Steinmeiers großer Auftritt – Sein letzter Tanz für die Demokratie

Frank-Walter Steinmeier will Deutschland vor den „Vulgärdemokraten“ retten – und landet in dieser Satire selbst mitten in der großen Staatsposse. Zwischen Bellevue, Kulturbetrieb und Einheitsfeier wird aus dem höchsten Amt der Republik eine Bühne, auf der sich das politische Milieu vor allem selbst vorführt. Eine Erzählung von Thom Asmann, bearbeitet und bebildert von Alexander Wendt

Es gibt Konstellationen, deren Entstehung sich die belletristisch geübte Phantasie nicht vorzustellen vermag. Man muss sie hinnehmen, wie man im Theater die Verbindung von Geistesarmut und einem hohen Amte hinnimmt, die als Voraussetzung des Stücks gegeben ist und die Grundlage für den mathematischen Ablauf einer Posse bildet. Was Frank-Walter Steinmeier betrifft, so wusste niemand in Berlin, wie er eigentlich in das Präsidentenpalais gelangt war. Das heißt, im technischen Sinne schon, nämlich mit einem gepanzerten Audi A8. Die Ratlosigkeit betrifft vielmehr die Frage, warum die bessere Gesellschaft des Regierungsviertels ausgerechnet auf ihn verfallen war.

Über seine glanzlose Zeit als junger Jurist wusste jeder bestens Bescheid; er verfasste damals Artikel in einem übel beleumdeten Periodikum aus dem Hause Pahl-Rugenstein, für dessen materiellen Unterhalt noch üblere Gestalten aus dem grauen Osten Berlins Geld in kleinen Köfferchen herbeischleppten. Das verhinderte keineswegs sein Fortkommen als Staatsbeamter. Aber jeder wunderte sich schon damals, dass der Mann als Minister ins politische Fach wechselte, obwohl er mit seinen täppischen Bewegungen, seiner schleppenden Stimme und in seinem allgemeinen Mangel an Temperament selbst unter Berliner Verhältnissen für keine Karriere weniger geeignet erschien.

Das öffentliche Reden war seine Sache nicht, obwohl er sogar sehr ausführlich zu sprechen pflegte. Er tat es, was das Mimische angeht, als kaue er auf einem verdorbenen Stück Fleische herum, ohne es während der gut vierzig oder manchmal sogar sechzig Minuten entweder die Speiseröhre herunter oder wieder aus seinem Mund befördern zu können. Ihm zuzuhören forderte dem Publikum noch mehr ab, als seine Blicke auf ihn zu richten, denn er pflegte einen unnatürlichen Singsang, den gutmütige Naturen pfäffisch und frechere Gemüter noch ganz anders nannten.

Als er zur ersten Wahl in seinem Leben antrat, errang er so demütigend wenige Stimmen, dass sich andere an seiner Stelle ins Privatleben davongemacht hätten. Nicht so Herr Steinmeier. Er stieg gewissermaßen gegen die Gesetze der Schwerkraft auf, ähnlich wie ein Eisenträger, der sich ohne erkennbare Ursache von einem Wertstoffhof erhebt, um eigenmächtig über dem großen Tiergarten zu schweben. Und wer weiß, wie weit er es gebracht hätte, wenn die Republik über das Präsidentenamt hinaus noch über eine höhere Stelle verfügen würde.

Wer Frank-Walter Steinmeier eingedenk dieses Lebenslaufs näher ansah, der staunte. Ein psychologisch geschulter Leser mag spekulieren, es müsste doch irgendwie ein kleines Talent die auffälligen Fehlstellen ausgleichen, vielleicht im persönlichen Umgange. Doch davon konnte keine Rede sein. Tiefe grämliche Falten zogen sich von seinen Mundwinkeln nach unten. Er lachte nie, sondern bleckte vielmehr sein Gebiss, und zwar nicht, wenn etwas Komisches dazu Anlass gab, sondern nur dann, wenn sich eine Kamera auf ihn richtete. Wer es gut mit ihm meinte, vermutete bei ihm wenigstens nach Feierabend den Genuss einiger Schoppen Wein. Dafür schien die Kupferflechte zu sprechen, die seine in Wirklichkeit bleichen Wangen so dicht bedeckte, dass es von Weitem so schien, als käme er von einem langen Sonnenbad.

