Kriegssorgen dauern fort, Ölpreise steigen, Inflationsangst vor Notenbanksitzung

Krieg, Ölpreisschock, Stagflationsangst: Die Märkte reagieren nervös, der Dax bleibt unter Druck, und steigende Spritpreise liefern der Politik den nächsten Vorwand für billigen Aktionismus. Ökonomen warnen dagegen vor Symbolpolitik statt Strukturreformen.

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Das ist ein Reflex, auf den man sich bei den Deutschen verlassen kann: Steigen an der Tankstelle die Spritpreise, ist die Erregung groß. Das liegt daran, dass Kraftstoffe in der sogenannten „gefühlten Inflation“ eine weitaus stärkere Bedeutung besitzen als in der tatsächlich gemessenen. In den Warenkorb des Statistischen Bundesamtes gehen Diesel und Benzin mit rund drei Prozent ein. Auch wenn seit Beginn des Konflikts am Golf die Preise für einen Liter Kraftstoff in Deutschland um fast dreißig Prozent gestiegen sind, sind wir weit von einer allgemeinen Verarmung weiter Bevölkerungskreise entfernt. Gleichwohl ist der Ärger in der Bevölkerung groß, und die Aussicht für Politiker verlockend, sich mit diesem Thema in Szene zu setzen.

Kurz nachdem die Preise zu klettern begonnen hatten, schwangen sie sich zu Anwälten der Autofahrer auf. Als einer der ersten forderte der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, der weitgehend unbekannte Sven Schulze von der CDU „Reaktionsmechanismen“. Dort stehen im Herbst Landtagswahlen an, man mag es ihm nachsehen. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von der SPD wollte ihren populistischen Beitrag leisten und schlug eine höhere Pendlerpauschale vor. Es ist das alte paternalistische Muster. Die Regierung, ob schwarz, rot oder grün, inszeniert sich als Institution, die die Macht habe, alle Unbill von den Bürgern fernzuhalten. Man erinnere sich an 2022: Da spendierte die Ampel nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine den deutschen Autofahrern einen sogenannten Tankrabatt, der den Steuerzahler drei Milliarden Euro kostete.

Jetzt ist noch weniger Geld in der Kasse als vor drei Jahren, so dass man sich die rot-schwarze Regierung nun zunächst auf Symbolpolitik beschränkt: Tankstellen sollen künftig die Preise nur noch einmal am Tag erhöhen dürfen. Als ob das steigende Energiepreise verhindern könnte. Eher ist das Gegenteil wahrscheinlich: Tankstellen dürften die Preise vorsorglich besonders stark anheben, um keinen Verlust zu machen. Ganz offensichtlich wird bei diesem Aktionismus, dass die Politik die Funktionsweise von Preisen nicht verstanden hat. Sie signalisieren Knappheit. Sparsameres Fahren drosselt die Ausgaben. Es ist auch nicht die Aufgabe des Staates, den Konsumenten „Zusammenstöße mit der Realität“ – wie Christian Welp in der „Neuen Zürcher Zeitung“ das nannte – zu ersparen: Billiges Benzin ist kein Bürgerrecht.

Eine Gruppe liberaler Ökonomen warnte Mitte der Woche in einem neuen Gutachten vor diesem Hintergrund vor verfehltem Aktivismus. Sie bilden den von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche im vergangenen Jahr ins Leben gerufenen „wissenschaftlichen Beraterkreis für evidenzbasierte Wirtschaftspolitik“. Die Professoren Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage (SVR), Volker Wieland, von 2013 bis 2022 Mitglied des SVR, Justus Haucap, von 2008 bis 2012 Vorsitzender der Monopolkommission, und Stefan Kolev, seit 2023 wissenschaftlicher Leiter des Ludwig-Erhard-Forums für Wirtschaft und Gesellschaft, fordern darin unter anderem den Verzicht auf Preisbremsen: Der Anstieg der Energiepreise sei deutlich – aber bei weitem nicht vergleichbar mit den Spitzen, die er 2022 infolge des russischen Einmarsches in der Ukraine erreichte. Die bereits eingeleitete Prüfung des Wettbewerbs im Kraftstoff-Großhandel durch das Bundeskartellamt hält der Beraterkreis für richtig. Von der Beschränkung, Kraftstoffpreise an den Tankstellen nur noch einmal am Tag erhöhen zu dürfen, versprechen sie sich keine Wirkung.

