Grenzen überwinden – Lob der Grenze

Wir leben in einer entgrenzen Welt; Entgrenzung ist Ziel und Grenze Schimpfwort. Aber was bedeutet diese Entgrenzung für den Einzelnen und die Gesellschaft? Unser Autor mit einem Loblied auf die Grenze

"Grenzen überwinden": Installation von Ottmar Hörl in Wiesbaden und Frankfurt zum Tag der Deutschen Einheit

Die Bilder der letzten Wochen haben vor allem eine Einsicht erzeugt und bekräftigt: Wir leben in einer entgrenzten Welt. „Grenze“ ist mittlerweile zu einem Schimpfwort geworden, „Entgrenzung“ hat sich als System etabliert. Und längst nicht nur in der Einwanderungspolitik. Die Zustimmung vieler Zeitgenossen zum Migrantenansturm, dessen Konsequenzen unsere Enkel tragen müssen, diese erstaunliche Zustimmung beruht auf der unbewußten Beeinflussung vieler Menschen durch ein „Entgrenzungsdogma“, das die führende Kaste aus unterschiedlichen Motivationen heraus in unserer Gesellschaft durchgesetzt hat. Mittlerweile sind die Menschen weichgespült von dem, was sie von den Machthabern hören: Die Linken plädieren seit Jahr und Tag für ein gesellschaftliches Leben ohne Grenzen, ohne Vorurteile, ohne Individualität, und die Liberalen befürworten einen wirtschaftlich entgrenzten Handelsraum, in dem alles, was rechnerisch irgendwie aufgeht, Sinn macht. Mitten drin in dieser Entgrenzungszange zwischen ideologischer Gehirnwäsche und Konsumdruck hängt zappelnd der deutsche Michel, bei dem die Umerziehung von einem spießigen Ordnungsfanatiker zum entgrenzt denkenden Sphärenwesen erstaunlich gut und erstaunlich schnell gelungen ist. Anders ist sie nicht zu erklären, jene völlig irreale Helfersyndrom-Moralität, die durchs Netz schwappt, die für eine grenzenlose Menschlichkeit plädiert und die die konkreten Gefährdungen der eigenen Existenz so grandios ausblendet.

Trans ist der Zug der Zeit

Grenze ist out, „Trans“ ist in. Die neuen Schlagwort heißen Transit, Trans-Gender, Translation. Alles muß offen und durchlässig sein, beweglich und übersetzbar. Im Notfall werden Menschen und Dinge eben über die Grenze „geschleppt“. Die „Trans-Parenzgesellschaft“ (Byung-Chul Han) erfordert das. Wer jetzt immer noch für Grenzen plädiert, wer sich, in welchem Diskurs auch immer, für Begrenzung und Beschränkung (oh je! – hier vibriert die Schranke, der Schlagbaum nach!) einsetzt, disqualifiziert sich und ist aus dem Rennen. Das ist das Orbán-Syndrom: Wer begrenzt, der ist beschränkt. Die Zustimmung zum Prinzip der prinzipiellen Grenzenlosigkeit der menschlichen Existenz und der Gesellschaftsordnung ist Voraussetzung für eine Zulassung zum öffentlich-rechtlichen Diskursraum, der links-liberal definiert ist und der schließlich sogar für sich in Anspruch nimmt, zu wissen, wer die „Dummen“ (die Begrenzten) und wer die „Schlauen“ (die Grenzenlosen) sind.

Aber wo kommt das her? Was sind die historischen Ursprünge dieser Konturenauflösung, dieser Identitätsvernichtung, dieser Amöbisierung des gesamten Seins? Der fast religiöse Glaube an Entgrenzung hat ganz entfernt etwas mit der „Fortschritts“-Ideologie des 19. Jahrhunderts zu tun. Auch der Fortschritt trat an, Grenzen einzureißen. Das System der Entgrenzung geht aber darüber hinaus. Während die Fortschrittsgläubigkeit des Positivismus immer in Relation stand zu einem konkreten Ziel und dabei immer einen Aufbruch signalisierte, ist der Entgrenzungsfundamentalismus, den wir heute erleben, völlig auf sich selbst bezogen. Es geht nicht darum, einen Notstand zu beseitigen, die Kindersterblichkeit zu senken oder für sauberes Wasser zu sorgen, sondern der gelangweilte Endzeitmensch, dessen Intelligenz leer läuft, sucht sich Probleme, sucht sich Grenzen, die er überschreiten kann. Die Überschreitung selbst ist der Sinn. Eine Wertschöpfung wird nicht mehr gesucht. Es ist eine Art innerer Gehorsam, überall das „Andere“ zuzulassen im Namen eines pervertierten Verständnisses von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Denn letztlich sind es die jakobinischen Gedanken der Französischen Revolution, die hier in letzter Instanz ihr Unwesen treiben, freilich ohne jeden konkreten, wirklichkeitsgegebenen Anlass.