Aber an geistigen Getränken, obschon er sie zu sich nahm, fand er so wenig Freude wie an geselligen Gesprächen über Literatur, Musik oder andere Felder der Bildung. In seiner Zeit als Außenminister hatte er sich eine Mitarbeiterin zur Sprecherin und Begleiterin auf Reisen gewählt, von der er sicher sein durfte, dass sie ihn nicht in derartige Konversationen hineinzog. Aus dem gleichen Grunde ergab sich auch die erst lockere und dann immer tiefere Verbindung mit der Hofschauspielerin Katja Riemann, die ihn gelegentlich und ab einem bestimmten Zeitpunkt ständig in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit beriet.

Das Wort „einfältig“ war wohl das am wenigsten bezeichnende für sie. Ihr Blick war nicht nur töricht, sondern auch von einer gewissen lüsternen Verschlagenheit, und man sah wohl, dass diese Frau nicht zu beschränkt war, um geneigt zu sein, Unheil zu stiften. Diese besorgniserregende Frau war also die halb- bis dreivierteloffizielle Zeremonienmeisterin des siebzigjährigen Präsidenten. Im Amt tuschelte man allerlei, aber nur in den unteren Diensträngen. Denn verheiratet war Herr Steinmeier auch noch. Weiter oben wusste man allerdings, dass da nichts lief. Riemann, auch die Riemannsche oder das Schrapnell geheißen, stand der Sinn nicht danach, den Mann mit den Couperosebäckchen zu verführen. Sie räkelte sich vielmehr wohlig in ihrem neu eroberten Revier, das ihr viel besser gefiel als der Kintopp. Hier genoss sie selbst dann die unerschütterliche Gunst des Staatsoberhaupts, wenn sie es sich zur Morgenlage mit dem Proseccogläschen am Besprechungstisch gemütlich machte, obwohl sie dort nichts verloren hatte. Einen Text musste sie sich nicht merken. Das verlieh ihr eine Kühnheit, von der noch zu reden sein wird.

Eine Eigenschaft des ansonsten eigenschaftslosen Herrn Steinmeier gab es doch, und zwar einen Zug, der selbst seine engsten Mitarbeiter unangenehm berührte. Denn auch dort empfand man sein überfreundliches und schmeichlerisches Betragen gegen alle Personen, selbst die rüdesten, wenn sie nur aus seinem eigenen politischen Lager stammten, als bedrückend, ja geradezu beschämend. Und nicht nur das; seine fast kriechende Selbstverkleinerung, die zu weit ging, als dass er sich seine persönliche Würde bewahrt haben könnte, erstreckte sich auch auf abstoßende Herrscher, etwa die Mächtigen in Persien, die ihre Gegner an Baukränen aufzuknüpfen pflegten und Juden den Tod versprachen. Trotzdem schickte Steinmeier ihnen ein Glückwunschtelegramm.

Kein Anblick ist hässlicher als der eines Menschen, der über seinen niedrigen Charakter ganz gut Bescheid weiß, der aber aus Feigheit und Eitelkeit dennoch liebenswürdig sein und gefallen möchte. Er war beispielsweise imstande, einer taz-Journalistin, die den Deutschen eine „buchstäbliche Dreckskultur“ vorhielt, schreiben zu lassen: „Verehrteste, Ich bin zwar gezwungenermaßen Teil dieser widerlichen Dreckskultur – aber darf ich mir trotzdem erlauben, Sie zu Tisch ins Schloss Bellevue zu laden?“ Dies ließ er ausrichten ohne Talent zur Selbstverspottung, bittersüßlich und schleimig. Doch auch das nützte ihm nichts; sie antwortete ihm nicht direkt, sondern erklärte öffentlich, er habe sie in dem Anschreiben missgendert, bei einem solchen Almantrottel werde sie natürlich nicht auf einen Tee vorbeikommen.

Die folgende Anekdote beruht gleichfalls auf Wahrheit. Als 2018 zwei arabischstämmige Männer in Chemnitz einen Einwohner der Stadt mit Messern töteten und zwei andere verletzten, und darauf Proteste gegen die nachlässigen Einwanderungsregeln ausbrachen, dachte man in den wohlgesinnten Kreisen angestrengt nach, wie sich wohl die öffentliche Aufmerksamkeit von der Mordtat schnellstmöglich abziehen und gegen den politischen Feind wenden ließ. Jemand kam auf die Idee, eine Hetzjagd auf Ausländer zu erfinden, über die man sich zu empören hatte.

