Bei Maischberger: Abwesenheit von Verzweiflung

Deutschland hängt immer etwas hinterher. Aber so sicher wie das Amen in der Kirche schwappt noch jeder neue Drogenkonsum-Trend mit Verzögerung auch nach Deutschland über.

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Es geht mal wieder um Legalisierung von so genannten weichen und harten Drogen, eine Diskussion, fast so alt wie die Bundesrepublik. Souffliert und flankiert übrigens von einer Hollywood-Industrie, die alles dafür getan hat, Drogen in Blockbustern populär zu machen. Angefangen von Fear and Loathing in Las Vegas und Scarface bis hin zur Hangover-Trilogie. Man kann es nicht anders sagen, Drogen sind als Thema nicht tot zu kriegen. Ikonen wie Amy Winehouse und Whitney Houston gingen daran allerdings elendig zu Grunde unter Verlust sozialer Kompetenzen und Kontakte.

Deutschland hängt immer etwas hinterher. Aber so sicher wie das Amen in der Kirche schwappt noch jeder neue Drogenkonsum-Trend mit Verzögerung auch nach Deutschland über. Auch die hiesige Prominenz lebt es gerne vor: Cem Özdemir lässt sich mit hausgemachtem Cannabis auf dem Balkon ablichten und Moritz Bleibtreu dreht eine Kiffer-Kömödie als Nachfolger eines viel älteren Drogenfilms, in dem er schon die Hauptrolle spielte.

Kiffen, koksen und eine Reihe so genannter bewusstseinserweiternder Drogen scheinen zum „linken“ Lebensgefühl ebenso dazuzugehören, wie die Idee davon, diese Drogen allesamt oder teilweise zu legalisieren. Alles easy, lauter easy rider.

Nicht so ganz, denn die psychiatrischen Anstalten und Praxen sind leider voll von dauerhaft beeinträchtigten, oft sehr jungen Patienten mit Psychosen und körperlichen Schwerstschäden. Da wird seit Jahrzehnten stundenlang und mit aller Leidenschaft diskutiert, ob Cannabis eine Einstiegsdroge sei, was selbstverständlich der Fall ist, und währenddessen sprechen Fachleute längst schon bei der alleinigen Einnahme von Cannabis von der Gefahr einer schwerwiegenden Cannabisabhängigkeiten.

Cannabis sei zu lange verharmlost worden, erklärt da wie Don Quijote gegen die Windmühlen der Hipnessindustrie Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (DZSKJ).

Es gibt heute ganze Dynastien von Süchtigen. Wie der Vater so der Sohn, wie die Oma, die Mutter, so auch die Tochter. Bei Sandra Maischberger möchte man nun klären, ob Legalisierung und staatlichen Kontrolle die Lösung aller Probleme sei. Möglicherweise gibt es aber für bestimmte Probleme keine Lösungen. Möglicherweise kann man sich darauf einigen, dass bestimmte Substanzen schädlich sind und bekämpft gehören. Das weiß man von Tabak und Alkohol. Und die Mühlen mahlen hier nun mal langsam. Aber es rauchen heute weniger Menschen und es rauchen noch weniger im eigenen Wohnzimmer oder gar im Kinderzimmer. Geraucht wird auf dem Balkon oder im Freien, man schädigt sich also nur selbst, immerhin.

Die verklärt bekifften Jugenderinnerungen einiger Alt-68er und ihrer Nachfolger sind da wenig hilfreich. Legalisierung wäre auch Ansporn für Drogenhändler, immer neue, immer härtere nach wie vor illegale Drogen zu produzieren und auf den Schwarzmarkt zu werfen. Diese Branche ist kreativer als die offensichtlich in der Thematik völlig bekiffte politische Klasse, die sich vereinzelnd sogar Kokain aus der Apotheke vorstellen kann.

Zwischenpolemik: Auf jedem Baustellenschild steht es auf gelben Grund: Eltern haften für ihre Kinder. Immer mehr Eltern scheinen allerdings der Devise zu folgen: Eltern kiffen mit ihren Kindern.

Aber hören wir mal, rein, was da bei Sandra Maischberger zu diesem Thema verhandelt wird. Gäste sind Jenke von Wilmsdorff, der RTL-Reporter hat im Fernsehen exzessiv Drogen getestet, Melanie Huml, die bayerische Gesundheitsministerin, die die Folgen solcher Drogenwerbeveranstaltungen dann auf der politischen Ebene geradebiegen muss, André Schulz vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, dessen Kollegen Tag für Tag zuständig sind, Drogenhändler und Beschaffungskriminalität zu bekämpfen, Jörg Böckem, ein Ex-Junkie und gleichzeitig renommierter Journalist, Werner Bartens, Arzt und Journalist will wenigsten ein Recht auf leichte Drogen und Sabrina Kästner, eine zweifache Mutter, die jahrelang von Crystal-Meth abhängig war.

