ARD alarmiert: Angriff der Achtziger?

In einer perfiden ARD-Doku über die 80er Jahre will man denjenigen den Wind aus den Segeln nehmen, die sich daran erinnern, dass früher einiges tatsächlich besser war. Aber natürlich nimmt man die 1980er – und schließt damit den Osten komplett aus. Das nennt man dann „Westalgie“ – der neue, gefährliche Eskapismus einer offenbar zutiefst verunsicherten Nation.

Screenprint: ARD / Kontraste

Das Gedächtnis vieler Menschen in Deutschland scheint ausgezeichnet zu funktionieren, denn sie erinnern sich daran, dass sie noch vor ein paar Jahrzehnten ohne Ausweis und Online-Vorankündigung ins örtliche Freibad gehen konnten (ARD-Kontraste Moderation: die 80er Jahre waren „für auffallend viele Menschen eine Art Sehnsuchtszeit“). Wo Weihnachtsmärkte und auch Bahnabteile Orte waren, die man getrost als (Neudeutsch) „safe spaces“ ansehen konnte, dass Züge pünktlich fuhren und manche Meinung keinen Shitstorm auf sich zog.

Mit der frisch in der Mediathek eingestellten Kontraste-Reportage Deutschland 2026 „Waren die 80er besser?“ will die ARD offenbar diese trüben Gedanken der Zuschauerschaft vertreiben und andeuten, dass diese ein Produkt überreizter Phantasie, schlimmstenfalls aber rechter Gaukelei sind. Dass das Hier und Heute reicher, wohlhabender und bequemer ist als das Gestern. Und wo es das nicht ist, einfach die nötige „Finanzspritze“ alles richten wird.

An der Aufbietung einer hochkarätigen (so meinen die Autoren Chris Humbs, Markus Pohl und Maria Caroline Wölfle jedenfalls) Schar aus „Promis und Politikern“ lässt sich bemessen, für wie dringend die ARD eine gründliche Lehrstunde in Sachen „Nostalgiedenken“ wohl hält.

Team Fortschritt

Claudia Roth, frühere Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, der Psychologe Dr. Thomas Kliche, der ehemalige Bundesminister für Wirtschaft und Energie Peter Altmaier, die ehemalige Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen am Rhein, Jutta Steinruck (SPD), sowie Altrocker Wolfgang Niedecken (über Helmut Kohl: „der dicke Mann aus der Pfalz, der uns sagen will, wie es geht“), Wirtschaftshistoriker Jörg Baten, Uni Tübingen, und der ehemalige Umweltaktivist Hubert Weiger.

Team Nostalgie (unterbesetzt, ohne wirklich stringenten Vortrag)

Auf der Gegenseite steht vermeintlich der Schlagersänger Heino (87), bürgerlich Heinz Georg Kramm, aber eigentlich wird er nur in den Film eingebaut, um einen besonders plakativen rechten Exponenten aufzubauen. In Wirklichkeit sind die einzigen wirklich Nostalgiebewegten seine etwas betüdelten Fans, die anlässlich eines seiner Konzerte in Oberhausen Schlange stehen sowie ein paar Passanten. Zitate: „war politisch eine ruhige Zeit, angenehm, sehr schön, da war die Welt noch sehr in Ordnung … die Gesellschaft war nicht so roh, man hatte mehr Miteinander, gegenseitige Achtung … das Gefühl, man kann berechnen, was in 10 Jahren ist … die Überzeugung, dass alles besser wird, das ist uns irgendwann verloren gegangen“.

Die Sendung beginnt mit der Neuen Deutschen Welle und viel Gehopse in bunten Aerobic-Klamotten, Nena und der Neuen Deutschen Welle, Boris Becker und Steffi Graf. Ex-Minister Peter Altmaier darf vor seiner riesigen Büchersammlung versöhnlich einstimmen, dass „alle gerne die NDW gehört haben“, unmittelbar gefolgt von Claudia Roth, die vor einem rot bestuhlten leeren Konferenztisch ein „Gefühl der Enge“ beschreibt, dem man damals habe entfliehen wollen. Altmaier hält zwar den 80er-Jahre-Regierungschef Helmut Kohl für „einen der ganz großen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland“, aber relativiert dann, der „sei in seiner Regierungszeit die allermeiste Zeit hoch umstritten gewesen“.

