Volkswagen treibt seinen Konsolidierungskurs weiter voran. Zum Jahresende kündigt der Konzern zehn Haustarifverträge und eröffnet damit eine konfliktgeladene Verhandlungsrunde mit der IG Metall und dem Betriebsrat. Über 100.000 Beschäftigte in Deutschland könnten von der Maßnahme betroffen sein.
picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann
Der Handlungsdruck auf den VW-Vorstand wächst von Monat zu Monat. Um dem Kostendruck am Heimatstandort zu begegnen, hat der Konzern nun gleich mehrere Haustarifverträge gekündigt. Das teilte die Gewerkschaft IG Metall am Mittwoch mit.
In einem tariflichen Überprüfungsgespräch überreichte die Arbeitgeberseite von VW die entsprechende Kündigung von insgesamt zehn Tarifverträgen. Mit dieser Maßnahme stehen Arbeitszeit, Mehrarbeit, Zusatzvergütung und weitere tarifliche Leistungen für über 100.000 Beschäftigte am Heimatstandort zur Neuverhandlung an.
Betroffen sind unter anderem der hausinterne Entgelttarifvertrag sowie der Manteltarifvertrag, der Arbeitszeit und Mehrarbeit regelt. Darüber hinaus stellt Volkswagen tarifliche Zulagen, Ausbildungsübernahmen sowie Schutzregelungen für ältere und gesundheitlich eingeschränkte Beschäftigte infrage. Die Kündigungen werden zum 1. Januar 2027 wirksam.
Volkswagen macht also Nägel mit Köpfen: Das schlechte China-Geschäft, der Zolldruck aus den USA und die katastrophale Kostenlage am Standort Deutschland setzen den Vorstand unter Zugzwang. Dieser sucht händeringend nach weiteren Kostenentlastungen, nachdem die operative Marge des Konzerns im ersten Halbjahr 2026 auf 3,8 Prozent geschrumpft war, nach 4,2 Prozent im Vorjahreszeitraum. Für das Gesamtjahr 2026 hatte Volkswagen ursprünglich eine operative Umsatzrendite zwischen 4,0 und 5,5 Prozent erwartet. Inzwischen musste der Konzern diese Prognose drastisch auf höchstens 1 Prozent zurücknehmen. Der operative Gewinn sank im ersten Halbjahr um 11,6 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro.
Volkswagen nähert sich ungebremst der roten Zone.
Gleichzeitig sanken die globalen Auslieferungen des Volkswagen-Konzerns im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,3 Prozent auf nur noch 4,1 Millionen Fahrzeuge. Das China-Geschäft lastet wie Blei auf den Schultern der Wolfsburger. Im Reich der Mitte brachen VWs Auslieferungen im ersten Halbjahr um 31,6 Prozent ein – die chinesische Konkurrenz attackiert die deutschen Automobilhersteller sowohl von der technologischen als auch von der Kostenseite mit zunehmendem Erfolg.
Wie zu erwarten, betrachtet die IG Metall die notgedrungene Konsolidierungsmaßnahme des Konzerns als einen Angriff auf die Belegschaft und die sozialen Errungenschaften der Vergangenheit. Doch es sind eben Errungenschaften der Vergangenheit: Die Situation im Land hat sich radikal verändert, und auch die Gewerkschaften hatten ihren Anteil daran, dass sich die Lage der Arbeitnehmer nun deutlich verschlechtern wird. Klimakampf, Energiewende und Atomausstieg haben nun einmal ihren Preis – auch wenn man das in den Funktionärsetagen der IG Metall und in der Politik noch immer nicht wahrhaben will.
Verhandlungsführer Thorsten Gröger von der IG Metall wirft Volkswagen vor, die wirtschaftlichen Herausforderungen des Konzerns auf jene Beschäftigten abzuwälzen, die das Unternehmen täglich am Laufen hielten. Auf wen denn sonst?, möchte man dem Mann zurufen. War nicht auch er aktiv am Klimakampf und an der künstlichen Verteuerung der Produktion am Heimatstandort beteiligt? Die Alternative wäre die unmittelbare Schließung der Produktion, was auf lange Sicht wahrscheinlich ohnehin der Fall sein wird.
Die Gewerkschaft kritisiert insbesondere, dass tarifliche Leistungen und Schutzregelungen vom Konzern nun infrage gestellt werden, während die unternehmerischen Kosten und Risiken zunehmend auf die Belegschaft verlagert würden. Gröger kündigte eine entsprechende Auseinandersetzung an, sollte der Konzern versuchen, den Beschäftigten weiter in die Tasche zu greifen. Es sind Tarifkämpfe der Vergangenheit, die hier noch nachklingen. Deutschland steuert ideologisch und politisch auf einen ökonomischen Abgrund zu, der in gar nicht allzu ferner Zukunft von allen Beteiligten maximalen Realismus abfordern wird.
