Energiekrise wird ignoriert, Green Deal bleibt sakrosanktes Ziel der Politik

Energieverbraucher und Steuerzahler sollten sich wappnen. Während sich in Deutschland die Gasspeicher leeren und die realen Schäden der grünen Transformation sichtbar werden, hält Brüssel Kurs und verteidigt den Pfad der grünen Transformation. Ein entgleistes System.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Nicolas Landemard

Der Green Deal ist das größte fiskalpolitische Projekt Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zugleich stellt er den massivsten Eingriff in das Design der nationalen Energiemärkte dar. Er ist der grell ausgeleuchtete Beweis dafür, dass zentral geplante Ökonomien vor allem eines hervorbringen: künstliche Knappheit und ökonomischen Niedergang. Für die Brüsseler Bürokratie erscheint der Green Deal als prometheischer Akt, für Steuerzahler, Unternehmer und all jene mit klarem Blick auf ökonomische Realitäten hingegen als zivilisatorische Katastrophe.

Die politische Triebkraft der sogenannten grünen Transformation war von Beginn an Deutschland. In keinem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union hat man sich mit vergleichbarem Enthusiasmus auf ein funktionierendes, eingespieltes System der Energieerzeugung und -verteilung gestürzt wie in der Bundesrepublik. Nirgendwo verfingen die Erzählungen vom „brennenden Planeten“ im Zusammenhang mit CO₂-Emissionen so nachhaltig wie hierzulande.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag schätzt, dass zu den bereits investierten Billionen, die buchstäblich in eine grüne Umverteilungsmaschine gelenkt wurden, weitere 5,4 Billionen Euro hinzukämen, um bis zum Jahr 2045 eine emissionsfreie Ökonomie allein in Deutschland zu errichten. Die Wirtschaft dürfte dann in der Tat emissionsfrei operieren, weil es unter diesen Umständen keinerlei nennenswerte Industrieproduktion in Deutschland mehr geben kann. Ein großer Erfolg für die De-Growth-Religion.

Im kommenden EU-Haushalt sollen zusätzlich rund 700 Milliarden Euro an Subventionen für die europäische grüne Günstlingswirtschaft bereitgestellt werden. Ein Hasardeurakt, der an seinen eigenen Ansprüchen zwangsläufig scheitern muss, aber diejenigen finanziell in die Stratosphäre katapultiert, die die Klaviatur der Fördermittellogik zu spielen wissen.

Aus der Sicht der von der Wertschöpfungserzeugung entkoppelten Bürokratie handelt es sich hierbei lediglich um Zahlenspiele, Verteilungsfragen, die zur Not mit dem Gelddrucker zu lösen sind. Ein wiederkehrendes Phänomen sozialistischer Systeme, die in ihrem Abstieg immer dazu neigen, die Komplexität des realen Lebens in Funktionen mit maximal zwei Variablen herunterzubrechen. Es fehlen Kreditmittel? Kein Problem, die staatliche Förderbank begibt eine neue Anleihentranche – die Haftung übernimmt der Steuerzahler, der zu diesem Desaster weder befragt, noch über den Fortgang des Projekts korrekt in Kenntnis gesetzt wurde.

Die Komplexität realer Wirtschaftsprozesse und die Fragilität industrieller Kernsektoren im internationalen Wettbewerb haben den Green Deal längst in einen Zombiemechanismus überführt. Einmal in Gang gesetzt, lässt sich ein solches Vehikel aus Hunderten einzelner Subventionsposten, Zehntausenden zuständigen Verwaltungsbeamten und einer unüberschaubaren Zahl von Profiteuren kaum mehr entflechten, geschweige denn abrupt unterbrechen.

Außerhalb Europas hat man sich längst vom energiepolitischen Amoklauf der Europäer abgewandt, investiert in Nuklearkraft, schafft Pipelineinfrastruktur und wundert sich, wie es geschehen kann, dass niemand in der EU den Stecker zieht und beginnt, die eigenen Energiereserven zu verwerten.

In Brüssel und Berlin wird währenddessen unter Hochdruck daran gearbeitet, mittels regulatorischer und zensierender Maßnahmen sicherzustellen, dass sich am selbstzerstörerischen Kurs nichts Wesentliches ändert.