„Als Kohle und Atomkraft das Land mit Strom versorgten“ (im Hintergrund Kühltürme)

Der Film dokumentiert weiter, mit unschuldigen Filmschnipseln aus dem Freibad (doch ein zaghafter Versuch, bestehende Zustände zu kritisieren?) und schnittigen Lokomotiven der Bundesbahn, die damals ja noch nicht als „notorisch unpünktlich gegolten habe“, wie auch „der Begriff ‚Migrationshintergrund‘ in Deutschland noch nicht gebräuchlich gewesen sei“. Damals, als die „Grünen zur neuen politischen Kraft geworden seien“.

Nicht die 90er, nicht die 2000er werden herangezogen, wodurch „Kontraste“ den gesamten Osten ausblendet, aber der habe ja seine „Ostalgie“ (Bilder von Parteitagsfahnen und DDR-Sportlern werden eingeblendet).

80er-Nostalgie – was für Doofe, Alte und Rechte?

52 Prozent, so ergab eine von Infratest Dimap vom 2. bis 4. Februar 2026 durchgeführte und von „Kontraste“ in Auftrag gegebene Umfrage, „seien der Meinung, dass das Leben in der Bundesrepublik in den 80er Jahren besser gewesen sei, als heute“. Diese Meinung sei aber „besonders stark ausgeprägt bei Menschen mit einem eher niedrigen Bildungsstand sowie in der Altersgruppe ab 50 Jahre“.

Bevor die Doku dieses niederschmetternde Ergebnis in ernsthaften Interviews nachgeht, verlagert sie das Gewicht geschickt ins Soziale, in dem sie nach den „Gewinnern und Verlierern der Politik der letzten 40 Jahre“ fragt.

Wow: Fantasie – und Kunstprodukte, vor denen die Gegenwart verblasst?

Die „Nostalgie“, so die Sprecherin, habe ihren Weg auch in die sozialen Medien gefunden, wo KI-generierte Teenager Werbung für die 80er Jahre machen würden. Diese Videos würden das Bild einer Vergangenheit zeichnen, die „so zwar nie existiert habe, vor der die Gegenwart aber verblasse“.

Der Professor für klinische Psychologie, Dr. Thomas Kliche, nimmt die Nostalgischen erstmal vermeintlich in Schutz, denn das sei ja „ein zutiefst menschlicher Zug, die Vergangenheit zu verklären und rosarot zurückzublicken. Aber, so die Sprecherin, würde dieses Gefühl mal mehr, mal weniger subtil politisch instrumentalisiert, zumeist von weit rechts.“

Begierig, diesen Gedanken auszubauen, droht er die sprachliche Abgrenzung zu überschreiten: „Für rechte Projekte ist Nostalgie ein wunderbares Vehikel, um auch an emotional ruhigere, nicht so aggressive Zeitgenossen heranzukommen. In dem man sich fantasiert, damals war alles noch eine geschlossene Gesellschaft, wir wussten alle wo wir hingehören, es war nicht so bedrohlich, wir waren untereinander, wir hatten gemeinsame Regeln und Normen und Werte, und unsere Eliten waren zuverlässig“.

Die Sprecherin biegt auf die Zielgerade: „Auch die AfD bedient dieses Narrativ. Etwa wenn Björn Höcke davon spricht, er wolle seine alte Bundesrepublik zurück. Damit treffe er offenbar einen Nerv bei seinen Wählern, denn die Umfrage zeige, dass sich AfD Anhänger am meisten in die 80er Jahre zurücksehnten. Die Anhänger der Grünen und Linken seien deutlich weniger nostalgisch“ (unerwähnt bleibt der Balken der SPD-Wähler, die sich immerhin zu 47 Prozent zurücksehnen).

Ludwigshafen und die klammen Kommunen brauchen einfach mehr Geld, um die Menschen glücklich und wieder zufrieden zu machen.

OBin a.D. Steinruck zum heutigen Schicksal ihrer Stadt Ludwigshafen mit dem „gigantischen BASF-Standort“: „Früher war hier alles prächtig, alles grün, da spielte Geld eigentlich gar keine Rolle.“ Steinruck war 2025 nicht wieder zur Wahl angetreten, weil sie ihre hochverschuldete Stadt „nicht habe kaputt sparen wollen“: Zwar habe man seit 30 Jahren nur gespart, aber nun sei sie vor der Wahl gestanden, Eisstadien, Schwimmbäder und Kultureinrichtungen schließen zu müssen, und da sei „ sie nicht mehr bereit gewesen dabei mitzumachen“. Wenn sie nun durch ihr Ludwigshafen gehe, „werde sie nachdenklich … die Steuereinnahmen seien eingebrochen, gleichzeitig habe die Stadt immer mehr Geld für Soziales und Geflüchtete ausgeben müssen. Bei vielen hier schleiche sich ein Gefühl des Niedergangs ein.“