Lebensbeginn und  Tod – entgrenzt

Schon ein kurzer Vogelflug über unsere Gesellschaft zeigt die Schleifspur der ideologischen Vernichtung , die das System der Entgrenzung hinterlassen hat. Die offenen Grenzen des Schengenraumes sind nur die Außenhülle dieses Phänomens, das im Innern der Person ansetzt. Der Gender-Diskurs will die Grenzen der geschlechtlichen Identität aufheben. Die Reproduktionsmedizin will die Grenzen der Fortpflanzung neu definieren. Der Sterbehilfe-Diskurs will die Grenzen der Moral neu ziehen. Es gibt Mediziner, die das Methusalem-Gen suchen. Sie glauben ernsthaft daran, die Begrenzung des Lebens ausradieren und die Menschen unsterblich machen zu können. Das kann aber noch dauern, und bis es so weit ist, arbeitet der sich immer weiter optimierende Kapitalismus an seinem eigenen neuen Menschen – an einem universell einsetzbaren, hochgetakteten, vernetzten Superhelden des Großraumbüros.

Wer im Beruf reüssieren will, der sollte im Vorstellungsgespräch auf die Frage, wo seine Grenzen liegen, tunlichst antworten: „Von welchen Grenzen reden Sie?“. Was das für den Einzelnen bedeutet, kann man am Begriff „Burn Out“ ablesen, der bei aller Abgedroschenheit eines der wenigen gesellschaftlichen Eingeständnisse für die Existenz begrenzter Energie ist. Denn nur dasjenige kann ausbrennen, was beschränkt ist. Wer seine Grenzen akzeptiert, ja wer überhaupt davon ausgeht, daß er Grenzen haben könnte, gilt als Verlierer. Es gibt keine Probleme mehr, nur noch Herausforderungen. Im Sport geben Marathon-Männer und -Frauen den Takt an. Selbst für den Sex gibt es Leistungskataloge. Was ist Viagra anderes als die pharmazeutische Verneinung natürlicher Potenzgrenzen? All das erzeugt einen fluiden Menschen, ein kernloses, amöbenhaftes Gebilde, das nicht weiß, was es ist – denn dazu würden identitätsstiftende Grenzen gehören. Und fertig ist das perfekt zu mobilisierende Opfer für linken Kultur- und liberalen Wirtschaftskrieg.

Aber Grenzen sind notwendig. Im Kleinen wie im Großen. In der Person wie in der Gesellschaft. Nur wenn der Einzelne lernt, seine Grenzen zu akzeptieren und sich innerhalb seiner Fähigkeiten zu entwickeln, kann sich sein Charakter entwickeln. Die Nicht-Akzeptanz von Grenzen erzeugt einen gefährlichen Narzißmus, weil man alles für das Eigene hält. Das Ergebnis von entgrenzter, antiautoritärer Erziehung sind kleine Tyrannen, die meinen, sie hätten auf alles einen Anspruch. Das Ergebnis von entgrenzter Wirtschaftsführung sind große Tyrannen, die meinen, via Hedge-Fonds die Völker enteignen zu können. Bescheidenheit und Demut sind die beiden zentralen Tugenden, die sich aus einer Anerkennung der eigenen Grenzen ergeben und die starke Charaktere formen. Aber „Charakter“ – darf man dieses Wort heute überhaupt noch gebrauchen? Ist dieses Wort nicht diskriminierend gegenüber anderen, schwächeren „Charakteren“? Man sieht, wie der Entgrenzungsdiskurs funktioniert.

