Nach den Landtagswahlen die SPD am Boden: Die AfD wächst auch im Westen

Weil keine Opposition aus dem Bundestag oder ein kritischer Journalist am Tisch sitzt, können Rehlinger und Linnemann ohne große Widerstände ihre politischen Fehlschläge schönreden. Ohne eine konstruktive Kontroverse plätschert die Sendung ergebnislos vor sich hin. Am Ende steht wenig konkreter Inhalt. Von Fabian Kramer

Screenprint: ZDF / Maybritt Illner

Die Stabilität der Bundesregierung dürfte nach den zurückliegenden Landtagswahlen nicht gestiegen sein. Die SPD wurde vom Wähler derart abgestraft, dass die Partei und insbesondere die Parteiführung unter immensem Druck steht. Lars Klingbeil und Bärbel Bas werden in der Koalition liefern müssen. Für die Union und das Land ist dies keine gute Nachricht. Eine verwundete SPD auf der Suche nach Profilierung könnte vor allem die Steuerzahler sehr viel kosten.

Finanzminister Lars Klingbeil hat die Büchse der Pandora schon mal geöffnet. Die angeblichen Reformvorschläge des SPD-Chefs sind als Angriff auf die Familie zu werten. Klingbeil möchte das Ehegattensplitting abschaffen, die Mitversicherung der Familie einschränken und im Finanzministerium lässt Klingbeil eine Erhöhung der Mehrwertsteuer durchrechnen.

Von sozialer Gerechtigkeit und der Wertschätzung für hart arbeitende Bürger kann bei solchen Ideen aus dem politischen Giftschrank keine Rede sein. Wie Klingbeil dadurch kleine und mittlere Einkommen entlasten will, ist ein Rätsel. Allerdings sind die Vorschläge ein Beispiel dafür, wieso die SPD auf dem Weg in die prozentuale Einstelligkeit ist. Statt staatliche Leistungen zu kürzen und die Staatsfinanzen vom Kopf auf die Füße zu stellen, wird die staatliche Einnahmequelle ausgeweitet. Der Steuerzahler soll noch mehr gemolken werden, damit die SPD sich vor einer strukturellen Reform des Staates und der sozialen Sicherungssysteme drücken kann.

Bei Maybrit Illner diskutiert die Runde an diesem Donnerstag über die Nachwirkungen der Landtagswahlen und die Folgen für die Regierung. Die Sendung ist wie eine mediale Selbsttherapie der Koalition. Zunächst dürfen Politiker von Union und SPD ihre Wunden lecken. Anschließend wird großer Reformwillen versprochen, wie ihn die Regierung schon seit einem Jahr verspricht und nicht liefert. Kritische Opposition aus dem Bundestag ist nicht eingeladen. Für den Zuseher bleibt das ungute Gefühl, dass die Regierung es am Ende als Reform wertet, wenn sie die Steuern und Abgaben erhöht.

Von der Volkspartei auf dem Weg zu Splitterpartei

Die SPD-Führung ist nach den verheerenden Niederlagen bei den Landtagswahlen unter Zugzwang. Es muss nicht nur der Niedergang der Sozialdemokratie aufgehalten werden, sondern auch das eigene politische Überleben gesichert. “Sie haben sich in den Staub geworfen”, attestiert Journalistin Kristina Dunz den SPD-Chefs. Lästige Personaldebatten wollten Lars Klingbeil und Bärbel Bas aber dennoch nicht führen. In der SPD drängt sich auch kein Ersatz auf. Es gleicht einem Himmelfahrtskommando, an der Spitze des Willy-Brandt-Hauses zu stehen.

Allerdings kann es in der Politik schnell gehen. “Unter Umständen sind die beiden nicht mehr zu retten”, vermutet Dunz. In diesem Jahr kommen nämlich noch drei wichtige Wahlen. Sollte die SPD dort katastrophal abschneiden, dann ist die Führung nicht mehr zu halten. Eine Kandidatin für die Nachfolge von Klingbeil und Bas ist die saarländische Regierungschefin Anke Rehlinger. Noch ziert sich Rehlinger aber. “Das Saarland ist weit weg von Berlin”, erklärt sie. Sie wolle gute Politik machen und sich nur auf ein Amt konzentrieren, so die stellvertretende SPD-Vorsitzende. Es ist ganz klar, die beliebte Politikerin hat Angst, dass der SPD-Vorsitz ihrer Beliebtheit schadet. Rehlinger kneift vor Berlin, weil die Bundespartei sich in einem Abwärtssog befindet und sie nicht hineingezogen werden möchte. Ihre Ausflüchte wegen der angeblich zu großen Entfernung nach Berlin sind durchschaubare Ausreden. Schließlich ist sie im Bundesvorstand der SPD und muss deswegen Kontakt nach Berlin halten.