Heute, so Steinruck, „mache man alles irgendwie billig, und das nähmen die Menschen wahr und das sei einer der Gründe für die Unzufriedenheit in der Stadt.“

„Die Probleme Ludwigshafens mit der öffentlichen Infrastruktur“, so die Kontraste-Moderation, „seien nur ein Beispiel für die Lage vieler Kommunen.“

Marcel Fratzscher darf bestätigen, dass die Infrastruktur in den 80ern zwar „sicherlich viel besser als heute gewesen sei“. Über die letzten dreißig Jahre habe der deutsche Staat aber jedes Jahr negative Nettoinvestitionen gehabt, also weniger als den Wertverfall der öffentlichen Infrastruktur investiert. Und dass „man den Kommunen besonders im Sozialbereich viel Verantwortung zugeschoben, sie aber finanziell nicht ausreichend ausgestattet habe“. Das „führe zu der Misere von heute … und das spürten die Menschen.“

„Es gibt heute schnellere Zugverbindungen und mehr Kinderbetreuungsplätze“

Peter Altmaier darf sich einen nostalgischen Blick zurück erlauben, wie er in den 80ern einen Schneider CPC auf dem Gabentisch fand. Aber er wünscht sich die 80er nicht zurück, weil unser Land heute wirtschaftlich viel besser dastehe. „… damals hatten wir eine viel höhere Arbeitslosigkeit, auch damals schon Staatsverschuldung, es gab mehr Staus auf den Autobahnen und weniger gute Zugverbindungen“.

Auch der DIW-Präsident darf beruhigen: „Auch damals gab es schon die Sorge um Deindustrialisierung.“ In den Siebzigern sei „die Textilbranche aus Deutschland verschwunden, in den 80er die Elektronikbranche“. In klassischen Regionen wie dem Ruhrgebiet „seien Bereiche wie Stahl, Bergbau und Kohle weggebrochen … die Sorgen vielleicht noch größer gewesen“.

„Kontraste“ zitiert aus dem Bericht der Arbeitsagentur (damals Arbeitsamt): „Besonders dramatisch sei die Arbeitslosigkeit unter den jungen Menschen gewesen, eine viertel Million von ihnen war arbeitslos, trotz solider Ausbildung.“

„Bis heute haftet Heino das Image an, weit rechts zu stehen, er bestreitet das, forderte sogar schon, die AfD zu verbieten“ (Kontraste-Kommentar).

Besuch in der vermeintlich ganz rechten Ecke beim Konzert des Schlagersängers Heino (87), bürgerlich Heinz Georg Kramm, sowie etlichen seiner Fans, die in Oberhausen für ein Konzert anstehen. In den 80ern, so die Doku, sei er der „konservative Gegenentwurf zum knallbunten Zeitgeist“ gewesen. Nun singe er auf einer Art „patriotischer Ballermann-Party“, wo er ein „anderes Publikum gefunden habe, darunter auffallend viele junge Leute“. Heino habe „nicht nur Volkslieder, sondern auch alte Wehrmachtslieder gesungen“, sei nicht nur „im Apartheidstaat Südafrika aufgetreten (wird mit deutschem Schäferhund an der Leine gezeigt), sondern habe in den 70ern auch „die erste Strophe des Deutschlandliedes aufgenommen“. Aber der Sänger findet bis zum heutigen Tage, dass „wir ein gutes Leben hier hätten“ und hält auch nichts von 80er-Jahre-Nostalgie.

Seine Fans sind da teils ganz anderer Meinung, „würden heute ihre Enkel nicht mehr nachts alleine über die Straße gehen lassen“, und, wohl mit Bezug zu neuen Arten der Gewalt „früher habe man sich auch geprügelt, aber hinterher wieder ein Bier zusammen getrunken“. Eine Dame mit dunkler Brille meint, sich über „Veränderungen, wie die Kriminalität und leider auch den ganzen ausländischen Anteil, der hierher kommt“, beschweren zu müssen.

Wirklich friedlicher und sicherer?

