„Wer im Westen die DDR toll fand, galt als fortschrittlicher Mensch.“

Es schien zusammen zu wachsen, was zusammen gehört. Ein Gespräch unter Kollegen über den Stand der deutschen Wiedervereinigung.

Wie steht es nach 25 Jahren Einheit um die innerdeutsche Verständigung? Wie stark ist der Ost-West-Gegensatz noch zu spüren? Der Westdeutsche Markus Decker, seit 23 Jahren in Ostdeutschland tätiger Journalist, hat sich mit 14 Gesprächspaaren aus Ost und West getroffen. Er diskutierte u. a. mit Andreas Dresen und Axel Prahl, Reiner Haseloff und Winfried Kretschmann sowie den Publizisten Sergej Lochthofen (langjähriger Chefredakteur der „Thüringischen Allgemeinen“) und unser Kolumnist Hugo Müller-Vogg (ehemaliger Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen“) über den Prozess des Zusammenwachsens in ihrem jeweiligen Umfeld. Hier Auszüge aus dem Gespräch der beiden Journalisten.

Herr Müller-Vogg, vor einiger Zeit fand in Berlin eine Diskussion über das Thema Staatssicherheit statt. Dabei saßen auf dem Podium fünf Westdeutsche und ein Ostdeutscher. Können Sie sich so etwas auch umgekehrt vorstellen? Also, sagen wir in Bonn debattieren fünf Ostdeutsche und ein Westdeutscher über die 68er Bewegung?

Hugo Müller-Vogg: Aus Ihrer Frage ergibt sich die Antwort. Wir haben nach wie vor die Situation, dass in erster Linie Westdeutsche über den Osten sprechen.

Und das halten Sie nicht für richtig?

Müller-Vogg: Die Ostdeutschen sollten im öffentlichen Diskurs schon eine viel größere Rolle spielen. Aber medial haben wir vielfach eine Westperspektive.

Herr Lochthofen, Sie gelten als einer, der den Westdeutschen jahrelang im Presseclub den Osten erklärt hat. Wie oft haben Sie sich nach 1989 über vorschnelle und zuweilen substanzlose Urteile von jenseits der alten Grenze geärgert?

Sergej Lochthofen: Es gibt Dumme im Osten wie im Westen. Ich bin da nicht der Richter. Aber um noch mal auf das Podium zur Stasi zu kommen: Ich werde ja oft gefragt, wann die Einheit vollzogen sei. Dann sage ich: „Die Kanzlerin ist eine große Verehrerin von Ludwig Erhard. Das heißt, sie hat die Marktwirtschaft verinnerlicht und repräsentiert sie heute. Ich meine, die Einheit ist dann vollzogen, wenn die Masse der Westdeutschen der Meinung ist, dass Erich Honecker auch ihr Generalsekretär war.“ (Allgemeines Gelächter)

Müller-Vogg: Ich meine, die Einheit ist dann vollzogen, wenn die Meinungsforscher bei Umfragen keinen Unterschied mehr finden zwischen West und Ost. Wir wissen zum Beispiel vom Institut für Demoskopie Allensbach, dass es nach 25 Jahren immer noch gravierende Unterschiede gibt.

Hat die Zahl der überheblichen Urteile abgenommen? Oder erleben Sie das heute auch noch?

Lochthofen: Das stirbt aus. Und viele junge Leute verstehen sich heute nicht mehr als Ostdeutsche. Schauen Sie nach Stuttgart oder München, wie viele kluge junge Damen aus dem Osten jetzt dort ihre Kinder bekommen haben. Das ist alles eine Generationsfrage – nicht mehr und nicht weniger.

Müller-Vogg: Es gibt oberflächliche Urteile von Westdeutschen über den Osten. Es gibt aber auch oberflächliche Urteile von Ostdeutschen über den Westen. Ich erlebe das immer wieder, wenn ich für die Superillu schreibe. Da wird mir entgegen geschleudert: „Du kommst aus dem Westen. Halt Du mal Deinen Mund, was den Osten angeht.“ Ich kann mir auch vorstellen, woher das kommt.

Sie meinen, das sind ehemalige SED-Genossen?

Lochthofen: Das sind nicht nur ehemalige Genossen, sondern Leute, die eine eigene Biografie haben. Anderseits muss ich auch sagen: Ihr habt den Westen erlebt. Ich nicht.

Haben Sie denn immer noch den Eindruck, dass im Westen über den Osten wie über das Ausland berichtet wird?

Lochthofen: Ja. Weil der Osten manchmal das, was im Westen über 40, 50 Jahre gewachsen ist, infrage stellt. Beispiel: Pegida. Man hat im Westen einige Zeit gebraucht, um das zu verdauen und zu verstehen, dass es da einen anderen konservativen Hintergrund gibt. Der Westen hat doch auch bis zuletzt nicht verstanden, warum Angela Merkel Kanzlerin geworden ist.

Müller-Vogg: Das sehe ich anders. Es gab eine gewisse männliche Arroganz gegenüber einer Kanzlerin. Ich würde da nicht so auf den Osten abstellen. Abgesehen davon war Frau Merkel anfangs für viele Westdeutsche schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Ich flog zum Beispiel Anfang der 90er Jahre mit dem damaligen Kanzler Helmut Kohl an die amerikanische Universität Berkeley. Ihm sollte da die Ehrendoktorwürde verliehen werden. Angela Merkel, seinerzeit Frauen-Ministerin, war mit an Bord der Maschine und fiel schon optisch auf. Sie kam barfuß in Jesus-Latschen, einem Flatterrock und Blüschen. Ein Kohl-Jünger erklärte mir: „Es ist ganz gut, dass sie nicht aussieht wie eine Westdeutsche, weil sie so im Osten nicht mehr akzeptiert würde.“ Aber auf viele Westdeutsche wirkte ihr Outfit etwas hinterwäldlerisch.

