„Wissenschaft ohne Gewissen ist der Untergang der Seele“

Olivia Maurel wurde von einer Leihmutter geboren. Als Sprecherin der Casablanca-Deklaration setzt sie sich für die weltweite Abschaffung von Leihmutterschaft ein. Im TE-Interview schildert sie, wie sehr sie durch das Trauma der Trennung von der Mutter geprägt wurde – und warum sie ein Ende von Leihmutterschaft fordert.

ALfA / Norman Gebauer

Olivia Maurel wurde von einer Leihmutter geboren. Von sich selbst sagt sie, man habe sie bestellt wie ein Objekt. Noch vor ihrer Entstehung habe man die Fälschung ihrer Identität und die Trennung von ihrer Mutter vertraglich festgelegt. Im Interview mit Tichys Einblick spricht Olivia Maurel über ihre Erfahrungen und über ihr Ziel: Die Abschaffung von Leihmutterschaft.

Tichys Einblick: Frau Maurel, Sie haben auf dem Fachkongress „Kinder und Kommerz“ über Leihmutterschaft gesprochen. Sie selbst wurden von einer Leihmutter geboren. Was bedeutet das für Sie?

Olivia Maurel: Nun, es bedeutet, dass ich bei der Geburt von meiner Mutter getrennt wurde. Und es bedeutet, dass ich mein ganzes Leben lang unter dem Trauma des Verlassenwerdens leiden musste.

Das hat vor allem meine Beziehungsfähigkeit stark beeinflusst. Die Beziehung zu meinen Mitmenschen war sehr kompliziert und belastet. Selbst in Freundschaften hatte ich so große Angst, verlassen zu werden, dass ich die Menschen, die ich liebte, sozusagen erdrückt habe – bis sie mich schließlich verließen, weil sie das Gefühl hatten, ich sei zu viel für sie. Dadurch entwickelte ich Depressionen, und dieser Kreislauf wiederholte sich ständig. Mit Partnerschaften war es dasselbe. Ich hatte chaotische Beziehungen.

Dazu kommt, dass ich auf einem sehr brüchigen Fundament stand. Ich wusste nicht, woher ich kam. Also konnte ich mich nicht selbst aufbauen. Das war unmöglich.

Während Ihres Vortrags sagten Sie, Sie hätten bereits gespürt, dass etwas nicht stimmt, bevor Sie es in Worte fassen konnten.

Ja, ich habe das schon als kleines Kind gespürt. Ich habe keine Erinnerungen an meine Kindheit, bevor ich sechs Jahre alt war. Aber ab dann erinnere ich mich sehr genau daran, wie ich meine Mutter ansah, also die Frau, die mich bestellt hatte. Und wie ich mich selbst im Spiegel betrachtete und dachte: Ich sehe nicht aus wie sie.

Da war ich noch sehr jung. Aber ich hatte bereits dieses Gefühl der Fremdheit, dass ich einfach nicht wie sie aussah.

Und ich spürte eine emotionale Distanz. Es ist nicht so, dass ich sie nicht liebte oder sie mich nicht liebte. Aber da war eben eine ganz eigenartige Distanz zwischen uns. Und dieses Bauchgefühl, dass etwas nicht stimmte.

Da war noch etwas: Wir lebten damals in Frankreich. Aber jedes Mal, wenn wir in die USA reisten, fühlte ich mich zu Hause. Da war etwas, das sich vertraut anfühlte. Ich habe damals in mein Tagebuch geschrieben: „Ich bin keine Französin. Ich bin Amerikanerin.“ Das ist mir im Gedächtnis geblieben. Da war ich etwa 8 Jahre alt. Ich habe meine Eltern sogar gebeten, zurück in die Vereinigten Staaten zu ziehen, weil ich es in Frankreich einfach nicht mehr ertrug. Wir zogen tatsächlich dorthin zurück, und ich fühlte, dass das meine Heimat war.

Als die Kinderwunschmesse „Wish for a baby“ in Köln stattfand, waren wir undercover vor Ort, um zu berichten. Es gab ein Seminar, in dem Bestelleltern erklärt wurde, was sie beachten müssen, wenn sie Leihmutterschaft in Anspruch nehmen. Der Referent hatte das Kind, das er mit seinem Partner gekauft hatte, mitgebracht, um das harmonische Familienleben zu demonstrieren. Er gab Tipps, wie man die Kinder über ihre Herkunft aufklären soll. Er meinte: Wenn man das früh ganz selbstverständlich erklärt, macht es keine Probleme, die Kinder empfinden das dann als normal. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Nun, zunächst einmal würde ich diesem Mann sagen, dass es schrecklich ist, ein Kind auf die Bühne zu zerren, um darüber zu sprechen, wie es geboren wurde, wie dankbar es sein sollte und wie schön das alles ist – denn so etwas sollte man einem Kind niemals antun.