In den 80er Jahre hätte es, so die Doku, zum Beispiel „den rechtsextremen Bombenanschlag auf das Oktoberfest, gegeben, 1986 den Anschlag auf die Diskothek La Belle in Berlin, außerdem seien die 80er die Hoch-Zeit der linksextremen Autonomen gewesen, in der es regelmäßig zu Straenschlachten zum Beispiel in der Hamburger Hafenstraße gekommen wäre. Hooligans hätten sich rund um die Stadien der Republik geprügelt (Zitat aus einer Polizeizeitschrift: „bürgerkriegsähnliche Atmosphäre“) und die Fußballfan-„Szene sei häufig mit Neonazis durchsetzt gewesen“. Es „sei die Zeit der Jugendgangs gewesen, z.B der St. Pauli Champs.“

Fakten über die Kriminalität – aber wollen sie wirklich wieder „geschlossen alleine zusammenleben?“

Die Statistik zeige, so „Kontraste“, „Licht und Schatten“: „Gewalttaten pro Hunderttausend Einwohner plus 59,1 Prozent seit den 80ern, jedoch weniger Mord und Totschlag (minus 33,3 Prozent), und 50 Prozent weniger Straßenkriminalität.

Aber die Vorstellung, dass es, so Psychologe Kliche anschließend, damals „liebevoll und nett gewesen sei, sei schlicht falsch, und speise sich aus dem Wunsch, sich an eine Zeit zu erinnern, wo man alleine geschlossen zusammengelebt habe … nah, gemütlich, in der Heimat verankert, wo man freundlich miteinander umging, Verständnis für einander hatte, zueinander hielt, zusammenhielt, ALLES ILLUSION!“

TROTZDEM, so die Doku weiter „denken viele Deutsche mit Wehmut an die 80er zurück“.

Indem „Kontraste“ eine mögliche Begründung formuliert, wird wieder eine soziale Frage daraus: „Vielleicht auch, weil sie das Gefühl haben, dass es damals gerechter zuging.“

Unter dem Konservativen Kanzler Kohl „gab es für Spitzenverdiener Steuersätze von bis zu 56 Prozent und die unteren Einkommensgruppen seien weniger abgehängt gewesen, als heute“. Eine dramatische Grafik wird eingeblendet, die die Einkommensungleichheit „zwischen den unteren 50 Prozent und den oberen 10 Prozent“ demonstrieren soll, gefolgt von einem Rolls Royce, der auf der Münchener Leopoldstraße am Siegestor vorbei brettert. Und „selbstverständlich habe es unter Kohl eine Vermögenssteuer gegeben, außerdem hätten sich die meisten damaligen Reichen ihren Reichtum selbst erarbeitet, heute würden (Fratzscher) „über die Hälfte aller privaten Vermögen ererbt“. Die Gesellschaft, so der DIW-Präsident, „sei heute nicht nur gespaltener, sondern auch weniger durchlässig“. Es folgt die bekannte Geschichte von der Aufstiegsgesellschaft der 80er, und dass „dieser Aufstieg heute weit mehr vom Einkommen und Bildung der Eltern abhänge, als vor 40 Jahren – und das würden die Menschen merken!“

Der Historiker ordnet ein

Die heutige Bundesrepublik sei „viel reicher als in den 1980ern“, so Jörg Baten, Wirtschaftshistoriker von der Uni Tübingen. „Fast alle Daten sprächen für die Gegenwart“, denn die Leute wohnten doch damals nur „auf ca. 30 qm pro Kopf … während es heute einigen Schätzung nach über 50 qm seien“: „Die 80er Jahre seien in vieler Hinsicht nichts, was man sich zurückwünschen würde“. Mitte der 80er, so die Doku, sei sogar von einer „Neuen Armut“ die Rede gewesen. Anschließend wird das damalige Durchschnittsjahresgehalt 1984 (25.610 Euro) neben dem des Jahres 2024 (32.200 Euro) eingeblendet. Die deutschen verdienten, Inflationsbereinigt, „heute also 25 Prozent mehr“. Das schlage sich auch im privaten Konsum nieder: „mehr Fernreisen, Autos, elektronische Geräte, die meisten könnten sich nun mehr leisten als in den 80ern“.

Für „einen Herrenanzug musste man im Schnitt 1980 noch mehr als 26 Stunden arbeiten … heute seien es keine 11 Stunden“.