Und dann merkt man es gleich, wenn Wilmsdorff von seinem LSD Tripp schwärmt, dann flattert ihm die Stimme, dann sind seine  Dämonen aufgewacht, dann wird das alles in bunten Farben gemalt, da ist dann der so genannte Flashback schon bei Maischberger auf dem Teppich angekommen. Verklärte Spätfolgen. Maischberger fragt zu recht: „Ist das nicht alles ein wenig unwürdig?“ „Unwirklich?“, fragt Wilmsdorff zurück? Nein, sie meinte schon tatsächlich „unwürdig“.

LSD hätte ihm viel erzählt über sich, schwärmt der Reporter. Tausenden anderen in den Kliniken, manche entmündigt und beim betreuten Wohnen untergebracht, hat dieses LSD leider vieles genommen von sich. Unwiederbringlich. Und ganz klar, dieser Jenke von Wilmsdorff leidet offensichtlich an den Spätfolgen seiner Experimente. Betrachtet den Studioteppich, den er unter LSD ganz anders wahrnehmen würde. Andere würden hier nicht von Spätfolgen reden, sondern von Bewusstseinserweiterung, sagt er.  Herrje, er meint wirklich, so ein LSD-Tripp „schärft den Blick wieder für das große Ganze.“

Er schwärmt und betont dann pflichtschuldig, er möchte ja nicht, dass das hier zu einer Werbeveranstaltung wird. Aber eben genau das ist dann der Fall. So kommt es an bei jungen Menschen vor dem Fernseher. Man mag nicht denken, wie viele Jugendliche hier nun wieder dank von Wilmsdorff ihre letzte Hürde fallen lassen, hin zum Komsum. Hürden übrigens, die der Staat durch Verbote gesetzt hat. Schutzräume.

Wer eigene Kinder mit Liebe und Verantwortung großgezogen hat, der weiß um diese fragilen, diese neugierigen, diese mutigen wie verletzlichen Wesen. Die allen Schutz verdient haben. Verantwortungsvolle Eltern sind mehrheitlich gegen eine Legalisierung, ist zwar eine unbelegte Behauptung, aber sie wird stimmen. Drogen im Alltag war ein unglaublich brutaler Kraftakt, erzählt der Ex-Junkie. Und damit ist eigentlich alles gesagt. Nebenbei ist Jörg Böckem auch im Selbstbekenntnis quasi lebender (mit Glück übrigens) Beweis für die These von Cannabis als Einstiegsdroge, was er allerdings verneint.

Und er mag auch stellvertretend dafür stehen, wie schwierig der Umgang mit auf solche Weise geprägten Menschen sein kann in einem von Drogen weniger beeinflussten Umfeld. In dieser von Drogen-affinen Menschen oft so gescholtenen „realen Welt“. Er hat den Versuch unternommen, die Welt der Drogen mit der realen zu verbinden. Eine Quälerei. Allenfalls mit weniger Beschaffungskriminaliät, weil ja noch Einnahmen vorhanden waren. Ein Horror. Früher hätte man gesagt: Ein innerer Kampf, der dem Klassenkampf die besten raubt.

Drogenkonsum sei am Ende nur noch der Wunsch, so normal zu erscheinen wie die anderen. Es ginge hauptsächlich um die Abwesenheit von Schmerz, die Abwesenheit von Angst, die Abwesenheit von Verzweiflung. Das Berauschen ist gar nicht mehr im Vordergrund, erklärt Jörg Böckem. Was für ein Plädoyer gegen eine Legalisierung. Er sieht das freilich dann doch noch differenzierter. Und es bleibt unangenehm, dem Journalisten dabei zuzuhören, wie er von seinem verzweifelten Drogenalltag in der Spiegel-Redaktion erzählt. Von den Toilettengängen, von den heimlichen Spritzungen in einer Atmosphäre, die andere lediglich dazu nutzen, sich zu erleichtern.

