Tanzwut am Karfreitag: Der Kampf gegen die eigene Kultur

Einmal im Jahr wird auch der obrigkeitshörigste Deutsche aufmüpfig – dann, wenn wieder einmal das karfreitägliche Tanzverbot diskutiert wird. Doch die Allergie gegen religiöse Ausdrucksformen beschränkt sich seltsamerweise auf das Christentum. Sie steht beispielhaft für eine kollektive kulturelle Amnesie.

picture alliance / imageBROKER | Oleksandr Latkun

Die Deutschen sind bekannt für ihre Tanzwut. Wo immer sie sich zusammenfinden, hat jemand eine Ziehharmonika dabei, und schon beginnt ein spontaner Schuhplattler mit anschließendem Reigentanz.

Das jedenfalls sollte man annehmen, denn die Diskussion um das karfreitägliche Tanzverbot wird alle Jahre wieder mit derselben Leidenschaft geführt.

Menschen, die an 364 Tagen im Jahr nichts mehr lieben, als Anordnungen der Obrigkeit Folge zu leisten, werden mit landestypischer Präzision genau einmal im Jahr überaus aufmüpfig und beklagen die mangelnde Trennung von Staat und Kirche.

Ein stiller Tag, allen aufgezwungen, egal, ob sie an Jesus Christus oder das fliegende Spaghettimonster glauben – ein Affront, und ein nicht hinnehmbares Überbleibsel des finsteren Mittelalters.

Neutralität gibt es nicht

Doch im Grunde handelt es sich hier um den Ausdruck einer kollektiven kulturellen Amnesie. Denn die vielbeschworene weltanschauliche Neutralität des Staates ist ohnehin eine Illusion.

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“, sagte einst der Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde.

Wer diese Voraussetzungen nicht mehr reflektiert, vergisst irgendwann, dass sie existieren, und hält die gegenwärtige Ordnung für selbstevident und selbstverständlich.

Woher aber kommt die hohe Wertschätzung für Freiheit und Gerechtigkeit, woher ein Menschenbild, das universale Menschenrechte denken kann und Würde nicht nur den Angehörigen des eigenen Stammes zuspricht, sondern allen Menschen gleichermaßen?

Welche Weltanschauung ermöglicht überhaupt die Entwicklung des Gedankens, dass Mann und Frau, deren Unterschiedlichkeit doch schon ein kleines Kind erkennt, als „gleich“ gelten? Oder dass aus der Schwäche eines Menschen ein Recht auf Schutz erwächst, und nicht das – intuitiv einsichtigere – Recht des Stärkeren?

Von Voltaire kommt das alles nicht. Von Kant kommt es nicht. Und von Marx erst recht nicht.

Unser Fundament ist keine Selbstverständlichkeit

Der spanische Ministerpräsident behauptete kürzlich, er brauche keine Religion, um zu wissen, was richtig und was falsch ist. Doch es ist ein folgenschwerer Irrtum, zu meinen, Werte ergäben sich von selbst.

Das beweisen zum einen Kulturen, die nicht aus sich selbst heraus über Überzeugungen verfügen, wie sie in Europa – noch – gelten. Zum anderen wurde und wird dies immer dann deutlich, wenn europäische Völker selbst sich von diesen Grundlagen abwenden, um ihr Heil in anderen ideologischen Konstrukten zu suchen.

Dass ausgerechnet ein spanischer Sozialist behauptet, hier keiner Orientierung zu bedürfen, entbehrt nicht einer gewissen bitteren Komik. Stets mussten Europäer nach Phasen der zivilisatorischen Regression zurückfinden zu dem Fundament ihrer Ordnung.

Das Fundament, das nicht nur Tanz am Karfreitag verbietet, sondern nebenbei ganzjährig Witwenverbrennung, Menschenopfer und Kindsmord.