Und TROTZDEM seien viele verunsichert, auch durch die weltpolitische Lage. Russlands Krieg in Europa, „ob die USA unter Trump noch unsere Verbündeten seien“. In den 80ern, im Kalten Krieg, seien „die Fronten klar gewesen“. Psychologe Kliche: „Ausgeblendet werde im Rückblick auf die 80er die allgegenwärtige Atomkriegsgefahr … (Friedensbewegungsdemo wird eingeblendet, sowie Peter Altmaier, der „diese Angst nicht gehabt habe, weil ihn das Konzept der Abschreckung überzeugt habe“). Selbst der damals Friedensbewegte Wolfgang Niedecken muss zugeben, dass „das Gleichgewicht des Schreckens funktioniert habe“.

Claudia Roth blickt zurück auf die „sozialen Bewegungen, die Frauenbewegung, Umweltbewegung in den 80ern, die die neue Kraft in den Bundestag gespült hätten: die Grünen, die vielen zwar als Chaoten gegolten, aber ein brachliegendes Thema besetzt hätten“.

Nachfolgend leitet ein demütiger Peter Altmaier das letzte Kapitel ein, mit dem die 80er – samt der damaligen Politik der CDU – als rückständig und verseucht dargestellt werden: „Die Schlote rauchten, die Fische starben, die Seen kippten und man nahm es als Gott gegeben hin“. Sprecherin: „Unfälle werden wiederholt vertuscht, der Rhein gilt als Kloake Europas, Ozonloch, dramatische Luftverschmutzung, Smogalarm, Kohlekraftwerke, Ölheizungen, immer mehr Autos – der Wald leidet besonders, das „Fichtelgebirge befindet sich im Todeskampf“ (Kontraste-Doku aus dem Jahre 1984).

Aber: Die Rettung nahte, damals in Gestalt des früheren Umweltaktivisten Hubert Weiger (heute Ehrenvorsitzender des BUND), und der heute als „Galionsfigur des Umweltschutzes gelte“. Ihm zufolge habe die Katastrophe „abgewendet werden können“. Unter dem Druck „habe die Bundesregierung handeln müssen, und immer mehr Vorschriften erlassen“. durch Filteranlagen, „Katalysatorenzwang in den Autos, bleifreies Benzin, strenge Grenzwerte
gegen den Widerstand der Industrie, die Gemeinden und Kommunen mussten Kläranlagen haben“.

Die Umweltbewegung habe das bewirkt, wird suggeriert: „In vielen Gewässern könne man heute wieder baden, das Millionenfache Fischsterben habe aufgehört … Smogalarm gebe es in Deutschland so gut wie nicht mehr … und der Wald habe sich erholt“. Ein Problem habe die Politik aber nicht ausreichend bekämpft: den Klimawandel. Worauf sich eine längliche Litanei anschließt, in der die angeblichen Versäumnisse in Sachen Bekämpfung des CO2-Anstiegs in der Atmosphäre seit den 80ern durchgekaut werden.

Wegen der „Jahrhundertkatastrophe Tschernobyl“ habe die Bundesrepublik Deutschland ihren ersten Umweltminister bekommen (Walter Wallmann) sowie die größte Umweltbewegung, die es in Deutschland jemals gegeben habe (Weiger). Die 80er seien eine „Zeit des Aufbruchs“ gewesen.

Zurück zu den Besuchern des Heino-Konzerts, denen die „Kontraste“-Reporter nun den Bissen mit der „angeblich verlorenen Meinungsfreiheit“ zuwerfen, worauf wie auf Bestellung die „Zigeunersoße“ genannt wird: Das dürfe man nicht mehr sagen! Die „Kontraste“ müssen innerlich gejubelt haben, als dann auch noch zugegeben wird, dass das Wort es vor kurzem auf die Schießscheiben des Schützenvereins eines Besuchers geschafft habe.

Heino und Wolfgang Niedecken seien sich laut Kontraste-Doku einig: „Hierzulande hat die Meinungsfreiheit nicht abgenommen.“ Wer aber in der Freiheit in den 80ern in Westdeutschland viel mehr eingeschränkt war als heute, das seien die Minderheiten gewesen, die kaum gegen Diskriminierung geschützt gewesen seien. „Kontraste“: Jeder dürfe im Schutze des Grundgesetztes „sein Schnitzel so nennen, wie er möchte, muss aber aushalten, dafür kritisiert zu werden“. Wolfgang Niedecken gibt außerdem zu bedenken, „der Spruch „man dürfe nichts mehr sagen“, käme von Rechts.