Lochthofen: Man hat damals im Westen nicht verstanden, dass die, die im Osten in die Politik gingen, einen ganz anderen Hintergrund hatten. Die waren alternativ-studentisch. Sie müssen sich im Westen mal einen 16-jährigen Funktionär der Jungen Union ansehen, wie der sich kleidet. Der ist schon fertig. Der braucht nur noch die einzelnen Stufen der Karriereleiter zu nehmen.

Müller-Vogg: Nach meiner Erfahrung werden junge Leute in der Familie politisiert. Dann übernehmen sie entweder die Meinung der Eltern – oder sie rebellieren. Eine freie Wahl haben nur junge Leute aus unpolitischen Familien. Ich würde nie einem Ostdeutschen vorwerfen, dass er in der SED war. Was mich aufregt, sind die Jungs, die im Westen saßen und die DDR so klasse fanden.

Sie meinen, in den kommunistischen Gruppen.

Müller-Vogg: Ich meine die Deutsche Kommunistische Partei. Da bin ich bei Herrn Ramelow. Herr Ramelow war zu intelligent, um in die DKP einzutreten, weil er wusste, dass dann seine Gewerkschaftskarriere nicht so steil verlaufen wäre. Aber er hat zur DKP durchaus enge Beziehungen gehabt. Wenn jemand wie Ramelow seine Hochzeitsanzeige im Zentralorgan der DKP namens Unsere Zeit veröffentlichte, dann tat er das, weil er davon ausging, dass seine Freunde das lesen. Und die DKP war ein Verein, der vom Osten finanziert wurde, um die Demokratie im Westen zu bekämpfen.

Lochthofen: Die DKP interessiert im Osten niemanden. Auch die Reaktionen auf die Stasi sind im Osten überwiegend differenziert. Als die Russen abzogen, sind die Ostdeutschen im Übrigen herbei geeilt und haben gesagt: „Mein Gott, die Armen Burschen! Wo die hinkommen, wissen wir.“

Müller-Vogg: Mir geht es um die Heuchelei im Westen. Bei uns gilt vielfach: „Wer dort drüben aufgewachsen ist und ins System involviert war – Vorsicht! Aber wer im Westen aus freien Stücken die DDR toll fand, der war ein fortschrittlicher Mensch.“

Haben Sie durch Ihre Beschäftigung mit Frau Merkel oder auch Gregor Gysi eigentlich so eine Art Ost-Faible bekommen?

Müller-Vogg: Ich war mit 16 Jahren das erste Mal im Osten. Da lernte ich ein Ost-Berliner Mädchen kennen. Ich habe sie mehrfach in Ost-Berlin besucht, trotz schikanöser Grenzkontrollen, habe ihre Familie und ihre Freundin kennen gelernt. Mancher meiner Briefe an Sie wurde von irgendwelchen DDR-Zensoren abgefangen. Da merkt man schon mit 16, dass die DDR nicht gerade freiheitlich war. Später als Journalist bin ich dann immer wieder rüber gefahren, als Wirtschaftsredakteur der FAZ auch regelmäßig zur Leipziger Messe. Einige Male war ich auch privat eingeladen. Deshalb finde ich es grotesk, wenn mir Ostdeutsche sagen, ich sollte mal den Mund halten, weil ich von der DDR keinen blassen Schimmer hätte.

Lochthofen: Ich bin vor 1989 auch mal durch Rumänien gefahren und hatte danach eine Vorstellung von dem Land. Aber dort zu leben, ist immer noch eine ganz andere Geschichte.

Müller-Vogg: Wir waren mal in Weimar bei Ostverwandten von westdeutschen Freunden. Die hatten ein Friseurgeschäft. Der Inhaber hatte ein Jagdgewehr und musste es drei Tage, bevor der Westbesuch kam, abliefern, damit diese sechs Leute aus dem Westen mit zwei Ossis keine Revolution machen.

Lochthofen: Und den ersten Kreissekretär erschießen.

Müller-Vogg: Da fragt man sich schon: „Ist das ein Kasperletheater?“ Die zweite Episode fand ich schon schlimmer. Ich hatte Freunden vor einem Besuch ein größeres Paket geschickt. Und wie das Leben so spielt, kam das Paket fast zeitgleich mit uns an. Plötzlich schnitt diese Frau die Adresse und den Absender aus dem Packpapier heraus, bevor sie es entsorgte. Ich fragte sie: „Was soll denn das?“ Da antwortete sie: „Der Hausmeister guckt in der Tonne schon nach, wer schon wieder ein Westpaket bekommen hat.“ Wenn mir dann einer erklärt, das sei eine humane Form des Zusammenlebens gewesen, dann muss ich nicht dort gelebt haben, um zu wissen, dass es so human offensichtlich nicht war.

 

Markus Decker: „ Was ich dir immer schon mal sagen wollte – Ost-West-Gespräche.“ Christoph Links Verlag, 288 Seiten, ISBN: 978-3-86153-846-2

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