Bei Anne Will: „Die SPD hat nicht mehr viel zu verspielen“

Eigentlich wollten Annegret Kramp-Karrenbauer und Malu Dreyer bei Anne Will eine weitere Großtat der GroKo feiern, aber es war doch eher eine Trauerveranstaltung für den gesamten Grokolores.

Screenprint: ARD/Anne Will

Schon zu Beginn der Koalition war im Koalitionsvertrag eine Grundrente ausgehandelt worden, auszahlbar nach Bedürftigkeitsprüfung, aber der ego-mäßig wie mental herausgeforderte neue Sozialminister Hubertus Heil machte im Februar das Fass wieder auf, so dass die GroKo neun Monate lang einen neuen Kompromiss aushandeln musste. Dabei wurden ein paar Begriffe ausgetauscht („Bedürftigkeit“ durch „Bedarf“) und es soll eine Einkommensprüfung vorgenommen werden. Toll!

Annegret Kramp-Karrenbauer findet bei Anne Will den „Kompromiss gut vertretbar“, Malu Dreyer freut sich, dass „1,2 Millionen Menschen nun profitieren, vor allem Frauen“. Und, falls Sie es vergessen haben sollten, liebe Leser, wollen wir Dreyer Malus wichtigste Aussage gleich hier zitieren: „Darum sind wir alle in der Politik. Für die Menschen.“ Das glaubten ihr offensichtlich mehr als die Hälfte der Menschen im Publikum und sie klatschten dankbar. Eine immerhin hörbare Minderheit klatschte auch für AKK, immerhin, denn die war ganz allein in der Runde, umgeben von zwei Sozis – Herfried Münkler und Malu Dreyer –, zwei linken Journalisten (Anne Will und Nico Fried von der SüZ) und wenigstens einer liberalen Journalistin, Dagmar Rosenfeld von der Welt.

Dagmar Rosenfeld entzauberte dann in einem Satz die tolle Arbeit der GroKo: „Die Grundrente ist nur eine ganz kleine Stellschraube im komplexen Rentensystem, das jetzt schon mit 100 Milliarden subventioniert wird“, weil der Generationenvertrag nicht mehr funktioniert.

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Die Regierung Merkel ist Ende 2019 ein einziges Trauerspiel, und das empfinden nicht nur die Wähler von Wahl zu Wahl, sondern inzwischen auch Malu Dreyer, die Notfall-Chefin der SPD. Es sei schon deprimierend, sagte sie, da „machen wir eine gute Arbeit und es wird nicht honoriert“. Gute Arbeit? Diese Aussage klingt so, als wolle der Heizungsmonteur ein überschwängliches Lob, weil er zwar nicht die Heizung reparieren konnte, wenigstens aber den Toaster wieder zum Laufen brachte.

Man habe kein gutes Bild hinterlassen in den letzten Jahren, gab auch AKK zu, obwohl so viel erreicht worden sei. Dazu zählte sie auch ein 166 Milliarden-Euro-Forschungspaket, so dass „jetzt viele, viele Forscher zurückkommen“ könnten. Das habe kein Mensch mitgekriegt. Wer da woher, warum zurückkommen könnte, wurde natürlich nicht von der Diplom-Journalistin Anne Will gefragt, sie wollte die Damen schließlich aufeinander hetzen – zu viel Harmonie zerstört das Talkgeschäft. Die SPD, klagte AKK dann ein wenig, sei in der Regierung und spiele gleichzeitig Opposition, das mache es nicht leichter. Schließlich „wurden wir nicht für selbsttherapeutische Sitzungen gewählt“.