Das schien den besonders Wachsamen nicht ausreichend; sie riefen außerdem noch zu einem großen Konzert mit Freibier auf. Herr Steinmeier wollte seinen Teil zu der Inszenierung beitragen, also empfahl er die Musikkapelle „Feine Sahne Fischfilet“ für den Auftritt, dessen bekanntestes Couplet so anhebt: „Ich ramme meine Messerklinge/in deine Journalistenfresse“. Das, erklärte der Schlossherr, sei ein sehr passender Gesang gegen den Hass. Eine Vertreterin der Hauptstadtpresse fragte ihn dreist, warum er denn nicht selbst zu dem Konzert und am besten dort auf die Bühne gegangen sei? „Verzeihen Sie mir!“, stammelte der Mann. „Ja, das muss ich mir vorwerfen lassen.“

Dieser sonderbare Kloß schien ständig vom schlechten Gewissen geplagt zu sein. Diesen Wesenszug kannten seine Mitarbeiter im Amt genauso wie seine Neigung, Gesinnungsfreunden auf selbstdemütigende Art entgegenzukommen. Einige wussten nicht nur darum, sie nutzten die seltsame Natur, das muss an dieser Stelle erzählt werden, kühn und mit den Jahren immer gröber aus, indem sie ihm die unsinnigsten Passagen in seine Reden schmuggelten, ihm die peinlichsten Auftritte einredeten und sich jedes Mal bestätigt sahen. Denn Steinmeier machte alles mit.

Ein Referent schob ihm beispielsweise in Vorbereitung seiner Rede in Pacific Palisades den größtmöglichen Unsinn über Thomas Manns „Zauberberg“ in den Mund, indem er ihn sagen ließ, die Figur des Doktors Leo Naphta – in der Wirklichkeit des Romans ein Jesuit mit Sympathie für den Kommunismus – sei vom Autor als Vertreter des „Völkisch-Irrationalen“ gemeint gewesen. Nie hatte man in einem Haus, das Thomas Mann einmal bewohnt hatte, etwas Dümmeres gehört, schon gar nicht aus dem Mund eines Staatsoberhauptes. Jedermann ging auf, dass er das Buch, auf das er sich berief, nie gelesen hatte.

In einer anderen präsidialen Ansprache, diesmal zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit, erlaubte sich ein Referent sogar den Ulk, dort die Behauptung unterzubringen, im deutschen Kaiserreich wären Juden staatlicher Verfolgung ausgesetzt gewesen, und andere Torheiten mehr, die Steinmeier aber brav vom Blatte las. Seine argen Helfer kicherten sehr darüber und pflegten ihn nachzumachen, wenn sie hinter dem Präsidialamt mit ihren Vapes zusammenstanden, aus denen es süßlich nach Schwarzem Afghanen roch. „Dem Uhu kannste echt jeden Shyce ins Konzept schreiben“, meinte ein vorwitziger junger Beamter namens Hildebrandt.

Das hieß, jeden nun nicht. Er machte nur willig mit, wenn sein Stab, zu dem neuerdings die vorerwähnte Riemann gehörte, ihm einredete, er müsse irgendetwas für die Demokratie und gegen Rechts tun. Demokratie verstand Herr Steinmeier als Ordnung, in der jemand wie er ins höchste Amt segeln konnte, ohne selbst zu wissen wie; rechts wiederum waren für ihn diejenigen draußen im Land, die ihn nicht nur heimlich auf dem Präsidialamtshinterhof verspotteten, sondern öffentlich. Gegen derartige Untertanen konnte sich der ansonsten so übertrieben anbiedernde Präsident außerordentlich erregen, freilich immer nur aus der machtgeschützten Innerlichkeit eines Veranstaltungssaals. Dort entfuhr ihm beispielsweise das Wort „Vulgärdemokraten“, während seine roten Wangen vor Empörung zitterten.

