die Rezension von Jäger würde heute in der mit der Taz wetteifernden FAZ auch kaum mehr erscheinen. Der Tagesspiegel-Rezensent Dotzauer versah sogar den erneuten Abdruck seiner Rezension von Tellkamps „Eisvogel“ aus dem Jahr 2005 im Jahr 2018 mit einem „Warnhinweis“. Was hat sich geändert? Der Roman wohl nicht? Ist es nicht Aufgabe von Literaturkritik, sich auf den Text zu konzentrieren? Ebenfalls im Tagesspiegel denunzierte Katrin Hillgruber den Schriftsteller Tellkamp, indem sie behauptete, dass der Erzähler „eins zu eins in die Figur des Wiggo Ritter geschlüpft“ wäre. Die Verwechslung von Autoren- und Figurensprache stellte übrigens eine Konstituente stalinistischer Literaturkritik dar.

So wundert es nicht, wenn 150- bis 250-Seiten-Romane en masse produziert werden, von den Angehörigen der drei Geschlechter fabriziert, die ergriffen um das eigene Seelchen herumtanzen und es, sobald sie es in ihrem Vorgärtchen liebevoll eingepflanzt haben, beständig mit einem Sud übergießen, der seine Herkunft aus der intellektuellen Bedeutungslosigkeit nicht zu verhehlen vermag. Diese von der Schönheit ihrer eigenen Seele ergriffenen Autoren teilen in ihrem Krähwinkel, das sie mit der Welt verwechseln, das biedermeierliche Leben der Lektoren, Rezensenten, Redakteure und Preisrichter. Dieses Krähwinkel ist ein ewig grünes Bullerbü. Die Art von Büchern hat es indes schon immer gegeben, nur veredelt sie inzwischen der emanzipatorische Anspruch.

»Gesinnung ersetzt Literatur, statt
Schriftsteller sind Kulturschaffende am Werke«

Eine zweite Gruppe von Romanen, die der Kulturbetrieb hervorbringt, erinnert an das Gedicht „Die Wahrheit“ des Dichters Pablo Neruda: „Gräuel und Entsetzen! Ich las Romane,/ unendlich rechtschaffene,/ und so viele Verse über/ den Ersten Mai,/ dass ich jetzt nur noch über den 2. dieses Monats schreibe.“ Darunter fallen figurenfreie Texte, die vom Genre her auf dem weiten Feld ideologischer Konstrukte wachsen. Statt mit literarischen Figuren bevölkern diese Autoren ihre Romane mit Gliederpuppen ihrer Weltanschauung. Da die Wirklichkeit den Stoff für die eigene Ideologie verweigert, müssen selbst Zitate historischer Persönlichkeiten erfunden werden. Gesinnung ersetzt Literatur, statt Schriftsteller sind Kulturschaffende am Werke.

Jüngst bereicherte Ingo Schulze mit dem Buch „Die rechtschaffenen Mörder“ dieses Genre. Im Mittelpunkt des Buches steht anscheinend ein leidenschaftlicher Antiquar namens Norbert Paulini, doch nach wenigen Seiten bereits entpuppt sich Paulini als das klapprige Konstrukt eines Autors, der im Fach Erzählen scheitert. Wird der Antiquar als hochgebildeter Bücherliebhaber eingeführt, endet das Buch mit einer Karikatur, die nur noch von Bordellbesuchen spricht. Abhilfe aus erzählerischer Not soll das Etikett Rechter, das behauptet, aber nirgends erzählt wird, schaffen. Der Gauklertrick besteht in dem Zirkelschluss, dass Rechte natürlich in dem Moment, wo sie rechts werden, jegliche Kultur verlieren und nur noch von Bordellbesuchen sprechen. Paulini wurde rechts, weil er rechts wurde, und weil er rechts wurde, wurde er rechts …

