Sonntagspredigt im Tatort zu Köln: Du sollst keine Schrottanleihen verkaufen!

Irgendwas mit toxischer Männlichkeit und Schneeballsystemen – Mord ist Nebensache.

Screenprint: ARD Mediathek / Tatort

Was tut man, wenn man auf Staatskosten eine Spezialausbildung als Zeitsoldat (Motto: „Wir Dienen Deutschland!“) bekommen hat, IT-technisch begabt ist und am Ende der Dienstzeit ohne Beschäftigung ist? Wenn händeringend nach Fachpersonal gesucht wird und einen sogar die Bundeswehr mit Handkuss wiedereinstellen würde?

Klar, man verkauft sich an eine windige Anlagefirma ohne Festgehalt als „Läufer“ an einer Art Subprime-Drückertelefon. Damit nimmt für Andrè Stamm (Rouven Israel) der Abstieg seinen Lauf. Den haben Buch (Arne Nolting und Martin Scharf) und Regie (Charlotte Rolfes) sauber in acht mahnende Kapitel (z.B. Versuchung…Habgier… Schuld) aufgeteilt, damit die Krimi-Gemeinde sich in der Choreografie auch zurechtfinden kann.

„Risiko ist normal, wenn man etwas erreichen will“ (Christopher Komann, Chef der „Concreta“)

Dabei ist die Geschichte denkbar einfach gestrickt. Bei der angeblichen Investment-Firma „Concreta“ von Christopher Komann (Robin Sondermann) arbeiten offenbar viele Männer mit Bundeswehr-Hintergrund, wie Norbert Jütte (Roland Riebeling) recherchiert. Kein Wunder, denn der führt seinen Laden wie einen Trupp marodierender Landsknechte, bestraft sie mit verbalem Spießrutenlaufen vor versammelter Mannschaft oder macht ihnen mit hemdsärmeligen Sprüchen von einem bevorstehenden Luxusleben die Münder wässrig: „Euch bluten die Augen, wenn Ihr Euren Kontostand checkt.“

Robert Andersen, genannt „Rocko“ (Oleg Tikhomirov), der es mit den Deals für Komann scheinbar schon dorthin geschafft hat, protzt vor seinem Ex-Kameraden Stamm in moderner Dachterrassenwohnung und mit dicker Limousine. Dem hat sein Einzelkämpferlehrgang beim Barras offenbar keine Menschenkenntnis vermittelt, denn er schnappt gierig nach den Ködern „fette Wohnung, fette Karre und tollen Klamotten“. Sein ehemaliger Vorgesetzter Rocko, der „raushabe, wie man Leute bespielt“, macht ihm vor, er sei ein Verkaufstalent und sein neuer Chef verspricht, aus ihm, dem „Rohdiamanten“ mit dem richtigen Schliff, ein Flutlicht zu machen.

Daraus wird natürlich nichts – André verkauft auch in „tausend Anrufen“ nichts und wird dazu verdonnert, doch erstmal bei denen zu üben, die ihm vertrauen – seiner eigenen Familie. Das klappt dann schon. Ausgerüstet mit Rockos Schlitten gelingt es ihm, vier Verträge an seine Lieben zu verticken und auch noch die Schwägerin Alina (Caro Cult) als „Läuferin“ bei Concreta einzuspannen.

Ist es wirklich schlecht, mehr haben zu wollen, als andere ? (Komann)

Als der Windparkfonds der Firma pleite geht (hier verpasst es der Film, auf die Versäumnisse des Bundeslandes Bayern beim Ausbau der Windkraft hinzuweisen, Anm.), sind mit einem Schlag auch die Verwandten um ihre Ersparnisse gebracht und selbst seine hochschwangere Ehefrau (Anja Stamm gespielt von Roxana Samadi) wendet sich von dem unglücklichen BW-Veteranen ab (Zu ihm: Du bist so ein Lappen … es gab tausend Warnungen!). André dreht durch und entführt Rockos Frau Sylvia (Sophia Pfennigstorf), sperrt sie in einem Lieferwagen ein und täuscht die versammelte Kölner Polizei-Technik mit einer fachmännisch geschalteten Rufumleitung.

Sein Plan: sich an seinem Peiniger Komann und gleichzeitig an allen windigen Anlageberatern zu rächen, indem er Rocko durch das Kidnapping zu seinem Werkzeug macht. Der soll den Chef der Concreta mit Waffengewalt dazu bringen, an einem Internetpranger zu gestehen, dass er nur „extrem risikoreiche, sinnlose, unsichere Nachranganleihen verkauft“. Das Vorhaben scheitert an der unwahrscheinlichen Chuzpe Komanns, der sich schlicht weigert. Hier kommen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) gerade noch rechtzeitig und befreien ihn, Rocko wird dabei von Schenk angeschossen.

Als wenn dieses Drama nicht genug für einen Krimi wäre, packt das Drehbuch noch einen Mord im „Belgischen Viertel“ Kölns drauf: Der Verbraucherschutzanwalt Stephan Kleinerts (Kasem Hoxha) wurde mit seiner schweren Verbraucherschutzanwalt-Trophäe erschlagen. Eine Gruppe von Geschädigten der Concreta, unter ihnen André Stamm, hatte ihn gerade beauftragt, Klage gegen Komann einzureichen.

Die Kölner Kripo und die Zuschauer müssen bis kurz vor Schluss rätseln, wer den Anwalt ins Jenseits befördert hat – etwa eine mächtige Finanzfirma, die sich bedroht fühlte? Natalie Förster (Tinka Fürst) mutmaßt kenntnisreich: „Firmen und Konzerne lassen einen vielleicht finanziell ausbluten, aber die schicken keine Killer.“

André Stamm bricht unter der cleveren Verhörtechnik der Kölner Kripo zusammen (Ballauf zu ihm: „Wollen sie etwa auch so ein Schwein sein wie Komann?“) und verrät, wo er Sylvia Andersen gefangen hält. Seine Ehefrau Anja gesteht, den Anwalt im Affekt erschlagen zu haben, weil sie ihn beim konspirativen Stelldichein mit Komann, der ihn bestach, erwischt hatte.

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Kommentare ( 3 )

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Christa Born
1 Monat her

Hab ich mal wieder geguckt bis zum Schluss, war unterhaltsamer und spannender als viele in letzter Zeit. Zwei steinalte weisse Männer als Kommissare, kaum Frauen und Quotenfarbige, wo gibts das noch und dann in Köln. Auch sonst gute Schauspieler und Dramaturgie. Man hat schon weniger gelacht an Sonntagabenden.

old man from black forrest
1 Monat her

Behrend und Bär waren vor ca. 40 Jahre noch richtig liebenswerte Trottel, in „Leo und Charlotte“ bspw. Ich mag sie seit langem nicht mehr sehen. Vor allem Behrend. So stelle ich mir einen typischen Ampel-Kommissar vor.

Roland Mueller
1 Monat her

Die Empfehlung, keine Schrottanleihen zu kaufen, sollte einen auch davon abhalten, Bundesschatzbriefe und sonstige Sondervermögen und Schrottanleihen von den Bundesländern und den Kommunen zu kaufen.