Vor den anstehenden Betriebsratswahlen eskaliert bei Volkswagen der Streit zwischen Arbeitnehmervertretern und Vorstand. Hintergrund des Konflikts: die nach kreativer Bilanzführung ausgeschüttete Prämie an den Vorstand. Der Streit bei VW wirkt wie ein groteskes letztes Gefecht, während die Firma immer tiefer in die Krise rutscht.
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Es besteht ein fundamentaler psychologischer und philosophischer Unterschied zwischen inhabergeführten Familienunternehmen und den relativ anonymen, hochkapitalisierten Aktiengesellschaften. Wohl und Wehe eines Familienbetriebs ist eine persönliche Sache. Eigentümer haften vielfach mit ihrem Privatvermögen. Auch der Planungshorizont ist ein anderer.
Kommt es zu einer Krise, werden alle Kräfte aktiviert, um das häufig über Jahrzehnte, vielleicht auch generationenübergreifende Firmenkonstrukt am Leben zu halten. Volkswagen beweist dieser Tage, dass ein himmelweiter Unterschied zwischen angestellten Vorständen und Eigentümerunternehmern besteht.
Man kann es als taktlos bezeichnen, realitätsabgewandt, möglicherweise auch als Gier, was der VW-Vorstand um Oliver Blume hinsichtlich der eigenen Prämien beschlossen hat. Nach einer Kürzung der Boni für die Mitarbeiter angesichts des katastrophalen Geschäftsverlaufs im vergangenen Jahr überraschte der VW-Vorstand mit einer zusätzlichen Prämienzahlung an die Vorstände von bis zu 1,75 Millionen Euro pro Kopf.
Was war geschehen? Den Bilanzprofis in Wolfsburg war ein kleiner Coup gelungen. Nachdem man im vergangenen Jahr im Grunde genommen schon die Bücher geschlossen hatte und nicht mehr mit einem positiven Ergebnis rechnen durfte, erschien wie aus dem Nichts ein positiver Cashflow in der Bilanz – von etwa sechs Milliarden Euro. Oberhalb der Grenze von 5,6 Milliarden werden für die VW-Vorstände weitere Boni aktiviert. Das Etappenziel war erreicht.
Wie war das möglich?
Das Cashflow-Wunder von Volkswagen ist das Ergebnis einer Factoring-Operation. Der Konzern veräußerte offene Forderungen aus seinem operativen Geschäft vorzeitig. Käufer dieser Forderungen zahlen dafür eine Gebühr von bis zu drei Prozent. Das Unternehmen erhält im Gegenzug unmittelbare Zahlungstransfers, verzichtet jedoch auf die entsprechende Marge.
Dieses Manöver rettete nicht nur die höchste Stufe der Vorstandsboni sowie anstehende Dividendenzahlungen, sondern wurde zugleich zum Ausgangspunkt des heftigen Bonusstreits mit der Konzernbelegschaft.
Der Konflikt erinnert an frühere Krisen bei Volkswagen, etwa an die Dieselgate-Affäre 2015. In jener Zeit agierte der Vorstand unter seinem damaligen Vorsitzenden Martin Winterkorn ähnlich abgeschottet und isoliert, wie es gegenwärtig den Anschein hat. Der Skandal kostete den Konzern Milliarden und zahlreiche Arbeitsplätze.
Der heutige Cashflow-Trick seiner Nachfolge wirkt dabei wie ein Déjà-vu: ein kurzfristiger Boni-Rettungsschirm für die Vorstandsetage. Langfristig nimmt man dafür offenbar die Schwächung des Betriebskapitals in Kauf.
Es ist ärgerlich zu beobachten, dass der Vorstand der Volkswagen das Katastrophenjahr 2025 – geprägt von einem Rückgang des operativen Ergebnisses um bis zu 60 Prozent sowie einem Einbruch der Absatzzahlen in China und den USA von teils mehr als acht Prozent – dennoch mit einer Prämienanhebung abschließen kann.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Kritik der Betriebsratschefin Daniela Cavallo von der IG Metall nur allzu nachvollziehbar. Während der Veranstaltung im Vorfeld der Betriebsratswahlen am Mittwoch sprach sie offen von einem immensen Vertrauensverlust gegenüber dem Konzernvorstand und verwies darauf, dass das Unternehmen gegenwärtig vor Fragen von existenzieller Bedeutung steht.
Der Streit mit der IG Metall droht nun zu eskalieren. Mitarbeiter, die angesichts der Geschäftslage auf Prämien von bis zu 5.000 Euro verzichten müssen, verlieren die Geduld mit ihrem Vorstand. Das Cashflow-Manöver sowie die Ankündigung von massiven Kostenkürzungen und Jobabbau passen einfach nicht zusammen.