Grenzen verhindern Anonymität. Dort, wo Grenzen abgebaut werden, fließen Kulturen ineinander, sie werden nur noch zusammengehalten vom Konsum. Der globale Konsum und die totale Technik sind die kleinsten gemeinsamen identitären Nenner, auf denen unsere Welt gebracht werden soll. Wollen wir das? Das Referendum in Katalonien hat gezeigt, daß wir es nicht wollen. Die Menschen definieren sich über ihre regionalen Wurzeln, ihre sprachliche und historische Identität. Auf Korsika, in Südtirol und in der Bretagne ist das nicht anders. Hier geht es um neue Grenzen als Garanten neuer regionaler Staatengebilde und neuer Identitäten.

Infragestellung von Grenzen bedeutet Krieg

Grenzen erzeugen Frieden. Die Infragestellung von Grenzen geschieht im Krieg. Die Flüchtlinge retten sich ja gerade über die Grenze in den Schengen-Raum. Für sie ist die Grenze so etwas wie eine Himmelspforte. Wäre die Grenze nicht da, gäbe es keinen Grund, eine gefährliche Flucht auf sich zu nehmen. Die syrischen Flüchtlinge erwarten von Europa geradezu, daß es seine Grenzen gegenüber Terrororganisationen schützt. Wer flieht, der hat eine Grenze im Auge, die es zu überqueren gilt und hinter der er Frieden findet. Gäbe es keine Grenzen, wären wir schutzlos dem Gesetz der Scharia oder der CIA ausgeliefert.

Grenzen erzeugen aber auch Bescheidenheit. Japan ist ein gutes Beispiel für ein Land, dem es gelingt, seinen Traditionen, seine Archaismen, seine Identität mit der Ultramodernität von Übermorgen in Einklang zu bringen. So paradox es klingen mag: Das Grenzbewußtsein Japans ist die Voraussetzung für seine Fortschrittlichkeit. Dieses Land bewahrt seinen Charakter und öffnet sich zugleich der Moderne, weil sein Grundgedanke der des Vorbilds ist: Man braucht einen Meister, um zu einem Meister zu werden. Man braucht eine Vaterfigur, um Vater sein zu können. Es sind Grenzziehungen, an denen der Mensch emporwächst, nicht Grenzlöschungen.

Und dann das Willkommens-Trara. Erst Grenzen laden uns dazu ein, die Welt zu entdecken und mit anderen zu teilen. In der Grenzenlosigkeit gibt es keine „Willkommenskultur“ und keinen Aufbruch. Nur wo Menschen sich verankern können, da fühlen sich auch andere wohl, die zu Besuch kommen. Das kennen wir aus jedem Italien-Urlaub, ja selbst aus jedem Pizzeria-Besuch.

Zwei aktuelle Aktionen lassen aufhorchen. Man muß ihren Stil weder mögen oder gutheißen, aber sie sind fraglos symptomatisch. Wie das Barcelona-Referendum zeigen sie, daß die Europäer sich über Grenzen definieren wollen, daß sie sowohl der linken wie der neoliberalen Entgrenzungspolitik ihr Verständnis von Identität entgegensetzen. Erstens: In Österreich hat sich eine Aktion gegründet, die sich „Grenzhelfer“ nennt. Sie bezieht ihren Impetus aus dem Gedanken des Heimatschutzes, der in der ländlichen Bevölkerung Österreichs noch lebt. Diese Leute argumentieren, daß der österreichische Staat die Grenzen nicht mehr schützt und daß man das nun selbst in die Hand nehmen müsse – als symbolische Aktion (Menschenkette) oder Bauprojekt (Mauer, Zaun). Zweitens: In Sebnitz in der sächsischen Schweiz rufen Menschen zu einer neuen Form der Demonstration auf. Sie wollen eine symbolische lebende Grenze bilden. Man mag diese Aktionen als politische Agitation abtun. Sicher ist aber auch, daß sich hierin ein tiefer Wunsch nach Kontur, nach Umriß, nach Begrenzung artikuliert. Sie zeigen, daß die Grenzen aus dem Menschen herausbrechen, wenn die Politik sie in Frage stellt.

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