Die einstige Schlüsselindustrie des deutschen Wohlstands bricht unter Energiepreisen, Regulierung und politischer Selbstsabotage weg, während China an die Spitze marschiert. Die Warnungen aus der Branche klingen wie ein Nachruf: Was jetzt verschwindet, kommt nicht mehr zurück. Von Jörg M. Schierholz
picture alliance / CHROMORANGE | Udo Herrmann
Mitte der 1990er Jahre war die deutsche Chemieindustrie ein Gigant. Große Konzerne wie BASF, Bayer, Hoechst und Degussa gehörten zu den größten Chemieunternehmen der Welt und setzten in Forschung und Entwicklung technologische Maßstäbe. Durch die enge Verzahnung mit der Automobilindustrie und Maschinenbau, den beiden anderen deutschen Paradedisziplinen, erzielte man rund 14 Prozent des globalen Chemieumsatzes. Die USA lagen damals mit ca. 25 Prozent vorne, Japan stand etwa bei 10 Prozent und China spielte damals noch eine untergeordnete Rolle.
Dieses Bild hat sich nun grundlegend geändert. China hat Deutschland (ca. 5 Prozent) und die USA (ca. 15 Prozent) klar überholt und ist heute mit über 40 Prozent des weltweiten Chemieumsatzes klar die globale Nummer 1. Deutsche Unternehmen wie die BASF, Bayer, Evonik, Covestro und die deutsche Merck spielen nach wie vor technologisch eine Rolle, sind aber aufgrund hoher Energiepreise, strenger Umweltauflagen, überbordender Bürokratielasten und hoher Personalkosten immer weniger wettbewerbsfähig.
Konzerne wie die damals führende Hoechst AG wurden mit politischer Unterstützung zerschlagen, die Produktionsanlagen zu Museen transformiert. Verstärkt suchen die Unternehmen nun ihr Heil in Investitionsverlagerungen in die USA (unter anderem wegen des Inflation Reduction Act), aber auch nach Asien und bauen in Deutschland Anlagen und gut bezahlte Arbeitsplätze massiv ab.
Branchenkrise und harte Sparprogramme
Nach Angaben des Branchenverbands VCI sank Im dritten Quartal 2025 die Produktion erneut um 4,3 Prozent mit einer durchschnittlichen Auslastung von 70 Prozent. Die Anlagen können so nicht mehr rentabel betrieben werden. Der Anteil von China am Auslandsumsatz der Chemie sank um 12 Prozent, bei den USA waren es katastrophale 20 Prozent. Das Barometer für das Geschäftsklima fiel auf minus 19,4 Punkte, von minus 12,0 Zählern im September. Die Bewertung des Auftragsbestands fiel mit minus 68,9 Punkten auf den tiefsten Wert seit mehr als drei Jahrzehnten. Mehrere Konzerne kündigten zuletzt an, auf die Branchenkrise mit weiteren Sparprogrammen in der Produktion und bei den Personalkosten zu reagieren.
VCI Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup warnte vor einem Kollaps der Industrie. „Es ist Alarmstufe Rot“. Es machen „sich primär die schlechte preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen und die Verwerfungen im Zuge der US-Zollpolitik bemerkbar“. Die Chemieindustrie sei wieder auf dem geschäftlichen Niveau von 1995 angelangt. Der „Knock-out“ für die Branche rücke näher, wie die häufigeren Anlagenschließungen zeigten. Der VCI Vorsitzende warnte: „Was wir jetzt verlieren, wird nicht mehr wiederkommen.“ „Das Vertrauenspotenzial in die neue Regierung ist aufgebraucht.“ Er forderte schnelle Entscheidungen bei den Energiepreisen. Bürokratie und Regulierung hätten noch weiter zugenommen. Für eine sinkende Menge an Emissionszertifikaten muss die Industrie bald noch mehr zahlen.