Koalieren und gleichzeitig profilieren ginge halt nicht, sagte Dagmar Rosenfeld. Außerdem seien da noch die Migration, der Euro, die Wirtschaft und die Kriminalität, wozu selbst der Generalsekretär der CDU klargemacht habe, vieles sei noch nicht gelöst. Da will Annegret KK jetzt rangehen, und Malu Dreyer verspricht, am Strukturwandel zu arbeiten. Aber – so viel Eigenlob muss sein – wer zum Jahresende viel online bestelle, müsse kein schlechtes Gewissen mehr haben, denn die Weihnachtspostboten würden jetzt, dank SPD, alle gut bezahlt. Der SüZ-Schreiber Nico Fried, Bruder der Staatsfunk-Berühmtheit Amelie Fried, meinte dann, nach der Lektüre der 83 Seiten GroKo-Halbzeit-Selbstdarstellung, und wenn er den Damen hier so zuhöre, dann kann das noch was werden. Herfried Münkler, der emeritierte Politologe, döste konzentriert.

AKK, in letzter Zeit ein wenig zerzaust von Medien und den Widrigkeiten ihrer Ämter, zeigte sich in erstaunlicher Gelassenheit. Wenn der Friedrich Merz auf dem Parteitag eine kämpferische Rede halten wolle, so soll er doch, sagt sie ungerührt, so sei sie eben, die CDU, immer gut für ein offenes Wort. So auch auf dem Parteitag in diesem Dezember. Über die Kanzlerkandidatenfrage entscheide übrigens erst der im nächsten Jahr.

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Viel, viel trauriger sieht es da bei der kleinen SPD aus. Selbst Parteimitglied Münkler beklagte, dass die Anlage des Prozesses (der SPD-Chefwahl) strategisch ungeschickt gewesen sei. Was, wenn die GroKo-Kritiker Borjans und Esken gewählt würden, aber zugleich eine Mehrheit für die Fortsetzung der Koalition sei? Oder Scholz und Geywitz werden gewählt und für das Ende der GroKo gestimmt? So würden alle Voraussetzungen für eine Spaltung geschaffen. Das sei alles politisch nicht durchdacht, so Münkler, und das bei einer Partei, „die geführt werden will“.

Nico Fried schlug vor, noch mal Frau Dr. (du darfst ihn behalten) Giffey aus dem Hut zu zaubern, aber da sagte Malu Dreyer: Nein. Dann erfuhren wir, dass Andrea Nahles „nicht freiwillig gegangen“ sei – was eigentlich eine Sondersendung verdient hätte, aber Diplom-Journalistin Anne Will fragte nicht mal nach. Dafür durfte Dreyer unwidersprochen feststellen, dass „die SPD viel vernünftiger ist, als es immer dargestellt wird“. Davon sind wir überzeugt.

Malu Dreyer selber wohl nicht so ganz. Deshalb nutzte sie ihren TV-Aufruf bei Anne Will, um noch einmal an die Vernunft der Parteigenossen zu appellieren. Denn „die SPD hat nicht mehr viel zu verspielen“.


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Kommentare ( 108 )

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108 Kommentare auf "Bei Anne Will: „Die SPD hat nicht mehr viel zu verspielen“"

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Ja so sind sie eben:
Verlieren bei Wahlen auch noch das letzte Hemd und erklären sich im Anschluss mit Verlierer-Zusammenschluss als Wahlgewinner, die einen „eindeutigen Regierungsauftrag vom Wähler erhalten hätten“. Und produzieren dann eben genau den Mist, den wir erwarten.
Wenn sich bei einer Olympiade alle dritt-, viert- und fünftplazierten Sportler zusammenschließen, kriegen die dann künftig auch die Goldmedaille?

In diese Runde hätte zwecks Ausgewogenheit mindestens ein Christian Lindner gehört, der den Grundrentenmurks in der Luft zerpflückt hätte als das, was er ist: systemwidrig, populistisch, ungerecht. Aber echter Streit war bei Anne Will wohl wieder nicht erwünscht, da die „Moderatorin“ ihre Aufgabe offenbar darin sah, der strauchelnden GroKo ein wenig Rückenwind zu verschaffen. Diese Talkshows werden in der Form, wie sie besetzt und geführt werden, immer überflüssiger.

Christian Wer?

