Bei Illner schneller, munterer, kurzweiliger – aber keine neuen Erkenntnisse

Maybrit Illner blieb nach Sandra Maischberger ebenfalls hinter Frank Plasberg zurück. Lag es an der erfolgreichen Klientel-Politik des Vormannes vom Bund Deutscher Kriminalbeamter? Oder ist das Themenfeld einfach schon zur Genüge beackert und nichts Neues hinzugekommen? Redet man nur noch darüber, weil die Lösungen fehlen? Dann müsste man aber viel intensiver über solche sprechen. Aber eine Chance gibt es diese Woche ja noch: Mal sehen, ob Anne Will es besser macht.

Kurz vor Maybrits 2016-Kick-Off liegt Frank Plasberg noch weit vor Sandra Maischberger, die der erstaunlichen Aggressivität – oder milder: Hartnäckigkeit – des Hart-aber-Fair Moderators nichts Adäquates entgegenzusetzen hatte. Kam Plasberg mit einer ordentlichen Dosis Adrenalin ins Studio, schien sich Maischberger für einen wohligen Tramadol-Kick entschieden zu haben. Sanft, nett. Aber nicht mehr.

Maybrit Illner hat also gute Chancen sich zunächst noch vor Anne Will, die erst am Sonntag aufschlägt, auf den ersten Platz zu hieven. Ihre Gästeauswahl kommt ihr dafür jedenfalls maximal entgegen. Kann sein, es lag einfach am Terminkalender des Innenministers. Vielleicht aber teilt Thomas de Maizière sogar heimlich die guten Gefühle für Maybrit und entschied sich absichtsvoll für den Donnerstagstermin im historischen Zollernhof / Berlin-Mitte / Unter den Linden.

 Der gute Personen-Mix zündete nicht

Das Thema der Sendung lautet: „Deutschland 2016 – leben mit Gewalt und Terror?“ Die weiteren Gäste des Abends sind der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, der zu Köln und dem Versagen der Polizei erklärte: „“Dass mehr Personal, auch mit Migrationshintergrund, notwendig ist, drängt sich auf.“ Der Grüne könnte also von unserem Braunschweiger Penny-Markt nahe der Landesaufnahmebehörde gehört haben. Die haben nämlich ihre Security neuerdings umgestellt auf deutsch-arabisch sprechende Sicherheitsleute mit Migrationshintergrund. Man lernt nie aus. Plötzlich ist sogar ein grüner Parteichef für die Polizei. Ja, Sie haben richtig gehört. Man hätte das auch gern vernommen, als im vergangenen Jahr die Grüne Jugend die Klatsch-Kulisse gebildet hat, vor der in Frankfurt die Antifa die Polizei und Migranten so gewalttätig attackierten. Das Land ändert sich. Cem Özdemir tritt für Recht und Ordnung ein, eine echte Innovation in Sachen Wendehals.

Ebenfalls bei Maybrit eingeladen sind Seyran Ates, Anwältin und Menschenrechtlerin türkisch-kurdischer Herkunft. Bernd Ulrich von der ZEIT. Und Guido Steinberg, Terrorismusexperte und Autor von „Kalifat des Schreckens: IS und die Bedrohung durch den islamistischen Terror“.

Man darf vorab mutmaßen, dass Innenminister und Grüner in den Infight gehen werden und die verbleibenden Gäste eher sekundieren. Obwohl, Seyran Ates könnte bei Maybrit noch für eine Überraschung gut sein: Sie ist geeignet ein Eigenleben zu entwickeln, dass den Hauptkampfhähnen ein paar gepfefferte Runden abnehmen könnte. Die in Berlin-Wedding aufgewachsene Anwältin hat eine der interessantesten Biografien am Tisch. Sie darf mit ihrem jahrzehntelangen Integrations- und sozialpolitischem Engagement noch vor Özdemir als die versierteste Kennerin der gleich zu besprechenden Materie gelten.

Illner hat nur sechzig Minuten Zeit: fünfzehn weniger als Plasberg und Maischberger. Zeit also, loszulegen. Wird sie, wie ihre Mitbewerber zuvor, als Kronzeugin eine der jungen Frauen zu Gast haben, die von ihren Kölner Schreckenserlebnissen erzählen?

Der 70er-Bubble-Space-Schick der Studiomöblierung ist der alte geblieben. Rot-weißer, längst altbacken puristisch wirkender Newsdeckstyle. Bürostuhlatmosphäre. Maybrit lässig in Jeansjacke über leichter pastellfarbener Seidenbluse. Dünne silberne Halskette. Die Herren im Anzug. Bernd Ulrich, Stellvertretender Chefredakteur der ZEIT als einziger ohne Krawatte. Seyran Ates im dunklen Kostüm.