Dissidente Stimme im Kulturmilieu
Uwe Tellkamp: Distanz zur Moralisierung
Die Konstruktion des Buches dekonstruiert den Erzähler. Ein Autor, mit dem Schulze kokettiert, denn im Text heißt er Schultze, beginnt im ersten Teil, einen Roman über den Antiquar, über dessen Kindheit, Jugend und Berufsleben in der DDR und in der Wende zu schreiben. Im zweiten Teil, der nach der Wende bis in die Gegenwart reicht, berichtet Autor Schultze mit großem Wohlgefallen von sich, von dem Manuskript, das er nicht zu beenden vermag, und von Paulini, der sich inzwischen in einen rechten Wüterich verwandelt habe. Außer einer mitleiderregenden Eigenliebesgeschichte Schultzes begegnet der Leser im zweiten Teil Duplikaten des ersten. Der Riss zwischen den beiden Paulinis im ersten und im zweiten kittet im dritten Teil auch nicht die westdeutsche Lektorin des ostdeutschen Autors. Tricksereien ersetzen kein Handwerk. Wie heißt es doch weiter bei Pablo Neruda: „Man sollte es zulassen, dass die Schönheit/ mit den unmöglichsten Galanen tanzt,/ bei Tag und bei Nacht.“ Bei Schulze tanzt niemand.

Dass die Situation kritisch, aber nicht hoffnungslos ist, belegt eine Gruppe von Romanen, bei denen, würde der Leser öfter mit ihnen konfrontiert, man von der Rückkehr der Erzähler sprechen dürfte. Diesen durch und durch literarischen Zugriff auf die Wirklichkeit, das Gespür für Figuren, für Situationen, die mehr sind als bloße Begebenheiten, sondern eine innere, dabei unangestrengte und eben nicht aufgesetzte Notwendigkeit und Unaustauschbarkeit besitzen, finden sich in den Romanen von Uwe Tellkamp, von Lutz Seiler und Christoph Hein.

Ratgeber und Experten sind mehr gefragt als Autoren

Unsere Gesellschaft scheint den Erzähler nicht mehr zu benötigen. Sie benötigt den Ratgeber, den Experten – und der Literaturbetrieb das Angepasste, das Uninteressante, das Nichterzählte, das Konstrukt aus Gesinnung, denn der Erzähler mit seiner Leidenschaft für die Authentizität von Figuren wirkt als Störenfried. Wohin Dekadenz und Dekonstruktivismus führen, erlebt man in diesen Tagen, in denen unsere Kultur entsorgt werden soll, die Kultur der „Weißen“, die allein schon deshalb, weil sie weiß sind, unter Rassismusverdacht fallen – und ganz gleich, was sie unternehmen, nur rassistisch sein können.

Besitzt die Literatur noch die Kraft, sich von den Ideologien freizumachen und sich nur der Erzählung der Wirklichkeit zu verpflichten? Das Hoffen auf Änderung, das Hoffen auf Literatur ist ein Hoffen auf die Rückkehr des Erzählers im großen Stil und im signifikanten Maße, es ist die Hoffnung, dass Geschichten Teil der Geschichte werden, dass sie rücksichtslos die Gesellschaft erkunden. Hoffen wir also auf die Rückkehr der Erzähler, hoffen wir auf die Rückkehr der Literatur.

Dieser Beitrag von Klaus-Rüdiger Mai erschien zuerst in Die Tagespost. Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zur Übernahme.


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Kommentare ( 8 )

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bhayes
3 Monate her

Im Grunde brauchen wir eine Neugründung vieler Institutionen und Firmen, wir brauchen Persönlichkeiten statt Linkskriecher und Linkskader.

Igel
3 Monate her

Man sollte „Die rechtschaffenen Mörder“ selber – vor allem in Ruhe und gründlich – lesen oder sich als Hörbuch vorlesen lassen. Ich habe die Figur des Antiquars zum Ende des Romans nicht als Karikatur und rechts (im neulinken Sprachgebrauch) verstanden. Vor allem nicht im Kontext der Personen des Romans. Und ich kann auch die Position von Herrn Mai nicht nachvollziehen, dass der Autor sich selbst im Roman feierte. In meinen Augen ist eher das Gegenteil der Fall: eine subtile Selbstentlarvung des aktuellen Literaturbetriebes und seiner Entfremdung. Der Stil Ingo Schulzes erinnert und provoziert das Lesen zwischen den Zeilen, wie es… Mehr

ossiosser
3 Monate her

Treffender Befund: „So wundert es nicht, wenn 150- bis 250-Seiten-Romane en masse produziert werden, von den Angehörigen der drei Geschlechter fabriziert, die ergriffen um das eigene Seelchen herumtanzen und es, sobald sie es in ihrem Vorgärtchen liebevoll eingepflanzt haben, beständig mit einem Sud übergießen, der seine Herkunft aus der intellektuellen Bedeutungslosigkeit nicht zu verhehlen vermag.“

