Anne Will: Großbritannien sagt Nein – Wer sagt jetzt noch Ja zu Europa?

Gut, dass wir jetzt auch wissen, was Ursula von der Leyen vom Brexit hält. Nach der Anne Will Sendung bleibt das Gefühl, dass die Engländer irgendwie alles richtig gemacht haben mit ihrem Last Exit Brexit.

NDR/Wolfgang Borrs
Bild: NDR/Borrs

 

Eine großbusige Reinigungskraft – ihre Bluse hat sie vielleicht einen Knopf zu viel geöffnet – ist schuld am jüngsten europäischen Schlamassel. In einem TV-Spot der LeaveEU-Bewegung nutzt sie zufrieden den wattstarken Staubsauger „Hetty“, beugt sich dann aber leicht vor und erklärt den Briten, dass dieser tolle Sauger auf Befehl Brüssels verboten werden soll. Und sie muss in Zukunft noch länger saugen, wenn’s richtig sauber sein soll. Blöde EU!

Stecker und Staubsauger

Da blitzt Ursula von der Leyen auf wie eine dieser von der EU verbotenen Glühbirnen: Wir haben es geschafft, dass in 27 Ländern dieselben Wattvorschriften für Staubsauger gelten und alle müssen obendrein die gleichen Stecker haben!

Wer also in der EU Campingurlaub macht, kann seinen eigenen Staubsauger mitnehmen und problemlos in 27 Ländern einstöpseln. Und sie schafft es, Verdun und Staubsauger in einem Satz zu verbinden. „Das hätte die Slowakei alleine niemals geschafft“ wedelt unsere Verteidigungsministerin dem EU-Parlamentsabgeordneten Richard Sulik aus der Slowakei triumphierend unter die Nase. Sulik ist für seine EU-Verordnungs-Allergie bekannt, von einheitlichen Gurkengrößen und Wattzahlen als große europäische Idee aber weniger überzeugt.

Der auf Regierungskurs segelnde Leiter des ARD-Büros in Brüssel formuliert deshalb etwas staatstragender: Ein großes Thema in der EU ist der Klimawandel, deshalb werden solche Staubsaugerverordnungen gemacht.

Neben dem Klimawandel müssen wir, sagt Ursula vdL, uns jetzt auf das Wesentliche konzentrieren: Finanzmärkte, Sicherheitspolitik, Digitalisierung. Flüchtlinge hat sie nicht einmal auf der Agenda, obwohl der Grenzsicherungs-Offenbarungseid mindestens so entscheidend für das britische „No more“ war wie die Staubsaugerfrage.

Aber Madame ist halt Teil des europäischen Problems und nicht Teil der Lösung. Neben ihr und ARD-Krause saß noch Sir Peter Torry, ehemaliger Botschafter Großbritanniens als beleidigte Leberwurst in der Anne Will Runde zum Thema: „Großbritannien sagt Nein – Wer sagt jetzt noch Ja zu Europa?“

Immer noch richtig entschieden?

Ob sie jetzt immer noch glaube, dass der Brexit richtig war, fragte Anne Will ausgerechnet die Mitinitiatorin einer Brexit-Kampagne und Abgeordnete der britischen Konservativen, Anna Firth. Die hatte wohl die deutsche Presse der letzten Tage nicht gelesen und verstand demzufolge die Frage nicht. „Natürlich“, sagte sie. „Wir haben doch gewonnen!“

„Sie werden an Relevanz verlieren“ prophezeite Unbelievable Ursula, weil „Britannien mit seinem Sitz im Sicherheitsrat demnächst nicht mehr 500 Millionen Europäer, sondern nur noch 60 Millionen Briten vertritt!“ Herr, lass Hirn regnen!

Richard Sulik würde vorschlagen, sich mit den Gründen zu beschäftigen, warum Europa so unattraktiv geworden ist: Unprofessioneller Umgang mit der Schuldenkrise, ständige Regelbrüche. Und zu viele schändliche Gestalten an der Spitze – Juncker und Schulz müssen zurücktreten. Ach, der sympathische slowakische Träumer! Juncker und Schulz zurücktreten? Für irgendetwas die Verantwortung übernehmen? Da friert eher das Mittelmeer zu.

Wessen Interessen?

„Welche Interessen vertreten Sie eigentlich?“ fauchte die Wehrministerin Sulik an. „Die slowakischen“, erklärte der kurz.

Eigentlich diskutierten unsere sitzen gelassenen HEUler aber vor allem die Frage: Wieso gehen die Briten nicht sofort, wenn sie denn gehen wollen, sondern „ziehen den Paragraphen 50“ erst im Oktober? Nun, erstens, weil sie es können. Zweitens, weil zuerst Camerons Nachfolger gefunden werden muss.

Das übliche sozialistische Faktenverdrehen von Rassismus, böse Alte gegen tolle Junge oder Hasswahlkampf erspare ich dem Leser. Die Fakten rutschen letztendlich doch immer irgendwie durch.

Noch einmal fragte Will die britische Abgeordnete unverständlicherweise, ob sie ihre LeaveEU-Haltung nicht doch noch revidieren wollte. Wollte sie nicht. Als gelernte Engländerin weiß sie, dass alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und dass die Preußen so schnell nicht schießen. Auf ihr Argument, dass die Engländer die Demokratie Kommissar-Befehlen vorziehen würden, gingen die Beleidigten wegen Nitverstan gar nicht erst ein.

Und ARD-Krause fielen die besinnlichen Worte ein: Die EU besteht aus lauter Verordnungen. Wenn die nicht mehr gelten … Eine zu späte Erkenntnis. Warum es so kam, wie es kommen musste, trug Richard Sulik anhand des berühmten Lügen- und Tricksen-Zitats von Juncker vor.

Ursula von der Leyen hat immer von den Vereinigten Staaten von Europa geträumt. Jetzt hofft sie, dass die für ihre Enkel Wirklichkeit werden. Eine erste Abkehr vom EU-Superstaat der Bürokraten und Täuscher?

„We wish you all the best“, sagte Anna Firth.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 59 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung