Polizeiruf aus Rostock: Haltet den Anlageberater!

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger beklagt, dass „das Misstrauen gegenüber der Wirtschaft steigt", und macht die Krimi-Reihe „Tatort“ dafür mitverantwortlich. Wie zur Bestätigung sitzt am Sonntag gleich wieder ein Bösewicht aus der Finanzwirtschaft auf der Anklagebank.

Screenprint: ARD / Polizeiruf 110

Gerade hat sich Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger noch darüber beklagt, dass „das Misstrauen gegenüber der Wirtschaft steigt“ und die Reihe „Tatort“ dafür mitverantwortlich gemacht: „Im Sonntagabend-Krimi sind die Mörder am häufigsten Unternehmer oder Manager.“ Das wollte die ARD nicht auf sich sitzen lassen: „Die fiktiven Fälle richten sich nicht gegen einzelne Berufs- oder Bevölkerungsgruppen, und es gibt auch keine Absicht, ein bestimmtes Bild von ihnen in der Öffentlichkeit zu zementieren oder gar ein pauschales Urteil über einen Berufsstand zu fällen“, so Lars Jacob, Sprecher der ARD-Programmdirektion gegenüber dem „Stern“.

Motiviert: der ewige Kampf ums Eigentum

Wie zur Bestätigung des Verdachts des Arbeitgeberpräsidenten hockt am Sonntag darauf gleich wieder ein Bösewicht aus der Finanzwirtschaft auf der Anklagebank (Robin Sondermann, bereits im Tatort „Pyramide“ windiger Chef einer Anlageberatung, spielt den Investmentmakler Kai Schopp), diesmal beim „Polizeiruf 110“ aus Rostock, in dem ein „wohlhabendes Unternehmerpaar“ im modernen Haus mit Garten zum „Gegenstück“ der „in prekären Verhältnissen“ in einer Gartenlaube hausenden drogensüchtigen Mascha aufgebaut wird (aus der ARD-Beschreibung).

Autorin Elke Schuch zu ihrem Motiv: „Mir geht es darum, den Wert von Besitz zu hinterfragen. Was ist das eigentlich? Macht er uns wirklich glücklich?“ Und sie wolle zeigen, dass „es bei diesen angeblich funktionierenden Mitgliedern der Gesellschaft auch nicht richtig korrekt zugeht …“ Die Drehbuchautorin meint, ihre Protagonisten versuchten alle „in diesem Leistungs-, Besitz- und Anerkennungsstrom mitzuschwimmen, schafften es aber nicht. Irgendwie rennen alle einem großen Ziel hinterher, das mit Besitz und Anerkennung zu tun hat. Diese Figuren suchen das Glück, aber sie scheitern und machen sich schuldig dabei.“

„Das Elternthema zieht sich durch den Film“ (ARD)

Die junge Mutter Mascha Kovicz (Meira Durand) ist schon ein Früchtchen; richtet ihre 5-Jährige (Holli, gespielt von Mathilda Graf) wie ein Äffchen ab, Männern, die ihre Mama in der Disko antanzt, das Portemonnaie aus dem Jacket zu klauen. Anschließend setzt sie sich im Damenklo mit frisch gekauftem Stoff einen Schuss und lässt die Kleine vor der Türe warten, bis sie selber wieder halbwegs bei Bewusstsein ist. Dass das Jugendamt Rostock Mascha erst auf die Initiative der Kommissarinnen Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Melly Böwe (Lina Beckmann) den Weg zu dem Kind findet, spricht nicht für die Behörde.

Auf einer ihrer Diebestouren mit Holli entdeckt Mascha die Leiche der ehemaligen Wirtschaftsjournalistin Vera Bödecke, die ganz offensichtlich mit einem Kissen erstickt worden ist. Mami ergreift die Gelegenheit, ihrer Tochter gleich einmal das Versterben zu erklären: „Hab’ keine Angst, die ist nur tot – siehst Du, ganz kühl.“ Und sieht gleich noch eine weitere Chance, nämlich den Mann (Kai Schopp), den sie bei der Ermordeten gesehen und auch mit dem Handy gefilmt hat, zu erpressen. Sie macht das ganz ungeniert, taucht am hellichten Tage in dessen Garten auf. Dort könnte es ihr, im krassen Gegensatz zu ihrer vermüllten und mit Wandgraffitis vollgeschmierten, „versifften Gartenlaube“ (Katrin König dazu) ohne Heizung oder fließendes Wasser, auch gefallen. So etwas, verspricht sie ihrer Holli, sollen sie auch mal haben.