Interessant: Nach der 2022er-Energiekrise habe Deutschland seine Importkapazitäten von verflüssigtem Erdgas (LNG) erhöht. Ein Großteil des LNG werde auf dem Spotmarkt gekauft, weil man den Gasverbrauch aufgrund der Klimaziele langfristig eigentlich reduzieren wolle. Als Konsequenz sei man nun den Schwankungen des Gaspreises ausgesetzt. Hier solle man umdenken, fordern die Professoren: Deutschland solle sich mit langfristigen Lieferverträgen absichern. Zudem sei „ernsthaft zu prüfen“, das Fracking auch in Deutschland zu erlauben. Die Nutzbarmachung der riesigen Lagerstätten in der Norddeutschen Tiefebene würde die Abhängigkeit von Importen reduzieren. Klar, dass dieser Punkt des Gutachtens zu erheblichem Widerspruch bei den Grünen und der SPD führte.
Die US-Börsen sind am Ende einer schwachen Woche noch etwas tiefer in die Verlustzone gerutscht. Am Freitag drückten die Intensivierung des Iran-Kriegs und der damit einhergehende Anstieg der Ölpreise auf die Stimmung, nachdem im frühen Handel noch enttäuschende Konjunkturdaten die Hoffnungen der Anleger auf zumindest eine Leitzinssenkung der Notenbank in diesem Jahr wiedererweckt hatten. Die US-Wirtschaft war im Schlussquartal 2025 schwächer gewachsen als erwartet.

Der Dax konnte sich am Freitag trotz der vagen Hoffnung auf eine Entspannung am Ölmarkt jedoch nicht nachhaltig stabilisieren. Die USA wollen zeitweise ihre Russland-Sanktionen lockern, sodass Länder vorerst russisches Öl kaufen dürfen, das sich bereits auf Schiffen befindet. Der Preis für ein Fass der Nordsee-Ölsorte Brent fiel zuletzt etwas unter die Marke von 100 US-Dollar. Der Iran drohte derweil allerdings mit weiteren Attacken auf die Öl- und Gas-Infrastruktur der Golfregion. Medienberichte über Gespräche von Frankreich und Italien mit dem Iran zu einer möglichen sicheren Passage durch die Straße von Hormus dementierte die italienische Regierung inzwischen.

Rund zwei Wochen nach Kriegsausbruch im Iran ging der Dax letztlich 0,60 Prozent tiefer mit 23.447 Punkten ins Wochenende. Zwischenzeitliche Gewinne von mehr als 0,7 Prozent konnte der deutsche Leitindex nicht halten. Vom Tief seit Mai bei 22.927 Punkten, auf das der Dax am Montag gestürzt war, konnte er sich jüngst aber merklich absetzen. Auf Wochensicht steht ein Minus von gut einem halben Prozent zu Buche. Der MDax der mittelgroßen Unternehmen büßte am Freitag knapp 1,5 Prozent auf 28.819 Zähler ein. „Die Nachrichtenlage in der Geopolitik ändert sich zu schnell, als dass Anleger bereit wären, größere spekulative Positionen ins Wochenende mitzunehmen“, kommentierte Marktanalyst Andreas Lipkow vom Broker CMC Markets. Das grundsätzliche Motto an den Börsen laute weiterhin „Risk-off“. Angesichts der hohen Ölpreise fürchten die Investoren eine Stagflation – also zumindest stagnierendes Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig anziehender Inflation. Vor diesem Hintergrund rücken die Zinsentscheidungen von US-Notenbank Fed und Europäischer Zentralbank (EZB) in den Fokus, die beide kommende Woche anstehen.

Europaweit wurden ebenfalls Verluste verbucht. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx sank um knapp 0,6 Prozent auf 5.717 Punkte. An der Börse in London ging es ähnlich moderat abwärts, während sich in Zürich unter dem Strich praktisch nichts bewegte. Stagflationssorgen hatten zuletzt insbesondere den Banken stark zugesetzt, unter anderem wegen steigender Kreditrisiken. Vor dem Wochenende konnten sich die Titel der Deutschen Bank genau wie der Dax nicht erholen und gaben 0,8 Prozent nach. Die Aktien der Commerzbank sackten sogar um 2,1 Prozent ab.