Regulativer Overkill
Während schon sehr viele Regelungen auf EU-Ebene gelten, führt Deutschland kontinuierlich zusätzliche nationale Ergänzungen oder strengere Vorgaben ein. Beispielsweise legt das Chemiegesetz ChemG fest, wie die Umsetzung europäischen Vorgaben (zum Beispiel REACH‐Verordnung, CLP‐Verordnung) in deutsches Recht erfolgt. Deutsche Unternehmen müssen somit auf nationaler Ebene zusätzlich deutsche Melde-, Bewertungs- und Zulassungsverfahren einhalten, oft mit spezifischen Dokumentations- und Antragspflichten. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) fungiert in Deutschland als zentrale Behörde („Bundesstelle für Chemikalien“) für Aufgaben im Rahmen von REACH, CLP und Biozid-Verordnung und verstrickt sich mit dem beteiligten Umweltbundesamt (UBA) und dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in komplexen Schnittstellen-, Koordinations- und Kommunikations- und Abstimmungsprozessen, die von den Unternehmen geschultert werden müssen.
Durch die nationale Aktualisierung der CLP-Verordnung (zum Beispiel neue Regeln zur Kennzeichnung, Verpackung und digitalen Kommunikation) entsteht in Deutschland zusätzlicher Umstellungsaufwand. Hohe Umwelt-, Abfall- und Emissionsstandards bedeuten zusätzliche Investitions- und Betriebskosten. Damit entstehen den deutschen Chemiestandorten zusätzliche Wettbewerbsnachteile gegenüber Standorten mit weniger regulativen Zusatzmaßnahmen.
China als Wettbewerber und Standort
Ein weiteres Problem sind die deutlich gewachsenen Importe aus China in die EU zu Niedrigstpreisen, da wegen der Zölle nicht in die USA, sondern auf den europäischen Markt geliefert wird. Deshalb fordern die Chemiekonzerne ein härteres Vorgehen der EU-Kommission gegen die Importschwemme. Der britische Basischemiehersteller Ineos beabsichtigt, zehn große Antidumpingverfahren bei der Europäischen Kommission anzustrengen. Die Verfahren seien notwendig, um Standorte, Mitarbeiter und langfristige Investitionen zu verteidigen.
Indes gab die BASF die Herstellung erster Produkte am chinesischen Verbundstandort Zhanjiang bekannt. Der gesamte Kern des Verbunds soll bis Ende 2025 in Betrieb genommen werden. Der neue Standort wird der drittgrößte Verbundstandort von BASF weltweit sein, nach Ludwigshafen und Antwerpen. Mit einer Kombination aus lokaler Präsenz am Wachstumsmarkt, modernen Technologien, integrierter Produktionsstruktur (Verbund), günstiger Energie, billigen Arbeitskräften, Skaleneffekten sowie einer verbesserten Lieferketten- und Produktions-Flexibilität erhält der neue Standort eine unschlagbare Kosteneffizienz und damit höhere Wettbewerbsfähigkeit. Die Standorte Ludwigshafen und Antwerpen werden damit nicht konkurrieren können.
Für die deutschen Chemie-Standorte wird die Zeit knapp.
Priv.-Doz. Dr. Dr. Jörg M. Schierholz (MD, PhD; Physician and Chemist) ist Founder and Managing Director of Phaidon Healthcare Schierholz Pharmaconsult.

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Keiner der CEOs der chemischen Industrie redet mal Tacheles oder hat es je getan, egal ob sie wie bei der BASF Hambrech, Bock, Brudermüller oder Kamieth heißen. Es geht nur noch darum Subventionen zu fordern und evtl als Brosamen zu bekommen.
Dabei sind sie schon längst auf der Flucht ins Ausland. Konsequent müssten sie dann auch den Hauptsitz verlegen. Aber auch hier kneifen sie.
„Chemie gibt Brot – Wohlstand – Schönheit“ (Walter Ulbricht 1958)
Wer braucht schon eine chemische Industrie, wenn er auch einen Job an einem Gender-Lehrstuhl oder einer steuerfinanzierten „NGO“ finden kann…
Alles wieder präzise zusammengefasst. Nur was hilft das ?