Nicht zufällig bezeichnet sich mittlerweile selbst ein erklärter Atheist wie Richard Dawkins als „kultureller Christ“. Was er damit meint: Aus unerfindlichen Gründen schafft die Märchengeschichte von einem liebenden Schöpfer als Urgrund des Seins Voraussetzungen, die für Individuum und Gesellschaft wünschenswerter sind als jene, die durch andere Weltdeutungen geschaffen werden.

Dawkins lehnt nach wie vor ab, sich persönlich zum christlichen Glauben zu bekennen. Aber er hat erkannt, dass er Nutznießer dieses Glaubens ist: Man muss eben nicht selbst Christ sein, um davon Abstand zu nehmen, an dem Ast zu sägen, auf dem man sitzt.

Der Kontext des Karfreitags

Sicher kann man die Christen mit ihrem Karfreitag zum Teufel schicken – aber dann werden sie über kurz oder lang eben auch alles andere mitnehmen, was ihre Religion Europa eingestiftet hat.

Denn er steht nicht für sich allein, sondern ist untrennbar verknüpft mit der eigentümlichen und einzigartigen christlichen Weltdeutung, die den Menschen als „sehr gut“ betrachtet, ohne seine Fähigkeit zum Bösen zu leugnen, die seine Freiheit ernstnimmt, und ihn dennoch vor den Konsequenzen seiner Entscheidungen schützen will.

Die Grundfesten der europäischen Kultur bilden nicht Freiheitsrechte, Demokratie, Individualismus oder auch Leistung, sondern Gnade und Erlösung. Aus diesen beiden Gegebenheiten sind Gesellschaften erwachsen, die durch das Dach einer freiheitlichen Ordnung geschützt werden, nicht begründet.

Dennoch leistet sich der deutsche Staat nur noch ein Minimum an Respektsbezeugungen gegenüber der Religion, die diese Grundlagen formuliert hat.

Der weltanschauliche Horror vacui

Eine rein faktisch-objektive Weltanschauung gibt es nicht. Auch die Überzeugung, dass alle Religionen letztlich nur menschengemachte Erzählungen seien, ist eine Vorannahme und ein Glaubenssatz – der überdies oftmals nicht reflektiert wird und sich nur ungern infrage stellen und herausfordern lässt.

Wo ein Modell der Welterklärung verschwindet, wird ein anderes seinen Platz einnehmen, ob es sich nun um eine Religion im eigentlichen Sinne handelt oder um ein ideologisches Konzept, das lediglich nach religiösen Prinzipien funktioniert.

In das vom Christentum hinterlassene Vakuum werden andere drängen: An die Stelle des Karfreitags tritt das öffentliche muslimische Fastenbrechen oder ein säkularer Ritus: Der Klimafreitag, der Frauenfreitag, der Regenbogenfreitag – an Ersatzreligionen herrscht wahrlich kein Mangel.

Dass diese Weltanschauungen sich ernsthaft anschicken, die gegenwärtige Ordnung zu ersetzen, ist daran ablesbar, mit welch blindem Fanatismus sie vor jeglicher Kritik abgeschirmt werden: Während deutsche Medien christenfeindliche und das Christentum verhöhnende Inhalte vorzugsweise vor den hohen christlichen Feiertagen verbreiten, sucht man auch nur leiseste Kritik an Ideologien, die eine Bedrohung der freiheitlichen Ordnung darstellen, vergebens.

Ob angesichts dieser Selbstzerstörung eine überzeugte und überzeugende Wiedergewinnung der eigenen kulturellen Identität gelingen wird, ist die Frage, die über den Fortbestand Europas als Kulturraum entscheiden wird.