Apropos Anbiederung; als stärkstes Stück redete ihm ein überfrecher Berater ein, er möge zum Staatsbesuch an die Hohe Pforte einen ganzen Döner am Spieß mitnehmen, um dort eigenhändig Stücke herauszusäbeln. „Ich bitte die Frage zu verzeihen“, entgegnete Steinmeier, „aber haben die da unten nicht genug von dem Zeug? Außerdem, was soll ich wohl erst mit mir führen, wenn ich zur Staatsvisite nach Kolumbien reise?“ Hildebrandt, denn kein anderer hatte die Idee ausgeheckt, lachte herzlich. „Natürlich leidet man am Bosporus keinen Mangel an Drehfleischspießen“, meinte er lächelnd. „Aber indem Sie einen davon einpacken und mitnehmen, danken Sie der gesamten Türkenheit für die unschätzbare kulinarische Bereicherung Deutschlands, das ja selbst kaum über eine nennenswerte Cuisine verfügt. Das Unternehmen bringt Ihrer Partei nebenbei die eine oder andere Wählerstimme. Vor allem wäre es ein ganz starkes Zeichen gegen rechts.“

Und so geschah es, wiewohl vorher einige Beamte gegen Hildebrandt gewettet hatten, weil sie meinten: „Der Uhu macht zwar fast alles mit, aber so etwas Dämliches – nein, irgendwann ist selbst bei dem Schluss.“ So stand Steinmeier in aschgrauen Hosen, ein sonderbares grüngraues Schürzchen über dem gewölbten Leib, und schnitt mit ungelenken Bewegungen, die verrieten, dass er dergleichen noch nie getan, Fleischscheiben in einen Teller. Die türkischen Offiziellen wiegten belustigt ihre Häupter.

In sein Buch unter dem Titel „Wir“ hexte der Referent, der das Manuskript zu bearbeiten hatte, die Wendung: „Hunderttausende Obdachlose in diesem wohlhabenden Land lassen mir keine Ruhe.“ Selbst im wohlgesinnten Feuilleton, das ihn schonte, hielt man sich vollumfänglich die Bäuche vor Lachen.

Der Präsident hörte gelegentlich, dass man ihn im Hause den Bundesuhu nannte und sich über seine schleppende Redeweise belustigte, möglicherweise ahnte er auch, dass seine Redenschreiber grobe Scherze mit ihm trieben. Trotzdem verschenkte er alljährlich an alle Mitarbeiter zu Weihnachten kleine Wurzelbürstchen aus den Bodelschwinghschen Anstalten, und, wenn es wieder einmal so weit war, auch sein neuestes Buch mit persönlicher Signatur. Das Personal spielte mit den Gaben Schrottwichteln, anschließend beförderte man das Zeug noch in der Sichtweite der Überwachungskameras in die Spree.

Dies alles ging dem Tag voraus, an dem die Riemannsche nach der Morgenlage mit ihrem Prosecco in das Präsidialbüro geschlappt kam und die Süddeutsche Zeitung, hinter der unser betrüblicher Held gerade verschwunden war, mit sanftem Nachdruck von seinem Gesicht wegzog.

„Höre“, sagte sie (denn man stand längst auf vertrautem Fuß), „Frank-Walter, in wenigen Wochen feiern wir den Jahrestag der Deutschen Einheit, diesmal in Bremen, wie du dich vielleicht erinnern wirst.“

„Gewiss“, antwortete er.

„Ich will“, fuhr sie fort, „dass es etwas ganz Besonderes wird. Das gesamte Land soll anschließend davon sprechen.“

Steinmeier stöhnte. Er hätte gern weiter die Kommentare der Süddeutschen gelesen. Katja Riemann ließ sich nicht beirren. „Die Party soll ganz einfach sein. Durchgeweichte Kanapees wie immer, Hauptsache viele Leute und Kameras. Man kann im Bremer Rathaus tanzen, musizieren und vielleicht auch ein bisschen Theater spielen. Kurz und gut: Es soll ein ganz originelles Fest werden, und wir werden uns wundervoll unterhalten.“

Das Gesicht des Präsidenten war während dieses Gesprächs leicht gelblich geworden, und seine Mundwinkel zuckten noch tiefer abwärts als sonst. „Ich freue mich von Herzen darauf, meine liebe Katja. Ich weiß, dass ich alles deiner Geschicklichkeit überlassen darf. Ich bitte dich, deine Vorbereitungen zu treffen.“

Und Katja Riemann traf ihre Vorbereitungen. Als Erstes bildete sie eine Art Komitee aus Präsidialamtsmitarbeitern und beratenden Kulturschaffenden, zugegen waren auch Personen, die sich erboten hatten, bei den heiteren Darstellungen am 3. Oktober mitzuwirken. Zu den Beratern gehörte neben dem eben entlassenen ZDF-Zuarbeiter Jan Böhmermann ein gewisser Daniel Pongratz, Sohn eines Pädagogikprofessors und besser bekannt unter dem Pseudonym „Danger Dan“. In der Öffentlichkeit lief Pongratz mit Bomberjacke herum, bei seinen Bühnenauftritten sprechsingte er davon, einen bestimmten rechten Verleger zu erschießen, und bestellte in einem Liedchen einem Verbrechertrupp schöne Grüße, der dafür bekannt war, politischen Gegnern den Schädel einzuschlagen. Dazu erklärte er jedes Mal, das sei alles von der Kunstfreiheit gedeckt.