Erstmal wird sie aber von der Rostocker Polizei ausgebremst, die nicht lange gebraucht hat, um sie über ihre Fingerabdrücke am Tatort und mit Hilfe der aufmerksamen Rostocker Laubenpieper zu finden. Zwar hatten die Kriminalerinnen den Tod der alten Frau Bödecke schon fast als „häuslichen Unfall“ durch Stromschlag in der „seltsam ordentlich aufgeräumten Villa“ abgetan, weil ja „keiner die Sicherung rausdreht, bevor er eine Lampe repariert“ – aber dank Kriminaltechnikerin Maria (Dela Dabulamanzi), die verräterische Textilfasern am Fensterrahmen findet, und dann „Ersticken durch weiche Bedeckung“ feststellt, wird doch noch ein Kriminalfall daraus.

Während Mascha verhaftet und zur Entgiftungs-Therapie geschickt wird, kommt Holli ins Heim. Kommissarin Böwe kann sich mit der heroinabhängigen jungen Mutter gut identifizieren, sie habe selbst mit 16 Jahren ihre Tochter bekommen und alleine aufziehen müssen. Und sie könne sich, genauso wie Mascha, die mit 15 wegen des ihr zugedachten Berufsweges (sollte den elterlichen Betrieb übernehmen) von Zuhause abgehauen sei, „auch was Besseres vorstellen, als eine Scheiß-Autowerkstatt zu erben“. Für ihre Kollegin König sind das keine mildernden Umstände, sie fange „bei Junkies mit Vertrauen gar nicht erst an“. Kurz darauf kann sie sich bestätigt fühlen – Mascha hat ihre Entgiftung abgebrochen.

Finanz – und Anlageberater, so kann sich heute doch fast jeder nennen

Die Befragung des 30 Jahre jüngeren Ehemanns von Vera Bödecke (Konrad Bödecke, gespielt von Michael Stange) zum Tod seiner Frau hat inzwischen ergeben, dass er die Ersparnisse seiner Frau kurz vorher abgehoben und auf die Empfehlung eines Freundes hin (Kai Schopp, der Mann den Mascha bei der Leiche von Frau Bödecke gefilmt hatte) in Anlagen mit einer „Bombenrendite, das musst Du machen, das kommt nie wieder“ gesteckt hat. Seine Frau habe aber der Anlagefirma nachrecherchiert und herausgefunden, dass deren Investments Schwindel seien. Sie habe damit an die Öffentlichkeit gehen wollen.

Auftritt des „Bundesverbandes für Senioren und Pflege“ (BSP), der von einer verglasten Büroetage aus mit einer besonders niederträchtigen Masche auf Kundenfang geht und laut Internetgerüchten (von Kommissar Anton Pöschel, gespielt von Andreas Guenther, online recherchiert) mit seinen Immobilien-Fonds zum Beispiel auch eine „Frau Ilse Platt um ihr gesamtes Sparvermögen“ gebracht hat. Nichtsahnende Senioren würden von BSP dazu verleitet, in den Bau ihrer zukünftigen Pflegeheime zu investieren, nur – die gibt es gar nicht.

„Intransparente Finanzprodukte, die nach Schneeballsystem stinken“

Kollege Volker Thiesler (Josef Heynert) darf dem neuen Staatsanwalt Benjamin Hinze (Maximilian Dir) diesen Verdacht auf dessen protziger Jacht (vor dem Betreten Schuhe ausziehen!) mit dem vielsagenden Namen „Guardian“, auf der dieser jede seiner freien Minute verbringt, vortragen. Jedoch, gibt Hinze zu bedenken, sei BSP der größte Sozialverband in der Region. Thiesler solle nicht gegen den falschen Gegner kämpfen, wie Don Quixote als Ritter von der traurigen Gestalt.

Anschließend zeigt er sich gut informiert und mitfühlend, aber auch von der Frauen-feindlichen Seite: Thiesler sei ja nur bei der Versetzung nicht berücksichtigt worden, weil eine Frau (Böwe) an seiner Stelle befördert worden sei. Die Behandlung wirkt zunächst, Thiesler meint „Hinze ist echt in Ordnung – wir haben gegen den BSP nichts in der Hand“. Kurz darauf erfährt er aber, dass Felix Osgath, der Chef der BSP, auch der Taufpate der Tochter des Herrn Staatsanwalts ist. Grund genug, nochmal nachzuhaken. Kleinlaut gibt der Spitzenbeamte sein Okay für die Ermittlungen gegen die BSP, vor dem Hintergrund der überdimensionierten Deutschlandflagge am Heck seiner Jacht. Schopp wird verhaftet.

Günther klebt mir ständig am „A…“ wie eine Klette (König über ihren Erzeuger)

Sehr störend wirken die ständigen Unterbrechungen der Krimihandlung durch das erratische Auftauchen des etwas abgerissen und verwahrlost aussehenden Vaters von Kommissarin Katrin König (Günther Wernecke, gespielt von Wolfgang Michael), der seine Tochter wahrhaftig „stalkt“ (Neudeutsch für: ständig verfolgt). Er taucht plötzlich beim trauten Kaffeeplausch im Polizeipräsidium auf, versteht es, die Kollegen dabei für sich einzunehmen. Nachdem König ihn in der letzten Folge des Krimis beim überraschenden Wiedersehen noch niederschlug, kann sie nun, ohne handgreiflich zu werden, zumindest ruhig mit ihm reden.