Man sollte niemals seine eigenen Vorstellungen auf andere projizieren. Ich sehe so viele Paare, sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle, die ihre Kinder herzeigen, im Fernsehen, in der Öffentlichkeit. Kinder, die vielleicht fünf, sechs oder sieben Jahre alt sind, und die ins Rampenlicht gestellt werden. Diese Kinder sind dem Verhalten der Erwachsenen schutzlos ausgeliefert.

Zu dieser Behauptung: Wir haben mittlerweile viele Daten über adoptierte Kinder. Einerseits gibt es einen großen Unterschied zwischen Adoption und Leihmutterschaft: Bei der Adoption versuchen wir, das Trauma des Verlassenwerdens und der Verlassenheit zu heilen. Bei der Leihmutterschaft provozieren und planen wir es, wir führen es absichtlich herbei. Das ist der Unterschied.

Aber wir teilen dieses Trauma der Verlassenheit, weil wir bei der Geburt von unseren Müttern weggerissen wurden. Und wir wissen heute: Selbst wenn das adoptierte Kind über seine Adoption Bescheid weiß – solche Kinder begehen immer noch dreimal häufiger Selbstmord als Kinder, die bei ihrer leiblichen Mutter bleiben dürfen.

Wir wissen, dass diese Trennung, diese Urwunde, Probleme im gesamten Leben verursacht. Und deshalb würde ich diesem Mann sagen: Nur, weil du dem Kind die Wahrheit über seine Herkunft sagst und eine rührende Geschichte erzählst, bedeutet das nicht, dass das Kind den Schmerz nicht spüren wird. Während der Schwangerschaft wandern Zellen des Kindes in den Körper der Mutter und umgekehrt. Das Kind hat also sogar Zellen dieser Frau, die neun Monate lang mit ihm verbunden war, in seinem eigenen Körper. Diese Verbindung kann man nicht kappen, ohne dass es Konsequenzen hat.

Sie sind mit vielen Betroffenen in Kontakt. Sagen diese Menschen ähnliches?

Manche Betroffene wussten es von Beginn an, andere nicht. Aber alle leiden darunter. Auch Baby M…

Baby M?

Melissa. Sie wurde 1986 per Leihmutter geboren. Ihr Schicksal schuf in den USA den juristischen Präzedenzfall, als es um die Anerkennung der Elternschaft ging. „Baby M“ war ihr Pseudonym in dem Prozess.

Auch sie leidet unter dem Trauma der Trennung, und sie wusste es von Beginn an. Sie liebt ihre Eltern, aber sie leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die anderen Betroffenen, mit denen ich in Kontakt bin, leiden ebenfalls. Auch wenn sie Bescheid wussten, hat das für sie nichts geändert an dem Trauma, unmittelbar nach der Geburt verlassen zu werden.

Einige, mit denen ich in Kontakt bin, kannten sogar ihre Leihmütter, haben sie jahrelang gesehen. Sie waren hin- und hergerissen zwischen der Leihmutter und ihren Bestelleltern.

Sie wurden über Ihre Herkunft im Unklaren gelassen. Wie haben Sie herausgefunden, dass Sie durch Leihmutterschaft geboren wurden?

Ich habe es mit 17 Jahren herausgefunden. Ich hatte während meiner Jugend mit Drogen und Alkohol zu tun. Ich hatte versucht, mir das Leben zu nehmen. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte. Ich wusste, dass da etwas in mir war, das nicht richtig war. Ich wusste, dass das, was meine Eltern mir erzählten, nicht passte.

Eines Tages öffnete ich Google und recherchierte. Ich wusste, wo in den USA ich geboren worden war. Aber zuerst suchte ich nicht nach Leihmutterschaft, weil ich nicht wusste, was das ist. Ich suchte nach Adoptionsagenturen. Aber was auftauchte, waren Leihmutterschaftsagenturen. Und so fing ich an, nach Antworten zu suchen.

Ich erinnere mich daran, wie ich eine ganze Nacht damit verbrachte, über das Thema zu recherchieren. Und dann machte es einfach „klick“. So war ich geboren worden. Ich wusste sofort, dass mein Vater mein richtiger Vater ist, weil wir Gemeinsamkeiten hatten. Wir hatten dieses emotionale Band zwischen uns, das ich zu meiner Mutter nie hatte. Von da an habe ich jedem erzählt, dass ich durch Leihmutterschaft geboren wurde. Jedem. Außer meinen Eltern.

Den endgültigen Beweis hatte ich aber erst, nachdem ich einen DNA-Test gemacht hatte.

Und dann haben Sie ihre Eltern konfrontiert?

Oh nein, das habe ich nicht! Ich hatte Angst vor ihren Reaktionen. Ich wusste, dass sie sagen würden: „Nein, das stimmt nicht.“

Aber ich musste darüber reden. Irgendwann begann ich, auf TikTok über Leihmutterschaft zu sprechen – darüber, wie ich durch Leihmutterschaft zur Welt kam und wie sich das auf mich ausgewirkt hat.