Ganz unter uns, privat war Pongratz nicht einmal in der Lage, einer Berliner Spitzmaus auf den Schwanz zu treten. Auf der Bühne zeigte er dagegen gern seinen geschwollenen Kamm. Neulich war er ins Gerede gekommen, weil er mit Hilfe eines teuren Anwalts dafür gesorgt hatte, dass sein Kind sich nicht auf einer der bunten Schulen mit vielen mohammedanischen Zuwanderern einschreiben musste, obwohl er die Zuwanderung aus dem Morgenlande ja bei jeder Gelegenheit guthieß. Ein solches Benehmen setzte ihn einer gewissen öffentlichen Verachtung aus, nicht aber in den Kreisen, die im Präsidentenpalast und dem danebenliegenden Amt verkehrten. Im Gegenteil, dort fragte man nach dem Namen des Rechtsanwalts, der die Sache so geschickt hingebogen hatte. Mit Pongratz jedenfalls spann Riemann einen besonders guten Faden.

Zur Besprechung gab es Dinkelburger und Salate aus Näpfen, in einer Breuer-Sitzgruppe saß oder vielmehr lag die Hofschauspielerin in einer Bluse aus heller und ganz leichter Seide. Der Präsident hockte auf einem ganz niedrigen Ledersessel, ohne sich zunächst an der schon weit fortgeschrittenen Festplanung zu beteiligen. Man war bereits übereingekommen, dass die Sängerin Ikkimel, landesweit bekannt für die Musikrichtung Fotzenrap, das Programm eröffnen sollte. Mehrgewichtige Damen der Gruppe „Moms Undercover“ würden eine Art Hopstanz aufführen, Bremens Bürgermeister eine Rede halten, anschließend sah die vorläufige Liste eine szenische Darbietung der „Omas gegen rechts“ vor.

„Schön und gut“, ließ sich Herr Hildebrandt vernehmen, „das verspricht alles sehr unterhaltend zu werden. Aber mir scheint, uns fehlt noch etwas, und zwar die Hauptnummer, die Glanznummer, der Clou – etwas ganz Besonderes, Verblüffendes, ein Spaß, der die Heiterkeit auf den Gipfel bringt.“

„Das ist im Grunde wahr“, fiel Pongratz mit seiner geübten Sprechsingerstimme ein. „Eine Haupt- und Schlussnummer wäre wünschenswert. Denken wir nach!“

Die Runde verfiel in Schweigen.

Da geschah etwas Bemerkenswertes. Die Riemann hörte auf, eine ihrer blonden Locken um den Finger zu wickeln, stattdessen begann sie flink und eifrig wie eine Maus am spitzen Nagel ihres kleinen Fingers zu nagen. Ein Lächeln lag um ihren Mund, ein abwesendes und beinahe irres Lächeln, und ihre Augen schweiften ganz langsam zu Pongratz herüber. Dann sprach sie mit voller und langsamer Stimme: „Frank-Walter, ich schlage vor, dass du als Chanteuse ganz in eine Regenbogenfahne gehüllt und mit besonders hohen Damenpumps auftrittst und uns etwas vortanzt.“

Die Wirkung dieser wenigen Worte war ungeheuer. Selbst Mitarbeiter des Präsidialamtes, die sich sonst für jeden Jux begeisterten, hüstelten und schauten angestrengt auf ihre Smartphones. Steinmeier stammelte in die Stille hinein: „Aber mein Gott …, ich … wohl kaum befähigt … nicht als ob … verzeihen Sie mir.“

Riemann aber fuhr mit derselben gewichtigen Betonung zu sprechen fort: „Und zwar sollst du ein Lied singen, das Herr Pongratz komponiert hat und bei dem er dich auf dem Klavier begleiten wird; das wird der beste und wirksamste Höhepunkt der Einheitsfeier sein.“