Politkaetzchen
3 Monate her

Um die Literatur wieder auf Kurs zu bringen, bräuchte es zunächst Autoren, die wirklich genug aufbringen Mut das zu Schreiben was sie wollen und sich wieder zum Handwerk der Kunst bekennen, anstatt dem Profilierungsdrang und Ideologiesucht nachzugehen. Damit kommen wir zu eigentlichen Problem. Wir haben den Fehler gemacht die Kunst vollständig dem linken Mainstream zu überlassen. Wenn jmd. zu dir sagt „Ich bin Künstler“ kannst du 99% davon ausgehen, dass er… 1) hauptsächlich arbeitslos ist und das der eigentliche Hauptgrund war den Künstlerberuf zu ergreifen. 2) dementsprechend nix von seinem Handwerk versteht und nur Müll produziert. Keine Ahnung ob es… Mehr

Babylon
3 Monate her

Schreiben über Literatur, wie es Klaus Rüdiger Mai mal wieder hier in diesem Artkel bravourös seinen Lesern vorführt, ersetzt nicht das Lesen von Literatur und schon gar nicht das Schreiben derselben. Insofern erwarte ich mit wachsender Ungeduld, das Erscheinen von Uwe Tellkamps „Vulkan“, dessen Eruptionen, so ist anzunehmen und zu hoffen, die gesellschaftliche und politische Landschaft in diesem Land auf eine Weise llluminiert, dass die Helle zusammen mit dem Auswurf an Lava und glühendem Gestein und dessen zischendem Verschwinden im Meer der Zeit, mehr ist nur als eine Lichtung am Ende des Holzweges, wo Martin Heidegger im Schwarzwald, das Erscheinen… Mehr

Andreas Jensen
3 Monate her

Ich mache mir keine Sorgen, denn Martin Walser prognostizierte 2016 eine Blütezeit für die deutsche Literatur. Er sagte, dass die Flüchtlinge von heute die Dichter von morgen sein werden: „Das wird ein Reichtum sein! Es ist ein Reichtum, der uns bevorsteht, und keine Beraubung.“
Zu denken, dass sein unehelicher Sohn ihn zu dieser Aussage gezwungen hat oder dass eine neurodegenerative Erkrankung vorliegt, verbietet sich natürlich 😉

Sherry
3 Monate her

Ich würde es nicht so schwarz sehen. Denn Sie vergessen, dass freie Schriftsteller jederzeit ihr Buch bei Amazon veröffentlichen können, statt bei den Verlagen auf den Knien herumzurutschen. Ich habe es gemacht und bin ausgesprochen glücklich damit, auch wenn man natürlich dort Gefahr läuft, dass die eigenen Werke in einem Haufen unprofessionellem Schrott untergehen. „Kein Geld für Lektorat. Kein Geld für Cover.“ Na ja. Aber es gibt auch Perlen. Die Leseprobe zeigt es. Aber ich verstehe auch sehr gut den Tenor des Artikels. Auch Selfpublisher heulen mit den rot-grünen Wölfen. Oute dich als Autor mal als AfD-Mitglied. Du kannst sicher… Mehr

donpedro
3 Monate her
Antworten an  Sherry

tja lieber kollege, es bedarf allerdings der kritischen stimme eines lektorats, um die tiefe der eigenen sprache und des projekts auszuleuchten. die fehlt ja wohl bei amazon. daher kann dort jeder, der zwei buchstaben zusammen fuegt, veroeffentlichen. nein, dazu will ich nicht gehoeren. ein bisschen anspruch sollte sein (ohne dir anspruchslosigkeit zu unterstellen!) die vernichtung der literatur, bzw. dessen was zur literatur fuehrt, begann mit dem linken spruch der 68er, „alles geschriebene ist literatur“. dazu gehoerten feministische hass-kampfbuecher wie etwa „der tod des marchenprinzen“ ebenso, wie gute arbeiterromane „stellenweise glatteis“ eines max von der gruen. die auseinandersetzung mit der sprache… Mehr