Claudia Roth: „Von wegen Ehe für Alle! Das hat bis 2017 gedauert!“ Es sei klandestin und gefährlich in den 80ern gewesen, „offen schwul, lesbisch geschweige denn trans zu sein“. Hingegen sei es normal gewesen, so die Sprecherin, wenn Moderatoren wie Dieter Thomas Heck in seinem Quiz „Die Pyramide“ Teilnehmerinnen ungefragt zu nahe gekommen wären.

Roth weiter: „Innenpolitisch sei es natürlich eine extrem konservative Zeit gewesen, EXTREM konservativ. Dafür steht Kohl auch, diese Zeit wo eben die klassischen Geschlechterrollen wie in Beton gemeißelt waren. Frauen eben zu Hause, Mutter, und der Mann von Montag bis Samstag zur Arbeit geht und verdient, 40 Jahre lang … die Politik sei nicht repräsentativ gewesen, schauen sie mal die Bilder an in den 80ern, wie dieses Parlament zusammengesetzt war …. Es war ein Männerklub, die sich auf die Schenkel hauten, mit Männerwitzen.“

Altmaier, ungewollt auch über die Diskriminierung der bis dahin Unbehelligten: „Wir haben seit den 70ern eine enorme Emanzipation erlebt, in allen Bereichen. Das ist denen zu Gute gekommen, die bis dahin diskriminiert wurden: Frauen, Minderheiten, Behinderten, Alten. Und das ist natürlich von einigen begrüßt und von vielen anderen bedauert worden. Nämlich die, die dadurch weniger Entfaltungsmöglichkeiten hatten, als sie gewohnt waren.“

Schlusswort der „Kontraste“-Redaktion: „Waren die 80er also besser? Eine Frage, auf die es keine pauschale Antwort gibt.“ Und zu der Frage, ob die 80er besser gewesen seien: „Die Lage vieler Frauen ist heute besser, als noch vor 40 Jahren. Auch Homosexuelle und andere Minderheiten können freier leben, ein Migrationshintergrund ist heute nichts Besonderes mehr, auch wenn das nicht allen gefällt. Gewinner sind auch Wohlhabende und Reiche (Einblendung großer Yachten), sie profitieren von niedrigeren Spitzensteuersätzen (Bentley und Ferrari eingeblendet). Doch es gibt auch Verlierer, etwa die Kommunen, somit wir alle. Schwimmbäder (leeres Hallenbad eingeblendet) Büchereien und viele Angebote mussten vielerorts schließen.“

Immer mehr Menschen würden sich „von der Politik im Stich gelassen“ fühlen, und so sinke das Vertrauen in die etablierten Parteien. Zu Gunsten der AfD, einer in Teilen rechtsextremen Partei, die in Umfragen bei über 20 Prozent stehe und von manchen als Koalitionspartner ins Spiel gebracht werde. In Zeiten von Helmut Kohl: undenkbar.

Kliche: „Da gab es in der politischen Kaste noch einen Restidealismus, wir wollen die Welt verbessern, wir halten uns an Normen und Werte.“ Unsere Demokratie sei, so Kontraste, „heute verletzlicher als vor 40 Jahren, alte Gewissheiten gälten nicht mehr.“

Schlusswort Peter Altmaier: „Die Zeiten von früher kamen noch nie wieder. Aber vielleicht hilft die Nostalgie …, die Gegenwart erträglicher zu machen.“ Und was man als Drohung auffassen könnte: „Und irgendwann wird es eine Nostalgie geben, wo man zurückblicken wird auf die 2020er Jahre.“

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Kommentare ( 3 )

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Waldschrat
34 Minuten her

Da hat man aber sehr tief in die unterste Schublade gegriffen bei den Akteuren.

Micci
47 Minuten her

Was für ein Aufwand, um einen Vergleich zu einer Epoche zu verhindern, in der natürlich vieles -eigentlich alles- besser war als im heutigen Failed-State.

Dabei steht doch in eurer Bedienungsanleitung „1984“ genau drin, wie es geht: Geschichtsbücher neu schreiben, alte Exemplare vernichten.

Schon ist Ruhe!

Haba Orwell
1 Stunde her

> dass Züge pünktlich fuhren

Dafür fahren die jetzt „with Pride“ und die Hälfte der ÖPNV-Fahrzeuge hat irgendwelche Regenbogen-Aufkleber. In den 1980er Jahren gab es nur einen Bruchteil heutiger Geschlechter, nämlich nur zwei.