Istanbul: zweifelhafte und unersetzliche Türkei

Wie schon bei Maischberger gehört die erste Viertelstunde den Ereignissen in Istanbul. Der Innenminister erzählt zunächst von seinem Türkeibesuch am Tatort. Dann beleuchten Cem Özdemir und Terrorismusexperte Steinberg die zweifelhafte Rolle der Türkei. Seyran Ates war ebenfalls am Tag zuvor in Istanbul. Sie erzählt von den Leichen, die man am Strand findet, von den katastrophalen Verhältnissen für die Presse und von einem immer größer werdenden Unbehagen in der Türkei. Bernd Ulrich spekuliert über die Motivation des IS. Er vermutet eine Provokationstaktik, um den Gegner zu Überreaktionen zu verleiten. Guido Steinberg meint zu wissen, dass Deutschland spätestens seit dem Beschluss zum Syrieneinsatz ebenso gefährdet ist wie Frankreich.

„Wer sich islamistisch organisiert, bekommt keine Probleme in der Türkei, sehr wohl, wer Erdogan kritisiert oder auch nur eine Karikatur macht“, erklärt Cem Özdemir. Thomas de Maizière sieht man die Anstrengungen der letzten Tage deutlich an. Ädrige Augen, roter, gereizter Hals, weiße Lippen – wird er wie dereinst Otto Schily, einer seiner Vorgänger im Amt, versteinern? Wünschen will man es ihm nicht. Aber was so ein hohes Amt mit einem macht, kann man nur erahnen.

„Wir müssen jetzt über Köln reden“, erklärt Illner nach 25 Minuten. Ja, die Zeit drängt. Und sie hat keine der geschockten jungen Mädchen zu Gast: Am Katzentisch steht bei Illner Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Ein erstaunlicher Schnellsprecher. Dreitagebart, Typ Frank Schätzing, kaum weniger verwegen im Gestus als der Bestsellerautor. „Eine solche Aufmerksamkeit für die Sicherheitsarchitektur der Polizei hätten wir uns vor zehn Jahren gewünscht.“ lautet seine Anklage in Richtung Politik. Heute könnten sich Reiche private Sicherheit leisten und auf der anderen Seite würden Ärmere zu privaten Mitteln greifen. „Beides können wir uns nicht leisten.“, sagt Fiedler und darf dann ebenfalls am Tisch Platz nehmen. Komische Dramaturgie. Aber geschenkt.

Illner lässt dann noch einmal die fatale Polizeisituation in Köln an Silvester Revue passieren. Welche Fehler haben Bundespolizei, welche die des Landes gemacht? Cem Özdemir bittet darum, jetzt nicht über Zuständigkeiten zu streiten, kein „Blame game“ zu veranstalten. Dann wiederholt er die Vermutung, dass der Massenauflauf der Marokkaner und Algerier abgesprochen gewesen sein muss. „Ich würde mich als Innenminister vor meine Polizisten stellen,“ greift er Thomas de Maizière an, dem er unterstellt, eben das nicht getan zu haben. Aber der lässt kraftlos abprallen, also kommt es auch zu keinem Schlagabtausch.

„Wir waren alle überrascht von der Situation. Die Konzepte hätten doch bereits vorgelegen, man wusste nur nicht, wo es irgendwann mal in die Hose geht“, nutzt Schnellsprecher Fiedler die entstandene Lücke. Man kann ihm kaum folgen. Womit fing der Satz an, wann hört er endlich auf? Holt er Luft? Aber man ahnt schon, man spürt, dass es plausibel sein könnte. Sympathischer Typ. Guter Anwalt seiner Kriminalisten. „Wir haben ein sicherheitspolitisches Paradoxon in der Politik.“ Aber warum, müsste man später in der Mediathek nachschauen: Einfach zuviel Maschinengewehrsprech.

Wie bei Maischberger wird auch hier das Polizeiprotokoll aus der Nacht eingeblendet und vorgelesen. Nur Fiedler redet. Er ist der Fachmann: „Solche massenhaften Sexualdelikte kennen wir nur aus dem Ausland. Aus Indien oder vom Tahirplatz.“ „Ich habe doch ein Lagebild über Kriminalität durch Asylbewerber in Auftrag gegeben“, entgegnet der Innenminister. „Die Syrer sind unterproportional vertreten, bei den Nordafrikanern ist sie überproportional.“ „Marokkaner und Tunesier sind überrepräsentiert bei der IS“, erklärt der Terrorismusexperte. Das mache auch den Terror in Frankreich so problematisch.

Dann gesteht der Innenminister, dass es wohl doch so etwas wie eine Schweigespirale rund um die Vorkommnisse gab. Und geht in die kleine Offensive: „Der Dom ist Weltkulturerbe. Wenn da tagtäglich drangepinkelt wird und Drogen verkauft werden, dann müssen wir für mehr Licht sorgen, für Videoüberwachung, für neue Gesetze.“ (Der Dom zu Köln ist übrigens ein Symbol der Christenheit – vergessen?)