Gleichsam mitgerissen und aufgeregt, trat Pongratz einen Schritt vor und begann, zitternd vor jäher Begeisterung, rasch zu sprechen: „Bei Gott, Herr Bundespräsident, ich bin bereit, ich erkläre mich bereit, Ihnen es zu komponieren. Sie müssen es singen, Sie müssen es tanzen. Es wird das Beste sein, was ich jemals gemacht habe und machen werde. Sie werden sehen! Übrigens gibt es schon einen großartigen Text.“

Er zog einen Zettel aus seiner Bomberjacke, entfaltete ihn und las:

„Ich bin die geilste aller Diven
auf diesem Fest, dem progressiven
Luischen heiß ich frank und frei
Und habe krank viel Spaß dabei.“

„Wer hat denn diesen Schwachsinn verzapft?“, wollte Herr Böhmermann wissen.

„Jagoda Marinić“, zischte die Riemannsche, „die berühmte Stern-Kolumnistin. Hast du ein Problem mit starken Frauen?“

„Falls ja, dann geht’s morgen richtig rund auf X“, sprang Pongratz ihr bei.

Das wollte Böhmermann selbstredend nicht. Er schwieg für den Rest des Abends.

„Wieso krank viel?“, murmelte Hildebrandt halblaut.

„Krank ist das neue krass, Boomer“, erwiderte die Praktikantin mit violettem Pony, die neben ihm saß.

Nun gab es kein Halten mehr. Alle begannen, sei es aus Bosheit oder Höflichkeit, auf den Präsidenten mit der Bitte einzustürmen, er möge den Auftritt zusagen. Der erhob sich aus seinem Fauteuil. Mit einem Aufwand von Entschiedenheit sagte er: „Hören Sie mich an, was soll ich Ihnen sagen? Ich bin nicht geeignet, glauben Sie mir. Ich besitze wenig komische Begabung, und abgesehen davon … kurz, nein, das ist leider unmöglich.“

Bei dieser Weigerung blieb er hartnäckig. Bald darauf löste die Runde sich auf, ohne über den Programmhöhepunkt zu einer Entscheidung gelangt zu sein.

Am Abend des nämlichen Tages begab sich Katja Riemann zu dem Präsidenten, der sich schon auf sein Feierabendsofa zurückgezogen hatte, wo er hoffte, endlich in Ruhe die Süddeutsche von vorgestern zu Ende lesen zu können. Er blickte auf zu ihr. „Katja, ich bin von Bedenken bedrückt. Wenn ich dem Komitee heute allzu abweisend begegnet bin – das war nicht meine Absicht. Oder solltest du ernstlich der Meinung sein … ich bitte dich.“

Sie zog einen Stuhl heran, nahm Platz und setzte ihren Wir-müssen-reden-Blick auf. „Ich weiß nicht, was ich dir antworten soll, mein Freund“, sagte sie. „Du hast dich mit unfreundlichen Worten geweigert, die Aufführung durch deine Mitwirkung zu unterstützen. Und es geht auch nicht nur um das Festprogramm selbst, sondern auch um dich und dein Bild in der Öffentlichkeit. Denn du kannst dich so progressiv geben, wie du willst, das ändert aber nichts daran, dass du ein weißer heterosexueller Cis-Mann bist. Wie du weißt, gab es bisher nur Männer in diesem Amt, und du selbst besetzt dieses Haus seit zehn Jahren, das heißt, auch du enthältst den Frauen des Landes schon viel zu lange vor, was ihnen gerechterweise zusteht.“

„Aber ich kann nun mal an meiner Hautfarbe und meinem Geschlecht nichts ändern“, erwiderte er kläglich. „Und heterosexuell bin ich wohl auch, ich bitte um Nachsicht.“

Sie sah ihn ernst an. „Aber eben darum handelt es sich ja. Mit deinem Auftritt in Regenbogenfahne und Pumps durchbrichst du das Bild des alten weißen Mannes ganz bewusst, um dich nur einmal im Leben nonbinär und genderfluid zu zeigen. Erst dann wechselst du wirklich auf die progressive Seite. Du willst doch nicht etwa andeuten, dass du dich dort nicht wohlfühlst, sondern lieber in deinem alten Rollenmuster beharren willst. Was wäre, wenn die Medien davon Wind bekämen?“

„Ach, Rollenmuster …“, meinte er mit kläglicher Stimme.

