BILD-Gruppe dominiert Themensetzung

Im ersten Quartal des Jahres hat die BILD die meiste Aufmerksamkeit auf ihre Berichterstattung gezogen und den SPIEGEL auf den zweiten Platz verwiesen.

Welches Medium hat Bedeutung? Wer gibt den Ton an im Land? Eine Möglichkeit ist es, die Zitate zu messen. Wie oft also wird der SPIEGEL in anderen Medien zitiert, wie oft Focus, wo steht BILD? Selbstverständlich ist auch diese Zählweise an Bedeutung fragwürdig. So zählen Falschmeldungen zweimal – einmal, wenn sie gemacht, und das zweite mal, wenn sie dementiert werden. Daher ist die Langfristbetrachtung weit wichtiger als die Kurzzeitzahlen. Im neuen Zitate-Ranking des Media Tenor, die die wichtigsten Medien auswerten, heißt es:

„Der Rechercheverbund rund um WDR, NDR und SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, die BILD AM SONNTAG sowie die RHEINISCHE POST sind die Gewinner des Media Tenor-Zitate Rankings im ersten Quartal 2016 … An der Spitze im Einzelmedienvergleich steht allerdings die BILD-Zeitung, die den SPIEGEL mit nur wenigen Zitaten Vorsprung auf Platz zwei verweist … FAZ und FAS kommen gemeinsam auf weniger Zitate als die SÜDDEUTSCHE.“

Nach der Werbe- und PR-Kampagne namens Panama Papers dürfte sich dieses Bild für den Rechercheverbund im 2. Quartal noch verstärken.

Der SPIEGEL hat jahrzehntelang das Ranking dominiert. Fast automatisch übernahmen alle Zeitungen mit ihren am Sonntag dünn besetzten Redaktionen die Vorab-Meldungen der Hamburger und präsentierten sie am Montag ihren Lesern. So entstand der Mythos vom SPIEGEL-Montag, an dem das Magazin die Themen für die kommende Woche vorgab. Dies ist vorbei, eine schmerzhafte Erkenntnis. Der SPIEGEL ist nur noch zweitrangig. Dabei ist ein zweiter Platz ja eigentlich nicht schlecht. Aber es geht um die Dominanz – die ist weg. Erobert hat sie BILD. Auch das ist eine Sensation in der Langfristbetrachtung: Das Boulevardblatt, vor allem im Zusammenspiel mit der runderneuerten BILD am Sonntag, hat an Relevanz gewonnen und wurde zum wichtigsten Medium. BILD am Sonntag hat mit großen Interviews am Wochenende und exklusiven News die frühere Rolle des SPIEGELs übernommen: BamS setzt die Themen am Wochenanfang, über die geschrieben, berichtet, gesprochen wird.

Ein zweiter Wettbewerber schiebt sich nach vorne: Hinter der „Funke Mediengruppe“ verbirgt sich das Konglomerat, das sich aus den Ruhrgebietszeitungen wie WAZ, NRZ in Verbindung mit den zugekauften Titeln des Springer-Verlags (Hamburger Abendblatt) gebildet hat. Der frühere Focus-Chefredakteur Jörg Quoos hat seit vergangenem Sommer ein Hauptstadtbüro für die regionalen Tageszeitungen aufgebaut und zum ernsthaften Wettbewerber entwickelt. Es beschreibt die Entwicklung der Landschaft der Tageszeitungen: Einzelne Titel werden zu Ketten verschmolzen, die dann mit ihrer Millionenauflage ins publizistische Gefecht ziehen. Denn Informationen erhält nicht nur der findige Journalist – maßgeblich ist auch der Hebel an Aufmerksamkeit, den er bedient. Insofern geht es hier auch um Aufmerksamkeitsökonomie – und Auflage.

Die Frankfurter Allgemeine SONNTAGSZEITUNG (FAS) spielte in früheren Jahren in der vorderen Liga mit. Neuerdings hat sie geradezu dramatisch an Bedeutung verloren. Verspielt und selbstgefällig schreibt sie am Leser und an den Kollegen vorbei. Erfahrungsgemäß folgt die Auflage dem Verlust an inhaltlicher Relevanz.

Und für den Focus gilt: Vom Winde verweht.

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Bei den Wirtschaftsmedien resümiert der Media Tenor:

„Im Vergleich der Wirtschaftsmedien behauptet das HANDELSBLATT seine Spitzenstellung beim Themensetzen. Die FINANCIAL TIMES gewinnt wieder an Bedeutung und wird mit ihren Themen im ersten Quartal 2016 sogar intensiver aufgegriffen als das WALL STREET JOURNAL. Die WIRTSCHAFTSWOCHE schwächelt weiter und kommt nicht mehr unter die Top 20.“

Das ist sogar noch vornehm ausgesprochen: Lag in die Wirtschaftswoche im Vorjahreszeitraum noch auf Platz 10, so ist sie jetzt aus dem Ranking verschwunden. Es ist der Preis für die Umpositionierung vom Nachrichtenmagazin für die Wirtschaft zum Lifestyle-Heftchen. Die von der WiWo neuerdings selbst in den Vordergrund gerückten Themen wie „Bartpflege mit Lebertran“ sind eben nicht relevant. Auch mit der Forderung nach der Frauenquote lassen sich nur Gähner einfangen, während harte News aus Unternehmen zum Manager Magazin abwandern, Felder wie Geldanlage von Euro am Sonntag und BörseOnline besser bedient werden.

Das wiederholt sich, wenn man reine Wirtschaftsthemen untersucht, etwa zum IT-Bereich: Die Wirtschaftswoche stürzt ab, obwohl gerade neue Medien, Technologien und technisches Zukunft lange ihre Schwerpunktthemen waren. Generell gilt: Das Zukunftsthema wird von US-Medien beherrscht. Deutsche Medien haben wenig zu melden. Vielleicht, weil deutsche Medien sich zu einseitig um Datenschutzthemen kümmern, während die Zukunft ganz woanders spielt.

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Beim Migrationsthema bleibt die BILD-Gruppe maßgebend: Das ist das derzeit wohl wichtigste Thema. Hier hat die BILD am Sonntag den generellen Vorsprung zum SPIEGEL deutlich ausgebaut. Das ist ein großer Erfolg für die Mannschaft um Marion Horn. Nimmt man BILD und ihre Sonntagsschwester zusammen, bleibt nicht mehr viel übrig für den SPIEGEL: Er hat dieses Thema verpennt. Vermutlich steht hier die starke Ideologie-Prägung des SPIEGELs einer Aufarbeitung des Themas massiv im Weg. Das war vor einem Jahr noch anders: Da war der SPIEGEL wenigstens noch in der Verfolgertruppe.

Damit zeigt sich das Drama des SPIEGELs: Rapider Bedeutungsverlust durch falsche redaktionelle Steuerung.

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