Die AfD ist die neue Arbeiterpartei

Der Arbeiter im Südwesten wählt mehrheitlich blau. Bei den Landtagswahlen im Süden der Bundesrepublik setzt sich ein Trend fort, der bundesweit zu beobachten ist. Die AfD ist die führende politische Kraft unter den Arbeitern im Land. “Überall wo es Deindustrialisierung gibt, ist die AfD stark”, meint CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann. Damit hat er einen Punkt. Die AfD ist kritisiert wie keine zweite Partei die politisch verursachte Deindustrialisierung in Deutschland. Mittlerweile wird der AfD von den Wählern aber mehr zugetraut als die Fähigkeit, Kritik zu üben.

Die Kompetenzwerte der AfD beim Thema Arbeit und Wirtschaft sind sprunghaft angestiegen. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer beschreibt in der Sendung die Gründe für den Aufstieg der AfD. “Die Regierung spielt ständig Geisterfahrer”, beklagt er. In seiner Kommune würde er beispielsweise mit Bürokratie überhäuft, obwohl die Regierung das Gegenteil verspreche, so Palmer. “Es geht in die falsche Richtung”, kritisiert er. Die AfD profitiert vom Versagen der Regierung. “Die Politik produziert keine Lösungen”, meint Palmer.

Natürlich darf in einer Talkshow des ZDF kein Gast fehlen, der vor einer angeblichen Gefahr durch eine erstarkte AfD warnt. “Es ist in Teilen eine rechtsextreme Partei”, sagt Journalistin Kristina Dunz. Sie warnt vor einer Normalisierung der AfD. Bei Illner rennt sie damit offene Türen ein. In Illners Talkrunde sitzt nie ein AfD-Politiker. Statt sich inhaltlich mit AfD-Vertretern zu streiten, wird in der Sendung meistens schlecht über die Partei geredet. Generell ist mangelnder Streit die große Schwachstelle der Diskussion. Weil keine Opposition aus dem Bundestag oder ein kritischer Journalist am Tisch sitzt, können Rehlinger und Linnemann ohne große Widerstände ihre politischen Fehlschläge schönreden. Ohne eine konstruktive Kontroverse plätschert die Sendung ergebnislos vor sich hin. Am Ende steht wenig konkreter Inhalt.

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Kommentare ( 17 )

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17 Comments
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tiptoppinguin
45 Minuten her

Ohne eine konstruktive Kontroverse plätschert die Sendung ergebnislos vor sich hin. Am Ende steht wenig konkreter Inhalt.“
Hatten diese ganzen Politplaudereien, seitdem merkelscher Mehltau über Deutschland (und Europa) gelegt wurde, jemals konkreten Inhalt?
Im Westen nichts Neues!

Boudicca
47 Minuten her

Ein Gespräch einiger Personen im Fernsehen, die direkt oder indirekt mit dem Geld der Anderen finanziert wird.

Franz Schroeder
47 Minuten her

….eine verwundete EsPeDe.? Wen man das auf die Jägersprache reduziert bleibt nur noch der Fangschuss. Ich denke, dass der in Sachsen Anhalt stattfinden wird und dieser, zur Antifa verkommene Verein, zu den anderen gelben und roten Socken zur Strecke gelegt werden kann.
Dann ist hoffentlich aus die Maus mit diesen Neosowjets.
EsPeDe braucht echt niemand mehr. Denn wir haben ja noch 3 davon.
CDU, CSU und GRÜNE.