1. Es wurden Polit Uboote entsandt, die dieses Land ruinieren sollen. Zuerst die Energiebasis, dann Auto via Kliiima und ja, der Rest stirbt langsam an all dem oben beschriebenen.
2. Wählt eine Mehrheit den kollektiven Selbstmord und labt sich im moralinen Placebos.
Der Zug ist durch. Vor der Klippe gibt es kein Halten mehr.
Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange die Substanz noch nährt und wie lange die Musels still halten.
Der Weg in ein Groß Libanon ist höchst demokratisch gewählt worden.
Verstehe ich nicht… Der Grund der Misere ist einzig und allein, dass die überwältigende Mehrheit der Bürger dieses Landes genau das immer und immer wieder per freier und geheimer Wahlen exakt so selbst bestellt hat.
Carsten Franzke, der Geschäftsführer der Stickstoffwerke Piesteritz in Sachsen-Anhalt bei der Vorstellung des Wasserstoff-Projektes „Green Root“: „Jetzt beginnt eine neue Ära. Wir kommen weg vom Erdgas und setzten auf sauberen Wasserstoff.“ Wer solche Manager hat, braucht sich um den Chemiestandort Deutschland keine Sorgen zu machen. Ich bin mir sicher, dass lediglich die Aussicht auf eine hohe Abfindung Triebfeder für derartige Aussagen ist. Oder eine neue Form der Todessehnsucht.
Es ist schon fast vorbei: https://tkp.at/2025/11/15/energietod-fuer-die-europaeische-industrie/
> „… Energieintensive Industrien in Europa „sterben“ praktisch aus, da steigende Energiepreise, die Flut billiger Waren aus vernünftigen Ländern und die Nebenwirkungen der Klimapolitik ihr Überleben zunehmend erschweren, so die Nationalbank von Belgien. … Ein möglicherweise durchaus geplantes Resultat der EU-Politik wie unabhängige Analysen vermuten lassen. …“
Die Chemieindustrie verschmutzt die Umwelt und vernichtet das Klima. Ich finde, wir sollten es mit den chemischen Betrieben so machen, wie mit den Kern- und Kohlekraftwerken: Einfach ersatzlos abschalten! Es ist eine Technologie von gestern und vorgestern. In Zukunft werden wir das alles mit heißer Luft und Liebe machen, ganz frei von CO2 und aller Chemie. Ein wahres Wirtschaftswunder wird das erzeugen. Sonderwachstum ohne Ende! Am Ende bleibt vielleicht jedem nur noch die eine Kugel Eis im Monat. Aber was soll´s? Es müssen ja doch Opfer gebracht werden. Schließlich geht es um 4G, das Ganz Ganz Große Ganze, „life, the… Mehr
Die überwältigende Mehrheit der Bürger dieses Landes wollte und will das genau so. Da ist halt nix mehr zu machen.
Man könnte weinen, echt. Dieses Deutschland wird von Co2-Besoffenen und sonstigen Klima-Idioten systematisch zugrunde gerichtet. Welcher Jubel wird wohl ausbrechen, wenn alles in Scherben liegt, wir aber endlich Co2-frei unsere Suppe in der Wärmestube der Gemeinde auslöffeln werden. Man kann es kaum fassen.
Chinesische Arbeitskräfte sind schon lange nicht mehr billig, wenn man beim Vergleich mit Dummland die Nettolöhne zugrunde legt. Erheblich niedriger sind in China nur die Lohnnebenkosten.
Vieles davon haben wir der grünen Gottkanzlerin zu verdanken, jede Entscheidung die sie getroffen hat hat dem Normalverdiener geschadet von der Eurorettung über das Kernkraft aus, dem Ende der Wehrpflicht, der Massenmigration und der Klimaaffenzirkus samt CO² Steuer um das Vernichtungswerk zu vollenden.
Wie sehr muss die doch den Westdeutschen und sein angenehmes Leben gehasst haben.
Unfug: Alles (!) haben wir der überwältigenden Mehrheit der Bürger zu verdanken, die den eigenen Untergang immer und immer wieder per freier und geheimer Wahlen exakt so selbst bestellt hat.