Ganz gleich, wie sich die Lage am deutschen Energiemarkt darstellt, im Januar zündete Brüssel die nächste Stufe in ihrem Plan zur Eliminierung von CO₂-Emissionen. Der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) tritt ab dem 1. Januar 2026 in seine finale Emissionshandelsphase ein. Das bedeutet: Importe von CO₂-intensiven Gütern müssen nun verpflichtend Emissionszertifikate erwerben. Zeitgleich wurde der Preis für CO₂-Emissionen deutlich angehoben, was Energie zusätzlich verteuert und künstlich verknappt.

Autopoietische Systeme

Interventionsspiralen – also immer neue, korrigierende Eingriffe in den Energiemarkt – sind die logische Konsequenz. Der Soziologe Niklas Luhmann sprach in diesem Zusammenhang von autopoietischen Systemen: Strukturen, die ihr eigenes Handeln aus sich selbst heraus und nach einer inneren systemischen Logik immer wieder neu hervorbringen.

Wie zum Beweis dieser These meldete die Bundesregierung den Erwerb von 25 Prozent der Kapitalanteile am Netzbetreiber Tennet zu einem Preis von 3,3 Milliarden Euro. Um den Betrag nicht fiskalisch im Bundeshaushalt zu verbuchen, übernimmt die Kreditanstalt für Wiederaufbau die Finanzierung – selbstverständlich haftet auch hier der Bund, also der Steuerzahler, für mögliche Ausfälle.

Tricksen, verfälschen, täuschen – mit dieser Strategie operieren Systeme, die längst die Kontrolle über die Kosten ihres Handelns verloren haben.

Das staatliche Engagement soll die anstehenden Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen. Tatsächlich erhöht man damit lediglich die Schlagzahl auf dem Weg in ein energiepolitisches Desaster, dessen Konturen sich derzeit nirgendwo deutlicher abzeichnen als an den sich leerenden Gasreserven des Landes.

Wir stehen vor einem klassischen Symptom interventionistischer Logik: Mit fortschreitendem Effizienzverlust und wachsendem Ressourcenverbrauch bei gleichzeitig schlechteren Ergebnissen steigt der Komplexitätsgrad der Zentralplanung weiter an. Kurz gesagt: Die Energiepreise werden weiter steigen – unabhängig davon, mit welchen regulatorischen Eingriffen oder neuen Finanzierungsinstrumenten Brüssel und Berlin reagieren.

Orwellsche Inversionssprache

Bemerkenswert ist dabei die kontinuierliche Medienarbeit der EU. Brüssel zeichnet die Energiewende grundsätzlich als Erfolg, räumt lediglich indirekt ein, dass die Preise infolge massiver Eingriffe in das Energiemarktdesign gestiegen seien. Dennoch beharrt man darauf, dass ausgerechnet die grüne Transformation die Lösung dieses Problems darstelle, wie es beispielsweise im sogenannten “Affordable Energy Action Plan” beschrieben wird. Es handelt sich um klassische orwellsche Inversionssprechakte: Die Realität wird mit maximaler Ignoranz geleugnet, um sich narrativisch gegen Kritik zu immunisieren.

Wenn steigende Preise, wachsende Abgaben und zunehmende Instabilität sichtbar sind und dennoch von sinkenden Kosten gesprochen wird, handelt es sich nicht mehr um politische Interpretation, sondern um sprachliche Machtausübung. Die grüne Transformation erscheint dabei weniger als ökonomisches Projekt denn als Machtvehikel: nicht an Effizienz orientiert, sondern an Kontrolle, Legitimation und der systematischen Extraktion von Wohlstand in zentralisierte, politisch verwaltete Strukturen.

In der administrativen Logik handelt es sich dabei nicht um Fehlentscheidungen, sondern um Regelkonformität. Es sind eingespielte Mechanismen der Bürokratie: Förderprogramme werden erweitert, Zuständigkeiten intern verschoben, Finanzierungsinstrumente angepasst, politischer Einfluss abgesichert. Jeder Schritt ist für sich aus dieser Logik heraus begründbar und politisch abgesichert. Das System funktioniert selbstreferentiell – nur nicht mehr in Bezug auf sein ursprüngliches Ziel.

Das Schweigen der Öffentlichkeit und der Wirtschaft angesichts dieser Katastrophe macht betroffen. Selbstverständlich weiß jeder außerhalb des Brüsseler Paralleluniversums und der noch immer euphorisierten Presselandschaft, dass die Erzählung einer erfolgreichen Energiewende eine glatte Lüge ist. Die zentral geplante grüne Transformation hat nicht nur zu dramatisch höheren Energiekosten geführt, sie hat inzwischen auch eine Schneise der Verwüstung durch die europäische Wirtschaft geschlagen. Besonders sichtbar wird dies in der sich beschleunigenden Deindustrialisierung Deutschlands – dem neuen Rust Belt Europas.