Jedoch kommt dabei nichts Vernünftiges heraus: Wernecke meint, er sei ein totales Wrack nach seiner Zeit in der Sonderhaftanstalt Bautzen, klagt über seinen Gesundheitszustand (Blutzucker und Arthrose), sei gerade von seiner Freundin hinausgeworfen worden und nun ohne Wohnung, und Rente „könne man doch vergessen“. Als Gipfel der Unverschämtheit bietet er seiner Tochter, die „ja auch alleine sei“ an, er könne doch bei ihr einziehen. Dabei nimmt er gewinnend eine Zigarette zur Hand (die er sich offenbar noch leisten kann) und stellt keck den Fuss auf den Kotflügel ihres Dienstfahrzeugs. Klar, dass sie ihn daraufhin einfach stehen lässt.

Der überraschte Zuschauer erfährt, wie nah sich doch die Ostzonenflüchtlinge und heutige Bootsmigranten sind: Die Familie von Kommissarin König hatte sich bei ihrer nächtlichen Flucht über die Ostsee einer Schlepperbande anvertraut … „verstehe gar nicht, wie das schiefgehen konnte … im Nachhinein betrachtet war das alles leichtsinnig und dumm“.

Leichtsinnig verhält sich auch Mascha, die in einem letzten Versuch, an die schnelle Finanzierung für den Traum ihres Häuschens im Grünen zu kommen, zu viel riskiert. Sie nähert sich in erpresserischer Absicht Alina Schopp (Monika Oschek), die in Wirklichkeit die Mörderin von Vera Bödecke ist. Ihr Mann Kai hatte nur versucht, die Spuren in der Villa zu verwischen, um sie zu decken. Alina kennt keine Skrupel bei der Verteidigung ihres (völlig überschuldeten) Vorstadtidylls und ermordet die Erpresserin vor den Augen von Holli. Die Polizei kommt wieder einmal nur Sekundenbruchteile zu spät, um das Drama zu verhindern.

Die Schlusssequenzen gelten den beiden geknickten Kommissarinnen beim Feierabendbier am Strand und einer ungelenken Versöhnungsumarmung von Katrin König und ihrem Papa Günther.

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Kommentare ( 3 )

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HavemannmitMerkelBesuch
1 Monat her

Bei der Betrachtung der Anwesen von beispielsweise Soros, Schwab, Gates oder manchem auch deutschem Magnaten könnte man ja auf den Gedanken kommen, die vermeintlich so wichtige Auseinandersetzung des ÖRR mit Eigentum habe Substanz, aber gegen die Genannten wird sich die Stoßrichtung nicht bewegen dürfen. Über sie könnte ein Tatort gedreht werden mit dem Titel „die Unantastbaren“. Wird aber nicht gezeigt werden, vom ÖRR würde heute niemand mehr verlangen zuerst seine eigene Rolle des Verhältnisses zu Eigentum und Milliarden zu klären und zu überdenken. Entsprechend sind solche vermeintlich gesellschaftkritisch daher kommenden ideologischen Sekrete einzuordnen. Peinlich für das dafür völlig sinnfrei herausgeworfene… Mehr

RMPetersen
1 Monat her

Danke, es war also die richtige Entscheidung, die GEZ-finanzierte propaganda-Schmonzette zu meiden.- Die Qualität der Kommissare scheint ohnehin nicht mehr gut zu sein; die Bösen laufen ihnen davon oder tricksen sie aus. In dem Werk über die Zielfahnder vor ein paar Tagen war mein bleibender Eindruck, daß man von solchem Polizeipersonal im Ernstfall keinen Schutz zu erwarten hat – die zu Beschützende wurde allein gelassen, als der Vielfachmörder dann nahte.- Als Filmersatz fand ich in YouTube einen Heinz-Rühmann-Film von 1948 „Der Mann vom anderen Stern“ – entzückend und mit klugen Texten. Und im Unterschied zu heutigen Filmproduktionen konnten die Schauspieler… Mehr

Rob Roy
1 Monat her

Seit hundert Jahren ist für die Linken der böse Kapitalist das Feindbild.
Dabei ist der angestrebte Sozialismus nicht der Gegensatz zum Kapitalismus. Sondern zur Demokratie, die Schritt für Schritt abgeschafft werden soll.
Und unsere Wirtschaft macht noch, weil sie sich Subventionen erhofft, wenn sie sich nur genug anschleimt.