Vielleicht sollte man den Karfreitag also lieber begehen, statt ihn zu bekämpfen – in Gedenken und Dank an das historische, kulturelle, geistliche und weltanschauliche Konzept, das Europa zu dem gemacht hat, was es ist.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 7 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

7 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Juergen P. Schneider
30 Minuten her

Widerspruch! Der Staat hat neutral zu sein! Es bedarf keiner Religion um moralische und ethische Grundsätze zu haben. Religion ist Privatsache. Es wurden vor Jahren Menschen vieler Kulturen und Religionen befragt, wie sie sich entscheiden würden, wenn sie vor moralische Dilemmata gestellt werden. Es ergab sich eine mehr als 90%ige Übereinstimmung bei den getroffenen Entscheidungen, unabhängig vom religiösen Hintergrund der Befragten. Das heißt, dass ein Großteil der Menschheit in moralischen Dilemma-Situationen sich auf gleiche Weise entscheidet. Einen besseren Beleg für ein universelles Moralempfinden kann man sich kaum vorstellen. Das zitierte Böckenförde-Diktum beruht auf der Erkenntnis, dass die Mehrheit aller Bürger… Mehr

Maunzz
40 Minuten her

Wenn Karfreitag getanzt werden kann/soll, muss zwingend dieser Tag als gesetzlich, arbeitsfreier Tag abgeschafft werden. Denn die Bedeutung des Karfreitag wird damit ad absurdum geführt.

humerd
57 Minuten her

diese Schnappatmung, diktiert und choreografiert von den woken Linken, beweist mir immer, dass es keine Schwarmintelligenz gibt, wohl aber Schwarmblödheit

Michael W.
1 Stunde her

Ich bin gegen jegliche Einschränkung der Freiheit durch Religion. Und mir ist dabei egal, ob es um Christen oder Muslime geht. Religionen und religiöse Vorschriften wurden erfunden, um die Menschen zu beherrschen und zu unterdrücken. Wenn Christen fasten wollen: Bitte, nichts dagegen. Solange sie mich nicht zwingen, dabei mitzumachen. Das gilt auch für Muslime. Wenn Christen an bestimmten Tagen nicht tanzen wollen, dann sollen sie es eben bleiben lassen. Dadurch, dass sie es allen anderen auch verbieten, sind sie nicht besser als Muslime, die andere zum Fasten zwingen. In Israel wollten schon vor über 40 Jahren radikale Juden die Schweinezucht… Mehr

Brauner Bodensatz
1 Stunde her

Steht die „Allergie“ nicht vielmehr für Dummheit? Den Widerspruch nicht zu sehen, dass es ohne einen Karfreitag mit Tanz-„Verbot“ gar keinen freien (Feier-) Tag gäbe? Die eigenen Wurzeln in einem auf Christentum gegründeten Land zu leugnen (siehe auch die Präambel des Grundgesetzes in ihrer noch gültigen Fassung!) und die Selbstverständlichkeit ausgerechnet an Karfreitag nicht öffentlich zu feiern ernsthaft als Beschränkung zu verstehen? Dass Fremdem gehuldigt und Eigenes verpönt wird ist dagegen nicht auf religiöse Gegebenheiten beschränkt. M.E. aber genauso Zeichen für Dummheit. Es zeigt sich auch in Alltag und Wahlverhalten. Die „unsere“ Mädels vergewaltigenden und „unsere“ Jungs abstechenden „Neubürger“ laden… Mehr

Dr. Gregor Gaida
1 Stunde her

Alles was Deutsch und Christlich ist, wird bekämpft. Je älter ich werde um so offensichtlicher wird die Gehirnwäsche, die bereits in der Schule anfing und die jetzt immer dreister in allen Medien und Gesetzen verankert wird.

Michael W.
50 Minuten her
Antworten an  Dr. Gregor Gaida

Ja, stimmt. Je länger ich nachdenke, um so mehr stelle ich fest, dass ich in der Schule massiv evangelisch-religiös indoktriniert wurde. Wenn wir mal den katholischen Pfarrer als Vertretung hatten, wollte der uns auf die katholische Seite zwingen (hätte er eigntlich nicht gedurft, er hätte ein neutrales Thema wählen müssen) und die Religionskriege waren plötzlich ganz nah. Das ging so weit, dass ich, nachdem der Religionslehrer (ev. Pfarrer) verlangt hatte, wir sollen ein Bild von Gott malen und ich mit Verweis auf das 1. Gebot geweigert hatte, eine „sechs“ bekam. Dabei hatten wir die 10 Gebote in der Woche vorher… Mehr