„Und zum anderen“, setzte sie hinzu, ohne auf seinen Einwurf zu achten, „kann ich dir versichern, mein Lieber, dass man eben dort, also bei den Qualitätsmedien des Landes, dich ganz anders wahrnehmen und beurteilen wird. Denn der Auftritt, wie wir ihn für dich entworfen haben, kostet Mut. Sagtest du nicht bei deiner Amtseinführung, du wolltest mutig und unbequem sein?“

Er wusste, dass er seinerzeit diese Worte gebraucht hatte. Trotzdem unternahm er einen allerletzten Versuch, um loszukommen. „Wie du weißt, habe ich kürzlich eine Rede gegen die Vulgärdemokratie gehalten. Und dann … Pumps, also, und dann noch Luischen … meinst du nicht, dass die Populisten im Netz gerade das zum Anlass nehmen könnten …? Schon der Vortrag des Fotzenrap will mir nicht recht zusagen, wenn ich ehrlich bin.“

Sie stupste ihm neckisch ihren Zeigefinger in den gewölbten Bauch. „Hier wird doch wohl nicht jemand spießig sein? Im Übrigen, nein.“ Sie sprach jetzt sehr entschieden. „Seit wann lassen wir uns von Populisten irgendwas diktieren? Und meinst du denn ernstlich, wirklich ernstlich, Weiblichkeit und Regenbohnenfahne seien vul-gär?“ Sie dehnte das Wort und sprach es beinahe singend.

„Nein, das will ich keinesfalls gemeint haben“, stieß er mit heiserer Stimme hervor. „Übrigens darf es nicht die gewöhnliche Regenbogenfahne sein, sondern die Progressive flag“, erklärte sie, indem sie sich wieder erhob. Damit war die Sache beschlossen.

Der große Tag in Bremen war gekommen. Im Saal drängte sich die wohlgesinnte Gesellschaft, Richter Harbarth, Kommerzienrätin Klöckner, der Stadtbürgermeister, Minister, Intendanten und Meldestellenleiter aus allen Winkeln des Landes. Zur Eröffnung trat Ikkimel, angesagt von der Riemannschen, auf die Bühne. Sie sang zur allgemeinen Überraschung nicht, sondern blies die Landeshymne rückwärts auf dem Kamm, ein Kunststückchen, das ihr unter dem technischen Gesichtspunkt die meisten gar nicht zugetraut hätten. Danach stürmten die „Moms Undercover“ auf die Bühne. „Platz für die Elefanten des Sultans“, zischelte der freche Hildebrandt, wofür er sich einen giftigen Blick der Praktikantin einfing, die neben ihm im Auditorium saß. Die Moms hopsten nach Plan zu einem Lied mit dem Refrain „I’m the Pain in Your Rectum“, was die Festgäste mit lockerem Applaus zu würdigen wussten.

Die Riemannsche im weißen Hosenanzug erstieg wieder die Bühne, um die Rede des Bürgermeisters anzukündigen.

Dabei vollführte sie ein paar muntere und an dieser Stelle merkwürdige Tanzschrittchen, so wie jemand, der sich schon unbändig auf ein Ereignis freut, von dem die übrigen noch nichts ahnen. Denn im Programm stand nur geheimnisvoll als letzte Nummer: „Luischen. Gesang und Tanz. Musik von Danger Dan.“

Erst musste Bürgermeister Bovenschulte reden, dann die Omas gegen rechts zum Rundtanz antreten. Unter den Gästen machte sich schon Hunger und Durst breit, aber noch größer war ihre Spannung auf das, wovon jeder spürte, dass es den Gipfel der Veranstaltung darstellen sollte.

Wo war übrigens der Präsident? Die Frage beantwortete sich, als Riemann, jetzt noch merklich stärker beschickert als vorher, in den Saal rief: „Und jetzt kommen wir zu einem Höhepunkt: Fraaank! Waaalter! Steinmeiiier!“

— Ulf Poschardt (@ulfposh) October 3, 2026

Der Seitenvorhang öffnete sich, und heraus trat eine Gestalt, die das Publikum mehr erahnte als erkannte, eine zwei Meter hohe Person, eingewickelt in die bekannte Streifenflagge mit dem Dreieck zuoberst, die aber nicht ganz auf den Boden reichte, sodass man die rosafarbenen glitterbestäubten Pumps mit vierzig Zentimeter hohen Absätzen an ihren Beinen sah. Das weiße Haar der Person hatte man aufwärts frisiert à la Rokoko und oben mit einer roséfarbenen Schleife zusammengebunden. Über die bloßliegenden und mit Puder bemehlten muskellosen Arme hatte der Kostümbildner Puffärmelchen gestülpt, die ganz oben saßen und halb in das weißgeschminkte Gesicht ragten.