Die Bayerische Gesundheitsministerin findet Aufklärung sehr wichtig. Die Drogenpolitik in Bayern sei eben nicht nur Repression, sondern Prävention ebenso, wie Hilfe und Beratung. Und sie hat Recht. Denn was oft vergessen wird: Die Aufklärungsarbeit auch an Schulen während und im Anschluss an die große Heroinwelle der 1970er Jahre hat zweifellos viele Jugendliche davon abgehalten, diese fatalen Weg zu gehen. Kokain hingegen galt viel zu lange als hippe Partydroge der High-Society mit den heute bekannten Folgen und Verbreitungen. Eine üble Epidemie.

Nun muss man der Runde doch bescheinigen, dass hier ein Thema in besonderer Dichte verhandelt wurde. Ganz anders als in vielen politischen Talk-Shows am selben Platz, wo die wenigen echten Standpunkte zu wahlkampfgeprägten Litaneien hochgepimt werden.

Arzt und Journalist Werner Bartens erinnert noch mal an die gedopten Asterix und Obelix und an Popeye, der es mit Spinat macht. Also wohl an die grundsätzliche Wunsch des Menschen, sich mit Substanzen zu mehr Leistung oder Erkenntnis zu puschen. Das ist natürlich auch wahr. Wie so vieles was wahr ist, nicht automatisch die passenden Lösungen anbietet. Und um es dabei bewenden zu lassen. Möglicherweise ist das Leben eben so: oft mehr von Ambivalenz bestimmt, als von ewig gültigen Rezepten. Einer Ambivalenz, die es auszuhalten gilt. Mehr von einem ewigen Kampf um Glückseligkeit, als vom Glück selbst. Oder wie es Heinrich Heine über sein singendes Harfenmädchen schreibt:

 „Sie sang vom irdischen Jammertal, von Freuden, die bald zerronnen, vom Jenseits, wo die Seele schwelgt verklärt in ew’gen Wonnen.“

Drogen also auch als Versuch, das Paradies auf Erden zu erleben? Verlustig gegangen der Fähigkeit, auch das Elend des Alltags nicht auszublenden um dabei dann unvermittelt selbst im tiefsten Elend anzukommen? Vielleicht auch das. In Berlin jedenfalls ist die Heinrich-Heine-Straße heute zum Drogenumschlagsplatz verkommen.

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Kommentare ( 236 )

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Pervitin ist Methamphetamin, ein Phenylethylamin.
Ritalin oder Methylphenidat ist ein Phenylethylamin, ähnelt zwar strukturell etwas den Amphetaminen, wird jedoch als Piperidin-Derivat eingestuft.
Dopamin und Adrenalin sind übrigens auch Phenylethylamine.
Rest ACK.

„Bis heute erhalten Patienten in Deutschland kein Heroin vom Arzt, “ – doch, in acht einzelnen Städten: eine reguläre Diamorphinabgabe – und die mit Erfolg. Und obwohl dieses mit einem dreijährigen Projektvorlauf bereits vor über 10 Jahren installiert wurde, hat es nie und nirgends eine Erweiterung erfahren dürfen. Zu groß sind die Vorbehalte bei den jeweiligen Entscheidungsträgern. Und übrigens, zu Morphinen gibt es folgende Aussage (Ärzteblatt 2011) „Morphin und Opioide (Heroin ist eines davon) sind sichere und unverzichtbare Medikamente zur Therapie von Schmerzen. Richtig angewandt sind Opioide erheblich sicherer als alternative Analgetika, ASS, Metamizol, COX-Inhibitoren, sogar auch als Paracetamol. Bei… Mehr
Mir reicht, Herr Wallasch, dieser Ausriss „Die Bayerische Gesundheitsministerin findet Aufklärung sehr wichtig. Die Drogenpolitik in Bayern sei eben nicht nur Repression, sondern Prävention ebenso, wie Hilfe und Beratung. Und sie hat Recht. …“ – bitte was? (ich hatte mir ausnahmsweise diese Doku-Soap angetan, es war auch die letzte derartige) Das, was sie dort vorbrachte, waren gestanzte Worthülsen, auswendig gelernte Sätze. Da war absolut nichts, was sie je verarbeitet, reflektiert hat. Und ähnlich realitätsfern waren ihre Reaktionen in der Runde. Sie, Frau Huml, CSU, Bierordensträgerin und Gesundheitsministerin in Einem, wie geht das denn? Das allein ist schon schizophren genug. Sie… Mehr

Lieber Herr Wallasch, herzlichen Dank, daß Sie dieses Thema mit viel Gefühl und Ernst so dargestellt haben, wie es ist: der Versuch von Kriminellen, abhängige Geldmaschinchen zu schaffen, die alleine von ihnen kontrolliert werden. Sklaven, die nur noch an die Droge denken. Alles andere ist linkes Rechtfertigungs- Gewäsch. Wer daran zweifelt sollte sich mal die Geschichte der Opiumkriege in China reinziehen, und wer eine Bewusstseinserweiterung braucht, sollte es mal mit Bergsteigen oder Pflegertätigkeit im Behindertenheim probieren. Get al life, you drug-belitteling a-holes !

