ZDF Donnerstalk: Flüchtlinge, Hayali, Crystal Meth und Spendersperma

Wetten-dass-Talkmaster Gottschalk ereilte es im gesetzteren Alter: „Einmal zu viel im Fernsehen“. Immer die gleichen erwartbaren Gesten, Zoten und Sprüche. Dunja Hayali ereilt das Tommy-Schicksal von der ersten Sendeminute ihres letzten „Donnerstalks“ an.

Screenshot: ZDF/Donnerstalk

Kennen Sie das Gottschalk-Syndrom? Den Wetten-dass-Talkmaster ereilte es im gesetzteren Alter. Übersetzen könnte man es mit „Einmal zu viel im Fernsehen“. Immer die gleichen erwartbaren Gesten, Zoten und Sprüche. Eine starre Inszenierung von einem, der einmal angetreten war – vor hundert Jahren oder so – mit Spontanität die verkrusteten öffentlich-rechtlichen Formate aufzubrechen.

Die Sache ist leider ansteckend. Und die Inkubationszeit inflationär kurz geworden. Dunja Hayali ereilte das Tommy-Schicksal schon von der ersten Sendeminute ihres „Donnerstalks“ an. Aber hier war es schlimmer, die katholische Araberin „und natürlich auch Deutsche“ (Selbstdarstellung bei ZEIT) überraschte so wenig, wie dieser Steffen Seibert, wenn er Merkels aktuellen Kurs verkündet (also immer noch und noch einmal: „Wir schaffen das!“).

Warum der Vergleich? Man kennt sich. Hayali war eine zeitlang Co-Moderatorin von Mister Bundespresskonferenz. Und der war Mitschüler des Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo, der wiederum mit Amelie Fried studiert hatte usw. Jeder lernt in den deutschen Medien irgendwie von jedem, man kennt sich, man schaut sich was ab und wenn Zeit ist, trinkt man vielleicht mal einen zusammen auf dieser oder jener Charity-Veranstaltung für dieses oder jenes weltweite Großkatastrophen-Ereignis. Und dann entfaltet sie sich: diese so wohlig und komfortable Beziehungskrake des deutschen Medien-Establishments.

Nein, hier geht es nicht um den Aufbau irgendwelcher Verschwörungstheorien. Nur um die Frage, wie so ein TV-Desaster seinen Lauf nehmen kann. Wie so ein Gottschalk-Syndrom epidemisch wird: durch Nähe und Berührungspunkte.

Agenda Familiennachzug I

Wenn Sie gestatten, fangen wir aber noch eine Stunde früher an. Bei den Tagesthemen. Die moderiert Thomas Roth. Der sitzt – gemeinsam mit Giovanni di Lorenzo, Heribert Prantl, Georg Mascolo (erscheint bei Roths Tagesthemen schon mal als „Terrorexperte“), Ines Pohl usw. im beratenden Kuratorium bei „Reporter ohne Grenzen“ Aber um Beziehungsgeflechte soll es hier gar nicht gehen. Es geht bei Roth um Familiennachzug für Asylbewerber. Also strenggenommen für Asylanten, denn nur die haben laut deutschem Asylrecht überhaupt einen Anspruch auf enge Familienzusammenführung der Ehepartner und Kinder.

Wenn die Medien also schreiben, die Regierung blockiere den Familiennachzug, ist das Unfug. Sie unterbindet zunächst einmal eine nach deutschem Recht unrechtmäßige Zusammenführung. Also müsste man das Recht wohl endlich anpassen, schon deshalb, weil man mit der Bearbeitung der Asylanträge nicht nachkommt, also auch die Anträge in den Botschaften vor Ort nicht bearbeiten kann. Eines nach dem anderen halt und das in deutscher Gründlichkeit. Aber um nun Gesetzeslagen zu ändern, sie ins Parlament einzubringen, müsste idealerweise erst einmal der Boden dafür in der Bevölkerung geschaffen werden.

Das erledigt Thomas Roth in denkbar anrüchiger Art und Weise. Er zeigt seinen Zuschauern einen kurzen Film, den irgendwer wohl in Aleppo aufgenommen hat, der ein Kleinkind zeigt, verstaubt, am Kopf blutend, gerade aus den Trümmern eines bombardierten Hauses gerettet. Es ist schrecklich. Und es will nichts anderes sagen, als dass dieses Kleinkind bei schnellerem Familiennachzug heute lächelnd in einer deutschen Schule sitzen würde neben seinen deutschen Schulkameraden. Schlimm. Und von seiner beabsichtigten Schockwirkung her auf vergleichbarem Niveau wie diese Spendeneintreiberfilme ab Ende der 1960er Jahre, als man die Zuschauer mit grauenvollen Nahaufnahmen verhungernder Menschen aus Biafra für ein noch höheres Spendenaufkommen aufschließen wollte.

Agenda Familiennachzug II

Nun haben wir uns bis hierher darum gedrückt, endlich zum Donnerstagtalk zu Dunja Hayali von ARD auf ZDF umzuschalten, aber jetzt muss es sein. Zeitlich passt das ganz gut. Ach, es passt sogar inhaltlich. Wo Roth die Bevölkerung nun für den Familiennachzug erwärmt hat, will Hayali – nein, ich schreibe jetzt nicht „sturmreif schießen“ – will sie die gemeinsame politische Agenda noch intensivieren.

