Breaking News: Flieger, grüß mir die Bombe

Gegen den Spekulations-Bullshit in Nachrichtensendungen waren das Geschwätz der Waschweiber am Dorfbrunnen und der Männer am Stammtisch Expertenrunden. Beobachtet Sebastian Antrak.

© Chris McGrath/Getty Images
An EgyptAir plane is seen parked the terminal at Cairo International Airport on May 20, 2016. Debris including seats and personal belongings from EgyptAir Flight 804 which crashed in the Mediterranean carrying 66 people on Thursday was found 180 miles north of Alexandria, Egyptian military confirmed.

Am Tag des Absturzes der Maschine von Egypt Air habe ich mich stundenlang durch die Nachrichtenkanäle im Fernsehen und im Internet gequält. Ich würde mich, schon aus beruflichen Gründen, als halbwegs fortgeschrittenen Luftfahrtkenner bezeichnen. Und mir ist auch klar, dass der gemeine Zuschauer erst einmal wenig vom Thema versteht und hier auf die Hilfe bzw. das Bild diverser Medien angewiesen ist. Halten wir also fest, dass es bei diesen Ereignissen einen Informationsauftrag gibt, den die Medien erfüllen müssen – und weil es zunehmend auch immer mehr um die harten Zahlen geht, auch gerne wollen.

Also sollte der Nichtexperte auch erwarten können, dass bei einem neutralen Thema, bei dem nicht um politische Ideologien, Fehltritte der Kanzlerin, Wutbürger oder braune Schandtaten gestritten wird, die Medienlandschaft genau vorgeht. Denn es sind schließlich Fakten, die nachprüfbar sind und keine Meinungen. Hier könnte eine wie auch immer geartete „Lügenpresse“ demonstrieren, dass sie ihren journalistischen Auftrag im grundlegendsten Sinne erfüllt. Jedenfalls wäre das in einer perfekten Welt so. Aber wir leben in Deutschland. Und selbst der Absturz einer Maschine schafft es bei Medienvertretern hierzulande, Seriosität, Zurückhaltung, Neutralität und Mäßigung fallenzulassen.

Info-Bullshit

Bereits die omnipräsente Darstellung eines „Breaking News“-Laufbandes hilft überhaupt nicht mehr, Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen. Inzwischen werden Banalitäten hochgetrieben, deren bloße Erwähnung eigentlich schon eine Bankrotterklärung der Presselandschaft darstellt. Der Kapitän hatte 6.275 Flugstunden im Cockpit angesammelt, davon 2.101 auf dem Flugzeugmuster. Der Copilot konnte nur 2.766 Stunden vorweisen. Wahnsinn. Was soll so eine hingerotzte Zahl aussagen? Reicht das, um als fähiger Pilot zu gelten? Ist das zu wenig? Meine Nachbarin würde eher anmerken, dass das verdammt viel Bügelwäsche sei, die man in dieser Zeit schaffe.

Nächste Breaking: Pilot war beim letzten Funkkontakt gut gelaunt. Ja, was denn, ist da der Ansatz einer psychologischen Deutung zu erkennen? Merke: Wer mit einem Lächeln das Flugzeug steuert, kann nur richtig blöd sein? Unaufmerksam, abgelenkt, nicht professionell genug? Die Herren flogen in den Feierabend. Ein Gute-Laune-Turbo par excellence. Ich kann mir irgendwie beim besten Willen nicht vorstellen, dass in dieser Republik aus derartigen Quatschmeldungen Informationsgehalt gewonnen wird.

Aber Nichtigkeiten wie diese sind der Anfütterer für ausgedehnte Experteninterviews. Die grottigen Texthülsen sollen noch einmal von denen abgeklopft werden, die es wirklich wissen. Nur: sie wissen nichts. Experten sind wichtig und werden gebraucht. Durch einen Wust von Berichten und Hinweisen könnten sie die Schneise schlagen, auf der es dann zum Essentiellen geht.

Doch die Expertisierung in unserer Gesellschaft lässt einen noch dichteren Dschungel an fehlgeleiteten oder gar nicht relevanten Informationen zurück, an dessen Ende es eigentlich noch einmal einen Experten bräuchte, um das Knäuel wieder zu entknoten. Wahrscheinlich wäre es eine Missetat, die Schuld den tatsächlichen und vermeintlichen Profis allein zuzuschieben. Experten und Medienvertreter haben sich in eine schöne Abhängigkeit voneinander treiben lassen, die gerade bei solchen Ereignissen traumhaft demonstriert, wie völlig wertlos sie ist.

Nachrichtenmüll

So fragen die Moderatoren der Nachrichtensendungen immer und immer wieder, was es denn nun für einen Grund für den Absturz gebe. Und immer und immer wieder fallen die Worte „Spekulation“ und „Vermutung“. Wenn aber nur gemutmaßt wird, benötige ich keinen Fachmann, der dasselbe tut. Raketen-Ausweichmanöver, Pilotenübermüdung, fehlendes Seitenruder, brennende Lithium-Akkus im Frachtraum – wenn einfach nur so ins Blaue hinein fabuliert wird, hat das schließlich nur noch die Qualität einer mittelmäßigen Märchenstunde.

Nur die Meinung, Putin habe den Flieger ferngesteuert zum Absturz gebracht, um dem Westen zu schaden und Ägypten exklusiv für russische Touristen zu reservieren, habe ich dann doch noch vermisst.

Und dann gab es noch die winzigen Details, die mir zu denken gaben. Die abgestürzte Maschine war eine Airbus A320. Moderatoren machten daraus mehrfach eine A321. Bilder zeigten wiederholend eine A330, sogar eine Boeing 777.

Flugzeugtypen, deren Unterschiede mit einer raschen Google-Suche erkennbar und damit belegbar wären. Wenn man denn nur Sorgfalt wollte. Unwichtige Kleinigkeiten, meinen Sie? Vielleicht. Aber wenn selbst solche vermeintliche Nichtigkeiten gerne und oft falsch genannt werden, was darf der Zuseher und Leser dann bei wirklich relevanten Themen erwarten?

Sebastian Antrak ist nach vielfältigen Erfahrungen von Journalismus bis Werbebranche freier Autor.

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Kommentare ( 7 )

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