Das ist die relativierende Sichtweise, die sich damals festgefressen hat. Ich sehe das durchaus anders. „Bewusstseins-Erweiterung“ ist eine sehr subjektive Interpretation derer, die aufgrund des Experiments an sich selbst im Nachhinein in der Bewertung des Sachverhaltes nicht mehr neutral sein können. Ich habe mich Jahrzehnte in der Musikerszene herumgetrieben, mich dabei von „Bewusstseins-erweiternden“ Drogen aber immer fern gehalten, während sich alle anderen vollgedröhnt haben. Mein Blick auf die Dinge basiert auf dem, was ich als Unbeteiligter beobachten konnte.

Den Zustand sein „Bewusstsein“ zu verändern, kann man durch Meditation erreichen. Das setzt allerdings Disziplin und Praxis voraus. Manche benutzen die Abkürzung und erreichen dieses Ziel durch psychoaktive Substanzen. Andere erreichen diesen Zustand niemals. Der Umgang mit Kunst, der Status Kreativ sein zu müssen und die Ansprüche dem Business zu entsprechen, treibt eine Menge Künstler in die Verzweiflung. Kunst ist harte Arbeit und alles andere als ein „Vergnügen“. Das gilt auch für Sport, wenn dieser zum Beruf wird. Das Musiker grundsätzlich Drogen nehmen, stimmt nicht. Drogenkonsumenten finden sich in allen sozialen Schichten. Gerade bei Ärzten scheint es eine Berufskrankheit zu… Mehr

Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Das ist bereits mehrfach bei mir angekommen. Vielleicht hören Sie einfach mal auf nachzutreten.
Klar andere Menschen machen keine Fehler, deswegen schlägt man sie auch nicht zu Brei. Weil man einen Fehler macht ist man dumm? Ziemlich simpel gestricktes Weltbild. Und Ihre Bereitschaft verbal gewalttätig zu werden, spricht auch nicht gerade für einen Übermenschen. Mr. „Charismar“

Im Gegensatz zu Ihnen bin ich nicht „gewalttätig“ und verleumde auch niemanden. Daran, dass ich Sie für dumm halte, kann Ihr Posting leider nichts ändern. Dumm ist doch nicht schlimm für Sie. Es tut ja nicht weh. Dumme sind immer nur für andere gefährlich.

Dummes Geschwätz, ohne Einsicht

Das wurde damals, bei mir auch diagnostiziert. Wahrscheinlich eine Depression, die ich selbst „behandelt“ habe.

Hallo Herr Wallasch, ich möchte hier, im Gegensatz zu Ihren anderen Artikeln, etwas wider den Stachel löcken. Als Ex-Linker und Ihnen auch im Alter etwas voraus habe ich natürlich auch so meine Erfahrungen gemacht. Aber gerade bei dem von Ihnen beschworenen Vergleich zwischen „rechts“ und „links“ habe ich schon vor Jahren festgestellt, daß sich die jeweiligen Protagonisten eigentlich in Sprache und Handlung sehr ähneln. Der Unterschied liegt hauptsächlich im Dresscode ……und der Art der konsumierten Drogen. Alk statt Hasch hat vielleicht traditionell eine höhere soziale Aktzeptanz durch seine hiesige Geschichte, aber ändert nichts an dem alten Spruch, daß jedes Ding… Mehr

Die Lebhaftigkeit der Diskussion hier zeigt, dass dieses Thema wirklich viele bewegt.
Deshalb muss ich auch ein großes Lob an Herrn Tichy, zu dem ich bezüglich des politischen Standpunktes meistens absolut konträr bin, aussprechen, dass er das Wort „liberal“ wirklich ernst nimmt und eine solch freie und unzensierte Auseinandersetzung zulässt. Da habe ich nämlich insbesondere in den Foren der öffentlich-rechtlichen Sender etwa ganz andere Erfahrungen gemacht!

Dafür gibt es auch eine finanzielle Unterstützung meinerseits.

99%ige Zustimmung. Ich würde nur den Begriff „Sucht“ durch „Konsum oder Erzeugung psychoaktiver Substanzen“ ersetzen. Dies ist ja ja durchaus auch ohne Abhängigkeit möglich, was in dieser Diskussion häufig untergeht 😉