„Gibt es einen arabisch gefärbten Sexismus?“ fragt Illner. “Sie trauen sich nicht ‚islamisch‘ zu sagen“, vermutet Seyran Ates und ergänzt: „Dennoch müssen wir aufpassen, den Islam hier nicht zu verhöhnen. Aber wenn wir Angst hätten Dinge auszusprechen, kämen wir auch nicht weiter.“

Sendung: „Die Schande von Köln – was sind die Konsequenzen?“

Sendung: "Die Schande von Köln - was sind die Konsequenzen?"
Frank Plasberg bei Hart aber Fair in Bestform
Der stellvertretende ZEIT-Chef berichtet von Recherchen unter den jungen Arabern und erzählt von der Perspektivlosigkeit, aber auch vom fehlenden schlechten Gewissen der Männer. „Wir kriegen kein best-of, sondern von allem etwas“, warnt er bezogen auf die Millionen Einreisenden. Interessanter wird es, als er mutmaßt, die Vorurteile gegenüber der schweigenden Mehrheit der Deutschen sei möglicherweise noch größer als die Vorurteile gegenüber den Einreisenden. Darf man nach der Jubelberichterstattung in seiner Zeitung sagen, dass auch Bernd Ulrich ein Wendehals ist? Er versucht seine Fehleinschätzung durch Historisierung zu verschwurbeln. Das Misstrauen wäre in der Politik schon unter Helmut Kohl riesengroß gewesen. Dafür bekommt er einen kurzen Rüffel vom Innenminister, der aber untergeht, weil Fiedler sich wieder zu Wort meldet. „Wir müssen gewährleisten, dass diese Menschen den Rechtsstaat nicht nur kennen lernen, sondern ihn auch zu spüren bekommen, wenn sie kriminell werden“, haut er charmant dazwischen. „Ja, man muss früh hart Grenzen setzen. Bei Herrn Fiedler bin ich voll dabei“, erklärt der Innenminister.

Neu: Niemand gegen abschieben

Bemerkenswert: Nach Köln geht es nicht mehr um die Frage abschieben oder nicht, sondern nur noch wen, wie viele, wie schnell. „Kann man das Problem denn einfach abschieben?“ fragt Illner die Runde. „Syrien, Irak und Afghanistan ist schwer“, erklärt Bernd Ulrich. „Aber Marokko wird doch gehen?“, fragt der Innenminster und bekommt das sofort vom Journalisten bestätigt. Und dann war es das schon. Aber nicht ohne dass Mister Charmy Fiedler, der gefühlt die Hälfte der Redezeit für sich verbuchen konnte, noch mal das Wort an sich reißt und den Innenminister in die Pflicht nimmt, was die Verbesserung der Ausbildung von Kriminalbeamten angeht, was der auch gerne versprechen will. Was bleibt ihm auch über in der Situation? Dann verweist Illner wie immer zum Ende ihre Sendung auf den Experten im Chat. Und nun raten sie mal, wer das erledigt? Natürlich, der nette Herr Fiedler.

Fazit: Die Sendung war zwar schneller, munterer, kurzweiliger als Maischberger, blieb aber ebenfalls hinter Plasberg zurück. Keine neuen Erkenntnisse hinzugekommen. Lag es an der erfolgreichen Klientel-Politik vom Vize des Bundes Deutscher Kriminalbeamter? Möglicherweise. Oder ist das Themenfeld einfach schon zur Genüge beackert und nichts Neues hinzugekommen? Redet man nur noch darüber, weil die Lösungen fehlen? Dann müsste man aber viel intensiver über solche sprechen, als immer nur weiter in der Analyse der Vorkommnisse zu verharren. Aber eine Chance gibt es diese Woche ja noch: Mal sehen, ob Anne Will es besser macht.

Fußnote: Wenn es um Maybrit Illner geht, kann ich nicht ganz neutral sein. Toni Heinemann, der Afghanistan-Kriegsversehrte und Protagonist meines Heimkehrer-Romans „Deutscher Sohn“ (2010 mit Ingo Niermann) saß monatelang in seinem vollautomatischen Kippsessel und entwickelte eine Obsession für die ZDF-Moderatorin. Nun ist das so eine Sache mit dem Romane schreiben: ist zunächst der Held und seine Lebenswelt Produkt der Fantasie des Autors, kommt es im Laufe so einer monatelangen einsamen Schreibarbeit unweigerlich zu einer Identifizierung, zu einem Feedback. Wie würde Toni denken? Was würde Toni tun? Ging mir durch Kopf und Sinn, als ich schrieb.

Danach kommt übrigens Markus Lanz. Da macht Alice Schwarzer die gute Nummer, sprach die Bedrohung der Frauen an, während der Discounter-Philosoph Richard David Precht, in körpersprachlichem Überlegenheitsgestus platzend wie immer, sich in der Runde des Vergewaltigungsverharmlosers übt, indem er vom Grapschen spricht statt von Vergewaltigung, wenn Frauen gewaltsam der Finger in die Vagina gesteckt wird. Alles kein Problem für einen Philosophen, der gerne sein Büchlein über das alte Griechenland zitiert, wenn es um Silvester geht.

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