Dunja Hayali startet in ihren Donnerstalk mit „Letzte Hoffnung Germany“, mit einem verzweifelten syrischen Vater Najib Atto, der vor einem Jahr seine Familie im Libanon zurückgelassen hat, um in Deutschland die Zukunft seiner Kinder vorzubereiten. Sie startet also quasi mit dem Vater des blutenden Kindes bei Thomas Roth. Dem Nachzug der Familie im Wege steht hier zum einen die wohl noch nicht vollzogene Anerkennung als Asylbewerber ebenso wie fehlende Pässe, die so ohne viel Aufhebens nachweisen könnten, dass die Familie tatsächlich aus Syrien stammt.

Erste Hayali-Frage: „Wie ist das jetzt für Sie, hier zu sein in Deutschland ohne ihre Familie?“ Bauchbinde „Najib Atto ist im letzten Jahr nach Deutschland geflohen“. Wollen wir nicht drauf herum reiten, aber der Mann wird später selbst sagen, er sei aus Syrien in den Libanon geflohen. Nach Deutschland ist er im vergangenen Jahr eingereist. Niemand hat ihn hierher verfolgt, gejagt oder sonst etwas. Die Deutschen Grenzen waren zudem offen, der Einreise stand nichts im Wege, außer, dass Herr Atto sich Richtung Merkel-Deutschland durch ein Land nach dem anderen bewegen musste samt Pass- und Visakontrollen usw.. Frau Hayali handelte übrigens nicht todesmutig, als sie in den Libanon flog und der Familie von Herrn Atto einen Kurzbesuch abstattete. Die Kinder weinten, die Frau war um Fassung bemüht und der Vater erklärte tausende von Kilometern entfernt, seine Frau und Tochter müssten sich gegen sexuelle Übergriffe behaupten.

Halten wir fest: Wie falsch oder richtig die Entscheidung alleine vorweg zu reisen gewesen sein mag, jeder halbwegs emphatische Mensch kann sich vorstellen, wie hilflos und verzweifelt sich Herr Atto in der Situation fühlen muss. Die Familie, die Frau und die Kinder so im Ungewissen zu sehen, noch dazu tausende von Kilometer entfernt wäre sicher für jeden Familienvater schier unerträglich.

Ankunft der Familie in Sodom und Gomorrha

Nun ist dieser Donnerstalk kein monogames Format. Dunja Hayali hetzt hier quasi von einem Thema zum anderen. Man ist hat zwar thematisch an die Tagesthemen angeknüpft, aber eine innere Stringenz findet sonst nicht statt. Wie auch sollte man einen Zusammenhang konstruieren von Herrn Atto zu einer Crystal Meth süchtigen Alleinerziehenden aus den neuen Bundesländern, um dann hinüber zu wechseln zu einem Boulevardthema, wie es kaum schlechter in den Kontext passen könnte: Co-Parenting. Eine dazugehörige Website erklärt es: „Kinderwunsch? Bei Familyship kannst du mit Menschen in Kontakt kommen, die auf freundschaftlicher Basis eine Familie gründen.“

Der eingeladene freundschaftliche Samenspender erklärt: „Wer mit wem ins Bett geht, ist doch völlig egal.“ Die grün-durchideologisierte, die experimentelle, die an der eigenen Langeweile erstickende, die satte westliche Wohlstandsgesellschaft stellt sich vor. Oder es ist Absicht, um noch einmal klarzustellen, mit welchen Themen wir uns in Deutschland beschäftigen, während es doch jetzt darum ginge, endlich den Familiennachzug zu gestalten für die Hunderttausende von Herrn Attos mitten unter uns.

Warum wir hier nun nachverhandeln, was Frau Hayali im Donnerstalk verzapft? Beispielweise deshalb, weil die Moderatorin sich die größte Chance entgehen lässt. Denn dieser Herr Nadjib Atto hatte die gesamte Zeit über noch den Übersetzerknopf im Ohr. Er ist zwar bereits ein Jahr in Deutschland, hätte also mit seinem Handy über eine der vielen Sprachapps Deutsch lernen können, Deutsche Gesprächspartner hätten ja auch in immer noch ausreichender Anzahl zur Verfügung gestanden, hat er aber nicht. Er hat also den Knopf im Ohr. Und wenn man ihm nicht gnädig den Saft abdrehte, als die mitteldeutsche adipöse Crystal Meth Süchtige kam und dann noch der spermaspendende Spaßvati auf dem Sofa rumlümmelte, dann hätte er das alles ins Ohr geflüstert bekommen.

Und dann hätte Frau Hayali nochmal nachfragen müssen, was er denn glaubt, wie er seine Kinder später vor so etwas, vor Crystal Meth und vor diesen Ungläubigen schützen will, die Familie für einen abgehalfterten Witz halten, die so abgrundtief zu verachten scheinen, was ihm selbst so wichtig ist, was ihm solche Sorgen und Qualen bereitet: Die Verantwortung eines syrischen Familienoberhauptes für seine Frau, für die Kinder. Sollte es noch klappen mit dem Familiennachzug, wird sich Herr Atto jetzt sicher ein paar Strategien überlegen, wie er mit seiner Familie, wenn sie nachgekommen ist, dieser Art von Westen fernbleiben kann, da können wir spätestens jetzt ganz sicher sein.

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