Rekordjagd in New York geht weiter, in Frankfurt verlässt die Anleger der Mut

Ohne verflixte 7, zwischen Goldlöckchen und hartem, aber verdaubarem Brexit können die Anleger wohl optimistisch nach vorn schauen.

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An der Wall Street ist die Rekordjagd am Freitag nach einem Tag Pause weitergegangen: Außer dem technologielastigen NASDAQ 100 schafften es sämtliche wichtige Indizes auf neue Bestmarken. Die Hoffnung auf eine US-Steuerreform halte die Aktienmärkte am Laufen, schrieb Analyst Michael Hewson von CMC Markets UK. Im Fokus der Anleger standen erneut Geschäftszahlen von Unternehmen.

Direkt zum Startschuss überwand der Dow Jones Industrial seinen bisherigen Höchststand und baute seine Gewinne im weiteren Handelsverlauf sukzessive aus. Am Ende notierte der US-Leitindex 0,71 Prozent im Plus bei 23.329 Punkten, nur minimal unter seinem kurz davor erreichten Rekord. Auf Wochensicht verbuchte er einen Kurszuwachs von fast zwei Prozent. Auch der marktbreite S&P 500 notierte so hoch wie nie zuvor und gewann letztlich 0,51 Prozent auf 2.575 Punkte.

Steuerreform in den USA beflügelt

Am Donnerstagabend hatte der US-Senat einen Haushaltsentwurf verabschiedet und damit eine Hürde für die von Präsident Donald Trump geplante Steuerreform aus dem Weg geräumt: 51 Senatoren stimmten für den Entwurf, 49 waren dagegen. Trump hatte bei seinen Plänen für eine Steuerreform immense Erleichterungen vor allem für Unternehmen versprochen. Der Höchstsatz für Unternehmensteuern soll von 35 Prozent auf 20 Prozent sinken. Die Pläne gelten als eine der wichtigsten Triebfedern für die Kursrally seit dem Wahlsieg von Trump.

Die Unternehmensnachrichten fielen vor dem Wochenende durchwachsen aus. Die Anteilsscheine von General Electric, die anfangs deutlich unter schwachen Quartalszahlen und einer drastisch gesenkten Gewinnprognose gelitten hatten, konnten ihre Verluste abschütteln und schlossen 1,06 Prozent fester. Seit Jahresbeginn hat die Aktie allerdings etwa ein Viertel an Wert eingebüßt und ist damit für diesen Zeitraum abgeschlagenes Schlusslicht im Dow.

Die Aktionäre von Procter & Gamble mussten dagegen einen Kursrutsch von 3,65 Prozent verkraften. Damit war der Konsumgüterkonzern mit Abstand größter Tagesverlierer im Dow Jones. Er hatte zwar mit dem Gewinnplus im dritten Quartal die Erwartungen leicht übertroffen. Händlern zufolge war die Umsatzentwicklung aber nicht ganz so schwungvoll wie erhofft.

Paypal Rekordhoch

Deutlich besser erging es den Paypal-Aktien, die ein Rekordhoch erreichten und mit einem Plus von 5,53 Prozent als Favorit der Anleger im Nasdaq 100 aus dem Handel gingen. Der Online-Bezahldienst hat im abgelaufenen Quartal erneut deutliche Geschäftszuwächse verzeichnet und seine Ziele für das Gesamtjahr weiter nach oben geschraubt. Analyst Bryan Keane von der Deutschen Bank sah sowohl die Zahlen als auch den Ausblick über den Erwartungen.

Die Anleger am deutschen Aktienmarkt hat zum Wochenschluss dagegen der Mut verlassen. Ungeachtet neuer Rekorde an den US-Börsen gab der Dax seine Gewinne am Freitag bis Handelsschluss wieder ab und schloss unter der psychologisch wichtigen Marke von 13.000 Punkten. Mit einem minimalen Plus von 0,01 Prozent auf 12.991 Punkte ging der Leitindex aus dem Handel und sorgte damit letztlich auch für einen unveränderten Stand im Wochenverlauf.

Der MDAX der mittelgroßen Unternehmen legte am Freitag um 0,13 Prozent auf 26.053 Punkte zu. Der Technologiewerte-Index TecDAX gab um 0,34 Prozent auf 2.487 Punkte nach.

Auf Unternehmensseite waren die Papiere des Gaseunternehmens Linde zur Freude der Anleger der größte Gewinner im Dax. Sie legten um mehr als drei Prozent zu. Hintergrund: Über 50 Prozent der Linde-Aktionäre hatten bis zum Nachmittag ihre Anteile in Aktien der fusionierten Linde plc umgetauscht. Damit ist dem Unternehmen ein wichtiger Schritt hin zum Zusammenschluss mit dem US-Konzern Praxair gelungen.

Die verflixte Sieben wirkt wohl nicht

Dass sich die verflixte Sieben in diesem Jahr noch auswirkt — diese Wahrscheinlichkeit sinkt. Bekanntlich gab es schon einige Jahre mit einer „7“ am Ende, die Anlegern im Schlussquartal große Verluste brachten. 1907, 1917 und 1937 etwa ging es an der Wall Street mächtig runter. Der 19. Oktober 1987 brachte mit 23 Prozent Minus im Dow Jones den bislang größten Tagesverlust in der Geschichte der Wall Street. Anzeichen eines echten Crashs mit Kursverlusten über 20 Prozent gibt es derzeit allerdings keine. Auch eine Korrektur, ab zehn Prozent Minus ist hiervon die Rede, ist nicht wirklich in Sicht. Stattdessen reden manche Marktteilnehmer inzwischen vom wahren Anlegerglück, auf Börsianisch: Goldilocks, Goldlöckchen. Das Szenario, dessen Name aus einem englischen Märchen stammt, beinhaltet zweierlei: weltweit starkes Wirtschaftswachstum und moderate Inflation. Die Notenbanken müssen in der Goldilocks-Welt nicht mit Zinserhöhungen gegen den Preisanstieg kämpfen, der konjunkturelle Rückenwind kommt Aktien so voll zugute. Vom Märchen ist die Realität dann doch ein Stück entfernt.

Der harte Brexit galt lange als ein mögliches, aber unwahrscheinliches Horrorszenario. Schließlich drohen beiden Seiten bei einem ungeordneten Rückzug Großbritanniens aus der Europäischen Union am 29. März 2019 hohe wirtschaftliche Schäden. Doch bei den Austrittsverhandlungen geht es kaum voran. Schon ein Viertel der zweijährigen Verhandlungsfrist ist ohne zählbare Resultate verstrichen. In London bereiten sich Regierung und Finanzinstitute auf den Ernstfall vor. „Wir gehen von einem harten Brexit aus“, sagte etwa Faryar Shirzad, Co-Leiter Government-Affairs bei Goldman Sachs, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Ins gleiche Horn stößt Deutsche-Bundesbank-Vorstandsmitglied Andreas Dombret. Dombret bezeichnete einen harten Brexit vergangene Woche als das wahrscheinlichste Szenario. Eine Gefahr für die Finanzstabilität sehe er jedoch nicht, weil dieses Risiko über einen Zeitraum von zwei Jahren Formen annehmen werde.


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