Last edited 46 Minuten her by Franz Schroeder
Endlich Frei
49 Minuten her

Die Leute sind es zunehmend leid. Inzwischen sind einige Bekannte, die sich noch vor zwei Jahren die ̶A̶k̶t̶u̶e̶l̶l̶e̶ ̶K̶a̶m̶e̶r̶a̶ Tagesschau & Tagesthemen reingezogen haben, auf Internetportale wie NIUS oder/und TichysEinblick, die Achse des Guten etc… gewechselt.
Und siehe da – sie wurden ganz neue Menschen, ihr Wahlverhalten änderte sich. Das sind die Zuwächse in den westlichen Bundesländern, die weitere Personen dazu motivieren werden, ihren Horizont zu erweitern. Die Wahlergebnisse sind nur Zwischenstandsanzeigen einer Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist. Es gibt keinen politischen Wechsel ohne Wechsel des Medium.

Last edited 47 Minuten her by Endlich Frei
humerd
56 Minuten her

Barley bei Lanz, Stegner bei Maischberger – jetzt Rehlinger bei Illner. Das Saarland lebt schon immer nur von den anderen Bundesländern, ist schon immer Nettoempfänger beim Länderfinanzausgleich- Rehlinger passt also gut ins Bundeskabinett. Vom Geld der Anderen gemütlich leben. “ Wir müssen Spielräume erarbeiten, um diese Transformation zu begleiten“, heißt noch viel mehr Subventionen oder auch umverteilen. Palmer ist handzahm gemacht worden. Jetzt sagte er nur noch so Dinge wie “ Wenn wir zu wenig Wohnungsbau haben, kommt die Bundesaufsicht der Finanzen und macht den Sparkassen Vorgaben, weniger Kredite für Wohnungsbau auszureichen. Wenn wir zu wenig Lokführer haben, dann setzt die GdL durch,… Mehr

Der Person
1 Stunde her

„Von sozialer Gerechtigkeit und der Wertschätzung für hart arbeitende Bürger kann bei solchen Ideen aus dem politischen Giftschrank keine Rede sein. Wie Klingbeil dadurch kleine und mittlere Einkommen entlasten will, ist ein Rätsel.“ Wenn man glaubt, dass die SPD die Partei der Arbeitnehmer sei, dann macht das keinen Sinn. Wer dagegen davon überzeugt ist, dass die SPD sich immer nur als Advokat einer Gruppe ausgibt, um sich selbst die Taschen vollzumachen, der wundert sich nicht. Aus Sicht der heutigen SPD-Berufspolitiker, die nie einer wertschöpfenden Arbeit nachgegangen sind (und allein das ist ja schon ein Widerspruch zur „Arbeiterpartei“), hat sich nur… Mehr

Arndt Schuster
1 Stunde her

Dass ein Journalist sich solche Sendungen antut, kann ich noch verstehen, denn er will darüber einen Artikel verfassen. Aber wer sonst tut sich diesen einseitigen und tendenziösen Schwachsinn noch an? Die ÖR tragen zur Spaltung der Gesellschaft maßgeblich bei, denn wer nur solche Sendungen sieht, der wird zum Hass auf die AfD regelrecht gedrängt. Es wäre aber die Aufgabe der ÖR, alle Meinungen vorurteilsfrei und abgewogen zu transportieren. Weil das nicht so ist, bleibt der Fernseher aus!

Michael Palusch
1 Stunde her

Komisch?!
Während die diskutierte Mehrwertsteuererhöhung um 2 Prozentpunkte hier seit Tagen Thema ist, wird der wesentlich größere Raubzug, nämlich die Diskussion um die Abschaffung der „konstenfreien“ Mitversicherung der Ehegatten, bestenfalls am Rande erwähnt.
Und dem, der dafür Verständnis hat oder dem gar Wohlwollen entgegenbringt sei gesagt, da ist überhaupt nichts kostenfrei. Denn JEDER GKV Versicherter zahlt über seine Beiträge diese angeblich kostenfreie Mitversicherung anteilmäßig mit.
Nur die Naivsten und Denkfaulsten können abet annehmen, das ihr Krankenkassenbeitrag dann auch um den entsprechenden Anteil gekürzt würde.

Last edited 1 Stunde her by Michael Palusch
merkelinfarkt
1 Stunde her

Politischer Talk ohne AfD-Vertreter … sofort umschalten!

Schwabenwilli
1 Stunde her

„Weil keine Opposition aus dem Bundestag oder ein kritischer Journalist am Tisch sitzt, können Rehlinger und Linnemann ohne große Widerstände ihre politischen Fehlschläge schönreden.“

Also nicht wert die Sendung anzuschauen, genau sowenig wie die Nachbesprechung zu lesen.