Ein Ruck der Verblüffung und des Erstarrens pflanzte sich durch die Menge der Zuschauer fort, als Steinmeier – denn nun erkannte ihn jeder – sich auf seinen Kothurnen mühsam zur Bühnenmitte bewegte, die Augen unablässig auf den Boden gerichtet, um nicht fehlzutreten, denn seine Uhubrille trug er hier nicht. Mit beiden Armen führte er eine Bewegung aus, die von fern an das Dönerschneiden erinnerte. Musik setzte ein; der Mann, der seine Aufmerksamkeit aber ganz darauf richtete, sich aufrecht zu halten, wusste ganz augenscheinlich nicht mehr, was er hier wollte und sollte. Die ersten Takte gingen vorbei, er öffnete den Mund, und brachte nur „Luischen bin ich frank“ hervor. Bei „Luischen“ schlug die Tonart in F-Dur um, eine jähe Berührung der Nerven von unbeschreiblicher Wirkung. Es klang ähnlich, als ob ein Vorhang zerreißt. Steinmeier stand still, mit vorgeschobenem Kopf und geröteten Augen schaute er in das Publikum und die Kameras hinten im Saal und unmittelbar vor der Bühne, als würde er beides erst jetzt wahrnehmen. Eine Erkenntnis schien plötzlich über sein Gesicht zu gehen, das jetzt blutrot unter der Schminke anschwoll. Er gab sich einen Ruck, als wollte er jetzt im Moment des Erwachens davonkommen. Aber der Versuch misslang. Der Präsident schlug lang hin, dass die Bretter krachten.

Einem Mitglied des Festkomitees kam der Gedanke, die „Moms Undercover“ schnell noch einmal auf die Bühne zu bitten, diesmal als Sichtschutz, hinter dem sich Bühnenarbeiter nach Anweisungen der Riemann mühten, den immer noch liegenden und außerdem stöhnenden Herrn Steinmeier aus der Regenbogenfahne zu wickeln. Das gestaltete sich schwieriger als erwartet, denn ein Zipfel des Tuchs hakte auf verzwickte, ja, Steinmeier würde sagen, komplexe Weise an der Schnalle seines linken Absatzschuhs. Eben diese Verbindung hatte ihn zu Fall gebracht.

Frau Kommerzienrätin Klöckner, die man wegen ihrer Fähigkeit, jederzeit nach Belieben Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln zu pressen, allgemein die Weinkönigin nannte, begriff als erste, was der Augenblick von ihr und dem restlichen Festpublikum verlangte. Sie sprang auf, das Köpfchen so gedreht, dass die Kameras die Feuchtigkeit auf der wasserfesten Schminkschicht ihres Gesichts gut einfangen konnten, und applaudierte auf das Heftigste. Auch schluckte sie mehrmals.

Die anderen taten es ihr gleich, was Erhebung und Klatschen betraf. Man stand geschlossen.
Eine junge Regiegehilfin mit Ozempic-Gesicht lief auf die Kamerafront zu und sagte: „Aus.“
Das verstand sich dort aber ganz von selbst. Auf dem Lerchenberg reagierte man am schnellsten; man ließ statt der Schlussszene aus Bremen geistesgegenwärtig eine Wiederholung des „Fernsehgartens“ mit Andrea Kiewel laufen.

Der Unterschied zu der Bremer Veranstaltung fiel niemandem auf. Alle Gäste – das heißt, die allermeisten – kamen gut nach Hause. Und alle, die die Feier an den Apparaten zuhause verfolgten, meinten am nächsten Tage, noch nie hätte ein Festakt zum Tag der Deutschen Einheit dieses Land so rundum angemessen repräsentiert. So dachte man einhellig in allen Lagern und Schichten.

(Eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen möglicherweise gleichen Namens ist vom Autor nicht beabsichtigt, sie entsteht, falls überhaupt, lediglich in der Einbildung des Lesers).

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