Realismus ist das Gebot der Stunde bei VW. Und so ist die Kündigung der Tarifverträge bloß das jüngste Element des Konsolidierungspakets des Vorstands. Seit 2024 läuft bei Volkswagen ein umfassender Sparkurs, der im Dezember 2025 die Fahrzeugproduktion in Dresden beendete und für den Sommer 2027 die Fertigung in Osnabrück beenden wird. Auch der Verkauf des Standorts an Aurelius und das Land Niedersachsen wurde inzwischen vereinbart.
Im Personalbereich greift der Konzern durch: Der Zukunftsplan 2030 sieht zusätzlich zu den bereits vereinbarten Schritten einen Abbau von rund 50.000 Stellen vor, davon etwa die Hälfte am Standort Deutschland. Gleichzeitig sollen Managementstrukturen verschlankt werden. Für mehrere Werke, darunter Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm, ist die Zukunft ab 2031 ungeschrieben. Ändert sich die Marktlage nicht, werden sie wohl allesamt geschlossen. Auch das Beteiligungsportfolio von VW wird weiter ausgedünnt: Die Mehrheit am früheren MAN Energy Solutions, heute Everllence, wird wohl an Bain Capital verkauft. Und auch der Immobilienbestand des Konzerns wird weiter ausgedünnt.
Nicht nur die Kosten müssen radikal zurückgeführt werden: Offenkundig antizipiert der Vorstand Probleme bei der kurz- oder mittelfristigen Liquidität des Konzerns.
Volkswagen beruft sich bei seiner Tarifkündigung auf eine Überprüfungsklausel, die Ende 2024 in den seinerzeit mit den Gewerkschaften abgeschlossenen Zukunftstarifvertrag aufgenommen wurde. Diese erlaubt beiden Seiten, im Falle einer wesentlichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage die zuvor getroffenen Vereinbarungen im Haustarifbereich erneut aufzuschnüren.
Für Volkswagen ist also der Moment gekommen, der wirtschaftlichen Verschlechterung ins Auge zu sehen und in den hochheiligen Bereich der Tarifverträge zu intervenieren. Mit diesem Schritt endet ganz offiziell eine Epoche der deutschen Wirtschaft, in der man Leistungswillen in soziale Gerechtigkeit und Wohlstand für alle übersetzen konnte. Dieses Grundprinzip der sozialen Marktwirtschaft wurde der Klimaideologie geopfert – der Tarifkonflikt bei VW ist lediglich der Beginn eines langen und zähen Abstiegskampfes der deutschen Arbeitnehmer.


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Kann es sein, dass die bisherigen Tarifvereinbarungen in der Automobilindustrie der BRD im Vergleich eher als unangemessen zu bezeichnen sind.
In jeder Krise steckt auch eine Chance. Die ehemals Beschäftigten können in ihrer Freizeit nun, zusammen mit ihren Ehepartnern und Kindern, ihr Wahlverhalten in den letzten Jahrzehnten überdenken.
Die Aufkündigung der überaus üppigen Entlohnung der dank Technisierung überwiegend recht simplen Tätigkeitsprofile ist mehr als überfällig.
Die Arbeitnehmer mit ihren feudalen, selbstversorgenden Gewerkschaften erhalten nun die Konsequenzen ihrer wirtschafts- und unternehmensfeindlichen „Politik“.
Großartig, wie VW versucht, ein Rad neu zu erfinden, das in China längst fliegt.
Der Rückstand ist nicht mehr messbar, aber das Management träumt selig weiter.
Wer braucht schon Software, wenn man beim kollektiven Absaufen so eine schöne Aussicht auf die Heckleuchten der Chinesen hat❗
Vielleicht hätte man mal deutlich eher gegen die wirtschaftsfeindliche grüne Politik auf die Straße gehen sollen, die von vornherein das Ziel hatte, der deutschen Autobranche den Garaus zu machen. Stattdessen hat man lieber mit den sozialistischen Gewerkschaften gegen die AfD protestiert. Pech gehabt! Nun wird man wohl oder übel diese Kröte schlucken müssen, obwohl das bei den VW-Mitarbeitern Jammern auf hohem Niveau ist. Eine große Wahl werden die Arbeitnehmer in Anbetracht des wirtschaftlichen Niedergangs bei VW nicht haben, sonst drückt ihnen in spätestens 10 Jahren der Insolvenzverwalter die Kündigung in die Hand und das ganz ohne Abfindung, ohne Boni, dafür… Mehr
Naja, nicht nur der Klimaideologie. Der auch, und nicht zu knapp, aber bspw. ebenso der neoliberalen ‚Autos kaufen Autos‘-Ideologie.
Und weil der Lagerideologe es wieder zu erklären vergass, kurz die Nachfrage: Wie kommt denn ein wirtschaftlich verantwortlich agierender Konzern, der von 2020 bis 2025 rd. 20 Milliarden Euro an Dividenden ausschütten konnte, nun so plötzlich in Liquiditätsschwierigkeiten?
Hat das Management und Gewerkschaften gegen Brüssel und Berlin opponiert oder waren sie Jubelperser? War die Politik zu borniert, das Unvermeidliche kommen zu sehen? Woher sollen die Kunden für überteuerte Handys auf Rädern kommen? Fragen über Fragen…