Schön und so rührend ist, daß dieser unseligen Randgruppe, manche sprechen auch etwas respektvoller von Politikern, im Hinterkopf immer noch irgendwas mit Menschen rumspukt. Das einzige, was die ansonsten absondern, läßt sich doch sonst kurz und prägnant zusammenfassen: Eigenlob (sniff, sniff…), Versprechungen (wenigstens das ist kostenlos und frei Haus zu haben) und Verunglimpfungen (oder hat sich diesmal etwa keiner d i e s e Partei zur Brust genommen?). Aber mit Ihrem „schönen“ Namensverdreher „…Dreyer M a l u s…“ [ich füge hinzu: pars pro toto, denn nicht nur die schwächelt – freundlich ausgedrückt] bringen Sie ja die ganze Misere auf… Mehr

166 Milliarden-Euro-Forschungspaket oder 166 Millionen?

auf dem Niveau spielen 3 Nullen keine Rolle.
Weder personell noch thematisch.

Wenn das unsere Eliten sein sollen, die da am Tisch saßen, muss einem wirklich Angst werden. Zur besten Sendezeit werden die Zuschauer mit hohlen Politphrasen abgefüttert. Skurril war auch das selbstzufriedene Grinsen der Moderatorin nach diesem journalistischen Resteessen.

Eugen Roth ’s Schnitzelmensch fällt mir da ein, wenn ich das Selbstlob der Partei Heldinnen vernehme:
Ein Mensch, der sich ein Schnitzel briet,
bemerkte, daß ihm das missriet.
Jedoch da er es selbst gebraten,
tut er, als wär es ihm geraten.
Und, sich nicht selbst zu strafen Lügen,
ißt er’s mit herzlichem Vergnügen.

Hallo Talleyrand, daß ich das hier erleben darf: Eugen Roth.
Den habe ich immer mit riesigem Vergnügen gelesen – rauf
und runter, sozusagen. Mein (eigener) Vorschlag wäre:
„Ein Mensch, der Eugen Roth zitiert,
der kann, der muß es wissen,
daß alles, was Frau Will „gebiert“,
das ist und bleibt besch…(eiden schön)“
Würde man Will z.B. durch „Berlin“ ersetzen, es paßte auch.

wobei wir nicht wissen können, ob besagte Heldin die Anrede „Frau“ goutiert. Insofern wäre Berlin geeigneter.

So so,, der Generationenvertrag funktioniert also nicht mehr…..-aber warum nur??? Kann es sein, dass es schon immer die letzten Jahrzehnten – seit die SPD auch mal an die Regierung durfte – so war, dass zum Verteilen an die Wähler die Sozialkassen gerne genommen wurden. Und so es halt erforderlich wurde, dass aus Steuermitteln halt die 100 Milliarden der Rentenkasse zugeführt werden muss, weil wesentlich mehr aus dieser verteilt wird, als aus Steuermitteln ausgeglichen wird? Und wieder einmal darf ich die Zahnarztfrau anführen, die in der Praxis ihres Mannes fleißig mitgearbeitet hat – natürlich bezahlt unter Tarif – und die jetzt… Mehr

Könnte es daran liegen, daß Frauen eine zweite jährliche Urlaubsreise und so allerlei dies und das, genau wie ihre Männer, attraktiver fanden, als ein zweites oder drittes Kind? Weil das ja auch emanzipiert ist, wenn jetzt zwei, statt in alten Zeiten einer, arbeiten gehen müssen, um die Familie zu ernähren, dank Waschmaschine, Spülmaschine, und was es alles so an Hilfe gibt. Keine Kinder- keine Einzahler- kein Volk.

SPD: Es ist besser falsch zu regieren, als gar nicht zu regieren.

für die SPD*,
aber nicht für das Land.
*Hauptsache die Diäten stimmenn
und die sonstigen Annehmlichkeiten
eines Amtes.

Für die Menschen (auch Frauen) sind nicht alle Politiker in die Politik gegangen, zumindest einer nämlich wg. Auschwitz. Warum ist Trotzkibart Münkler jetzt so oft im Fernsehen. Bedarf Angela die Große seines Rates nicht mehr.

Herrlich, wie Stefan Paetow aus dieser langweiligen Sendung eine lustige Glosse schreiben kann! Dafür zwei Tage schölefrö!

Die Sendung war ein inhaltsleerer Tiefpunkt des ÖRR-Journalismus.