Rüstungsaktien waren angesichts des Iran-Kriegs indes begehrter. Rheinmetall stiegen um 2,7 Prozent und knüpften damit an ihre Erholung vom Jahrestief an. Als Gewinner der Krise werden außerdem K+S gehandelt, die ihre Rally am Freitag mit 2,4 Prozent Plus fortsetzten. Spekuliert wird hier auf steigende Düngerpreise wegen wegfallender Kapazitäten in Nahost. Positiv vom Gesamtmarkt abheben konnte sich auch Zalando mit einem Kurssprung um 6,9 Prozent an die Dax-Spitze. Die Papiere des Onlinehändlers knüpften an ihre Vortagesrally an, nachdem sie vom Analysehaus Bernstein auf „Market-Perform“ hochgestuft wurden. Analyst William Woods lobte den verbesserten Barmittelzufluss und den Start von Ausschüttungen an die Anleger. Qiagen verbuchten zudem ein Plus von 1,8 Prozent. Deutsche Bank Research sprach dem Diagnostikspezialisten nach dem jüngsten Kursrutsch eine Kaufempfehlung aus. Übernahmefantasie sei bei der Aktie inzwischen wieder vollständig ausgepreist worden. Die Anleger könnten sich jetzt wieder auf das operative Geschäft und eine nicht ambitionierte Bewertung konzentrieren.

Für die Anteilsscheine der Porsche AG ging es dagegen auf ein Rekordtief von 36,22 Euro, letztlich büßten sie 1,7 Prozent ein. Analyst Michael Punzet von der DZ Bank bleibt mit Blick auf den Sportwagenbauer weiterhin skeptisch. Seiner Meinung nach dürften die bislang eingeleiteten Maßnahmen erst mittelfristig helfen, negative Faktoren wie die schwache China-Nachfrage und die US-Zollpolitik zu kompensieren. Die Aktien von 1&1 gerieten im Kleinwerte-Index SDax um 8,8 Prozent unter Druck, womit sie auch den Mutterkonzern United Internet um 3,8 Prozent nach unten zogen. Verwiesen wurde auf einen Bericht, wonach der O2-Mutterkonzern Telefonica eine erwogene 1&1-Übernahme auf Eis gelegt haben soll, solange es in Deutschland Probleme mit dem Netzausbau gibt. Dies berichtete das spanische Onlinemedium „Okdiario“ unter Berufung auf Kreise.

Später gab auch der Dow Jones Industrial um knapp 0,3 Prozent auf 46.558 Punkte nach und fiel damit auf das Niveau von Ende November. Auf Wochensicht ergibt sich damit für den Dow ein Minus von zwei Prozent. „Die Anleger beginnen sich Sorgen zu machen, dass sich die Lage im Nahen Osten so lange hinziehen könnte, dass sie Auswirkungen auf die Wirtschaft hat“, sagte Marktstratege Matt Maley vom Vermögensverwalter Miller Tabak. Der marktbreite S&P 500 verlor am Freitag 0,6 Prozent auf 6.632 Zähler und näherte sich damit weiter der viel beachteten 200-Tage-Durchschnittslinie. Sie gilt als Maß für den langfristigen Trend. Der technologielastige Nasdaq 100 büßte 0,6 Prozent auf 24.381 Punkte ein.

Die Unsicherheit am Markt bleibt wegen des Iran-Kriegs hoch. Denn die Revolutionsgarden des Landes halten an ihrer Blockade der Straße von Hormus im Persischen Golf fest. Die Kommandozentrale der Garden erklärte laut der ihr nahe stehenden Nachrichtenagentur Fars, dass sie einer Anweisung des neuen Religionsführers Modschtaba Chamenei folge. Ungeachtet dessen sehen sich die USA weiter auf dem Weg zum Erfolg. Die Attacken seien noch mal auf das bisher höchste Niveau gesteigert worden, sagte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth am 13. Tag des Krieges. Inzwischen sei auch die militärische Infrastruktur der Islamischen Republik zum Bau ballistischer Raketen weitgehend zerstört.

An der Dow-Spitze zogen die Anteilsscheine des Flugzeugbauers Boeing um 2,5 Prozent an. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen berichtet, dass die Verkabelungsprobleme bei dem Modell 737 Max weniger umfangreich seien als zunächst gedacht. Unter den Einzelwerten richteten sich die Blicke zudem auf Adobe. Das baldige Ausscheiden des Chefs Shantanu Narayen hatte am Markt Sorgen um einen möglichen Strategiewechsel des Software-Anbieters geschürt. Die Aktien sackten um 7,6 Prozent ab und waren damit das Schlusslicht im Nasdaq 100. Am S&P-500-Ende wiederum knickten die Papiere von Ulta Beauty um gut 14 Prozent ein. Die auf Kosmetik spezialisierte Filialkette hatte mit der Prognose für das Umsatzwachstum in diesem Jahr enttäuscht.

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