Dass der ökonomische Verfall, die wachsende Arbeitslosigkeit, steigende Staatsschulden und ein dysfunktionales Energiedesign medial kaum ernsthaft thematisiert werden, überrascht dabei kaum. Medien, Großunternehmen mit politischem Einfluss sowie weit verzweigte Pressenetzwerke befinden sich längst in den Schlingen des Brüsseler Subventionskraken. Schweigen wird mit Steuergeld erkauft – bezahlt von jenen, die am Ende die gesamte Rechnung tragen.

Die großen Konzerne am Standort wissen sich rhetorisch und programmatisch im korporatistischen Gleichklang mit Politik und Mainstream-Medien. Kleine und mittlere Unternehmen hingegen besitzen keine politische Repräsentanz, keine Pressestellen, keine mediale Stimme. Niemand interessiert sich für das Schicksal des einzelnen Bäckers, des Handwerkers oder der mittelständischen Firma im Gewerbegebiet nebenan. Sie sterben leise.

Ihre Verluste jedoch summieren sich zu einem gesellschaftlichen Niedergang, von dem man in Brüssel und Berlin glaubt, ihn durch immer neue Subventionen kompensieren zu können. So schließt sich der Kreis: ein geschlossenes System aus Fehlanreizen, bürokratischem Parasitismus und der systematischen Verdrängung oppositioneller Stimmen durch einen stetig wachsenden Brüsseler Zensurapparat.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 5 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

5 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Stefan Frings
40 Minuten her

Ich möchte einmal den Historiker Rainer Zitelmann zitieren: „Wenn es immer schlimmer wird, ist es halt nicht so, dass die Menschen automatisch aufwachen. Schlimmer geht immer.“ Dass es in Deutschland radikaler ist, stimmt, man ist natürlich in Deutschland traditionell anfällig für Ideologien. Der Freiheitspathos (wie in den USA) oder ein Pragmatismus (wie in Skandinavien oder den Niederlanden) fehlt oft. Daher wird man erst aufwachen, wenn es zu spät ist. Nach Blackout und/oder Industriezusammenbruch wird es vermutlich sein wie nach 1945. 1948 hatte man in den westlichen Besatzungszonen gefragt und die Antwort war, dass über 50% der Westdeutschen dachten, dass der… Mehr

Endlich Frei
42 Minuten her

Das Lachen von Zensursula von der Leyen geht ihr leicht von den Lippen, hat doch keiner der ungewählten EU-Vertreter mit irgendwelchen Folgen ihres Tuns konfrontiert: Ihre einzige Aufgabe besteht darin Netzwerke und NGOs zu pflegen – und der Mitglieder laben sich nicht minder wie Maden im Speck der zwangsfinanzierten Unkündbarkeit.

Last edited 42 Minuten her by Endlich Frei
Peter Pascht
57 Minuten her

Grün-Roter Realitästverleugnung bei „Klimarettung“, „Strom-Phatasien“ und Migration-Blödsinn. Wie Grünrote „Energiewende“ – Idiotie an der Realität zerschellt Aber Menschen schikanieren mit 65% „Erneuerbare Energie“ – pflich im GEG Gesetz welches nun die CSU „entschärfen“ will Es ist sehr wohl bekannt, dass nur 1/4 des Jahres Sonne- und Windenrgie verwendbar in Deutschland zur Verfügunng stehen, allerdings mit starken Schwankungen der Unzuverlässigkeit der Verfügbarkeit – 1/4 des Jahres +/- Schwankungen. – 2025 war so ein böses 😉 Jahr 2025 weniger Windstrom produziert als 2024 – trotz massivem Ausbau der Winräder Anzahl – inbesondere massiv war der Rückgang der erzeugten Strommenge bei Windrädern an… Mehr

jansobieski
58 Minuten her

Wann jagen sie denn endlich die fürchterliche von der Leyen dahin, wo sie hingehört ?

Bernd Simonis
1 Stunde her

Nach wie vor ist es so, das Politiker öffentlich behaupten können, was sie nur wollen. Es gibt nie einen Faktencheck, keiner wird zur Rede gestellt,