Den Test habe ich im Dezember 2022 gemacht, und im Januar 2023 habe ich die Ergebnisse bekommen. Ende Mai, Anfang Juni habe ich mit TikTok angefangen. Am Anfang flüsterte ich im Video, weil ich Angst hatte vor dem, was ich sagte. Ich schämte mich dafür. Aber es half mir: Es war irgendwie therapeutisch, darüber laut sprechen zu können.

Aber dann sahen meine Eltern die Videos. Und damit ist unsere Beziehung den Bach runtergegangen. Wir haben seit dem nicht mehr miteinander gesprochen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich dazu entschlossen, sich öffentlich gegen Leihmutterschaft zu engagieren?

Zu Beginn war es eher auf mich konzentriert, sozusagen. Ich wollte meine Geschichte erzählen, um mich von meinen Emotionen zu befreien.

Das erste Mal, als ich wirklich wusste, dass es meine Berufung ist, mich zu engagieren, war, als ich im November 2023 im tschechischen Parlament sprach. Das war meine erste Rede, man kann sie auf YouTube finden. In dem Video sieht man einen Moment, in dem ich nach oben blicke; und das war der Moment, in dem ich dachte: Okay, das ist es. Es war, als hätte mich ein Blitz getroffen. Das war meine Berufung.

Und von da an habe ich nie wieder aufgehört. Da wusste ich: Ich muss Kinder schützen. Ich muss Frauen vor dem Leihmutterschaftsmarkt schützen. Und ich wollte auch keine Welt, in der meine Tochter eines Tages Leihmutter werden könnte. Das war auch ein Grund, warum ich gegen Leihmutterschaft kämpfen wollte.

Sie sind Sprecherin der Casablanca-Deklaration, die die globale Ächtung von Leihmutterschaft fordert. Was muss konkret geschehen?

Es gibt noch eine Menge zu tun, aber es ist auch bereits einiges geschehen. Da ist der UN-Bericht der Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen, Reem Alsalem, der sich klar gegen Leihmutterschaft ausspricht. Und dann die Verfassungsänderung in der Slowakei, im Zuge derer das Verbot von Leihmutterschaft in der Verfassung verankert wurde. Auch Chile bringt gerade ein Verbot auf den Weg.

Experten der Casablanca-Erklärung sind in 75 Ländern vertreten. Wir versuchen, Gesetze gegen Leihmutterschaft in den einzelnen Ländern voranzutreiben. Wir setzen uns auch für ein internationales Abkommen zur Abschaffung der Leihmutterschaft ein. Wir sind also auf nationaler und internationaler Ebene tätig.

Was geschehen muss, ist, dass sich Staaten an einen Tisch setzen, die sich einig sind, dass Leihmutterschaft etwas Schreckliches ist, das abgeschafft werden muss. Und dass sie diskutieren, wie eine internationale Vereinbarung aussehen kann.

Sind Sie zuversichtlich, dass Sie dieses Ziel erreichen werden?

Wir haben in nur drei Jahren viel erreicht, daher bin ich mehr als zuversichtlich. Natürlich wird es Zeit brauchen. Es hat 100 Jahre gedauert, bis in Amerika die Sklaverei abgeschafft wurde. 100 Jahre. Es wird also lange dauern. Vielleicht werde ich die Früchte meiner Arbeit, unserer Arbeit, in meinem Leben gar nicht mehr sehen. Ich weiß es nicht.

Man darf nicht vergessen: Das ist eine milliardenschwere Industrie. Wir stehen Giganten gegenüber und wir sind klein, wir haben nicht die finanziellen Mittel, die sie haben. Aber mit dem Wenigen, das wir haben, haben wir bereits viel erreicht.

Lassen Sie mich zum Schluss noch eine andere Frage ansprechen: Sie stellen das Kind in den Mittelpunkt, verständlicherweise. Aber was sagen Sie denjenigen, die Eltern werden wollen und es nicht können? Was sagen Sie ihnen in Bezug auf die Grenzen dessen, was sie tun sollten oder können?

Es gibt ein Zitat von Rabelais, das besagt: „Wissenschaft ohne Gewissen ist der Untergang der Seele.“ Nur weil Technologien existieren, heißt das nicht, dass wir sie nutzen müssen. Nur weil Technologien existieren, heißt das nicht, dass sie ethisch vertretbar sind. Ich verstehe Menschen, die Kinder wollen. Es ist normal und menschlich, ein Kind zu wollen, ein Baby im Arm zu halten und Eltern zu sein. Aber nur weil man etwas will, heißt das nicht, dass man es auch haben kann. Nur weil man etwas will, ist es noch lange kein Recht. Es gibt kein Recht darauf, Kinder zu haben. Kinder haben Rechte. Und wir müssen die Rechte der Kinder schützen – manchmal auch vor dem Wunsch der Erwachsenen, Kinder zu haben.


Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie unbedingt die Telefonseelsorge. Unter der kostenfreien Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 bekommen Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Hilfe bei den nächsten Schritten anbieten können. Hilfsangebote gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Im Netz gibt es – Beispielsweise bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe – auch ein Forum, in dem sich Betroffene austauschen können.


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