Die Finanzoperation des Vorstands bleibt dabei nicht ohne Folgen. Der daraus resultierende Margenverlust dürfte sich auf eine Größenordnung zwischen 60 und 180 Millionen Euro belaufen haben. Flüchtig besehen, eine Kleinigkeit, die in der Bilanz verschwindet. Aber der Vertrauensverlust in die Chefetage wirkt schwer.
Um auf die eingangs formulierte Überlegung zurückzukommen: In Eigentümer-geführten Unternehmen des Mittelstands wäre eine derartige Operation kaum vorstellbar gewesen. Die Schwächung des Betriebskapitals, um in wirtschaftlich schlechten Jahren den eigenen Bonus zu rechtfertigen, zeugt von einer unternehmerischen Hasardeursmentalität.
Es ist ein Symptom des Verfalls – und im Grunde genommen typisch für den Standort Deutschland, der sich, so scheint es, zunehmend einem generellen Fatalismus ergeben hat.
Während sich in den kommenden Tagen Vorstände und Arbeitnehmervertreter um Bonuszahlungen und Prämien streiten, versucht das Marketing-Team um VW-Markenchef Thomas Schäfer, Optimismus zu verbreiten. Seine Abteilung präsentierte bereits vor einem Jahr den Drei-Phasen-Plan: Aufholen, Angreifen, Anführen. Martialisch.
Im Kern aber unvermeidlich: Kosten müssen gesenkt, Margen stabilisiert werden. Bis 2030 sollen 35.000 Jobs wegfallen. Der Jobhammer findet sich im Übrigen unter der Rubrik „Aufholen“ wieder.
Bis 2027 sollen neun neue Elektrotypen auf den Markt gebracht werden. Man will in der Champions League der vollelektrischen Automobile mitspielen. Wolfsburg soll zur „Kompaktklasse-Hauptstadt“ werden. Das nennen sie dann „Anführen“. E-Mobilität für alle, Champions League des Automobilbaus, so Schäfer.
Die Realität sieht derweil anders aus. Der Absatz auf dem europäischen Markt dürfte um acht Prozent eingebrochen sein. Energie- und Standortkosten liegen vermutlich rund 20 Prozent höher als im Vorjahr. Hinzu kommen die US-Zölle, die dem Konzern zusetzen.
Am 10. März werden die Zahlen präsentiert. Dann wird sich zeigen, ob Volkswagen tatsächlich wieder angreifen wird, wie Schäfer es verspricht – oder ob sich der Konzern zu einer reinen Bonusmaschine für den Vorstand entwickelt hat. Es ist davon auszugehen, dass im Schlussquartal 2025 die operative Marge auf 2,5 Prozent schrumpfte und der Umsatz um weitere zwei Prozent gesunken ist.
Blume muss aller Voraussicht nach ein Sparpaket von zehn Milliarden Euro umsetzen und Investitionen zur Stabilisierung der Liquidität kürzen. Andernfalls droht ein Rating-Downgrade. Dann würde der Schuldenberg von Volkswagen neu bewertet und noch kostspieliger werden.

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Das war doch noch nie anders, Herr Kolbe. Wer politisch was anderes will, sprich mehr Haftung von Vorständen, muß entweder US Amerikanische Haftungsvorschriften einführen oder AGs in KGaAs gesetzlich umwandeln. Dann würde Blume, als Komplementär, der Arsch auf Grundeis gehen.
Es lebe die kreative Buchführung. Paradebeispiel für solche Auswüchse ist der Enron-Skandal. Aber ganz ehrlich: mir geht VW am A…h vorbei. Die haben einschließlich der Mitarbeiter den ganzen grünwoken E-Bullshit abgenickt -oder kann mich einer dahingehend korrigieren, daß es da die letzten Jahre nennenswerte Proteste dagegen gegeben hätte?
Wer solll denn all die – trotz hoher staatlicher Subventionen – überteuerten E-Autos kaufen? Wer soll den dafür notwendigen teuren Strom bezahlen?
Demnächst wird der noch teurer, weil – aufgrund weggefallenen Resilienz Deutschlands infolge der AKW-Sprenungen – zum Betrieb der oft still stehenden Windkraftwerke etliche Gas-Parallelkraftwerke mit teurem Import-Gas betrieben werden müssen.
Ich fahre bav weiter Benziner mit dem guten Gefühl, damit etwas für die Umwelt zu tun, indem ich damit nicht auch noch zusätzlich die scheusslichen Windkrafttürme fördere.